28.09.2011

Eine politisch unkorrekte Verbindung!

Essay von Georg Keckl

Die Ehec-Epidemie hielt im Sommer das Land in Atem; sie forderte Dutzende Todesopfer. Ihr Auslöser lag auf einem Bio-Bauernhof. Haben Politik, Behörden und Medien dies in vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem grünen Zeitgeist erst nicht wahrhaben wollen?

Im Frühsommer dieses Jahres schwappte eine Epidemiewelle durch das Land und kostete 53 Todesopfer. Verursacht wurde sie durch das Ehec-Bakterium. Insgesamt erkrankten 3.842 Personen, ein landwirtschaftlicher Betrieb wurde gesperrt. Anders als beim so genannten Dioxinskandal im vorherigen Jahr, der trotz seiner Harmlosigkeit (0 Tote, niemand hat sich den Magen verdorben) zu panikartigen Reaktionen von Politik und Verbraucherverbänden führte (zum Beispiel wurden cirka 4.500 landwirtschaftliche Betriebe gesperrt), blieben die Akteure in diesem Fall erstaunlich ruhig – es gab keine massenhaften Hofschließungen und auch die Medien berichteten sehr vorsichtig. Woran kann das gelegen haben? Etwa daran, dass die Ehec-Epidemie ihren Auslöser in einem bio-veganen Bauernhof nahm? Hatte der gegenwärtige Bio-Boom die zuständigen Behörden blind gemacht dafür, die im Rückblick eindeutige Fährte dorthin zu sehen? Haben Politiker und Medien es in vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem grünen Zeitgeist unterlassen, bestimmte Fragen zu stellen? Jetzt, wo ein paar Monate ins Land gestrichen sind, ist es an der Zeit, die Ereignisse noch einmal Revue passieren zu lassen und kritisch zu hinterfragen.

Vorab seien einige biologische Fakten genannt: Enterohämorrhagische Escherichia coli-Bakterien (Ehec) sind eine Form der millionenfach im Darm von Mensch und Tier vorkommenden Escherichia coli Bakterien (E.coli). Am Anfang jeder Ehec-Vergiftung steht irgendwo die Aufnahmen von Fäkalkeimen, die dann auch weitergegeben werden können. Hygiene verhindert und unterbricht die Ansteckungskette. Das Ehec-Bakterium kann beim Menschen, im Gegensatz zu normalen, nützlichen E.coli, im Darm Giftstoffe („Shiga-Toxine“) produzieren. Die Shiga-Toxin bildenden E.coli werden nach bestimmen Detailunterschieden unter Bezeichnungen wie STEC, Ehec oder EAHEC summiert. Ein geringer Teil der Ehec-Erkrankten entwickelt eine schwere Komplikation, das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS). Auch ohne HUS zu entwickeln, können Menschen an den Folgen der Ehec-Vergiftungen sterben. In Deutschland kam es beim diesjährigen Ausbruch zu 3.844 Krankheitsfällen, davon 2.987 Ehec-Fälle und 855 HUS-Fälle. 53 Patienten sind gestorben, davon 18 Ehec-Erkrankte und 35 HUS-Patienten. [1]

Der Keim kam bisher vom Rind

Ehec-Bakterien kommen im Darm von Wiederkäuern (Rinder, Schafe, Ziegen etc.) natürlich vor, ohne dort Schaden anzurichten. Bei jeder Ehec-Welle sind deswegen vor allem Rindfleisch oder Rohmilch zuerst im Verdacht, durch Hygienemängel Ehec-Bakterien vom zum Beispiel Rind auf den Menschen übertragen zu haben. Bei dem für die Ehec-Toten von Mai bis Juli verantwortlichen Ehec-Keim handelt es sich um eine Mutation. Göttinger Wissenschaftler schlugen dafür den Namen EAHEC [2] vor, weil der für das Ausbruchsgeschehen verantwortliche Bakterienstamm zu 93 Prozent mit einer bei Menschen nachgewiesenen E.coli-Form (EAEC) übereinstimmt. Der für den Ausbruch verantwortliche Ehec-Serotyp O104:H4 wurde bei Tieren noch nicht gefunden, ist im Menschen mutiert und wurde von Menschen verbreitet. [3] Infizierte Menschen, die den Keim auch nach einer Behandlung noch eine Weile ausscheiden, sollten Menschenansammlungen meiden [4] und schon gar nichts mit einer Lebensmittelzubereitung zu tun haben, auch wenn alle Hygienemaßnahmen eingehalten werden. O104:H4 wurde von Mensch zu Mensch und über von Menschen verunreinigte Lebensmittel weitergegeben. Empfindliche Menschen sind daran schwer erkrankt, andere nicht. [5]

