22.05.2017

Eine menschengemachte Epoche

Essay von Alex Standish

Titelbild

Foto: NASA via Unsplash / CC0

Hinter dem Einsatz für eine neue geologische Epoche stecken menschenfeindliche Ideen

Sind wir Menschen zu einer geologischen Kraft geworden, die fähig ist, die natürliche Umwelt in einem planetaren Maßstab zu beeinflussen? Sind wir jetzt verantwortlich für sogenannte Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Wirbelstürme, Dürren und sogar Erdbeben? Haben wir das Klima über seine natürlichen Schwankungen hinaus verändert und somit die Erde in eine neue geologische Epoche befördert, nämlich das Anthropozän, in dem „die Menschheit eine planetare Kraft wurde, vergleichbar mit den geologischen und klimatischen Kräften, die früher die Phasen der Erdgeschichte definierten“? 1

Die Idee des Anthropozäns gewann im Jahr 2000 Anerkennung, als die Wissenschaftler Paul Crutzen und Eugene Stoermer den Begriff zu verwenden begannen. Allerdings kam der große Zuspruch zu der Idee, dass der Mensch vor einigen Jahrzehnten eine neue geologische Epoche einleitete, erst in den letzten paar Jahren auf. Das Anthropozän wurde in akademischen Kreisen begeistert aufgenommen, nicht allein in den Natur-, sondern auch in den Geisteswissenschaften. Es findet sich in Buchtiteln und sogar als Titel zweier neuer Fachzeitschriften (nämlich Anthropocene Review und Anthropocene). Die Internationale Kommission für Stratigraphie beauftragte im Oktober 2014 37 Wissenschaftler damit, zu bestimmen, ob das Anthropozän als neue geologische Epoche offiziell anerkannt werden soll. Die Kommission spricht ihr Urteil Ende 2016.

„Haben wir den Planeten in eine neue geologische Epoche gedrängt?“

Was also ist eine geologische Epoche und haben wir den Planeten in eine neue davon gedrängt? Das klassische System der geologischen Zeitskala unterteilt die Erdgeschichte in Äonen, Ären, Perioden, Epochen und Alter. Äonen sind die längsten Abschnitte, sie umfassen eine halbe Milliarde Jahre oder mehr. Alter sind die kürzesten, doch sie umfassen Tausende bis hin zu Millionen von Jahren. Die Einteilung beruht auf bedeutenden Einschnitten in der Erdgeschichte wie Massenaussterben und/oder große Klimaumschwünge. So begann z.B. der Jura (erdgeschichtlicher Zeitraum zwischen 201 Millionen und 145 Millionen Jahren vor unserer Zeit), als der Superkontinent Pangäa in zwei große Landmassen auseinanderdriftete. Dieser tektonische Wandel änderte das Klima von trocken zu schwül und erlaubte es den Reptilien, sich in großem Artenreichtum zu entfalten.

Der Beginn einer neuen Epoche?

Zu den neuesten Epochen gehören die letzte Eiszeit (genauer „Glazial“), das Pleistozän (2.588.000 bis 10.700 Jahre vor unserer Zeit) und das jetzige Interglazial (Warmzeit), bekannt auch als Holozän (von vor 10.700 Jahren bis heute). Wissenschaftler stellen nun die These auf, dass wir in eine neue Epoche eintreten: „Es gibt klare Beweise für fundamentale Veränderungen des Zustands und der Funktionen des Erdsystems, die 1. außerhalb der Schwankungen des Holozäns liegen und 2. durch menschliche Aktivitäten und nicht durch natürliche Schwankungen verursacht werden.“ 2 Mit anderen Worten: Die anthropogenen Prozesse wie Rohstoffabbau, Landwirtschaft, Urbanisierung und Klimawandel sind von solch großem Ausmaß, dass wir Menschen selbst zum größten Faktor im System der Natur geworden sind und die tektonischen, atmosphärischen und biologischen Systeme auf ihre Plätze verwiesen haben. Aber stimmt das?

