28.07.2014

Erster Weltkrieg: Die wichtigste Schlacht ist noch nicht entschieden

Analyse von Frank Furedi

Heute vor einhundert Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Dies bietet nicht nur Anlass für Erinnerungsrituale. Denn, so findet der Soziologe Frank Furedi, die politische und kulturelle Krise, die ihn seinerzeit ausgelöst hat, verfolgt den Westen noch immer

Was den Ersten Weltkrieg ausgelöst hat, wird seit Langem kontrovers diskutiert. Oftmals wird eine bestimmte Gruppe beschuldigt, wie die preußische Militärführung oder französische Generale, die sich für die im Deutsch-Französischen Krieg von 1870 widerfahrene Erniedrigung und den Verlust des Elsass und Lothringens rächen wollten. Andere sehen den Ursprung des Kriegs im Rüstungswettstreit, Nationalismus, Imperialismus oder den innergesellschaftlichen Spannungen in verschiedenen Ländern.

Die gegenwärtige Diskussion in Großbritannien darüber, ob das Land einen „gerechten Krieg“ geführt habe und der deutsche Kaiser als Hauptkriegstreiber zu betrachten sei, offenbaren mehr über die Sorgen unserer Zeit als über die Vergangenheit. Diese anachronistische Tendenz gipfelte im Versuch, Serbien die Schuld für den Krieg zuzuschieben. Es soll nun unabsichtlich die Kräfte in Gang gesetzt haben, die zur Ermordung von Millionen Menschen zwischen 1914 und 1918 führten. Einige Historiker, die das Pferd von hinten aufzäumen, haben entdeckt, dass die Vorfahren Slobodan Miloševićs schon 1914 am Werk waren. In dieser Neufassung der Geschichte waren die für die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand verantwortlichen serbischen Nationalisten nun Mitglieder eines internationalen Terrornetzwerks und Serbien anno 1914 als staatlicher Unterstützer internationalen Terrorismus ein legitimes Ziel österreichischen Hasses.

Krieg und Innenpolitik

Trotz aller Kontroversen um den Ausbruch des Großen Krieges ist dieser Konflikt nicht auf einen einzelnen Auslöser reduzierbar. Die Anfang des 20. Jahrhunderts vorherrschenden prekären Machtverhältnisse vermochten eindeutig nicht, die zugrunde liegenden Konflikte geopolitischer und ökonomischer Interessen in Schach zu halten. Die Intensivierung imperialistischer Konflikte ab dem späten 19. Jahrhundert drohte stets regionale Streitigkeiten in globale zu verwandeln. Eine verhängnisvolle Folge dieser imperialen Rivalitäten war die Militarisierung der internationalen Beziehungen. Das Wettrüsten bedeutete nicht nur steigende Ausgaben für Waffen. Es begünstigte zudem das Aufblühen einer militaristischen und nationalistischen Kultur, die Einfluss auf wichtige Segmente der westlichen Gesellschaft ausüben konnte. Chauvinistische Gesinnungen verstärkten sich außerdem durch das Aufkommen der modernen Massenmedien, die aus der Unterstützung sensationslüsterner nationalistischer Propaganda Gewinn zogen.

Diese instabile internationale Lage förderte ein Klima, in dem Regierungen vor der Frage standen, ob nicht bald ein Konflikt ausbrechen würde, der ihre nationalen Interessen berührte. Allerdings war das Verhalten der Regierungen nicht lediglich eine Reaktion auf Druck von außen. Die Destabilisierung der globalen Mächteverteilung überschnitt sich zufällig mit neuen Gefahren in der innenpolitischen Sphäre. 1914 standen die Regierungshäupter der meisten europäischen Staaten vor einem ganz neuen Problem: Der Frage, wie man die vorherrschende politische Ordnung mit dem Streben einer neuen Kraft – der öffentlichen Meinung der Massen – in Einklang bringt.

„Der Erste Weltkrieg ereignete sich zu einem Zeitpunkt, als Regierungen zum ersten Mal dem prüfenden Blick der öffentlichen Meinung ausgesetzt waren.“

Der Erste Weltkrieg ereignete sich zu einem Zeitpunkt, als Regierungen zum ersten Mal dem prüfenden Blick der öffentlichen Meinung und in vielen Fällen auch dem Druck einer Massenwählerschaft ausgesetzt waren. Kriege konnten nicht länger ohne die Unterstützung des Volks erklärt, bestritten oder gewonnen werden. Regierungen erkannten, dass sie nicht länger einfach Diktate erlassen konnten. Politik musste öffentlich begründet werden; sie erforderten die Unterstützung oder zumindest die Billigung des Volks. Regierungen mussten sich mit der enormen Herausforderung einer zunehmend instabilen geopolitischen Umwelt befassen und gleichzeitig wurde ihnen bewusst, dass die Zustimmung der Öffentlichkeit für die Aufrechterhaltung der Ordnung unerlässlich geworden war.

