08.10.2020

Es gibt keinen „Planeten A“

Von Peter Heller

Titelbild

Foto: Mohit Singh via Unsplash

Nicht nur der Klimawandel ist menschengemacht, auch die Welt ist es. Wir erschaffen sie, indem wir uns von der Natur emanzipieren.

Ohne Zweifel hat die Fridays-for-Future-Bewegung den dahinsiechenden Klimakult für den Moment wiederbelebt. Zumindest in den virtuellen Debatten lebensferner politmedialer Filterblasen, da sie trotz im Grunde geringer Mobilisierungserfolge die Sympathie vieler Journalisten und Politiker genießt. Doch um diese Aufmerksamkeit mit Schülern zu gewinnen, deren Unterricht weder Fragen des Strahlungs- und Wärmetransports in der Atmosphäre noch solche nach der Struktur unserer Energieversorgung behandelt, bedarf es einer entlarvenden Simplifizierung der Argumentation. Mit dieser enthüllen die demonstrierenden Jugendlichen den wahren Kern der Klimahysterie. Die Idee von der Notwendigkeit des Klimaschutzes entspringt eben nicht verwinkelt konstruierten Gedankengebäuden, in denen soziale, ökonomische und technische Zusammenhänge mit einer vernunftgetriebenen Interpretation naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse verwoben werden. Sondern primär der Furcht, unsere Lebensweise werde zum Verlust so bezeichneter „natürlicher Lebensgrundlagen“ führen. Dies belegen die jungen Aktivisten, wenn sie ihre unbeholfen gestalteten Pappschilder mit der Parole durch die Straßen tragen, es gäbe keinen „Planeten B“. Das ist zwar trivial korrekt, aber ohne Belang. Schließlich existiert auch kein „Planet A“.

Jedenfalls fand der vor einigen Millionen Jahren in Ostafrika durch nicht-anthropogene klimatische Veränderungen aus seinem angestammten Lebensraum vertriebene Primat keinen solchen vor. Statt in den Kronen von Urwaldbäumen musste er sich plötzlich in einer trockenen Savanne zurechtfinden. Aus dem scheinbaren Paradies eines nur eine Armlänge entfernten großen Kalorienangebots war er in die Hölle einer kargen Landschaft voller gieriger Raubtiere vertrieben worden. Arglist ist der „Natur“ ebenso fremd wie Güte. Als planloses Zusammenspiel unterschiedlicher physikalischer und biologischer Prozesse steht sie den Bedarfen ihrer Bewohner schlicht vollkommen gleichgültig gegenüber. Die dem Leben eingeschriebenen Prozesse der Evolution eröffnen keine andere Perspektive als das ständige Ringen aller Kreaturen um immer zu knappe Ressourcen. Selbst scheinbar kunstvoll geflochtene Symbiosen sind keine Akte bewusster Kooperation, sondern befriedigen Egoismen auf opportunistische Weise. Nachhaltiges Verhalten wird nicht belohnt. Es kommt nur durch, wer sich der Attacken anderer auf jede erdenkliche Art zu erwehren weiß. Und wer, wann immer möglich, zu töten versteht, langsam oder schnell, direkt oder indirekt. Überleben erfordert, selbst Täter zu werden. Mit keinem anderen Ergebnis als der Verlängerung der eigenen Opferrolle.

Naturgestaltung durch den Menschen

Wir sehen also unser Äffchen den aufrechten Gang erlernen, um Feinde frühzeitig zu entdecken. Wir sehen es an Ausdauer gewinnen, um fliehen zu können, wir sehen es stärkere Kiefer entwickeln, um Fleisch in Form von Aasresten verschlingen zu können, die andere verschmähen. Wir sehen es erste Werkzeuge gestalten, die sogar das Mark zurückgebliebener Knochen als Nahrungsquelle erschließen. All dies jedoch nutzte am Ende wenig. Australopithecus ist nicht mehr. Sein Nachfolger, Homo erectus, wechselte die Seiten und wurde vom Gejagten zum Jäger. Doch Kleidung, Feuer und Speere genügten noch immer nicht. Man könnte sie nun alle nacheinander aufzählen, die vielen Angehörigen des verzweigten Stammbaums der Gattung Homo, die sich als Jäger, als Sammler, als Vegetarier oder Karnivoren durchgeschlagen haben. Man könnte Habilis nennen, Rudolfensis, Ergaster oder Neanderthalensis. Sie alle haben es versucht. Sie alle sind gescheitert. Sie alle sind in aus geologischer Perspektive sehr kurzen Zeiträumen wieder verschwunden.

