01.01.2000

Es geht an die genetische Substanz

Analyse von Thilo Spahl

Der Mensch wagt sich an die biologischen Grundlagen der eigenen Art. Die Keimbahn ist nicht mehr tabu. Die letzte Generation mit ausschließlich natürlichen Genen lebt bereits. Über Gentechnik im neuen Jahrtausend.

Ein gutes Vierteljahrhundert nach Erfindung der Gentechnik hat die moderne Biotechnologie eine wissenschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung erlangt, die es legitim erscheinen lässt, technikgeschichtlich vom Übergang ins biotechnologische Zeitalter zu sprechen. Die Biotechnologie ist im Begriff, zunächst Medizin, Landwirtschaft und Ernährung, später vielleicht auch Rohstoffgewinnung, Energieerzeugung und Informationstechnologie zu revolutionieren.
Mit den Fortschritten der Biomedizin verbinden sich heute wahrscheinlich die größten Hoffnungen, aber auch fundamentale Ängste. Diese Gleichzeitigkeit von Angst und Hoffnung ist leicht zu erklären. Die Hoffnungen richten sich auf die Medizin als solche. Sie dürfen aus heutiger Sicht als berechtigt gelten, denn die neue Medizin verspricht zwei phantastische Durchbrüche: den Übergang von in erster Linie lindernden Behandlungen zu tatsächlich heilenden Therapien und effektiver Krankheitsvermeidung und den Übergang von einer unspezifischen ”one pill fits all” Behandlung zur individualisierten Medizin, bei der jeder Patient eine auf seine spezielle (genetische) Konstitution ausgerichtete, weitgehend nebenwirkungsfreie Therapie erhält.

Ethische Bedenkenträger ”Immer mehr Krankheiten werden heutzutage zu genetischen Krankheiten umdefiniert. Neue Therapieansätze finden nur noch am Individuum statt, Umweltfaktoren treten zunehmend in den Hintergrund und eine Ursachenforschung findet kaum noch statt. Mit Versprechungen wie der Heilung von Krebs soll nur Akzeptanz in der Bevölkerung geschaffen werden für eine genetische ‘Korrektur’ des Menschen, wobei die Gentherapie nur als Einfallstor dient für die Manipulation der Keimbahn des Menschen.” (Argumentationsleitfaden Gen-ethisches Netzwerk, Sommer 1999)

Die Ängste indes richten sich nicht auf die Medizin, sondern auf die möglichen gesellschaftlichen Implikationen der neuen Technologien. Hier erscheint viel Neues, Fremdes am Horizont. Insbesondere die Aussicht auf die gezielte Veränderung des menschlichen Erbguts wird zu Recht als Entwicklung von enormer Tragweite wahrgenommen. Dennoch wird erstaunlich wenig darüber diskutiert. Gibt man in der deutschen Internet-Suchmaschine Fireball den von dem Genetiker Lee Silver geprägten Begriff ”Reprogenetik” ein, erhält man ganze zwei Treffer: einen mit ”Züchtungsphantasien” überschriebenen Artikel aus der taz vom 29.9.99 und einen Artikel aus der Zeitschrift Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (Nr. 6/98). Altavista findet keinen einzigen Eintrag und Yahoo einen. Bei anderen Themen, die sich mit unserer Zukunft beschäftigen, werden bei zentralen Stichworten ganz andere Trefferzahlen erzielt. In Fireball kommt ”Bevölkerungswachstum” auf 2376 Seiten, ”Ozonloch” auf 2135, ”Artenvielfalt” auf 3290, ”Agenda 21” auf 9427, ”Altersvorsorge” auf 10222. ”Keimbahntherapie” liegt mit 172 Seiten auf dem Niveau von ”Kneippkur” (185) und weit hinter ”Bachblütentherapie” (446) und ”Käsekuchen” (402).

