01.09.1999

Emotionen regieren das Land und die Politik geht in Frührente

Essay von Frank Furedi

Wahlen in den USA und Europa zeigen es: Die Menschen haben das Interesse an Politik verloren. An die Stelle von Politik tritt das von Emotionen geleitete Individuum. Frank Furedi über die Kultur der Gefühle und den Staat als Therapeuten.

Wahlen sind heute tendenziell peinlich, denn sie zeigen, in welch desolatem Zustand sich die politische Landschaft mittlerweile befindet. In den USA hat sich aus dem Mangel an politischer Beteiligung inzwischen mehr als ”Apathie” entwickelt. 1960 lag die Wahlbeteiligung bei den Präsidentschaftswahlen noch bei 62,5 Prozent. Bis 1996 ging sie auf 49 Prozent zurück und erreichte damit ihren Tiefstand seit den siebziger Jahren. Bedenkt man, daß diese Zahlen, verglichen mit der Wahlbeteiligung zu den Wahlen des US-Repräsentantenhauses (etwa 35 Prozent), beeindruckend hoch sind, wird klar, wie brisant die Lage ist.

Vorbei sind auch die Zeiten, in denen Kommentatoren in Europa das Phänomen der extremen Politikverdrossenheit bequem nur für die USA feststellen konnten. Denn auch in Europa geht das Gespenst der Wählerapathie um. Nicht erst seit den Europawahlen in diesem Jahr wird beispielsweise in Deutschland mit großer Sorge über das Phänomen der Nichtwähler diskutiert. Hilflosigkeit macht sich breit, und in manchen Kreisen denkt man schon laut über die Einführung eines Wahlzwangs nach.

“Die Menschen sind davon überzeugt, daß Politik irrelevant geworden ist und der Ausgang von Wahlen auf ihr Leben nur wenig Einfluß hat”

Daß der Wählerverdruß sich in einem fortgeschrittenen Stadium befindet, wird in England daran deutlich, daß selbst der angeblich überwältigende Sieg der Labour Partei von Tony Blair im Jahre 1997 nur von 31 Prozent der Wahlberechtigten getragen wurde. Insgesamt war die Wahlbeteiligung bei dieser Wahl sogar die niedrigste seit 1945. Auch die Wahlen demokratischer Vertretungen in Schottland und Wales im Mai dieses Jahres zeigen das mangelnde Interesse der Wähler. Die Mehrheit der Wähler in Wales (genauer 46 Prozent) machte mit dieser Wahl keine Geschichte, sondern blieb zu Hause. Und in Schottland konnte auch ein Werbeetat von mehreren Millionen Pfund nichts daran ändern, daß über 40 Prozent der Wähler sich lieber nicht an den Wahlen beteiligten. Das mit Abstand schlimmste Ergebnis aber ergaben die Kommunalwahlen: Nur 29 Prozent der Wahlberechtigten gingen zur Wahlurne.

Die politische Elite Englands reagiert auf diesen Mangel an öffentlichem Interesse an der Wahl mit beispielloser Naivität. Sie diskutiert darüber, wie die Stimmabgabe erleichtert werden kann: Stichwort Wahlurnen in Supermärkten oder die elektronische Wahlurne im Internet. Das Problem ist nur, daß das öffentliche Leben von solcherart technischen Lösungen wohl kaum wiederbelebt wird. Sie können lediglich helfen, den Schein zu wahren, weil man mehr Menschen dazu bringen kann, ihre Stimme abzugeben. Das Pferd wird sozusagen von hinten aufgezäumt. Denn die mangelnde Begeisterung für die Wahlen ist nicht darauf zurückzuführen, daß die Menschen zu beschäftigt sind oder der Weg zur Wahlurne schlecht ausgeschildert wäre. Hinter der Politikverdrossenheit verbirgt sich etwas viel grundlegenderes: Die Menschen sind davon überzeugt, daß Politik irrelevant geworden ist und der Ausgang von Wahlen auf ihr Leben nur wenig Einfluß hat.

Der Rückgang der Wahlbeteiligung ist Ausdruck einer fortschreitenden Desillusionierung der Menschen hinsichtlich des politischen Systems. Umfragen in den USA haben ergeben, daß Regierungen mit ihrer Politik zusehends weniger Zustimmung finden. Noch 1958 waren sich über 75 Prozent der Amerikaner sicher, daß ihre Regierung richtig handelt, 1990 waren nur noch 28,2 Prozent dieser Meinung. Eine Umfrage aus dem Jahre 1996 belegte zudem, daß 64 Prozent der Amerikaner entweder gar kein oder nur noch wenig Vertrauen dahingehend haben, daß Regierungsvertreter die Wahrheit sagen. Und in Europa wurde festgestellt, daß etwa 45 Prozent der Bevölkerung unzufrieden mit der Demokratie sind.

