17.06.2014

Ernährung: Wir wollen alles light und versüßt

Von Alexander Grau

Der Alkoholkonsum geht zurück, der Latte Machiato gewinnt dafür immer mehr Anhänger. Doch die Ess- und Trinkgewohnheiten in der Bundesrepublik werden durch den „Gummibärchen-statt-Cognac“-Zeitgeist nicht gesünder, sondern eher kindlicher, meint Alexander Grau

Der Deutsche trinkt Bier, sagt man. Noch mehr Bier trinkt er, wenn der Sommer heiß und zudem Fußball-WM ist. Hitze macht durstig und Fußball macht noch durstiger. Schließlich ist nach ein paar Bier eine Niederlage erst so richtig traurig und ein Sieg erst so richtig schön. Könnte man meinen.

Der Niedergang des Bieres

Doch Pustekuchen. Seit Jahren macht sich in deutschen Eckkneipen, Biergärten und Wohnstuben ein eigentümlicher Brauch breit: Erwachsene Menschen schütten sich Limonade in ihren Gestensaft. Limonade! Das ist das Zeug, vor dem man immer seine Kinder warnt. Weil es so süß ist und wegen der Zähne. Mit echter Limonade hat die Plörre natürlich nichts zu tun. Aber das ist nicht einmal das Hauptproblem. Das Bier befindet sich in der Krise. Und nicht nur das Bier. Doch bleiben wir zunächst beim Gerstensaft. Zwischen 2005 und 2013 nahm der Bierabsatz in Deutschland von 105 Millionen Hektoliter auf 95 Millionen Hektoliter ab. Dabei sank der Pro-Kopf-Verbrauch von 115 auf 106 Liter. Der Konsum so genannter Biermischgetränke (schon der Name!) hat sich demselben Zeitraum mehr als vervierfacht. Man wird schwermütig. Anstelle lokaler Spezialitäten und alter Traditionsmarken reihen sich in den Regalen der Supermärkte triste Mainstreamprodukte, die Namen tragen wie Berry-X, Black Label, Ice oder Sun. Was ist da los?

„Biermischgetränke, Wein mit Sirup, Latte Machiato - wir sind eine Gesellschaft von Verdünnern geworden!“

Die Frage wäre etwas weniger bedrohlich, wenn es sich um ein isoliertes Phänomen handeln würde. Doch die Lage ist ungleich ernster: Wir sind eine Gesellschaft von Verdünnern geworden. Kaffee wird nur noch mit soviel Milch getrunken, dass vom Kaffee nichts mehr übrig bleibt, die sommerlichen Bistrotische biegen sich unter Ladungen von Hugos, also verdünntem Wein mit Sirup, und selbst Asti Spumante gibt es jetzt noch dünner und noch süßer – was immerhin eine Leistung ist. Wer seinen Wein pur trinkt und nicht zu einer Weinschorle verwässert, gilt in manchen Kreisen schon als Alkoholiker. Wenn man es dann auch noch wagt, sich ein zweites Glas nachschenken zu lassen, erntet man umgehend besorgte Nachfragen: Ist auch alles in Ordnung? Da hilft eigentlich nur noch ein drittes Glas. Mindestens.

Der Genuss wird kindisch

Trivial zu erwähnen, dass dieser Trend nicht nur die Getränke erfasst hat, sondern auch feste Nahrungsmitteln. Seit Jahrzehnten wird alles leichter, fettärmer, zuckerreduzierter: Milch, Joghurts, Käse, Wurst. Mit gesunder Ernährung hat das alles nichts zu tun. Das liegt nicht nur daran, dass es ziemlich fraglich ist, ob besagte Nahrungsmittel überhaupt gesünder sind. Vor allem steht diesem Hype um alles Leichte, Verdünnte und Reduzierte ein Trend zu Nahrungsmitteln entgegen, die noch vor wenigen Jahrzehnten ausschließlich Kindern vorbehalten waren. Sinnbild dieser Entwicklung ist der Nutella auf seine Brötchen schaufelnde Mittvierziger, der sich zum Naschen gerne mal ein Päckchen Goldbären gönnt, sich verzückt ein Dolomiti-Wassereis im Freibad kauft und abends im Wirtsgarten einen Cheeseburger mit Pommes ordert. Und neben dem Glas mit süßem Radler steht natürlich die Mayoflasche.