Die großen Themen, die aus der Humangenomforschung erwachsen, werden also noch kaum diskutiert. Sie sind für viele offenbar noch nicht sichtbar, obwohl uns nur noch wenige Jahre vom gezielten Eingriff ins menschliche Erbgut trennen.
Es ist indes nicht schwer vorherzusagen, in welche Richtung die Reaktionen gehen werden, wenn sich des Themas mehr gewidmet werden wird. Es ist zunächst mit einer Abwehr zu rechnen, wie wir sie schon heute bei weit weniger bedeutsamen Anwendungen auf den Gebieten der Reproduktionsmedizin und der Humangenetik beobachten.
Insbesondere bei professionellen Kommentatoren findet sich nicht selten eine Neigung, alles Neue auf diesen Feldern als unerwünscht zu bewerten, ohne dass das daran Schlechte dem unvoreingenommenen Betrachter so selbstverständlich einsichtig sein muss. Betrachten wir zum Beispiel die Auflistung des Biomedizin-Kritikers Michael Emmrich, der eine Übersicht über die ”Kosten für die kulturellen Werte und die Verfasstheit der Gesellschaft”, die durch die Pränataldiagnostik entstünden, gibt. Er nennt:

  • die Aufspaltung der Elternschaft – heute können bis zu fünf Personen an der Entstehung eines Kindes beteiligt sein;
  • die Technisierung der Zeugung;
  • die Einrichtung von Samenbanken, wie in den USA, mit zum Beispiel Nobelpreisträgern als Spendern und den Auswahlmöglichkeiten für potentielle Eltern nach bestimmten Kriterien;
  • den Handel mit Eizellen;
  • die Leihmutterschaft;
  • die Erzeugung von Kindern mit dem Sperma Verstorbener;
  • die Nutzung von Eierstöcken von Verstorbenen oder aus abgetriebenen Embryonen (...)
  • Schwangerschaften nach der Menopause;
  • den Fetozid, also das Töten von so genannten überzähligen Mehrlingen, weil zu viele Embryonen heranwachsen und damit für die Gesundheit der Mutter bedrohlich werden;
  • die Kryo-Konservierung von Embryonen, also Leben im Wartestand, beliebig auf Vorrat zu halten, um bei Gebrauch darauf zurückzugreifen;
  • das Vernichten von Tausenden von Embryonen, wie vor einiger Zeit in England, die keiner mehr haben wollte;
  • und schließlich das Vernichten von Embryonen in der Forschung, um all diese Anwendungen erst möglich zu machen.”

(”Verbesserung des Menschen – oder Vernichten bei Nichtgefallen. Hinweise und Fragen zur Präimplantationsdiagnostik von Michael Emmrich”, Mabuse Nr.118)

Es fällt auf, dass sich in dieser Auflistung kein Punkt findet, bei dem einem Menschen Leiden zugefügt wird; auch keiner, bei dem Zwang ausgeübt wird. Auch spricht Emmrich nicht von einer Gefährdung oder Beeinträchtigung von Menschen, sondern von ”kulturellen Werten” und ”der Verfasstheit der Gesellschaft.” Beides sind Phänomene, die seit je in ständigem Wandel begriffen und nicht notwendig in ihrer jeweiligen Ausprägung schützenswert sind, sofern man die Wahrung des Bestehenden nicht als generell übergeordneten Wert betrachtet. Auch drastisch Formuliertes, wie ein ”Vernichten von Tausenden von Embryonen” erscheint nur dann verwerflich, wenn man sich nicht darüber im Klaren ist, dass es sich hierbei lediglich um das Auftauen und Entsorgen von zuvor tiefgefrorenen, befruchteten Eizellen handelt.
Vor wenigen Wochen hat ein israelisches Gericht einer jungen Frau gestattet, sich mit dem aus der Leiche entnommenen Sperma ihres bei einem Autounfall getöteten Mannes befruchten zu lassen. Der Oberstaatsanwalt Elyakim Rubinstein hat diesen Verstoß gegen Punkt 6 der Emmrich-Liste einfach, aber einleuchtend begründet: ”Es geht darum, den Wünschen des Verstorbenen gerecht zu werden, wie sie von seiner Partnerin, der Person, die ihm am nächsten stand, geäußert wurden.”

