28.01.2019

„Eine freundliche Haltung zum Genuss ist sinnvoll“

Interview mit Gesine Palmer

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Foto: Markus Spiske / raumrot.com via Pexels / CC0

Die Publizistin Gesine Palmer kritisiert den asketischen Zeitgeist und verteidigt den Wert des Genießens

Frau Palmer, u.a. aus einem religionswissenschaftlichen Hintergrund heraus haben Sie sich kritisch mit dem Thema Askese in unserer Zeit auseinandergesetzt. Bevor wir darauf näher eingehen: Was bedeutet Genuss für Sie?

Gesine Palmer: Genuss kann im engeren Sinne z.B. sexuelle Lust oder einfach nur Ruhe sein. Ebenso höchster Genuss von Schönheit in Kunst und Kultur oder auch der Genuss der eigenen Anstrengung beim Sport oder der Arbeit. Ich würde sagen, Genuss ist ein ursprüngliches, leib-seelisch einheitliches Wohlgefühl.

Steht Askese notwendigerweise im Widerspruch zu Genuss?

Nein. Wahrscheinlich drehten sich die ersten Askese-Übungen – etwa Fastenbräuche – bereits um das Problem der Begrenzung und Unbegrenztheit von Genuss. Denn ohne Zeiten des Nicht-Genießens kann man kaum intensive Genussgefühle haben. Das Wünschenswerte oder das, was in der Askese zunächst angestrebt wurde, war eine gute Balance zwischen Genuss, der auch mal unkontrolliert sein konnte, und Kontrolle, die nachhaltigen Genuss ermöglicht. Problematisch wird es für mich, wenn Askese der einzig erlaubte Genuss ist, der Verzicht überbewertet und der Genuss abgewertet wird.

In einem Beitrag im Deutschlandfunk haben Sie den heutigen Zeitgeist als exzessiv asketisch kritisiert. Wie genau meinen Sie das?

Vorab: Es ist immer schwierig, von einem Zeitgeist zu sprechen, weil der Begriff sehr abstrakt ist. Trotzdem ahnt jeder, was gemeint ist. Das Rauchen ist besiegt, jetzt ist der Alkohol dran. Bei einigen ist es Cannabis, bei anderen der Sex. Für evangelikale Freikirchler ist selbst der Sportgenuss im Fitnessstudio eine Versuchung zur Selbstbeschäftigung, vergleichbar mit „narzisstischem“ Sex. Das findet seinen Widerhall im Politischen. Wir hören ständig, Wachstum sei schlecht – und die Antwort kommt dann nicht auf der rationalen Ebene struktureller Vorschläge für die Gesellschaft, sondern auf einer individualisierten „Tugendebene“: Wir müssen alle mehr verzichten und enger zusammenrücken, jeder Einzelne solle zum Beispiel in der eigenen Wohnung für Geflüchtete Platz machen oder auf seine Privatsphäre verzichten, solche Vorschläge kamen ja 2015 von manchen Grünen. Andere Varianten von Verzichtsforderung sind ähnlich irrational, das ganze Gerede von „raus aus der Komfortzone“ etc. Ganz so als wäre Verzicht per se etwas Gutes und das Genießen etwas Schlechtes. Das empfinde ich als tief rückschrittlich. Wir haben seit der Aufklärung darum gekämpft, ein etwas entspannteres Verhältnis zum Genuss, zur einfachen Daseinsfreude, zu gewinnen – und das haben wir mit der Zeit auf verschiedenen Wegen zurückgedrängt.

„Die Kontrollsucht tritt in vielen gesellschaftlichen Milieus an die Stelle einer oft nur vermeintlich exzessiven Genusssucht.“

Wie kam es dazu?