Ehec und HUS begleiten den Menschen schon immer. Bis zum Mai 2011 waren in Deutschland cirka 20 Ehec-Fälle pro Woche normal. Ehec war bisher eine Zoonose, das heißt, es kam immer zu einer Übertragung vom Tier auf den Menschen oder zu einer Verunreinigung von Lebensmitteln durch erkrankte Menschen. [6] In nur cirka vier bis zehn Prozent der Fälle entwickelten die Patienten HUS. Im Mai 2011 stieg die Zahl der gemeldeten Fälle im Großraum Hamburg plötzlich stark an. Mit 122 Ehec-Meldungen an einem Tag wurde am 22. Mai eine Spitze erreicht. Nun entwickelten 13 Prozent der Männer und 19 Prozent der erkrankten Frauen ein HUS. Die ungewöhnliche Häufung von HUS deutete schon auf einen neuen, gefährlicheren Erregertyp hin.

Die bösesten Satiren schreibt das Leben

Das teuerste Medikament der Welt heißt „Soliris“. [7] 5.800 Euro kostet eine Ampulle. „Soliris“ rettete das Leben von schwer an HUS erkrankten Menschen, verhinderte noch mehr Tote durch Ehec-verseuchte Bio-Produkte, ist gentechnisch hergestellt, hat keine Zulassung für HUS und wurde deswegen von der Herstellerfirma in Erwartung eines Verkaufserfolges kostenfrei zur Verfügung gestellt. Eigentlich eine Steilvorlage für Gentechnik-Bedenkenträger aller Art, wären nicht zugleich Verbreiter und Leidtragende des Ehec-Skandals stark der Bio-Szene zuzurechnen. So gab es keinerlei Proteste gegen den Einsatz eines mangelhaft geprüften Gen-Medikamentes, eher Lob an die Ärzte für den Mut zum Wagnis. Unter den Patienten, viele weiblich, jung und gebildet, fanden sich auch keine, die den Einsatz des gentechnisch hergestellten Medikamentes prinzipiell abgelehnt hätten, obwohl doch gerade in dieser Bevölkerungsgruppe die Ablehnung aller Gentechnik-Anwendungen, auch der medizinischen, in allen Umfragen am größten ist. [8] Ehec war nicht nur eine Krankheitswelle, Ehec hat liebgewonnene Bio-Bilder zerstört. Man könnte es für eine Realsatire halten: bio, regional, kleinbetrieblich und vegan gelten als der Gipfel der politisch korrekten Ernährung. Aber eine bio-vegane Gärtnergemeinschaft, ein überzeugter Pionier der Ökobewegung, der die Verbraucher mit den gesündesten, umweltfreundlichsten Lebensmitteln versorgen wollte, haben höchstwahrscheinlich die große Ehec-Welle in Norddeutschland unverschuldet losgetreten und ein von der Bio-Szene einstmals erbittert bekämpftes Gentechnik-Produkt rettet die erkrankte Bio-Kundschaft.

Behinderten Patienten die Suche nach den Erregern?

Will man eine Ehec-Krankheitswelle stoppen, weitere Kranke und Tote verhindern, muss man so schnell wie möglich, die Quelle der Ehec-Bakterien finden und eliminieren. „Nahrungsmittel, die bereits bei vorherigen Ausbrüchen als Ursache identifiziert werden konnten, wie zum Beispiel Rindfleisch, Gemüsesprossen oder Rohmilch, wurden seit Beginn der Ausbruchsuntersuchungen explizit erfragt“ [9], so meldete es das Robert-Koch-Institut (RKI). So hätte es auch sein müssen, aber das RKI hat auf den ersten Fragebogen die Sprossen gar nicht explizit aufgeführt. Daran seien die Patienten selbst schuld gewesen, so der Präsident des RKI, Prof. Burger, am 7. Juni 2011 in der ARD-Sendung „Beckmann“, als man ihn diese Panne vorhielt: „Bei den ersten Befragungen hat keiner angegeben, dass er Sprossen gegessen hat“. [10] Sprossen gelten seit einer großen Ehec-Epidemie 1996 in Japan als mögliche Überträgerquelle von Ehec [11], worauf das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zuletzt im Mai 2011, also unmittelbar vor dem Ausbruch, erneut hingewiesen hat. [12] Das BfR fand im Laufe der Jahre schon mehrmals Ehec auf Sprossen. Im vergangenen Jahr riet die Verbraucherzentrale Bayern Kleinkindern, Schwangeren und geschwächten Menschen vom Verzehr roher Sprossen generell ab. [13] Ob manche Patienten aus Sympathie für Bio-Produkte und Stolz auf ihr „politisch korrektes“ Ernährungsverhalten, bewusst oder unbewusst, Bio-Produkte und ihre Hersteller nicht belasten wollten, damit ein in der wissenschaftlichen Statistik bekanntes „gewünschtes Antwortverhalten“ zeigten, wurde anscheinend nicht geprüft.