Welcher Nutzen, welches Risiko?

Wenn wir nicht auf alle Chancen, die uns neue Technologien bieten, verzichten wollen, sollten wir pauschale Ablehnung vermeiden und uns stattdessen mit dem konkreten Nutzen und den konkreten Risiken konkreter Anwendungen der neuen Technologien beschäftigen.
Die Sorge vieler um die ”Verfasstheit der Gesellschaft” ist ein Begleitumstand jeder größeren technischen oder auch sozialen Neuerung – ein Unbehagen angesichts des Unbekannten, angesichts der Zumutung, mit Veränderungen zurecht zu kommen. Doch dieses Unbehagen erweist sich regelmäßig als flüchtig. Es ist nach Einführung der Pille allmählich gewichen, nach der Etablierung der In-Vitro-Fertilisation, nach dem Siegeszug von Kabelfernsehen, PC und sogar game boy und Tamagochi, nach der tausendsten Herztransplantation und auch nach der Einführung gentechnisch hergestellten Insulins.

Am 12.11.1998 hat die US-Firma Advanced Cell Technology (ACT) in Worcester, Massachusetts, die Erzeugung des ersten menschlichen Klons bekannt gegeben. Hierbei war die Erbinformation aus dem Zellkern eines Menschen in die entkernte Eizelle einer Kuh übertragen worden. In Deutschland wären die Wissenschaftler spätestens nach Versenden der Pressemitteilung wegen Verstößen gegen die Paragraphen 2, 6 und 7 des Embryonenschutzgesetzes verhaftet worden. Die Anklage hätte vermutlich auf missbräuchliche Verwendung menschlicher Embryonen, Klonen sowie Chimärenbildung gelautet. Bevor man nun schnell zustimmt, dass skrupellose Forscher, die Menschen mit Kühen kreuzen, wahrlich hinter Gitter gehören, sollte man sich etwas genauer anschauen, woran und mit welchem Ziel die Firma ACT forscht. In ihren eigenen Worten hat sie die erfolgreiche Entwicklung ”einer Methode zur Erzeugung primitiver humaner embryonaler Stammzellen durch die Technik der Kernübertragung (Klonierung)” bekannt gegeben. Ziel ist es, irgendwann Kranke behandeln zu können, indem man einfach aus einer beliebigen Zelle des Patienten – etwa einer Hautzelle – das Erbmaterial entnimmt und im Labor neue Zellen züchtet, die genetisch mit allen anderen Zellen des Patienten identisch sind und daher nicht abgestoßen werden.

“Spätestens wenn es um die eigene Gesundheit geht, werden auch die bis dahin größten Kritiker ihre Bedenken schlagartig verlieren”

Diese könnten bei vielen schweren Krankheiten zur Erneuerung von erkrankten Organen genutzt werden, zum Beispiel als neue Bauchspeicheldrüsenzellen zur Heilung von Diabetikern, als neue Gehirnzellen bei Parkinsonkranken, zur Regeneration des Herzens nach einem Infarkt, bei Leber- und Nierenversagen und zur Knochenmarktransplantation bei Leukämiepatienten.
Was hätte das Embryonenschutzgesetz im Falle des ”ersten geklonten menschlichen Embryos” geschützt? Das Erbmaterial aus der Hautzelle, die Eizelle der Kuh oder die Verfasstheit der Gesellschaft? Wahrscheinlich letzteres. Es ist zu hoffen, dass, wenn im nächsten Jahr das Embryonenschutzgesetz durch ein neues Gesetz zur Fortpflanzungsmedizin ersetzt wird, liberalere Regelungen gefunden werden.

