12.02.2009

Es lebe der Leistungssport!

Von Matthias Heitmann

„Sport ist Mord!“ Wer früher diesen Satz von sich gab, galt zumeist als bewegungsscheue Sofakartoffel, als Wettkampfmuffel, der dem Spaß an der Bewegung und dem spielerischen Kräftemessen nichts abgewinnen konnte, aber auch als Spielverderber, der die Freude der anderen nicht zu teilen vermochte, und als Zyniker, der der Verehrung von Sport-Vorbildern und Leistungsträgern ablehnte.

Mit anderen Worten: Der Ausspruch lieferte viele gute Gründe, um für sich die Position des Außenseiters zu reklamieren. Betrachtet man die Sport-Diskussionen der letzten Wochen und Monate, so drängt sich der Eindruck auf, als wäre aus dem einstigen Außenseiter-Statement eine mehrheitsfähige Meinung geworden.

Leistungssport, so scheint es, ist ein Folterbetrieb, dessen Aufgabe darin besteht, Menschen auf verschiedensten Wegen in den Tod zu schicken: sei es über Doping, über den kommerziellen Zwang, gewinnen zu müssen, oder über die angeblich erst seit kurzem bekannten Risiken, denen die armen Athleten ausgesetzt werden. Die Vorbilder von einst erscheinen heute als kaputte, minderbemittelte und im Zweifelsfalle medikamentensüchtige Typen, denen alles Menschliche abgeht und die hirn- und furchtlos Dinge tun, die Otto Couchpotato niemals in den Sinn kämen.

Auf grundlegende Veränderungen des Sports ist dieser Meinungswechsel nicht zurückzuführen, selbst wenn diese noch so sehr beschrien werden. Weder ist die Verwendung leistungssteigernder Mittel und Methoden ein modernes Phänomen, noch ist die Tatsache, dass es im Sport ums Gewinnen geht, Ausdruck global-turbokapitalistischer Leistungsgeilheit. Dass die Ansprüche, denen Gewinner genügen müssen, ansteigen und die Latte immer höher gelegt wird, liegt vielmehr in der Natur der Leistungssteigerung. In der Vergangenheit galt gerade dies als Ausdruck von Menschlichkeit und als Inbegriff des Strebens nach Fortschritt und menschlicher Höchstleistung, von der sich der Zuschauer begeistern lassen wollte. Dass dem heute nicht mehr so ist, ist ein Indiz dafür, wie sich das in der Gesellschaft vorherrschende Welt-und Menschenbild verändert.

Plötzlich gelten wohl präparierte Skipisten nicht mehr als anspruchsvoll, sondern als „gespenstisch“ und „haarsträubend“. Abfahrtsläufe im Weltcup haben plötzlich nichts mehr mit hochqualitativem Skifahren zu tun, sondern sind Werkzeuge der Menschenverachtung. Und selbst die FAZ entdeckte in ihrer Ausgabe vom 7. Februar im Rahmen der Diskussion über die „zu anspruchsvollen Abfahrtsstrecken“ bei den Ski-Weltmeisterschaften in Val d’Isère plötzlich, dass Rennfahrer – als „rasende Muskelpanzer“ und „lebende Kanonenkugeln“ tituliert – gefährlich leben und überschrieb ihren Artikel mit dem Buzzword der Angstgesellschaft schlechthin: „Risiko!“. Die Liste der in ähnlicher Weise diffamierbaren Sportler ließe sich beliebig fortsetzen: Boxer, Gewichtheber, Triathleten, Radfahrer, Zehnkämpfer, Rennfahrer, Rennrodler, Skispringer, Rugbyspieler – mithin all jene, die bewusst körperliche Risiken eingehen – müssen damit rechnen, beim nächsten Anlass über die Klinge des ängstlichen Mittelmäßigkeitsdogmas zu springen.

Natürlich kommt ein Gelegenheits-Skifahrer höchstwahrscheinlich nicht an einem Stück die WM-Strecken hinunter – darauf fußt die Idee des Leistungssports. Dass dieser in seiner Intensität mit dem Breitensport nur wenig gemein hat, ist seine Daseinsberechtigung. Oder glaubt wirklich jemand, Michael Schuhmacher sei ein Vorbild für Autofahrer?

Die allgegenwärtige Risikobesessenheit schickt sich an, in offene Ablehnung all jener umzuschlagen, die Risiken bewusst eingehen. Dies zeigt sich besonders deutlich im Sport. Dass Topathleten in verstärktem Maße mit inhumanem Vokabular beschrieben werden, zeigt, wie begrenzt die Vorstellung dessen ist, was als „menschlich“ zu gelten hat. In der neuen Lesart ist derjenige menschlich, der sich möglichst wenig von allen anderen unterscheidet, der keine hohen Ansprüche an sich und sein Tun hat, der keine hohen Ziele verfolgt und der möglichst wenig wagt und daher auch nichts gewinnt. Mit anderen Worten: Menschen sind langweilige Loser! Wollen wir wirklich so werden?