Der Historiker Arno Mayer argumentierte in einem bedeutenden Essay über die nationalen Ursachen für den Ersten Weltkrieg, dass sich die Erwägungen über die Aufrechterhaltung der Ordnung gerade in Zeiten erhöhter gesellschaftlicher Spannungen mit auswärtigen Angelegenheiten verflechten. Mayer sieht in der großen Zahl interner Konflikte vieler Nationen in der Zeit unmittelbar vor dem Großen Krieg ein wichtiges historisches Beispiel für das zeitliche Zusammentreffen geopolitischer Spannungen und innerstaatlicher Konflikte. Er argumentierte, dass diese „symbiotische Entwicklung innenpolitischer und internationaler Spannungen“ zu einer Zeit stattfand, als im Westen „Regierungspolitik, darunter die Außenpolitik, im Schmelztiegel von Parteiendruck und Interessenpolitik ihre Form annahm.“ Anders ausgedrückt: Außenpolitik und Diplomatie, die bisher von innenpolitischem Druck größtenteils abgeschottet waren, sahen sich nun zunehmend dem von der Massenpolitik und öffentlichen Meinung ausgehenden Einflüssen und Kräften ausgesetzt. Folglich wirkten sich politische Konflikte und Debatten über die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft auf die Außenpolitik und sogar auf Militärfragen aus. Und sobald sich innenpolitische Fragen mit außenpolitischen verflechten, kann Krieg ein Mittel zur Umsetzung politischer Ziele und zur Austragung nationaler Angelegenheiten werden.

„Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“, lautet das berühmte Wort des deutschen Militärtheoretikers Carl von Clausewitz. Nach seiner Soziologie des Krieges verknüpft sich innerpolitischer Druck mit Außenpolitik. In dieser Betrachtungsweise kreist Krieg genau so sehr um Innenpolitik wie er auf zwischenstaatliche Beziehungen reagiert. Mayer weist darauf hin, dass Clausewitz sich für „den umfassenden Politikbegriff entscheidet, der Diplomatie mit umfasst, und damit die Möglichkeit eröffnet, dass innenpolitische Erwägungen den Rückgriff auf Krieg nicht nur beeinflussen, sondern in einigen Fällen sogar entscheiden können.“ Das Aufkommen kriegsgesinnter Parteien in europäischen Ländern zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigt, dass gegensätzliche Haltungen zu Militärfragen zunehmend von innenpolitischen Rivalitäten ablenkten.

„Gegensätzliche Haltungen zu Militärfragen lenkten zunehmend von innenpolitischen Rivalitäten ab.“

Mit dem Bedeutungszuwachs der öffentlichen Meinung, der modernen Medien und der Massenwählerschaft waren zwischenstaatliche Beziehungen nicht länger „die private Domäne einer abgeschotteten Elite“, so Mayer. Mit Verweis auf den Rüstungswettstreit vor dem Ersten Weltkrieg führt er weiter aus, dass der 50-prozentige Anstieg der Militärausgaben in den fünf Jahren vor Kriegsbeginn „nicht ausschließlich das Ergebnis eines anwachsenden internationalen Misstrauens und ebensolcher Unsicherheit und Feindseligkeit gewesen sein muss.“ Nein, höchstwahrscheinlich wurde die Ausweitung der Militärausgaben auch von nationalistischen Politikern beeinflusst, die sich patriotisch gaben, um „den innenpolitischen Status quo zu erhalten“. In der Zeit unmittelbar vor dem Krieg „erlebten europäische Nationen stärkere politische und soziale Störungen als gewöhnlich.“

Selbst das relativ stabile Großbritannien war gegen den Ausbruch innerer Spannungen, wie sie durch Europa schwappten, nicht immun. Die Curragh-Meuterei im März 1914 bewies, dass zumindest ein Teil des Militärs bereit war, war sich dem Parlament direkt zu widersetzen. Gleichzeitigen fühlten sich Arbeitgeber und das britische Establishment durch die wachsende Macht der Arbeiterbewegung und den Einfluss militanter Syndikalisten bedroht. Im Herbst 1914 drohte die sogenannte Triple Alliance aus Eisenbahnern, Bergleuten und Transportarbeitern mit Generalstreik. Diese Polarisierung des öffentlichen Lebens belastete die politischen Institutionen Großbritanniens schwer. „Historiker fragen sich denn auch, ob ohne den äußeren Ausbruch des Krieges 1914 England nicht in innere Unruhen mit fatalen Folgen für das altehrwürdige parlamentarische System verwickelt worden wäre“, so Mayer. Aufgrund der inneren Spannungen in England erwogen einige Politiker im Sommer 1914 Gewaltanwendung als legitimes Mittel der Konfliktbeilegung. Winston Churchill fand, konfrontiert mit dieser unruhigen innenpolitischen Lage, Blutvergießen „ohne Zweifel bedauernswert“, es gebe aber „schlimmere Dinge als Blutvergießen, selbst als solches von großem Ausmaß“.