Es gibt viele Gründe. Einer ist sicher: Verzicht ist eine mögliche Antwort auf Angst vor Kontrollverlust. Wenn ich das Gefühl habe, bis 75 arbeiten und also fit sein und mich durch ständiges Sparen vor Armut schützen zu müssen, dann ist eine naheliegende Reaktion auf diesen Druck der Wunsch nach verstärkter Kontrolle. Nur wer sich von Kontrolle gar nichts mehr erhofft, wie die Mehrheit der Menschen in manchen völlig besiegten und abgehängten Milieus und Kulturen, neigt dazu, sich hängen zu lassen und von einer Wodkaflasche zur nächsten zu purzeln, weil sowieso alles verloren ist. Für viele andere ist heute die Totalaskese das Mittel, um ein Gefühl von Kontrolle im Leben wiederzuerlangen.

Totalaskese ist etwa beim übermäßigen Rauchen oder schweren Alkoholismus nach wie vor die erfolgreichste Maßnahme, denn ein normales, maßvolles Verhältnis zum Genuss dieser Drogen lässt sich ab einem bestimmten Stadium anscheinend nicht mehr herstellen. Bei weniger schweren Missbrauchsneigungen greift aber die Möglichkeit, eine Balance von Genuss und Verzicht, von „Triebaufschub“ und „Triebbefriedigung“ wiederherzustellen, die jeder Mensch übrigens ab dem Kleinkindalter wie von selbst lernt (und bei der der Beitrag bewusster Erziehung dazu übrigens in der Regel überschätzt wird). Für Menschen, die etwa „esssüchtig“ sind, funktioniert radikaler Verzicht ohnehin nicht, weil sie sich ja weiter ernähren müssen. Eine „gesunde“ Balance zwischen Genuss und Kontrolle erscheint mir „ursprünglich normal“, sie wird aber heute wieder schwieriger – weil öfter gestört. Die Kontrollsucht tritt in vielen gesellschaftlichen Milieus an die Stelle einer oft nur vermeintlich exzessiven Genusssucht oder „Gier“.

Mir scheint diese Kontrollsucht vor allem ein Mittelschichtthema zu sein. Sehen Sie das auch so?

Ja, man kontrolliert sich aus Angst davor, seinen Wohlstand zu verlieren. Ich ziehe gewissermaßen einen Zaun um meine Leidenschaften und meine Ängste. Je größer die Angst, die sich dahinter verbirgt, desto missionarischer wird das Verzichten. Es ist nichts dagegen zu sagen, dass Leute es genießen, leichter zu sein oder beim Sport zu schwitzen. Es ist wunderbar, einen Waldlauf zu machen, und gleichzeitig ist es ein entspannter und vernünftiger Umgang mit den Einsichten der modernen Medizin. Aber häufig geht der Verzicht mit einem erzieherischen, eifernden Überschwang einher, der auch andere Leute ihrer Freuden berauben will. Das drückt sich meist schon in den Gesichtern aus. Es gibt Menschen, denen sieht man einfach an, dass sie das, was sie tun, gerne tun und genießen. Und es gibt andere, die müssen das permanent herumposaunen und wirken bei weitem nicht so zufrieden. Da ahnt man eine Verliebtheit in den Schmerz des Verzichts.

„Es gibt eine genussfeindliche Durch-Pathologisierung und Durch-Kontrollierung sämtlicher menschlicher Lebensäußerungen.“

Welche gesellschaftlichen Akteure arbeiten an diesem asketischen Klima?