 

Staatliche Verbote (1) Wer die Erbinformation einer menschlichen Keimbahnzelle künstlich verändert, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Ebenso wird bestraft, wer eine menschliche Keimzelle mit künstlich veränderter Erbinformation zur Befruchtung verwendet. (3) Der Versuch ist strafbar. (Gesetz zum Schutz von Embryonen, Embryonenschutzgesetz – ESchG)

 

Bei menschlichen Ersatzorganen und den allermeisten anderen Anwendungen der Biomedizin wird glücklicherweise der Nutzen die Risiken so weitaus überwiegen, dass weder Unbehagen noch Gesetze die Anwendungen dieser Technologien aufhalten werden. Spätestens wenn es um die eigene Gesundheit geht, werden auch die bis dahin größten Kritiker ihre Bedenken schlagartig verlieren. Anders verhält es sich bei einer Technologie, die den Ausblick auf grundsätzliche Veränderung der menschlichen Natur bietet: der Keimbahnintervention. Diese Perspektive erscheint heute vielen noch ungeheuerlich. Doch auch hier berufen sich die Plädoyers wider das Neue und Nie-Dagewesene nicht auf konkrete Probleme und Risiken, sondern auf ein Unbehagen, das an Begriffen wie ”Menschenwürde”, ”wirklichem Menschsein”, ”Heiligkeit des Lebens” oder ”Schutz des menschlichen Genpools” Halt sucht, um gegen ebenso unklare Bedrohungen wie ”naturwissenschaftliche Kälte”, ”vollständige Manipulierbarkeit”, ”Technisierung”, ”Allmachtsphantasien der Biomedizin” oder ein ”biokosmisches Menschenbild” ins Feld zu ziehen.

 

Grüne Mystik ”Unzählige Embryonen werden im Rahmen verbrauchender Forschung zum Objekt degradiert und im Zweifelsfalle in den Ausguss gekippt. Der Mensch als seine eigene Laborratte. Diese Entwicklung halte ich tatsächlich für verrückt, verschiebt sie doch unseren Begriff von Menschenwürde und vom Schutz menschlichen Daseins in Richtung auf seine vollständige Manipulierbarkeit. (...) Die Sprache des Computers und die Sprache der Ingenieure haben in dem Bereich Einzug gehalten, in dem die Frage nach dem, was den Menschen im Innersten zusammenhält, gestellt wird. Wo lebende Organismen nach dem Modell technischer und damit toter Maschinen betrachtet und behandelt werden, ist Ethik gegenstandslos. Der naturwissenschaftlich-kalte, zerlegende Blick des Genetikers, der sowohl die Subjektivität des Forschers als auch diejenige des Forschungsobjektes ausblendet, lässt keinen Raum mehr für die grundlegenden ethischen Fragen, ob jede Manipulation am Menschen erlaubt sein soll und ob der Mensch möglicherweise mehr als die Summe seiner Gene und später vielleicht seiner sozialen Umgebung sei. (...) Organisieren wir einen Aufschrei oder wenigstens den lautstarken Protest gegen die Allmachtsphantasien der Biomedizin. Und vielleicht ist es doch nicht ganz illusionär, die Technik des Klonens und die Keimbahnmanipulation international zu ächten und ihre weitere Entwicklung zu verbieten. Noch sind die Stimmen, die am Verbot der Embryonenforschung und des Klonens in der Bundesrepublik festhalten wollen, in der Mehrheit.” (Renée Krebs, Landesvorsitzende von B’90/Die Grünen in Niedersachsen)

 