„Überall in Europa war der Liberalismus in der Defensive und eindeutig auf dem Rückzug.“

Auf dem Festland herrschten ähnlich tiefgreifende Spannungen vor. Politische Auseinandersetzungen zwischen links und rechts sowie zwischen Arbeit und Kapital in Frankreich und Italien förderten politische Polarisierung und stärkten radikale Parteien jeglicher Couleur. Auch in Deutschland hatten sich die politischen und sozialen Spannungen in den Vorkriegsjahren intensiviert. Russland sah sich in der ersten Hälfte des Jahres 1917 mit einem langanhaltenden Arbeitskampf konfrontiert, während die Donaumonarchie nationalistischen Unruhen gegenüber stand. Von der traditionellen Ordnung – Monarchie, aristokratische Hierarchie, gebräuchliche Ehrerbietung – blieben nach dem damaligen Aufgebehren nur Überreste. Zu jener Zeit schienen die sozialdemokratischen Bewegungen, deren interne Konflikte zu Spaltungen zwischen moderaten und revolutionären Flügeln führten, die ersten institutionellen Opfer des Großen Kriegs zu sein. Tatsächlich aber blieb vor allem die vom Liberalismus vertretene Politik des Konsenses und Kompromisses in der bröckelnden europäischen Ordnung auf der Strecke. Überall in Europa war der Liberalismus in der Defensive und eindeutig auf dem Rückzug.

Dass der Erste Weltkrieg die ihm vorausgegangen internationalen Spannungen nicht zu lösen vermochte, ist weithin bekannt. Weit weniger Beachtung hat aber gefunden, dass auch die innenpolitischen Probleme, mit denen europäische Gesellschaften in den Vorkriegsjahren konfrontiert waren, durch den Krieg nicht gelöst wurden. Im Gegenteil: Eines der bedeutendsten Vermächtnisse des Großen Kriegs liegt in der Radikalisierung des öffentlichen Lebens und der Infragestellung von in der Moderne aufgekommenen politischen Kategorien und Ansichten. In meinem Buch First World War: Still No End In Sight vertrete ich die Auffassung, dass der durch den Krieg ausgelöste Ideenstreit im 21. Jahrhundert anhält.

Der Zusammenbruch der alten Ordnung

Während der Jahre 1914 bis 1918 nahmen die politischen Spannungen, die dem Krieg vorausgegangen waren, neue Formen und eine neue Intensität an, die die politischen Verantwortlichen oftmals unvorbereitet trafen. Vor allem die Transformation normaler   innenpolitischer Konflikte in ein deutliches Aufeinanderprallen von Ideologien stellte eine bedeutende Abkehr von der Vorkriegszeit dar. „Während der Aufstieg des Nationalstaats eine langfristige Entwicklung war, kam die Explosion eines ideologischen Konflikts, der die nationale Politik und die europäische Mächteverteilung in der Zwischenkriegszeit verändern würde, viel unerwarteter“, so ein Historiker über den Krieg. Die Sprache der neuen Ideologien nutzte oft die Bewaffnungsmetaphern und Begriffe wie den Klassenkampf, den Überlebenskampf, Rassenkrieg, nationalen Krieg usw. Diese Ideologien beinhalteten einen scheinbar ständigen Konflikt, geführt über unvereinbare Ziele, für den es deshalb keine diplomatische oder pragmatische Lösung gab.

Der Aufstieg der Ideologien und die damit einhergehende Verhärtung politischer Konflikte resultierten geradewegs aus der durch den Krieg zerbröckelnden Legitimation der alten politischen Ordnung und der Herrscher Europas. Dies war die Folge eines Kriegs, der von Beginn an ein zutiefst politisierter Konflikt war. Das 20. und 21. Jahrhundert zeigen, dass Kriege, die aufgrund politischer Ziele geführt werden, das Risiko bergen, eine innere Eigendynamik zu entwickeln. Kriege von vornehmlich diplomatischer Natur hingegen, die eine gezielt nach außen gerichtete Absicht verfolgen, „beinhalten und erfordern nicht, das feindliche Regime zu stürzen“ und „das Fundament der Legitimität, sowohl international wie national, übersteht die Feindseligkeiten zumeist“, wie es ein Historiker beschreibt.