„Die Natur offeriert keinen Raum für das Leben, sondern einen für das Sterben.“

Die Natur offeriert keinen Raum für das Leben, sondern einen für das Sterben. Selbst eine perfekte Anpassung an die vorgefundene Umwelt verlängert nur die Frist bis zum Untergang der eigenen Spezies. Dies gilt für alle Arten gleichermaßen, von der Kieselalge im Ozean bis zur Tanne in der Taiga, von der Amöbe in der Wasserpfütze bis zum Tiger im Dschungel. Auch in seiner modernen Form vegetierte der Mensch die meiste Zeit am Rande des Aussterbens dahin. Bis er schließlich lernte, die Gegebenheiten zu seinen Gunsten zu verändern, statt sich ihnen zu unterwerfen. Die Domestizierung der ersten Tiere und die Kultivierung der ersten Pflanzen stellten die Weichen in eine Gegenwart, in der Homo Sapiens nur noch den Regeln folgt, die er selbst aufstellt.

Heute sind wir nicht mehr auf gesammelte Wildfrüchte angewiesen, die sich mit allerlei toxischen Stoffen vor dem Verzehr schützen. Heute trinken wir nicht mehr keimverseuchtes Wasser aus Bächen und Brunnen. Heute müssen wir unserem Körper nicht mehr mühsam erjagtes, parasitenbefallenes Fleisch zumuten. Heute sterben wir deswegen nicht mehr mit dreißig Jahren, ausgezehrt und geschwächt von einem Leben voller Entbehrungen. Stattdessen päppeln wir rein artifizielle, in Jahrtausenden genetisch nach unseren Wünschen geformte Nutztiere und Nutzpflanzen in Refugien, deren Gestaltung wir weitgehend kontrollieren. Auch die durch die limitierte Verfügbarkeit nachwachsender Ressourcen gesetzten Wachstumsgrenzen haben wir überwunden. Heute gewinnen wir Rohstoffe aller Art für unsere Infrastrukturen und Maschinen aus dem aufgrund seines Umfangs für alle sinnvollen Planungszeiträume als unerschöpflich anzusehenden Reservoir der Erdkruste.

Weizen, Reis und Mais, wie wir sie heute anbauen, Milchkuh und Hausschwein, wie wir sie heute züchten, Stahl, Zement, Glas, Keramik und Kunststoffe, Benzin, Diesel, Kerosin und Strom gehören ebenso wenig zum „natürlichen“ Angebot des „Planeten A“ wie Motoren oder Computer. Wir hatten das schon selbst in die Hand zu nehmen. Und mit immer besseren Werkzeugen und Verfahren Atome neu zu ordnen und das genetische Programm des Lebens neu zu schreiben. Damit wir das Schicksal unserer evolutionären Vorläufer eben nicht teilen müssen. Heute fahren wir dort, wo unsere Urahnen einst jeden Tag ums Überleben kämpften, mit Jeeps umher, fotografieren Raubtiere, statt mit ihnen zu kämpfen, und genießen den Sonnenuntergang bei einem Cocktail auf der Terrasse eines luxuriösen Hotels.

„Die Domestizierung der ersten Tiere und die Kultivierung der ersten Pflanzen stellten die Weichen in eine Gegenwart, in der Homo Sapiens nur noch den Regeln folgt, die er selbst aufstellt.“

Wir lassen uns auch vom Klima nicht mehr bremsen. Wir siedeln uns an, wo wir wollen, von den polaren Regionen bis zum Äquator. Voll sind die Supermärkte überall. Versorgungsengpässe entstehen nicht, weil schlechtes Wetter unsere Äcker und Weiden, unsere Ställe, Gewächshäuser und Aquakulturen, unsere Häuser und Fabriken demoliert. Sondern durch falsch gesetzte politische Rahmenbedingungen, logistische Engpässe oder technische Probleme. Extreme Wetterereignisse werden nur dort zu Katastrophen, wo es an resilienten Infrastrukturen, an technischer Ausstattung, an Vorbereitung und Nachsorge mangelt. Schon heute aber sind bange Blicke zum Himmel fast überall auf der Welt längst nicht mehr der Sorge geschuldet, ob man über den Winter kommt. Sondern vielmehr der Frage, ob der geplante Ausflug in den Freizeitpark vielleicht „ins Wasser fällt“. Die Zeiten, in denen schlechte Ernten unvermeidlich Hungersnöte und Sturmfluten zwangsläufig die Verwüstung ganzer Landstriche nach sich zogen, sind endgültig vorbei. Das Wetter spielt eine Hauptrolle nur noch als thematischer Lückenfüller in belanglosen Plaudereien. Und Klimadiagramme studiert man bei der Planung einer Urlaubsreise. Sonst nicht. Die Klimadebatte findet vor dem Hintergrund einer prosperierenden Menschheit statt, die dabei ist, sich endgültig in jedem Aspekt von der Natur zu emanzipieren.