“Glühende Verfechter revolutionärer Veränderungen trafen auf kompromißlose Befürworter des kapitalistischen Systems”

Die Desillusionierung bezüglich der Politik wird vom Zerfall traditioneller Werte begleitet. Im letzten Jahr wurde eine Studie veröffentlicht, die den Niedergang traditioneller Werte in Europa untersuchte. Darin wird eindrucksvoll dargestellt, daß Religion, nationale Werte, der Glaube an Institutionen und andere traditionelle Bezugspunkte insgesamt zurückgehen. In Belgien und Italien wird den politischen Institutionen beispielsweise ein extrem großes Mißtrauen entgegengebracht. In England und Deutschland begegnet man der Politik vor allem mit Gleichgültigkeit.

Die sprichwörtliche Entleerung des politischen Lebens hat nur wenig mit Korruption, unfähigen Politikern oder mangelnder Sensibilität der Institutionen zu tun. Vielmehr hat sich Politik insgesamt in den letzten zwei Jahrzehnten entscheidend verändert. Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts war das politische Leben vom Widerstreit verschiedener Gesellschaftsentwürfe geprägt. Die Ideen waren manchmal so gegensätzlich, daß es zu Konflikten oder gewalttätigen Auseinandersetzungen kam oder Revolutionen ausbrachen. Die Begriffe ”links” und ”rechts” waren damals jedenfalls kein bloßes Etikett. Mit ihnen verband man bestimmte weltpolitische Ansichten. Glühende Verfechter revolutionärer Veränderungen trafen auf kompromißlose Befürworter des kapitalistischen Systems. Ihre widerstreitenden Perspektiven über die Zukunft der Gesellschaft nahmen Einfluß auf die Tagespolitik.

Heute, kurz vor der Jahrtausendwende, sieht die politische Landschaft vollkommen anders aus. Politik hat nur wenig mit Leidenschaft, Engagement oder Konflikt zu tun. Es gibt weder kompromißlose Verteidiger der Marktwirtschaft noch begeisterte Verfechter revolutionärer Veränderungen. Die politischen Ideen sind dabei nicht einfach moderater geworden. Vielmehr ist die Politik frühzeitig in Rente gegangen.

Diskutiert werden im heutigen Klima mit Vorliebe Probleme, die durch menschliches Handeln angeblich nicht gelöst werden können. In den Globalisierungstheorien geht es beispielsweise darum, daß Menschen und Regierungen die Kräfte, die hinter der Globalisierung stecken, nicht kontrollieren können. Über die großen Themen unserer Zeit – die nahende ökologische Katastrophe, die Bedrohung für unsere Gesundheit, das Jahrtausendproblem – wird diskutiert, als hätten Mensch und Politik auf diese Entwicklungen keinen Einfluß mehr. Daß die Entwicklung der Welt nicht unter Kontrolle ist und die Menschen ihr Schicksal nur wenig beeinflussen können, ist heute eine Binsenweisheit. Es scheint, als sei die Menschheit angesichts eines Mangels an Alternativen gezwungen, sich ihrem Schicksal zu fügen und zu akzeptieren, daß es zur Marktwirtschaft keine Alternative gibt.
Wenn davon ausgegangen wird, daß es keine Alternativen gibt, kann Politik nur noch eine Nebenrolle spielen. Ohne Alternativen machen Debatten keinen Sinn und werden trivial. Politiker versuchen, Banales als großartige Innovation darzustellen und künstlich aufblähen. Die Vorstellung, es könne eine Alternative geben, geht in der Gesellschaft regelrecht verloren. Und so gibt es ironischerweise tatsächlich keine Alternativen mehr.

All dies ist das Resultat des Streits der Ideologien in den letzten beiden Jahrhunderten. Zunächst wurden sozialistische und kommunistische Ideen diskreditiert. Schon im Kalten Krieges hatten sie aufgrund der Entwicklungen in der Sowjetunion erheblich an Anziehungskraft verloren. Aber auch Gesellschaftsentwürfe wie der Sozialstaat sind historisch gescheitert. Die Verteidiger des Kapitalismus haben gegen diese Ideen einen historischen Sieg errungen, allerdings nicht ohne einen hohen Preis dafür zu bezahlen. Sie konnten die kraftvolle Kritik der Systemgegner nur abwehren, indem sie deren Ideen zu einem großen Teil in ihr Gedankengut integrierten und so ihre eigene intellektuelle Schärfe verloren. Daher finden traditionell rechte Ideen – sozusagen in reiner Form – heute keine breite gesellschaftliche Unterstützung mehr.