Die Daten von Eisbohrkernen zeigen uns, dass das Erdklima der letzten 400.000 Jahre zwischen Glazialen (Kaltzeiten) und Interglazialen (Warmzeiten) schwankte. 3 Schwankungen in der Sonneneinstrahlung, der atmosphärischen Zirkulation und in den Ozeanströmungen wurden durch minimale Änderungen der Achsenstellung der Erde, zyklische Schwankungen der elliptischen Erdbahn um die Sonne, Sonnenfleckenaktivität und die Bewegung (sowohl horizontal als auch vertikal) der tektonischen Platten, die die Erdkruste bilden, veranlasst. Die Naturkräfte, die das Klima zwischen Glazialen und Interglazialen schwanken lassen, sind immer noch aktiv, wenngleich sie größtenteils in Zeiträumen von Jahrtausenden wirken. Diese Kräfte sollen, so wird es prognostiziert, das jetzige Interglazial in den nächsten 2000 Jahren beenden. Das wäre der Beginn einer neuen Eiszeit, die eine weit größere Herausforderung für die Menschen darstellen würde als die 0,75 Grad Celsius, um die die Oberflächentemperatur seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gestiegen ist 4.

Abbildung 1: Temperatur und CO2-Konzentration in der Atmosphäre während der vergangenen 400.000 Jahre (Daten vom Wostok-Eiskern), CO2-Konzentration in ppmv (Teile pro Millionen/Volumen), Jahre vor heute (heute = 1950), Temperaturwandel im Verglich zu heute in Grad Celsius, Jahre vor heute (heute = 1950).

„Es gibt keine Anzeichen dafür, dass wir uns über die aktuelle Epoche hinausbewegt haben.“

Manche Wissenschaftler haben darauf hingewiesen, dass die durch menschliche Aktivitäten erhöhten CO2-Werte den Rückgang der Sonneneinstrahlung ausgleichen und das Einsetzen der nächsten Vereisung aufhalten könnten. 5 Allerdings erkennt man, wenn man die Langzeittemperaturkurve des Holozäns betrachtet, dass es keine Anzeichen dafür gibt, dass wir uns über die aktuelle Epoche hinausbewegt hätten. 6 Haben wir die jetzige interglaziale Periode durch einen Treibhauseffekt künstlich verlängert? Wir wissen es nicht. Aber es wäre vielleicht ganz gut, wenn es so wäre. Ja, es gab eine globale Erwärmung während der vergangenen 100 Jahre, aber die hat uns nicht außerhalb der Temperaturspanne des Holozäns geführt. Das wirft die Frage auf, warum einige so scharf darauf sind, eine neue geologische Epoche einzuführen?

Zwar gibt es einige Probleme mit dem Nachweis, dass wir das Holozän verlassen haben, aber dieser Umstand konnte das Bestreben, den Anbeginn des Anthropozäns zu verkünden, nicht bremsen. Einige schlagen vor, es mit der sogenannten „Großen Beschleunigung“ der Nachkriegszeit beginnen zu lassen. Andere gehen zur Industriellen Revolution am Ende des 17. Jahrhunderts oder sogar zur Entwicklung der Landwirtschaft vor zirka 8000 Jahren zurück.

Die Vergeblichkeit der Suche nach einem Zeitpunkt, an dem die Menschheit zu einer „planetarischen Kraft“ wurde, sagt uns etwas über die Risse auf den Seiten der „Anthropozän“-Geschichte. Die Auswirkungen des Menschen auf den Planeten wurden natürlich immer größer, je mehr unsere Anzahl, unser Rohstoffverbrauch und unsere Technologie anwuchsen. Das ist aber weder etwas Neues, noch sind wir die einzige Spezies, die jemals bedeutende Auswirkungen auf die Natur hatte. In den Ozeanen lebende Cyanobakterien (früher „Blaualgen“ genannt) änderten das Klima durch Photosynthese und ermöglichten einer großen Vielfalt von Arten ihre Existenz. Der Mensch kann im Gegensatz zu anderen Arten die Umwelt bewusst beeinflussen. Die Tatsache, dass wir manchmal die Umweltbedingungen verschlechtert haben (z.B. bei der amerikanischen Präriedürre der 1930er, auch als „dust bowl“ bekannt), zeigt, dass wir uns die Auswirkungen unserer Handlungen nicht immer hinreichend bewusstmachen.