Erfindergeist statt Klimakrise

„Klimakrisen“ oder „Klimanotstände“ existieren daher nur in der Phantasie realitätsblinder Weltuntergangssektierer, die an „natürliche Lebensgrundlagen“ glauben, obwohl es solche in Wahrheit nie gegeben hat. Tatsächlich haben wir die Fundamente unserer Zivilisation auf einem überaus ungastlichen „Planeten A“ selbst errichtet. Eine vernünftige, an den Bedürfnissen der Menschen orientierte Politik würde sich allein an der Frage orientieren, ob diese in jeder Hinsicht stabil genug sind, um denkbaren klimatischen Veränderungen zu trotzen. Die Antwort darauf liegt nicht in der Erhöhung von Deichen oder dem Einbau von Klimaanlagen. Die Antwort darauf liegt ganz bestimmt nicht in einem planwirtschaftlichen Umbau unseres Wirtschaftswesens, durch den unsere Verletzlichkeit gegen destruktive natürliche Kräfte wieder auf ein mittelalterliches Niveau ansteigen würde. Nein, die Antwort darauf bieten die neuen Instrumente und Verfahren der Informations-, Gen-, Mikro- und Nanotechnologien, mit denen wir unsere Lebensumstände immer effektiver gestalten können. Es gilt, dem Klima auch die letzten verbliebenen Mitspracherechte noch zu entziehen.

So muss man Wassermangel angesichts der bereits existierenden technischen Möglichkeiten längst nicht mehr einfach hinnehmen, ganz gleich wo, wann oder warum. Jedenfalls nicht auf einem Planeten, dessen Oberfläche zu zwei Dritteln von Ozeanen eingenommen wird und der in seiner Kruste über weitere riesige Vorkommen verfügt. Die innovativen Werkzeuge der Mikrobiologie, allen voran Genscheren wie die CRISPR/Cas-Methode, beschleunigen nicht nur die Züchtung robuster und ertragreicher Sorten. Sie ermöglichen auch die gezielte Gestaltung des Mikrobioms, also der Gemeinschaft der auf den Pflanzen und im Boden lebenden Mikroorganismen. Wodurch Nährstoffe, Kohlendioxid und Wasser effektiver verarbeitet und außerdem biologische Schutzschilde gegen Parasiten und Schädlinge aufgebaut werden könnten.

„Wir lassen uns auch vom Klima nicht mehr bremsen. Wir siedeln uns an, wo wir wollen, von den polaren Regionen bis zum Äquator.“

Diese elegante biotechnische Optimierung ganzer Ökosysteme würde sogar einen weitgehenden Verzicht auf die derzeit etablierten, vergleichsweise grobschlächtigen und daher heiß diskutierten chemischen Umwelteingriffe gestatten. Von den bereits erfolgreich erprobten Gene-Drive-Technologien, die der schnellen Integration bestimmter Merkmale in Insektenpopulationen dienen, führen nur wenige Schritte zur menschgemachten Hochleistungshonig- und Bestäubungsbiene. Oder auch zum Super-Regenwurm. Vielleicht erweist es sich sogar als ökonomisch sinnvoll, für manche Produkte auf Äcker und Weiden ganz zu verzichten. Um Salat und Gemüse stattdessen in geschützten, von der Umwelt abgeschlossenen hydroponischen Anlagen unter stets optimal eingestellten Bedingungen zu produzieren. Synthetisches Fleisch aus geklonten, im Bioreaktor vermehrten und mittels additiver Fertigungsverfahren in Form gebrachten Muskelzellen ist aufgrund des auch in dieser Wertschöpfungskette notwendigen Energie- und Stoffeinsatzes weniger ein Beitrag für den Klimaschutz als einer für die Versorgungssicherheit.

Dadurch werden den Schnellrestaurants, in denen sich die Fridays-for-Future-Demonstranten nach ihren Turnübungen stärken, billiges Hackfleisch und pappige Brötchen niemals ausgehen, ganz gleich, ob die Temperaturen der bodennahen Luftschichten in den kommenden Jahrzehnten um zwei, drei oder vier Grad im globalen Mittel ansteigen. Sechzehn Stunden täglich für das Existenzminimum auf dem Feld zu schuften hat sich für diese Aktivisten jedenfalls endgültig erledigt. Sie können nach ihren Aktionen in angenehm temperierte Häuser aus Stein zurückkehren, einen aktuellen Kino-Blockbuster streamen oder die Spielekonsole anwerfen und dabei Wetter und Klima einfach ignorieren. Sie könnten sich natürlich auch fortbilden. Um zu verstehen, weshalb sie denn nicht hungern müssen, nicht verdursten, nicht erfrieren und nicht an einer Erkältung sterben. Wie es gelang, den „Planeten A“ erst zu machen, auf dem der Strom aus der Steckdose kommt, das Benzin von der Tankstelle und die Pommes aus der Kühltruhe. Und warum wir tatsächlich jederzeit dazu in der Lage sind, einen „Planeten B“ zu erschaffen, der dies alles ebenfalls bietet. Nicht, weil wir es müssten, sondern weil wir es könnten, wenn wir denn wollten.