01.07.2004

Endstation Sucht?

Kommentar von Kurt Gritsch

Wie Staat und Gesellschaft das Drogenproblem in den Griff kriegen wollen. Ein Gegenvorschlag von Kurt Gritsch.

„Jede Form des Drogenverbotes ist in der Vergangenheit gescheitert. Dies wird auch bei der heutigen Verbotspolitik gegenüber Cannabis, Ecstasy, Speed, Heroin und Kokain nicht anders sein.“

(Jugend- und Sozialforscher Klaus Hurrelmann, Bielefeld)

Im Herbst 2003 verabschiedete die italienische Regierung einen von Gianfranco Finis konservativ-nationalistischer Alleanza Nazionale (AN) ausgearbeiteten Gesetzesvorschlag, der eine drastische Verschärfung staatlicher Sanktionen nicht nur gegen Drogenhändler, sondern vor allem gegen Drogenkonsumenten vorsieht. Das voraussichtlich noch 2004 in Kraft tretende Gesetz hebt die Unterscheidung zwischen harten und weichen Drogen auf. Dies hat zur Folge, dass auch der Genuss von Haschisch strafrechtliche Konsequenzen nach sich zieht: entweder in Form einer einjährigen Drogentherapie oder aber einer mehrjährigen Haftstrafe. Die Opposition hat Widerstand angekündigt. Es bleibt zu hoffen, dass sie Erfolg hat.

Vorwand für die verschärfte Politik ist die nach Ansicht der Regierung gescheiterte Drogenprävention. Die Gründe für den neuen alten harten Kurs liegen einerseits in der Zunahme restriktiver Tendenzen in den westlichen Demokratien (siehe die internationalen Kampagnen gegen das Rauchen, Cannabisanbau und Alcopops), im aktuellen Fitness- und Gesundheitsfieber, jedoch auch in der konservativen Weltanschauung der Regierungskoalition, vor allem von Finis AN. Inhaltlich ist dies nichts wirklich Neues; Kern dieser Anschauung ist das fehlende Vertrauen in die menschliche Vernunft zur Lösung gesellschaftlicher Probleme.

Der Ansatz der italienischen Politik basiert darauf, dass Drogen grundsätzlich und ohne Differenzierung abzulehnen seien. Weil dem Individuum ein eigenverantwortliches Handeln im Umgang mit Suchtmitteln nicht zugetraut wird, soll der Staat in Form von Gesetz und Bestrafung zum Wohle seiner Bürger eingreifen.

Existiert ein „Drogenproblem“?

In allen Gesellschaften werden Suchtmittel verwendet; ihr Konsum ist nicht nur weit verbreitet, sonder oft Teil der Kultur. Ein „Drogenproblem“ ist eine Definitionssache. Heroin ist negativ belegt, obwohl ein kontrollierter Konsum zwar abhängig macht, nicht jedoch zum Tode führt. Alkohol verursacht schwere psychische und physische Schäden; dennoch gilt Bier-, Wein- oder Schnapstrinken in den westlichen Gesellschaften und insbesondere in Italien als akzeptiert. Die Verwendung von Haschisch wiederum wird, obwohl weit ungefährlicher als Alkohol, immer weniger toleriert.

Es würde sich lohnen, der Frage nach den psychischen Auswirkungen verschiedener Drogen nachzugehen und die seelischen Dispositionen zur Diskussion zu stellen, die zum Konsum von Suchtmitteln und / oder in die Abhängigkeit führen. Dazu möchte ich hier nur eine Beobachtung aus Gesprächen mit Schülern wiedergeben: Immer wieder wurden Druck, Existenzängste, Perspektivlosigkeit und ähnliches als Begründung für den Griff zum Suchtmittel genannt.

Befürworter verschärfter Drogenpolitik führen nach wie vor das Argument ins Feld, das Verbot und die Bestrafung von Suchtmittelkonsum würde Menschen vom Umgang mit Drogen abhalten. Das sehe ich nicht so. Gerade als Lehrer stimme ich mit dem Ziel, junge Menschen nicht zu Süchtigen verkommen zu lassen, völlig überein. Das Ziel einer vernünftigen Drogenpolitik sollte es aber sein, die Bürger für die Gefahr der Abhängigkeit zu sensibilisieren und zu einem eigenverantwortlichen Umgang mit Suchtmitteln zu erziehen. Das Beispiel der Niederlande zeigt, dass eine liberale Drogenpolitik möglich ist.

Ist die Prävention gescheitert?

Die Statistik erfasst die steigende Anzahl derer, die zum Joint greifen, nicht aber jene, die durch sinnvolle Aufklärung davon ablassen. Die Gründe für den steigenden Konsum bleiben hingegen unerfasst. Dies stellt das zentrale Problem dar: Anstatt sich über die vielschichtigen Motive sozialer und emotionaler Natur Gedanken zu machen, die vor allem Jugendliche veranlassen, zu Suchtmitteln zu greifen, stürzen sich konservative Analytiker eindimensional auf das angebliche Versagen der Prävention.

Demgegenüber möchte ich hier für ein anderes Modell plädieren, das auf drei Säulen ruht:

1. Eigenverantwortlichkeit

Im Mittelpunkt stehen Sensibilisierung für die Thematik, Selbstverantwortung und Eigenständigkeit. Drogen sind kein Teufelszeug, sondern Bestandteil des Lebens, dessen Ausblenden das Phänomen keineswegs an der Wurzel packt. Im Gegenteil: Durch rigide Bestrafung wird die Thematik kriminalisiert, mit allen negativen Folgen. Gerade unter Jugendlichen entsteht, bedingt durch das Sich-Abgrenzen-Wollen gegenüber den Erwachsenen, erst jener Reiz, den das Verbotene ausübt. Deshalb ist es sinnvoll, nicht zu verbieten, sondern zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit Drogen zu animieren.

2. Prävention

Verstärkte Prävention, Aufklärung anstatt Verbot, rationale Auseinandersetzung anstelle von Panikmache sind die Gebote der Stunde. So, wie sich niemand wegen einer Flasche Bier oder eines Joints als Süchtiger diskriminiert fühlen sollte, ist es andererseits wichtig, auf Symptome der Abhängigkeit und Folgen einer Sucht hinzuweisen, um ein Gefühl von mehr Sicherheit und rationaler Erwägungen anstelle von Angst und Panik im Umgang mit Drogen zu erwecken. Ziel der Prävention sollte es sein, eine realistische, vernünftige und keine irrationale Betrachtungsweise zu fördern.

3. Kontrolle

Die Legalisierung von weichen und harten Drogen, kombiniert mit dem staatlichen Vertrieb und gesetzlicher Kontrolle derselben, ist letzten Endes sowohl für den Staatshaushalt als auch für das Individuum förderlicher. Wenn der Staat Süchtigen unter ärztlicher Aufsicht Heroin verkauft, wie dies in Zürich bereits der Fall ist, erhält er Steuereinnahmen, welche ins Sozialsystem fließen und so die Kosten, welche Drogensüchtige als Sozialfälle verursachen, wieder ausgleichen oder sogar übertreffen. Dadurch wäre neben dem derzeitigen Verlust von Milliardeneinnahmen an kriminelle Organisationen und der Finanzierung eines teuren Polizeiapparates auch der Verdrängung des Drogenkonsums in die Illegalität sowie der Beschaffungskriminalität ein Ende gesetzt, wie das Beispiel Alkohol in den USA beweist.