Wenn sich der Standpunkt durchsetzt, es gäbe zur Marktwirtschaft keine Alternative, werden neue Aussagen über das politische Leben, aber auch über die Entwicklungsmöglichkeit der Menschheit getroffen. Politik verkörpert heute den Abschied von einer Sichtweise, bei der der Mensch im Mittelpunkt allen Denkens und Handelns steht. Individuen erscheinen als wehrlose und mittellose Gestalten, angewiesen auf den Rat von Fachleuten, weil sie mit den alltäglichen Dingen des Lebens nicht zurechtkommen. Statt dem Streben nach mehr fördert die Gesellschaft ein Klima der Selbstbeschränkung.

Der Zeitgeist verurteilt jeden, der ”zu große” Ambitionen hat. Wer versucht, sein Leben selbst zu gestalten, wird schnell als Exzentriker abgestempelt. Wer sich weigert, über seine Schwächen zu sprechen, verleugnet sich angeblich selbst. Menschen, die Risiken eingehen, wirft man vor, daß sie andere damit einem Risiko aussetzen. Modernes Heldentum bedeutet nicht mehr, Grenzen zu überwinden, sondern Schwächen zu akzeptieren und zu überleben. Kaum verwunderlich, daß dieser Trend zu einer weiteren Entfremdung der Menschen von der Politik beiträgt, denn der einzelne wird als Opfer von äußeren Umständen, die nicht unter Kontrolle sind, dargestellt, und Politik verliert jede Relevanz.

“Die Politik der Emotionen ersetzt die Auseinandersetzung über verschiedene Ideologien und philosophische Prinzipien”

Wir leben inmitten einer Kultur der Selbstbeschränkung, die sich durch eine Popularität des Opferbewußtseins, von Emotionen und von Therapie auszeichnet. Zwischenmenschliche Beziehungen erscheinen als Aneinanderreihung pathologischer Zustände, und das Individuum wird durch das Prisma von Krankheit und Sucht wahrgenommen. Sobald der eigene Horizont einmal auf diese Weise beschränkt worden ist, ist der Schritt von der Beschränkung des ”Ichs” zu einer ausschließlichen Beschäftigung mit dem ”Ich” nicht mehr weit. Über dem ”Ich” bewegt sich eine starre politische Landschaft, die der einzelne um jeden Preis zu meiden sucht. Denn die Rhetorik der therapeutischen Politik bestärkt Menschen darin, sich in ihrer Haut wohl zu fühlen, sich selbst zu verwirklichen, sich im Einklang mit ihren Gefühlen zu befinden und ihre Bedürfnisse zu verstehen, egal, was um sie herum geschieht.

Die Opferkultur verbindet den Ruf nach Hilfe durch Therapie und professionellen Rat mit der entschiedenen Ablehnung politischer Entwürfe. Da Politik eine gewisse Autonomie des einzelnen und den Glauben an die Effektivität menschlichen Handelns voraussetzt, ist dies wenig überraschend. Außerdem geht es bei Politik um mehr als nur die Beschäftigung mit der eigenen Person. Eine Kultur, die auf einem beschränkten Begriff des einzelnen aufbaut, fördert introvertierte Sichtweisen und Mißtrauen gegenüber anderen Menschen. Wenn das eigene ”Ich” zum Referenzpunkt für alles andere wird, erscheint Politik zwangsläufig fremd und irrelevant. Die Kehrseite dieser Entfremdung von der Politik ist, daß die Beschäftigung mit den eigenen Gefühlen als großer Beitrag zur Entwicklung des Individuum betrachtet wird. Und umgekehrt ist die offizielle Politik schlicht weniger wichtig für die Menschen, weil sie wenig mit dem zu tun hat, was sie empfinden. Die Politik der Emotionen ersetzt die Auseinandersetzung über verschiedene Ideologien und philosophische Prinzipien.

Politiker, die in diesem Klima bestehen wollen, müssen sich an die Politik der Emotionen anpassen. Sie müssen erkennen, daß ihre politischen, ideologischen und moralischen Bindungen zur Wählerschaft brüchig geworden sind und traditionelle Formen der Parteienpolitik, der politischen Werte und Identitäten sich keiner großen Beliebtheit erfreuen können. Die Politik hat sich an die therapeutische Gesinnung angepaßt, um wieder Zugang zu den Wählern zu finden. Die Regierung Clinton hat diesen Stil bis zur Perfektion entwickelt. Sie findet nun in England und zunehmend auch in Europa ihre Nachahmer.