„Viele Fürsprecher des Anthropozänbegriffs sind Gesellschaftswissenschaftler.“

Auf der Suche nach dem Beginn des Anthropozäns in der Geschichte des Verhältnisses des Menschen zu seiner Umwelt scheinen die Wissenschaftler nach etwas anderem als nach einer geologischen Auffälligkeit zu fahnden. Es ist nicht unwichtig, dass viele Fürsprecher des Anthropozänbegriffs Gesellschaftswissenschaftler sind und dass die ursprüngliche Idee von einem Chemiker und einem Biologen und nicht etwa von einem Geologen stammt. Der Zweck der Geologie ist es, die Geschichte des Planeten auf einer geologischen, nicht auf einer menschlichen Zeitskala zu erforschen. Das Gestein enthält Beweise für vergangene Klimaphasen, Umweltbedingungen, Lebewesen und Bewegungen der Erdplatten, wie Dokumente das Rohmaterial für Historiker darstellen. Obwohl es möglich sein wird, dass wir eines Tages menschliche Spuren (wie Plastik, nukleare Isotope und veränderte Muster in den Sedimentschichten) in den zukünftigen Sedimentablagerungen finden werden, geht es in dieser Debatte nicht um irgendwelche Ablagerungen.

Viele, die für den Begriff des Anthropozäns werben, interessieren sich weder für Felsen noch für die Erforschung der Erdgeschichte. Ihre Absichten liegen woanders – bei den Menschen und ihrer Lebensweise.

Das Anthropozän als politische Kategorie

Manche Wissenschaftler geben offen zu, dass das Anthropozän eine politische Kategorie ist, dass es auf „eine Krise in unseren fundamentalen konzeptionellen Kategorien und unserem Verhältnis zu unserem Planeten“ hinweise. 7 Es ist klar, dass hinter der Debatte über geologische und klimatische Kräfte eine ganz andere Absicht lauert. So schließt zum Beispiel ein Artikel: „Die Tragfähigkeit der Erde wird es der zu erwartenden Bevölkerung nicht erlauben, sich mit den gegenwärtigen Energiestandards zu erhalten, nicht zuletzt, weil fossile Brennstoffe eine endliche Ressource sind. Daher ist ein Übergang zu einer neuen Lebensweise unumgänglich. Und er könnte die Erdbevölkerung und die Landnutzung auf eine neue Art wieder verbinden.“ 8

„Der Begriff des Anthropozäns bietet die Möglichkeit, der Angst vor der fortschreitenden Ausweitung der Rohstoffnutzung und des Bevölkerungswachstums Ausdruck zu verleihen.“

Ein anderer Autor kommt zu einem ähnlichen Schluss: „Die Welt sollte nun dringend die Nutzung nicht-erneuerbarer Energien drosseln und den Raubbau der Wälder, des Grundwassers, der Böden und der Küstenökosysteme sowie die Nutzung von Stickstoffdüngern einschränken. 9 Für diese Autoren, so scheint es, bietet der Begriff des Anthropozäns die Möglichkeit, ihrer Angst vor der fortschreitenden Ausweitung der Rohstoffnutzung und des Bevölkerungswachstums Ausdruck zu verleihen. Das „neue Regime“, das hier vorgeschlagen wird, ist eines, in dem wir unsere modernen Überzeugungen über unsere Trennung von der Natur und unsere Herrschaft über sie hinter uns lassen. Stattdessen müssen wir „die Erdbevölkerung und die Landnutzung auf neue Art wieder verbinden“ und „die Nutzung nicht-erneuerbarer Energien“ drosseln.

Hier wurde Wissenschaft dadurch, dass sie uns vorschreibt, wie wir leben sollen, politisch. „Im Anthropozän ist es nicht länger unsere Aufgabe, die Erde zu kartieren, sondern die verworrenen Netze des geophysikalischen Wirkens zwischen Menschheit und Erde“, schlägt ein Befürworter vor. 10 Man sollte sich klarmachen, was hier ausgesagt wird: dass die Wissenschaften nicht länger bestrebt sein sollten, die Phänomene auf der Erde zu kartieren und herauszufinden, warum sie so auf ihrer Oberfläche angeordnet sind?