Vegetarier retteten den Fleischmarkt

Warum wurde immer wieder vor Gurken, Tomaten, Blattsalaten gewarnt? So stark konnten die Anhaltspunkte für diese drei zu Unrecht verdächtigten Gemüsearten nicht sein, denn es wurden nicht einmal die norddeutschen Hersteller gesperrt. Nach der lokalen Ausbruchshäufigkeit musste die Quelle in Norddeutschland liegen, aber so früh im Jahr waren kaum norddeutsche Erzeuger mit ihrer Ware am Markt. Der Gurken-, Tomaten- und Salatmarkt wurde noch stark von Importware geprägt. Spanische Gurken und Salate werden in ganz Europa gegessen, aber der Ausbruchsspot befand sich aber nur in und um Hamburg. Das RKI gab als Grund der Warnung an: „Dabei ergaben epidemiologische Analysen, dass betroffene Patienten signifikant häufiger rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate verzehrt hatten als gesunde Studienteilnehmer.“ [14] Die Öffentlichkeit gewann so den Eindruck, dass allein eine auffallende „Verzehrshäufigkeit“ bei den Erkrankten zu den Allerweltsgemüsearten Gurken, Tomaten und Blattsalaten führte. Es wurde nicht mitgeteilt, dass das sonst hauptverdächtige Fleisch deswegen ausschied, weil unter den ersten Erkrankten überproportional viele Vegetarier waren. Prof. Reinhard Brunkhorst, Präsident des Verbandes der Nierenärzte (DGfN), sagte dazu in einer Fernsehsendung: „Wir hatten von den ersten 10 Patienten drei Patientinnen, die Vegetarierinnen waren. Da konnte man von vornherein ausschließen, dass Fleisch oder irgendetwas anderes eine Rolle spielen konnte. Das zeigt eigentlich deutlich, dass es etwas mit Gemüse und vielleicht Obst zu tun haben muss“. [15] Eine „Patienteninformation“, so wie das RKI sie lieferte, in der wichtige Argumente fehlen, ist nicht mehr zeitgemäß und grenzt an eine Irreführung.

