06.04.2010

Energiewende mit Shale Gas

Von Günter Keil

Es gibt Revolutionen, die bemerkt man erst, wenn sie schon passiert sind.

Was sich zurzeit auf dem Welt-Energiemarkt anbahnt und was Medien, Bürger und auch die Politik noch nicht so richtig sehen können, ist eine solche Revolution, nach deren Durchzug die Landschaft und erst recht die Energiepolitik (sofern es hier eine gibt, die diese Bezeichnung verdient) nicht mehr wiederzuerkennen sein dürften.
Das Zauberwort heißt „Shale Gas“, also Schiefergas, was ein Hinweis auf dessen Fundort ist: Tief unter der Erdoberfläche, in Gestein eingeschlossen. Dass dort gigantische Erdgasreserven lagern, wissen die Prospektoren schon lange; nur gab es bislang keine Technik, um diesen Schatz zu heben. Jetzt gibt es sie. US-amerikanische Unternehmen, in der Öl- und Gasbohrtechnik ohnehin schon immer die Weltmeister, haben eine Technik entwickelt, bei der zuerst die Lagerstätten in vertikalen und horizontalen Bohrungen erreicht und anschließend das Gestein mit sehr viel Wasser aufgeschlossen wird. Längst veranlasst dieses Thema die Energiekonzerne zu erheblichen Investitionen in verschiedenen Ländern und auch das Fusionskarussell dreht sich: Gerade vor vier Monaten zahlte Exxonmobil 31 Milliarden Dollar für die texanische Firma XTO Energy, die in dieser Bohrtechnik zu den führenden Unternehmen gehört.
Die Zahlen über die erreichbaren Fördermengen machen schwindlig: Man schätzt, dass allein die USA auf 57 und Europa auf 35 Billiarden (eine Zahl mit 15 Nullen) Kubikmetern Gas sitzen, was allein für Europa nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris etwa ein Drittel der vermuteten Weltreserven wäre. Beim derzeitigen Verbrauch könnte es für die USA gut 100 Jahre reichen. Und die Exploration dürfte sehr rasch erfolgen, denn das amerikanische Energieministerium (DoE) nimmt an, dass Shale Gas schon 2030 die Hälfte des gesamten dortigen Gasverbrauchs ausmachen wird.
Das Erdgas aus dem Tiefengestein wird auch die Energielandkarte verändern und traditionelle Lieferländer in Probleme stürzen, denn viele der bisherigen europäischen Abnehmerländer gehören zu den Besitzern der ausbeutungsfähigen Vorkommen und werden selbst zu Exporteuren. Die Experten der IEA bezeichnen Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Schweden, Österreich, Polen und Ungarn als sehr interessant, und allenthalben beginnen bereits die Bohrungen. Zum Beispiel arbeitet Exxonmobil in Niedersachsen an zehn Förderorten. Und Forschungsinstitute suchen in Deutschland nach weiteren geeigneten Plätzen.
Dagegen dürfte es werden eng für Länder, die ihren Wohlstand auf den traditionellen Gasverkauf ausgerichtet hatten. Gazprom bspw. wird die Konkurrenz zu spüren bekommen, ebenso Algerien und weitere Exporteure von verflüssigtem Erdgas (LNG), die bislang Japan und die USA belieferten. Und die bisherigen Importnationen werden sich begeistert auf die Nutzung der Quelle des Reichtums unter ihren Füßen stürzen, die eine glückliche Fügung in Gestalt der amerikanischen Bohrexperten zugänglich machte.
Damit wird es in Zukunft zwei Trends auf dem internationalen Energiesektor geben: Zum einen die bereits in den meisten Industrie- und Schwellenländern eingeleitete Renaissance der Kernkraft, die zu einer großen Anzahl neuer Leichtwasser-Reaktoren führen wird (viele davon bereits der 3. Generation wie der deutsch-französische EPR angehörend). Des Weiteren wird in 15 bis 20 Jahren eine Neubauwelle der dann marktreifen unterschiedlichen Reaktortypen der 4. Generation antizipiert. Seit sechs Jahren werden sie von einer Gruppe von 13 Industrienationen arbeitsteilig entwickelt.
Deutsche Ausstiegsszenarien würden daran nichts ändern. Der hierzulande vermiedene Kernkraftstrom würde aus Nachbarländern importiert werden – allerdings wäre er teurer als die heimische Produktion.
Zum anderen endet mit der eigenen Erdgasquelle Shale Gas die weitgehende Abhängigkeit Deutschlands von Gasimporten als Russland. Und für unsere Energiepolitiker, die bisher aus Furcht vor NGOs und Redaktionen das Mantra einer Kohlenstoff freien Energiewirtschaft predigen, wäre womöglich auch schon bald der Zeitpunkt gekommen, ihre Pläne und speziell ihre ideologisch geprägten und schon immer vollkommen unrealistischen Visionen über eine durch erneuerbare Energiequellen versorgte Welt in den Papierkorb zu befördern. Keine noch so schönen Sonntagsreden und auch keine fragwürdigen Computer-Untergangsszenarien sollten auf Dauer der Überzeugungskraft eines überreich vorhandenen, nutzbaren und ideal vielfältig einsetzbaren Energieträgers wie Erdgas standhalten können.
Wie sich eigenes, preisgünstiges Erdgas auf dem deutschen Energiemarkt auswirken wird, kann man sich unschwer vor Augen führen. Kraftwerke auf der Grundlage von Import-Steinkohle wird wohl niemand mehr bauen wollen. Selbst bei den günstigen Braunkohle-Kraftwerken könnte es mit Neubauten zu Ende sein. Stattdessen würden Gasturbinenkraftwerke, vor allem in der Form der Gas-und-Dampf-Anlagen (GuD) Rückenwind erhalten, was vielleicht sogar der für eine zuverlässige Stromversorgung unbrauchbaren Windkraft nutzen wird, die bei Flaute schnelle Gas-Zusatzkraftwerke benötigt. Gasbetriebene Blockheizkraftwerke wären gleichfalls auf der Gewinnerseite.
Für Hersteller von Heizanlagen, die bisher als besonders umweltfreundlich gelten und daher subventioniert werden, würde es hingegen bitter: Das Aus für teure Pellet-Heizungen und wohl auch für die Wärmepumpen wäre vermutlich unvermeidbar, und den Solarheizanlagen dürfte es nicht viel besser ergehen. Moderne Gasheizungen würden die Ölheizungen verdrängen und viele Häuslebauer dürften sich auch für einen Gasherd entscheiden (der beim Kochen schon immer überlegen war). Den Kunden, die Geld übrig haben und ihr Umweltimage pflegen möchten, könnte man gasbetriebene kleine Blockheizanlagen verkaufen. Für die Grundstoffindustrie wäre eine sichere und günstige Gasversorgung ein guter Grund, nicht ins Ausland abzuwandern.