Auf eine kurze Formel gebracht: Wir haben mit einer erstaunlichen Infantilisierung unseres kulinarischen Geschmackssinns zu tun. Die gesunde Ernährung spielt dabei keine Rolle und ist, wenn überhaupt, ein zufälliges Nebenprodukt des Ekels vor starken, unsynthetischen und ungefilterten Aromen.

„Es ist diese Vorliebe für das Einfache, Süße und Unkomplizierte…“

Symbol dieser umfassenden Regression ist neben der epidemieartigen Verbreitung des Latte Macchiato der cremig gerührte Joghurt. Besonders gesund ist weder das eine noch das andere. Doch das Pappige, Cremige und Weiche kommt einem kindlichen Geschmacksempfinden sehr entgegen. Dazu passt auch die um sich greifende Abneigung gegen alle Innereien, die noch für unsere Eltern selbstverständlich zur Alltagsnahrung gehörten: Leber in diversen Varianten, saure Nierchen, Geflügelklein, Lungen, Herz: da ekelt sich das kindliche Gemüt des Durchschnittsdeutschen und greift lieber zur Milchschnitte. Wenn überhaupt noch Fleisch gegessen wird, dann in kindgerechten Formen, die nicht mehr erkennen lassen, worum es sich handelt: Bouletten, Geschnetzeltes, Schnitzel – am besten paniert. Gleiches gilt für Fisch. Der muss allerdings auch noch viereckig sein.

Von den Großeltern lernen

Es ist diese Vorliebe für das Einfache, Süße und Unkomplizierte, die zunehmend auch das Trinkverhalten hierzulande bestimmt. Ein herbes Bier, ein säurebetonter Wein, eine Spirituose: Bäh! Da schüttelt sich das erwachsene Kleinkind und bestellt sich ein alkoholreduziertes Bananenweizen. Noch bei unseren Großeltern war es üblich, einem Gast, einen Cognac anzubieten oder einen Whiskey. Auch und gerade am Nachmittag. Machen Sie das mal heute, nur so zum Spaß, und um das Gesicht Ihres Gastes zu studieren, bevor er dankend nach einer Apfelschorle verlangt. Ihr Ruf dürfte danach legendär sein. Rückblickend ist es sowieso interessant, wie hart im Nehmen Opa und Oma eigentlich waren. Die haben sich nicht nur nachmittags mal einen Weinbrand gegönnt (von den filterlosen Zigaretten reden wir gar nicht), sie haben auch noch Kaffee getrunken. Nur mit ein bisschen Dosenmilch. Ganze Kännchen. Da würde der moderne Latte-Macchiato-Schlürfer glatt aus seinen Sneakers kippen.

„In Nullkommanichts wird der kindliche Ekel zur moralischen Haltung geadelt“

Mit Moral hat dieser Triumph kindlicher Gelüste zunächst nichts zu tun. Das kann sich allerdings ratzfatz ändern, wie der Vegetarismus zeigt. In Nullkommanichts wird der kindliche Ekel zur moralischen Haltung geadelt. Wirkt schließlich etwas reifer, wenn man Fleisch aus ökologischen und tierethischen Gründen ablehnt und nicht, weil man es irgendwie igittigitt findet.

Für den Alkohol lässt das Böses ahnen. Bald werden sich Ideologen des Themas annehmen, weil sie Morgenluft wittern. Und aus einem harmlosen Geschmackstrend werden politische Forderungen erwachsen. Und schließlich EU-Richtlinien. Davor kann es einem jetzt schon grauen. Aber bis es soweit ist: Prost!