07.11.2011

Esoterikratgeber: Dürfen Veganer Demeter? Und wie steht’s mit der Homöopathie?

Von Hans-Jörg Jacobsen

In seiner Glosse beschreibt Hans-Jörg Jacobsen, vor welchen Problemen aufrechte Veganer stehen, wenn sie sich korrekt fleischfrei ernähren wollen. Sind Demeter-Produkte und Homöopathie dann wirklich noch vertretbar? Eine absurde Reise in die Grenzbereiche der Esoterik.

Politische Magazine können nur so gut sein wie die Summe der Angebote, die sie dem Verstand der Leser machen. Dazu gehört natürlich auch, die allgemeine Lebenstüchtigkeit der Leser – jenseits intellektueller Akrobatik – zu befördern. Aus diesem Grund ist es angebracht zu fragen, ob dort bisher nicht eine Rubrik sträflich vernachlässigt wurde, nämlich die Ratgeber-Ecke. Dem wird nun abgeholfen! Wir widmem uns jetzt auch hier den wirklich wichtigen Fragen der praktischen Alltagsbewältigung. Das erste Problem, dem wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden, ist die Frage, ob Veganer Nahrungsmittel aus der anthroposophischen Demeterlandwirtschaft oder gar homöopathische Produkte zu sich nehmen dürfen.

Diese Frage führt uns in die Grenzbereiche esoterischer Alltagswelten, die manchem Leser wohl eher fremd sein dürften, aber für die Betroffenen (über-)lebenswichtig sein können. Was sind also Veganer? Veganer sind diejenigen unter uns, die im Winter Plastikschuhe tragen und denen man die Kinder wegnehmen muss (wenn sie überhaupt welche bekommen können), weil sie auf Grund der ihnen verordneten Mangelernährung in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung zurückbleiben. Veganer ernähren und kleiden sich nämlich ausschließlich ohne tierische Produkte. Der mittlerweile etwas ranzige Ex-Beatle Paul McCartney ist sogar mal aus einem Flugzeug ausgestiegen, weil die Sitze mit Leder bezogen waren. Andererseits begrüßen viele Veganer sogar klammheimlich die Gentechnik, weil die es ihnen erlaubt, einen mittels gentechnisch gewonnenen Labferments aus Sojamilch produzierten (Analog?-)Käse zu konsumieren. Früher musste Käse nämlich mit Hilfe von Enzymen aus dem Mageninhalt geschlachteter neugeborener Kälber hergestellt werden.

Wir können also festhalten dass ein Veganerleben voller Widersprüche und Anfechtungen ist. Was liegt da näher, als sich einem großen Eso-Guru zuzuwenden? Die von Rudolf Steiner in einigen frei assoziierten Vorträgen ohne jedweden landwirtschaftlichen Erfahrungshintergrund geprägte anthroposophische Ideologie der Agrikultur wird heute maßgeblich von Landwirten unter dem Demeter-Siegel praktiziert. Auf den ersten Blick sollte man meinen, dass pflanzliche Produkte des „Waldorf-Konzerns“ eigentlich ganz gut zu Veganern passen sollten – bereits schon, weil beides momentan so wunderbar im (Öko-)Trend liegt. Aber, weit gefehlt, wenn man sich die besonderen Pflanzenschutzmaßnahmen aus den Steiner´schen Wahnvorstellungen anschaut, etwa das Kuhhorn-Mistpräparat: Es wird in sehr schwacher Dosierung „zur gezielten Anregung der Bodenaktivitäten ausgebracht. Denn im bio-dynamischen Anbau steht die Nährstoffversorgung der Böden mit hofeigenem Rindermistkompost ganz im Vordergrund“. Um die kosmischen Kräfte anzuzapfen, wird ein Kuhhorn mit Kuhmist gefüllt und über den Winter im Boden vergraben. Der Mist wird dann im Frühjahr in eine große Menge Wasser (2–3 g/l) gerührt, davon werden 50–100 l pro Hektar zur Verbesserung des Bodens ausgebracht. Dann gibt es noch die Hornkiesel-Methode: Fein gemahlener Bergkristall wird in ein Kuhhorn gegeben (bei Vollmond?) und den Sommer über im Boden vergraben. Das Präparat wird anschließend auch mit einer großen Menge Wasser verrührt (0,1–0,15 g/l) und ebenfalls 50–100 l/ha davon werden während der Vegetationsperiode zur Verbesserung der Photosyntheseaktivität ausgebracht. Alternativ können auch Harnblasen von Rothirschen mit morgendlich gepflückten Schafgarbenblüten gefüllt werden, aber auch Rinderschädel mit Kamille ist sehr beliebt.

Kuhhörner, Harnblasen oder Schädel sind aber nun einmal eindeutig tierischen Ursprungs. Wir lernen also: Demeter und Veganer – das geht mal gar nicht! Gleiches muss dann natürlich auch für die Homöopathie gelten, bei der Produkte wie Hundekot (excrementum caninum, abgekürzt excr. can.) oder menschliches Sperma (sperma hominis) in zugegebenermaßen astromisch starken Verdünnungen verabreicht werden, diese sind aber durch kräftige Schläge in Richtung auf den Erdmittelpunkt so sehr „potenziert“, dass einer aufrechten Esoterikerseele bereits beim Gedanken daran das Wasser im Munde zusammenlaufen muss. Allerdings: Bei menschlichem Sperma (von wem eigentlich und wie gewonnen?) könnte es für Veganer vielleicht keine Komplikationen geben, denn Menschen sind ja keine Tiere (wobei – in den Augen von Veganern…). Zweifelsohne ein No-go wäre aber z.B. „Anus bovi“  [1]...

Man merkt: Wir begeben uns hier auf hochvermintes Gelände. Von daher sehen wir uns gezwungen, die Veganer in der Leserschaft vor pflanzlichen Demeter-Produkten und Homöopathie zu warnen und die Nicht-Veganer (die vermutlich eine Mehrheit bilden) aufzufordern, ihre vegan lebenden Freunde und Bekannten auf die Problematik aufmerksam zu machen. Uns ist im Übrigen schleierhaft, warum weder Foodwatch noch Greenpeace oder andere den alternativen Ernährungsformen zugeneigte Organisationen diese enorm wichtigen Themen bisher noch nicht aufgegriffen haben. Ist ihnen die Sorge um die Veganer vielleicht fremd? Fehlt dort entschlossene Betroffenheit? Wir sind da anders und gehen die wirklichen Probleme an.

Im nächste Ratgeber: Wie man als promovierte Physikerin absurde Energiepolitik als „Quantensprung“ verkaufen kann.