Der Erste Weltkrieg war von Anfang nicht nur durch geopolitische Realitäten bestimmt, sondern stark politisiert. Das Überleben eines Regimes, die Aufrechterhaltung der Ordnung und einer Lebensweise, wurden zu Schlüsselelementen, die sich mit nationalistischen Ambitionen verbanden und letztendlich diejenige Legitimationsgrundlage zerbröseln half, die einst sowohl zwischenstaatliche Konventionen wie auch nationale Institutionen mit aufrechterhielt.

Das Ordnungsproblem, das dem Krieg voran gegangen war, hatte sich im Jahr 1919 faktisch in eine Legitimitätskrise der alten Ordnung verwandelt. In dieser kritischen Situation standen die herrschenden Eliten vor der Herausforderung, nicht nur die Zustimmung der Öffentlichkeit zu gewinnen, sondern dies auch noch in einer Situation, in der ihre eigene Autorität auf dem Spiel stand. Der in den USA lehrende Politologieprofessor Jan Werner Müller drückte dies so aus: „Als die traditionellen Vorstellungen, wie das Prinzip der Erbfolge, weitgehend diskreditiert waren – wie spätestens nach dem Ersten Weltkrieg – musste sich die politische Herrschaft auf eine andere Art rechtfertigen.“

Müller betont damit, dass die Notwendigkeit der öffentlichen Rechtfertigung eines politischen oder militärischen Kurses nach 1919 „sowohl umfangreicher als auch ausdrücklicher“ sein musste. Zudem musste diese Rechtfertigung anders formuliert sein als die Ansprüche der durch den Großen Krieg diskreditierten Herrschern und Traditionen. Politiker und Bewegungen, die mit der Vorkriegsordnung assoziiert wurden, konnten nur mit Mühe ihre Existenzberechtigung formulieren. Das alte Regime war moralisch und politisch kompromittiert. Dieser Moment bedeutete – wenig überraschend – das endgültige Ende des traditionellen monarchischen Herrschaftsprinzips. Aber keiner der Herrschaftsgrundsätze der Vorkriegsära wurde verschont. Auch der liberale Konstitutionalismus und die parlamentarische Demokratie mussten sich auf neuen Wegen legitimieren.

„Die Demokratie im eigentlichen Sinne stieg nicht zur bedeutenden politischen Kraft auf.“

Dabei ist zu beachten, dass die Legitimation durch öffentliche Zustimmung in dieser Zeit zwar zu einem viel dringenderen Problem geworden war als jemals zuvor, die Demokratie im eigentlichen Sinne aber eben nicht zur bedeutenden politischen Kraft aufstieg. Einerseits verstanden die politischen Eliten durchaus, dass sie die Anerkennung ihrer Herrschaft durch die öffentliche Meinung beweisen mussten, andererseits aber standen sie den für sie störenden Folgen auch skeptisch gegenüber. Sie waren in Wirklichkeit mehr darauf aus, mit dem Volk irgendwie fertig zu werden als für größere öffentliche Beteiligung an der Politik zu sorgen. Demokratie wurde instrumentell aufgefasst, als Legimitationsquell statt als Institution echter öffentlicher Teilnahme. Nach Meinung vieler damaliger Beobachter wurde der Akt der Legitimitätsgewinnung tatsächlich als unvereinbar mit dem Funktionieren einer Massendemokratie gesehen, weil diese ihnen als chaotisch und unzuverlässig galt.

Anstatt die Legitimitätskrise verschiedener politischer Kräfte des frühen 20. Jahrhunderts zu bewältigen, intensivierte der Erste Weltkrieg sie. Liberale, Konservative, Royalisten, Sozialisten und Kommunisten waren alle damit beschäftigt, ihren sozialen und politischen Auffassungen Berechtigung zu verleihen. Einige neigten zur Wiedereinsetzung der Monarchie, andere zu Religion oder Traditionalismus, während wieder andere Vernunft oder Wissenschaft als wahres Fundament einer legitimen politischen Ordnung betrachteten. Ein Jahrhundert politischer Konflikte nach dem Großen Krieg sieht sich der Westen noch immer herausgefordert, eine ernsthafte, auf öffentlicher Zustimmung basierende Form grundlegender politischer Autorität zu entwickeln. Aus diesem Grund geht die Diskussion des Großen Kriegs weit über eine historische Debatte hinaus.