01.11.2002

Erst trinken, dann ausatmen!

Kommentar von Edgar Gärtner

Ein kleiner Sieg der Vernunft: Die UN-Konferenz von Johannesburg beschäftigte sich nicht mehr nur mit dem globalen Kohlenstoffkreislauf, sondern rückte die Versorgung der Armen mit sauberem Trinkwasser ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Edgar Gärtner zieht Bilanz und stellt das Buch Apocalypse No! von Björn Lomborg vor.

Nach dem Abschluss der UN-Weltkonferenz über nachhaltige Entwicklung Anfang September beklagten viele europäische Teilnehmer dessen dürftige Ergebnisse. Vertreter von Umwelt- und Entwicklungshilfe-Organisationen sprachen gar von einer Katastrophe. Doch enthält der in Johannesburg nach zähen Verhandlungen verabschiedete Aktionsplan zumindest in einem Punkt Konkretes: Die Weltgemeinschaft verpflichtet sich, den Anteil der Weltbevölkerung, der keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser (zur Zeit 1,2 Milliarden Menschen) und sanitärer Grundversorgung (etwa 2,4 Milliarden Menschen) hat, bis zum Jahre 2015 zu halbieren.

Nur in diesem Punkt gibt es auch finanzielle Zusagen seitens der wohlhabenden Industrieländer. Die Europäische Union stellt jährlich 1,4 Milliarden Euro für Afrika und Zentralasien zur Verfügung. Auch die USA haben Investitionen von etwa einer Milliarde Dollar zugesagt, und die Entwicklungsbank für Asien vergibt im Rahmen des Programms „Wasser für asiatische Städte“ Kredite von umgerechnet 500 Millionen Euro. Hinzu kommen Zusagen geringeren Umfangs von insgesamt 21 weiteren Wasser-Initiativen und Selbstverpflichtungen von in armen Ländern operierenden internationalen Konzernen.

“Was Kyoto in einem einzigen Jahr kostet, würde bequem ausreichen, um das größte Problem aller armen Länder zu lösen: die Versorgung mit sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen.”

Diese Resultate kamen durch einen Kuhhandel zustande: Als Gegenleistung für amerikanische Investitionen in Wasserversorgungsprojekte verzichtet die EU auf ihre hauptsächlich gegen die US-Delegation gewandte „Klimaschutz“-Forderung, nach der diese einer verbindlichen Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien auf 15 Prozent bis zum Jahre 2010 zustimmen sollte. Für viele Beobachter war diese Absprache ein Symbol für das Scheitern des Gipfels von Johannesburg. Doch kann man die Einigung, die die Rettung der aufwändigen Veranstaltung in letzter Minute ermöglichte, auch ganz anders sehen.

In seinem vor dem Johannesburg-Gipfel erschienen Buch The Sceptical Environmentalist (vor kurzem unter dem Titel Apocalypse No! auf deutsch erschienen) hat der dänische Statistiker Björn Lomborg vorgerechnet, dass die Umsetzung des Kyoto-Protokolls bis zu 350 Milliarden Dollar im Jahr kosten wird, ohne dass man dadurch in den nächsten 50 bis 100 Jahren zu messbaren Ergebnissen gelangen könne: „Was Kyoto in einem einzigen Jahr kostet, würde bequem ausreichen, um das größte Problem aller armen Länder zu lösen: die Versorgung mit sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen“, analysiert Lomborg stattdessen.

Da das Geld nur einmal ausgegeben werden kann, so Lomborg weiter, müsse man eben Prioritäten setzen. Das aber falle schwer, wenn man die von Berufspolitikern, Bürokraten und Massenmedien gebetsmühlenartig wiederholten Katastrophenszenarien für bare Münze nehme. Die Unfähigkeit, vernünftige Prioritäten zu setzen, sei vielleicht unser größtes Problem. Da in Johannesburg letztendlich dennoch Prioritäten gesetzt wurden, wenn auch vielleicht nicht aufgrund rationaler Einsichten, können sich Lomborg und seine Anhänger zu Recht als Sieger fühlen.

Der Ausgang des Johannesburg-Gipfels bietet gleichzeitig die Chance, zu einer Weltsicht zurückzukehren, die weder den Erkenntnissen der Naturwissenschaften noch dem praktischen Alltagsverstand widerspricht. Denn bevor sich das Weltbild der „Klimapolitiker“ durchsetzte, herrschte Einvernehmen darüber, dass die Ökologie unseres blauen Planeten nicht in erster Linie vom Kreislauf des Kohlenstoffs geprägt wird, sondern vom Wasser in allen seinen Aggregatzuständen: Ozeane, Wasserdampf, Wolken, Regen, Schnee, Eis. An zweiter Stelle kommt der Kreislauf des Sauerstoffs, und erst dann kommt der Kohlenstoffkreislauf. Wie die Ökologie und damit auch das Klima der Erde durch Eingriffe in einen drittrangigen Stoffkreislauf gesteuert werden kann, bleibt das Geheimnis der „Klimapolitik“.

“Der Ausgang des Johannesburg-Gipfels bietet die Chance, zu einer Weltsicht zurückzukehren, die weder den Erkenntnissen der Naturwissenschaften noch dem praktischen Alltagsverstand widerspricht.”

Die komplexen Kreisläufe des Wassers, die Übergänge von einem Aggregatzustand in den andern und auch die nachrangigen Stoffkreisläufe sind bis heute nur sehr lückenhaft quantitativ erfasst und werden sich global nie steuern lassen. Aber auf lokaler und regionaler Ebene können die Menschen ihren Wasserhaushalt zumindest so weit kontrollieren und regulieren, dass sie ihre elementaren Lebensbedürfnisse befriedigen können. Um das zu bewerkstelligen, brauchen sie weder eine Weltregierung noch Mammut-Palaver in festungsartig abgeriegelten Kongresszentren. Was sie brauchen, ist etwas Geld und die Möglichkeit, ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen zu können.