In seiner Studie zum therapeutischen Staat hat der amerikanische Soziologe James Nolan festgestellt, daß die therapeutische Rhetorik, die Clinton während der Wahlen von 1992 betrieben hatte, einen entscheidenden Wandel im politischen Diskurs bewirkte. Clinton und sein engster Vertrauter Al Gore hatten öffentlich über ihre privaten Probleme gesprochen, über Roger Clintons Drogenabhängigkeit und den Alkoholismus des Stiefvaters. Seit 1992 spricht Clinton unentwegt öffentlich über seine Gefühle und persönlichen Fehler und Niederlagen. Nolan weist darauf hin, daß die therapeutische Rhetorik endgültig im Jahre 1996 auf den Parteitagen der Republikaner und der Demokratischen Partei Einzug erhielt.

In England versucht die Labour Partei von Tony Blair diesen Politikstil nachzuahmen. Auf dem Parteitag von 1996 setzte sich die therapeutische Politik schließlich durch. Tony Blair erwirkte, daß der Parteitag eine Schweigeminute für die Opfer von Dunblane einlegte. Eine Aktivistin für die Opfer von Dunblane hielt eine emotionale Rede über die Opfer, die, nebenbei bemerkt, als wichtigster Höhepunkt des Parteitages in Erinnerung bleiben sollte. Die konservative Partei weigerte sich, die Aktivistin auf ihren Parteitag einzuladen und demonstrierte so einmal mehr ihren Mangel an Anpassungsfähigkeit an das neue Klima und ihre Unfähigkeit im Medienmanagement.

Auf welch schamlose Art und Weise Opferhelden heutzutage benutzt werden, um der Politik ein ”menschliches” Antlitz zu geben, zeigte sich jüngst vor den Wahlen zum Europäischen Parlament. Das Wahlprogramm der Parteien verblaßte förmlich neben Wahlwerbespots, in denen sich eine Aktivistin für den Schutz von Kindern vor Gewalt einsetzte. Die therapeutische Politik meidet Fragen von Politik und Prinzipien und versucht über Emotionen und rührselige Geschichten eine Verbindung zur entfremdeten Wählerschaft aufzubauen.

“Fest steht, daß die Politik ihre Bedeutung nicht wiedererlangen kann, solange nicht mit der Kultur der Selbstbeschränkung gebrochen wird”

Daß Emotionen mehr wert sind als Intellekt, zeigt, welch dramatische Folgen die ganze Entwicklung für die Demokratie haben kann. Individuen, deren Hauptbeschäftigung es ist, ihren emotionalen Haushalt in Ordnung zu halten, werden leicht zur Zielscheibe therapeutischer Intervention. Statt aktiver Bürger werden Menschen zum Futter für Therapeuten. Kein Wunder, daß der Einsatz von Therapie und professioneller Berater mittlerweile zu einem der größten staatlichen Wachstumssektoren geworden ist. In einem politisches System, in dem die öffentliche Zurschaustellung von Gefühlen gefeiert wird, ist der Glaube an die Fähigkeit der Menschen, rational zu handeln, verloren gegangen. Und sobald Gefühle von Menschen als wichtiges öffentliches Thema anerkannt sind, kann es eigentlich nicht mehr lange dauern, bis wir von oben verordnet bekommen, wie wir uns zu fühlen haben.

Was heißt das nun für diejenigen, die möchten, daß sich die politische Landschaft wieder entwickelt? Fest steht, daß die Politik ihre Bedeutung nicht wiedererlangen kann, solange nicht mit der Kultur der Selbstbeschränkung gebrochen wird. Daher ist es wichtig, sich gegen die Politik der Gefühle und ihre anti-humanistischen Folgen zu richten. Denn Individuen, die ständig ermuntert werden, sich mit sich selbst zu beschäftigen, haben zwangsläufig wenig Interesse daran, sich gemeinsam mit anderen für Dinge zu engagieren, die sie nicht unmittelbar betreffen. Häufig wird Mitmenschen heute ein größeres Mißtrauen entgegengebracht als staatlichen Institutionen. Und solange Menschen ihren Nachbarn mehr fürchten als den machtvollen Staat, ist die Entfremdung der Menschen von der Politik für den Staat selbst nicht unbedingt ein Problem.

Die entscheidenden Auseinandersetzungen finden in Zukunft im Bereich der Kultur und der Ideen statt. In einer Zeit, in der die Gesellschaft intellektuell hinter die Ideen der Aufklärung zurückfällt, kann der Versuch, den Glauben an das historische Potential der Menschheit zu stärken, mehr als alles andere dazu beitragen, die Politik aus der Frührente zurückzuholen.