Der Eingriff in die Keimbahn

Die erste Herztransplantation war deshalb etwas so Ungeheuerliches, weil vielen Menschen das Herz noch immer als Sitz der Seele galt. Nach wie vor gibt es Reste dieser Wahrnehmung, weshalb Patienten, denen ein Herzschrittmacher eingepflanzt wird, einige Wochen vor der Operation eine Nachbildung des Geräts gegeben wird, die sie in ihrer Hosentasche mit sich herumtragen können, um sich an die kleine Maschine, die bald in ihrer Brust schlagen (oder zumindest Impulse geben) wird, zu gewöhnen.
Heute scheint sich die Seele ins Genom zurückgezogen zu haben. Und da es noch immer der Teufel ist, der die Seele verfolgt, entdeckt mancher Kommentator, beispielsweise Thomas Assheuer von der Zeit, das ”diabolische Potenzial der Genforschung” (Die Zeit, Nr.36/99) im Eingriff in die menschliche Keimbahn, sozusagen dem Hauptsitz des Genoms. Doch wenn man die Seele als Bild nimmt für jenes Einzigartige, das den Menschen ausmacht, dann ist das Genom ein ebenso unpassender Aufenthaltsort wie das Herz. Denn es repräsentiert nicht das Innerste des Menschen, wie es Bernd Graff kürzlich sehr schön in der Süddeutschen Zeitung formulierte: Gene ”sind nicht der Stoff, aus dem Identität gemacht wird”, sie definieren lediglich, ”wie und mit welchen Krankheitsbildern sich Körper entwickeln” (15.9.99).

“Die erste Herztransplantation war deshalb etwas so Ungeheuerliches, weil vielen Menschen das Herz noch immer als Sitz der Seele galt”

Bei der Keimbahnintervention wird vor Beginn der biologischen Entwicklung eines Menschen das Programm für diese Entwicklung verändert. Beispielsweise wird ein Gen für Kleinwüchsigkeit korrigiert. Das Ergebnis ist in gewissem Sinne ein anderer Mensch. Das Kind, dessen Anlage zur Kleinwüchsigkeit entfernt wurde, würde ganz anders aufwachsen als sein genetisch ”unberührtes” Alter ego. Es würde sich jedoch ebenso vollständig zu einem autonomen, freien Subjekt entwickeln wie sein fiktives Parallelindividuum. Es wäre kein Objekt illegitimer Menschenzucht.
Die Keimbahnintervention ist eine Einflussnahme auf die körperlichen Voraussetzungen der Person – nicht mehr und nicht weniger. Identität, Charakter und Gedankengut sind jedoch ganz wesentlich Ergebnisse des nicht-biologischen Prozesses der Sozialisation. Mit anderen Worten: Tiere züchtet man, indem man ihre Gene verändert. Die für den Menschen spezifische Form der Beeinflussung ist nicht die Zucht, sondern die Manipulation seines Denkens. Radikale Versuche dieser menschlichen Variante der Zucht nennen wir Indoktrination. Erprobte Instrumente sind Denkverbote, Tabus und vor allem Mythen: Geschichten und Bilder, die Überzeugungen transportieren, die man in die Gehirne der Menschen eingeben möchte. Glücklicherweise kommen Versuche, Menschen in ihrem Denken derart zu vereinseitigen und zu reduzieren, für gewöhnlich schnell an ihre Grenzen. Desto umfassender die geistige Restriktion, desto kleiner die Sekte. Die Gedanken sind frei.
Die seltsame Denkfigur, um die sich vor einigen Wochen die so genannte Sloterdijk-Debatte drehte, der Humanismus könne durch die biologische Menschenzucht ersetzt werden, ist Ausdruck eines kategorialen Fehlers: ein Ideensystem kann nicht durch ein biologisches substituiert werden. Gene können immer nur für Proteine kodieren, niemals für Ideen. ”Der menschliche Geist ist dynamisch, Gene sind statisch”, sagt Lee Silver.