Sprossen enttarnten Bio-Vorurteile

Nun waren noch Rohmilchprodukte und Sprossen auszuschließen, wobei der Name Sprossen auffallend oft vermieden wurde. [16] Sprossen wurden mit der Bio-, Schlankheits-, Gesundheits- und Rohkostwelle immer beliebter. Wer bei einer Ehec-Welle nicht sofort und explizit nach Fleisch, Milch und Sprossen fragt, nährt zumindest Zweifel an seiner Unvoreingenommenheit. Sprossen haben in Deutschland ein Alleinstellungsmerkmal: Sie stammen schon zu fast 100 Prozent aus biologischem Anbau. Rohmilch darf heute nur noch sehr selten von sehr wenigen, penibel geprüften Erzeugern abgegeben werden, und Rohmilchprodukte sind auch die Ausnahmen im norddeutschen Milchregal, so dass eine Infektion über diesen Weg zu keiner so weiten Streuung hätte führen können. Aber warum wurden die Sprossen voreilig aus dem Kreis der Hauptverdächtigen genommen? Dazu das Deutsche Ärzteblatt am 10. Juni: „Die Epidemiologen entschieden sich jedoch dagegen, der Spur nachzugehen. Der Verzehr von Sprossen erschien bei den Patienten, die durch eine besonders bewusste und aufmerksame Ernährungsgewohnheit auffielen, nicht ungewöhnlich zu sein. Der Einschluss zu vieler Expositionen könne bei Untersuchungen dieser Art den Verdacht schnell in eine falsche Richtung lenken.“ [17] Dass es nun gerade diese „besonders bewussten und aufmerksamen Ernährungsgewohnheiten“ waren, die die Ansteckung förderten, diesen offensichtlichen Zusammenhang erkannten die Epidemiologen nicht. Der Bio-Spur ging man nicht mit Eifer nach. Die Ehec-Bakterien kamen für die Epidemiologen aus der „falschen Richtung“, sie tarnten sich heimtückisch hinter gesundheitsbewussten Frauen, Vegetarierinnen, Bio-Produkten, Bio-Läden, Ökolandbau, Erkrankten aus besseren Bildungsschichten, Berufen und Stadtteilen. Es gab zwei Patientengruppen bei der Ehec-Welle, 1) Kunden, die Bio-Produkte gekauft hatten und 2), Restaurantbesucher, denen Sprossen als Salat angeboten wurde oder denen Sprossen als Edel-Deko über Salate oder Suppen gestreut wurde. Der deutsche Bio-Bonus verhinderte unvoreingenommene Ermittlungen bei der erstgenannten Patientengruppe aus der „falschen Richtung“.

Die Opfer achten auf bewusste Ernährung

Statt sich Sorgen um eine „falsche Richtung“ zu machen, hätten die Epidemiologen nur die üblichen drei Hauptverdächtigen besser examinieren müssen, dann wären sie lebensrettend früh bei den Bio-Sprossen gewesen. So hat sie die Beobachtung, dass viele Patienten mit „besonders bewusster und aufmerksamer Ernährungsgewohnheit“ Bio-Kunden sind, nicht zur Bio-Lösung des Falles gebracht. Die Häufung von Ehec-Infektionen bei Vegetariern [18], insbesondere Vegetarierinnen, bei Veganern, bei Kunden, die nur im Bio-Laden eingekauft haben [19], bei Kunden, die angaben, Abonnenten von Bio-Gemüsekisten zu sein [20], hätte die Sperrung sämtlicher Bio-Produkte in Deutschland zur Folge haben müssen, hätte man die gleichen Sperrungs-Maßstäbe wie beim Dioxinskandal im Januar 2011 angewendet. Es wurden damals rund 4.500 viehhaltende Betriebe in Norddeutschland zeitweise gesperrt, mehr als es hier überhaupt Gemüseerzeger gibt. Zu fast 100 Prozent war diese Sperrung nicht gerechtfertigt, wurden keine Grenzwertüberschreitungen in den Produkten der Landwirte festgestellt. Das war zu akzeptieren, denn Vorschriften sind einzuhalten. Und nun waren bei Ehec die Hinweise überdeutlich, dass ein Gemüseerzeuger, genauer ein Bio-Gemüseerzeuger, aus Norddeutschland der Verursacher sein muss, aber nicht einmal die paar Bio-Gemüseerzeuger (keine 500 Betriebe) aus Norddeutschland, zu denen auch der Sprossenbetrieb bei Uelzen zählt, wurden vorsorglich gesperrt! In der Ärzteschaft der Medizinischen Hochschule Hannover wurde angesichts des Patientenkreises früh vermutet, dass da auf einem Bio-Betrieb ein „Scheiß“ passiert sein muss. Weil nicht sein kann, was nicht sein soll, und weil eine solche Bio-Sperrung bei dem Bio-Klima in Deutschland politisch nicht durchzuhalten gewesen wäre, wurden diese Indizien zu lange übersehen, wurden Menschen auf dem Bio-Altar geopfert?