Wenn es heute irgendwelche tektonischen Verschiebungen gibt, dann auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forschung und unserer Interpretation unseres Verhältnisses zur Natur. So schreibt der Professor der Anthropogeografie Mark Whitehead in einem Text namens „Greening the Brain“ („Die Gehirne grün machen“), dass wir ökologische Verhaltensweisen fördern können, die „die Erkenntnisse der Verhaltenspsychologie nutzen, um die menschlichen Handlungen weg vom Massenkonsum, hin zu nachhaltigeren Verhaltensformen zu lenken.“ 11 Geografen erforschen schon lange, wie Menschen mit ihrer Umwelt interagieren, aber der Zweck der Übung bestand bislang darin, herauszufinden, welcher Art die Interaktionen waren und welche räumlichen Auswirkungen sie hatten. Nun scheint es, als ob einige Geografen eher daran interessiert sind, das Verhalten und den Lebensstil der Menschen zu verändern.

Auf der Jagd nach den Technofossilien

Auch Geologen scheinen mehr an den menschlichen Auswirkungen auf den Planeten interessiert zu sein als am Studium der Gesteine. Jan Zalawasiewicz, der Vorsitzende der Internationalen Kommission für Stratigraphie, begrüßt eine „neue Art der Stratigraphie, welche die Evolution der ‚Technofossilien‘ studiert – des konservierbaren Materials der Technosphäre.“ 12

„Wirbelstürme werden als Folge unserer Missetaten, als Konsequenz des anthropogenen Klimawandels gehandelt.“

Wie dem auch sei, dies ist nicht nur eine akademische Debatte über eine Welt nach dem Menschen. Sie spiegelt auch einen kulturellen Wandel wider, in dem die Menschheit eher als ein Problem, denn als ein potentieller Problemlöser angesehen wird. Nach den verheerenden Folgen des Hurrikans Katrina für New Orleans im Jahr 2005 veröffentlichte der Economist einen Artikel, der darauf hinwies, dass „nach dem Hurrikan Katrina die Balance zwischen dem Schutz des Menschen vor der Natur und dem Schutz der Natur vor dem Menschen zu einer dringenden Thematik der Politik geworden ist“. 13 Jetzt werden Wirbelstürme nicht mehr nur als höchst zerstörerische Wetterphänomene angesehen, die auf bestimmten atmosphärischen und ozeanischen Verhältnissen beruhen, sondern als Folge unserer Missetaten, als Konsequenz des anthropogenen Klimawandels. Wir bekamen diese Geschichte nach dem Taifun Haiyan im Jahr 2013 und nach den Überschwemmungen in Südengland 2014 wieder zu hören. Die Natur müsse von unserem sündigen Lebenswandel beschützt werden, sagen sie, und wenn wir nicht umkehren, um in Harmonie mit der Natur zu leben, so können wir nur uns selbst die Schuld dafür geben. Sogar die Schuld an Erdbeben wird zunehmend Bohrungen, dem Bergbau und Bauarbeiten zugeschoben.

Bei näherer Betrachtung erscheint das Anthropozän mehr als politische und moralische, denn als geologische Kategorie. Die Befürworter des Anthropozänbegriffs sagen uns, dass wir innerhalb natürlicher Grenzen leben sollen: Baut nicht in Auen, verbraucht keine nicht-erneuerbaren Energien, treibt keinen Raubbau an den natürlichen Rohstoffen.

Ironischerweise wären wir in einer Welt, in der Menschen ihren Einfluss auf die Natur immer weiter zu begrenzen versuchten, unsicherer. Wir wären den Launen der Natur ausgesetzt, nicht vor ihnen geschützt. Katastrophen, wie der Tsunami von 2004, der für den Verlust von 200.000 Menschenleben verantwortlich ist und der Zerstörung auf drei Erdteilen hervorrief, sollte uns daran erinnern, dass wir bei Weitem nicht stark genug sind, um planetare Kräfte zu beeinflussen. Was wir brauchen, ist eine größere Beherrschung der Natur, keine kleinere. Und deswegen brauchen wir Wissenschaftler, die bei ihrer Wissenschaft bleiben.