Genetischer Essentialismus

Die radikale Kritik an der Gentechnik am Menschen erscheint in einem Paradox verfangen. Einerseits wird beklagt, der Mensch werde durch die Biowissenschaften zunehmend über seine Gene definiert, andererseits wird genau diese Definition selbst – implizit, doch vehement – behauptet, indem der Eingriff in das menschliche Genom als elementarer Angriff auf die Person beklagt wird. Gerade die Kritiker der Gentechnik hängen einer Auffassung an, die der amerikanische Autor Ronald Bailey als ”genetischen Essentialismus” bezeichnet. Sie überbewerten weitaus die Bedeutung der Gene und unterschätzen den menschlichen Geist. Sie reduzieren die Menschen auf ihre Gene und sehen daher Eingriffe ins Genom als Angriffe auf die Person.
Menschen, die sich selbst vor allem durch ihr eigenes Denken bestimmt sehen, erkennen dagegen in der gezielten Veränderung der Gene prinzipiell keine Bedrohung, sondern in erster Linie eine Chance. Das einzige Risiko, das aus dieser Sicht von Bedeutung ist, ist das technische: solange die Methode medizinisch nicht sicher ist, sollte sie nicht am Menschen angewendet werden. Da die Keimbahnintervention bei Tieren längst gang und gäbe ist und von Tausenden Wissenschaftlern technisch beherrscht wird, wird dieser Vorbehalt wohl relativ bald ausgeräumt sein.

Die Zukunft ist offen

Wir wissen heute nicht, wie, zu welchen Zwecken und nach welchen Regeln unsere Kinder und Enkel die neuen Technologien nutzen werden. Im Grunde geht es uns auch nichts an. Warum sollten wir kommende Generationen bevormunden? Vielleicht möchte mein Neffe, wenn er irgendwann Kinder bekommt, genau zwei, und zwar einen Jungen und ein Mädchen. Die Technik für die Geschlechterwahl ist heute vorhanden und wird in anderen Ländern auch angewendet. Vielleicht will er auch zwei Mädchen oder zwei Jungs. Deshalb wäre er meiner Meinung nach kein Unmensch. Womöglich aber will er eines seiner beiden Kinder – wie Arnold Schwarzenegger im Film Junior – selbst zur Welt bringen. Ich würde ihm nicht dazu raten, aber meinetwegen.
Warum sollte ich mich heute mit der Forderung von Forschungsverboten dafür einsetzen, dass meine Enkel kein künstliches Chromosom mit Genen, die ihre Lebenserwartung um zehn Jahre erhöhen, erhalten?

“Die Angst vor dem großen Diktator, der als Menschenzüchter die Welt beherrscht, ist unbegründet”

Das erste Modell eines künstlichen Chromosoms hat die kanadische Firma Chromos Molecular Systems im Jahre 1999 vorgestellt. Wenn es eine medizinisch sichere Anwendung solcher Chromosomen gibt, warum sollte man den Einsatz verbieten? Wäre das nicht ein vermessener Versuch, die biologische Zukunft der Menschen zu kontrollieren, bzw. den Stand von 1999 zu konservieren? Die Angst vor dem großen Diktator, der als Menschenzüchter die Welt beherrscht, ist unbegründet. ”Wenn wir den Erkenntnissen der Naturwissenschaft vertrauen, so wie wir darauf vertrauen, dass gut gebaute Flugzeuge fliegen – dann halten wir die Beweise in der Hand, dass unsere künftige Entwicklung zwar beeinflussbar, aber weder plan- noch voraussagbar ist. Denn evolutionäre Prozesse organisieren sich selbst. Ihr Verlauf resultiert aus der Gesamtheit der Interaktionen aller das System konstituierenden Elemente,” sagt Wolf Singer, Direktor des Max-Planck Instituts für Hirnforschung in Frankfurt (FAZ, 6.10.99).
Wir können also Einfluss auf unsere Entwicklung nehmen, wir können vielleicht die Lebenserwartung (wie im vergangenen Jahrhundert schon einmal geschehen) nochmals verdoppeln, was zweifellos erhebliche Auswirkungen auch auf die Gesellschaft haben würde. Die Menschenzucht jedoch ist ein Hirngespinst und sollte daher nicht zum Schreckgespenst taugen. Geschichte ist mehr als die Summe der Taten Einzelner. Es ist kein Prozess, den ein Züchter in die Hand nehmen könnte. Die Menschen bringen keinen Gott hervor. Und sie sind auch nicht lauter kleine Teufel.