Minister Lindemann muss einen Verdacht aussprechen

Den ersten verklausulierten Hinweis auf einen Bio-Betrieb als Verbreiter der Krankheit lieferte der niedersächsische Landwirtschaftsminister am Sonntag, 5. Juni, 18:00 Uhr auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz. Er berichtete von einer Indizienkette zu einem niedersächsischen Gemüseerzeuger mit Schwerpunkt Sprossen. Der Betrieb sei gesperrt worden. Minister Lindemann machte es sich nicht leicht, an diesem Sonntag vor die Presse zu treten. Auf der einen Seite stand das Leben von Menschen, das durch die Warnung vor Sprossen gerettet werden konnte. Auf der anderen Seite war ihm klar, wenn sich dieser Verdacht gegen den Betrieb, der ein Bio-Betrieb ist, sogar ein Biopionier der ersten Stunde, sogar ein bio-veganer Ökoerzeuger, als falsch herausstellen würde, wäre er die längste Zeit Minister gewesen. Er nahm das Wort „Bio-Betrieb“ vorsichtshalber nicht in den Mund, aber alle Presseorgane konnten aus zuvor schon durchgesickerten Informationen leicht herausfinden, dass es sich bei dem verdächtigen Betriebe um einen Bio-Betrieb handelt.
Beim Dioxinskandal im Januar haben die Grünen öffentlichkeitswirksam zum Beispiel einen Protesttisch vor dem Landwirtschaftsministerium in Hannover aufgebaut und mehr Verbraucherschutz und Verbraucheraufklärung gefordert. Nach der Sprossen-Pressekonferenz von Minister Lindemann, warf der agrarpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Friedrich Ostendorff, dem Minister laut einem Bericht in der ZEIT vom 16. Juni vor, dass es ihm bei der Pressekonferenz um eine Selbstinszenierung in der Krise gegangen sei. Er habe dabei keinerlei Rücksicht auf die Belange des Bio-Betriebs genommen. Die weiteren Reaktionen von Seiten der Grünen zum Ehec-Ausbruch blieben moderat, da die Faktenlage einfach für eine Verbreitung des Bakteriums über die Bio-Schiene sprach und der Schutz der Bio-Schiene am besten durch eine Schweigestrategie zu erreichen war.

Uneinsichtige stricken eine Bio-Dolchstoßlegende

Wenn man den noch frisch in der Erinnerung stehenden Dioxinskandal vom Januar 2011 zum Vergleich nimmt, so fallen einige Unterschiede auf. Beim Dioxinskandal kam es zu keinerlei Gesundheitsschäden. Nur ein gesundheitlich irrelevanter, extrem vorsichtig und je nach technischer Machbarkeit (nicht nach einer Gesundheitsschädlichkeit!) administrativ unterschiedlich hoch angesetzter „Grenzwert“ wurde in Verbraucherprodukten in Einzelfällen überschritten. Diejenigen, die beim Dioxinskandal an vorderster Front die Verbraucher schützen wollten, blieben bei der Ehec-Welle erstaunlich still. Dieses Schweigen wurde fast zum Allgemeingut, was die taz am 15. Juni verwundert feststellen ließ: „Konservative Agrarpolitiker, die der Biolandwirtschaft generell eher kritisch gegenüberstehen, nutzen den Fall zumindest bisher nicht gegen den Ökolandbau.“ Selbst das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt des Bayerischen Bauernverbandes hat in seiner Ehec-Bilanz (Ausgabe 32/2011 vom 12. August 2011, „Aufarbeitung des Ehec-Ereignisses“) die Buchstabenkombination „bio“ auf vier Seiten peinlichst vermieden. Man weiß, wie die taz, die dem konventionellen Landbau eher kritisch gegenübersteht, das gehandhabt hätte, wenn Ehec-Keime über Produkte des konventionellen Landbaues verbreitet worden wären. Man hätte angesichts der 53 Toten das Ende des konventionellen Landbaues gefordert. Stattdessen schrieb die taz am 8. August einen mitleidsvollen Artikel über den der Ehec-Vermehrung hauptverdächtigen Bio-Sprossenbetrieb in Niedersachsen, der auch von der Fraktionschefin der Grünen im Europäischen Parlament, Rebecca Harms, unterstützt wird. [21] Die taz strickt mit an einer „Ehec-Dolchstoßlegende“ für das irritierte Klientel, tut aber den leidgeprüften Betreibern der Bio-Hofgemeinschaft keinen Gefallen. Der Sprossenbetrieb kann nichts für die Verbreitung der Krankheit, aber die Tragik für die Betreiber liegt darin, dass schier unwiderlegbare Indizienbeweise auf diese Quelle hinweisen, auch ohne „smoking Gun“. Wie immer der Keim auf die Kleesamen und/oder in die Keimtrommeln zur Sprossenherstellung kam, niemand kann den Betreibern einen Vorwurf machen. Der Betrieb erwies sich bei Kontrollen als „blitzblank“. Aber eine keimfreie Welt gibt es nicht, nicht einmal auf Intensivstationen. Trotzdem kann die Bio-Szene es nicht verarbeiten, dass sie die Ehec-Welle auslöste. Selbst als schon unbestreitbar war, das Ehec über Bio-Produkte verbreitet wurde (5. Juni 2011) und dass der aktuelle Ehec-Keim höchstwahrscheinlich nicht aus Tieren stammt (10. Juni 2011), haben Unterstützerkreise weiter eine Bio-Entlastungskampagne geführt, die trotz aller Fakten der konventionellen Landwirtschaft die Verantwortung für die Ehec-Epidemie zuschieben wollte. Selbst im ZDF scheute man sich nicht, noch am 14. Juni die Ehec-Toten für schwach begründete Angriffe auf die angeblich Ehec-auslösende, konventionelle Landwirtschaft zu benutzen. [22] Der Landesvorsitzende des BUND Sachsen e.V., Hans-Udo Weiland, schrieb Ende Mai in einer Presseerklärung mit der Überschrift „Ehec muss als Warnung ernst genommen werden“: „Verbraucherministerin Aigner muss endlich verhindern, dass aus der konventionellen Landwirtschaft in Deutschland ein Privileg zum Töten wird“. [23]

Das Zertifikat führt zu einer Lagerhalle

Der mutmaßliche, unfreiwillige Hauptverbreiter der Ehec-Bakterien, die bio-vegane Gärtnergemeinschaft aus Niedersachsen, warb vor der schrecklichen Panne im Internet mit internationalen Bio-Zertifikaten, die auch die Bio-Qualität seiner importierten Samen belegen sollte. „Rückverfolgbarkeit“ und „Transparenz“ sind zentrale Argumente für eine Bio-Qualität. Wie „bio“ kann denn Kleesamen aus dem schon sehr fernen Ägypten sein? Der Exporteur der Bockshornkleesamen in Ägypten, zu dem die Indizienkette bei der Rückverfolgung der Ehec-belasteten Sprossen führt, ist dort so gut wie unbekannt. Und Ägypten bestreitet immer noch vehement, dass ägyptische Produkte Ehec trugen. Hier muss sich die Bio-Schiene fragen, was ihre Zertifikate wert sind, wenn vom Exporteur in Ägypten mit dem schönen Namen „Organic Green“ außer einer Lagerhalle nicht einmal ein Firmenschild zu finden ist [24], die Erzeugerbetriebe noch immer nicht offiziell benannt worden sind. Trotz der Gefahr einer schlechten Presse wäre es wichtig zu untersuchen, wo die Partie Bockshornkleesamen wirklich gewachsen ist, sollten sich Bewässerung und Düngung genau angesehen werden, um eine eventuelle Wiederholung zu verhindern.

Es gibt aber in Ägypten auch sehr bekannte Bio-Firmen, die mit Stolz ihre Anlagen präsentieren. „Bio-Qualität“ ist ein zweischneidiger Begriff, nicht erst seit Ehec. Er meint weniger eine physiologische Qualität als eine ideologische. Bio-Futtermittel können zum Beispiel durchaus physiologisch schlechter für die Tiere sein als konventionelle Futtermittel. Die Tiere können es weniger gern fressen, es kann ihnen weniger gut bekommen, aber weil die Futtermittel die Bio-Papiere haben, werden sie mit „Bio-Qualität“ beworben. Dieses „Doppelsprech“, das Praktikern mehr auffällt als Theoretikern, hält viele Bauern davon ab, zum Beispiel auf eine Bio-Schweinehaltung mit sehr guten Fleischpreisen umzustellen.

Nachdem der Bundesgesundheitsminister während der Krise zur Arbeit mahnte und versprach, offensichtlich gemachte Pannen später in Ruhe zu analysieren, ist nun schon ein Ergebnis der wochenlangen Analyse bekannt geworden. Die Post soll schneller erledigt und befördert werden, was die taz zu der treffenden Schlagzeile inspirierte: „Die Schnecke soll schneller kriechen“. [25] Die Phrase „in Ruhe analysieren“ gehört zum politischen Doppelsprech, will sagen: auf die lange Bank schieben, bis Gras über die Gräber gewachsen ist. Will man den Patienten dienen, müsste das Ehec-Kapitel von Außenstehenden, möglichst aus den USA, wo man schon besser organisiert ist, geprüft und optimiert werden.