Es gibt einmal etwas, das ich die „Internationale der religiösen Reaktion“ nenne. Leute, die, im Namen welcher Religion auch immer, über eine bestimmte Stufe der seelischen Entwicklung nicht hinauskommen. Sie dämonisieren den Genuss als egoistisch und sagen, die Gottesfurcht müsse an die Stelle des Genusses treten. Der einzig erlaubte Genuss ist die Ehre, die man als Askese-Meister in einer Religion erringt, etwa beim Fasten oder dem Verzicht auf Sex. Eine reichlich „narzisstische“ Variante von Genuss bei Leuten, die gerade den „Narzissmus“ der anderen unentwegt geißeln. Gleichzeitig ist Verzichtsdenken vor allem in den richtig privilegierten Gesellschaftsschichten stark ausgeprägt, wenn z.B. jemand gleichzeitig Extremsportler und Filmemacher ist und die totale Selbstkontrolle als der Gipfel der seelischen Ausgeglichenheit gefeiert wird. Vor 50 bis 70 Jahren hatten wir noch dicke, rauchende, trinkende Politiker und Künstler. Das ist aktuell selten geworden. Die meisten sind super disziplinierte Askese-Helden, die jüngeren, auch in der Wirtschaft, und sie müssen das offenbar sein, weil sie sonst ihr Programm gar nicht bewältigen könnten. Dazu kommt ein psychologischer Kontrollwahn. Alle möglichen Formen des abweichenden Verhaltens werden mit Krankheitslabeln belegt. Wenn jemand zu sehr trauert, ist er „depressiv“, wenn er öfter mal die Beziehung wechselt, ist er „bindungslos“. Kurzum: Es gibt eine genussfeindliche Durch-Pathologisierung und Durch-Kontrollierung sämtlicher menschlicher Lebensäußerungen.

Können Sie das etwas genauer erläutern?

Viktor Frankl, ein bekannter Psychologe, berichtete, wie sehr ihm als Gefangener im Konzentrationslager Auschwitz Drogen wie Kaffee, Zigaretten und Alkohol gefehlt haben. Er erkannte in der Zwangslage – genauer: im erzwungenen Zusammensein –, wie viel diese Drogen dazu beitragen, das Zusammensein mit anderen Menschen erträglicher zu machen. Die Menschen, die dort zusammengepfercht waren, so sagt er, seien zwar in mancher Hinsicht gesünder geworden, weil sie auf Genussmittel verzichten mussten – so hatten sie etwa besseres Zahnfleisch als vorher. Aber es sei gerade am Anfang (als man sich eigentlich noch als Teil einer zivilisierten Welt empfand, nur vorübergehend in etwas anderes versetzt) schockierend gewesen, auf so eine ungefiltert brutale Weise mit der Realität der eigenen Befindlichkeit und der Realität der anderen konfrontiert gewesen zu sein – ohne die Hilfe von Substanzen, die das Zusammensein mit anderen Menschen mildern und angenehmer machen. Frankl hat diese brutale, reizlose Realitätsempfindung klar als Mangel erkannt und sich nach der Hilfe von relativ harmlosen Drogen zur Linderung der allzu heftigen Erfahrung gesehnt.

Heute ist es eher andersherum. Die Leute fühlen sich „überfiltert“ und „zu komfortabel“ (meistens kommt das übrigens von Männern). Viele Filmemacher und Literaten sagen heute: „Die Masken müssen fallen. Alles muss weg, um an die ganz harte, echte, reine, wahre Realität ranzukommen.“ Dabei ist die Kulturgeschichte immer dann humaner gewesen, wenn sie anerkannt hat, dass es Dinge gibt, die man abfedern muss – wenn sie wusste, dass es ganz schön sein kann, durch alle möglichen Umstände und Drogen – leichte Drogen jedenfalls – die Gesellschaft der anderen und die Realität der eigenen Bedürfnisse erträglich zu machen. Wenn man alles nur auf Reinheit trimmt, auf totale Gesundheit und totale Realität, bekommt das eine Tendenz ins Totalitäre. Deswegen habe ich Frankl angeführt. Er beschreibt reflektiert, wie er die totalitäre Maßnahme schlechthin, das KZ, zuerst durch die Abstinenz von Alltagsdrogen als eine schockierende Realität wahrgenommen hat. Dass es später viel schlimmer kam, ist eine andere Sache – aber für diesen „Übergang“ von Kultur zu blankem Horror ist die Beobachtung sehr interessant. Wie und durch welche Hilfsmittel ist die menschliche Gesellschaft überhaupt genießbar?

„Es gibt eine Reinheitsfantasie, die ihrerseits genauso rauschhaft ist wie der Rausch selbst, den sie negiert.“

Welche Bedeutung haben bewusstseinsverändernde Substanzen und Rituale für das gesellschaftliche Zusammenleben?

Man muss in diesem Zusammenhang vor allem von Balancen reden. Der Wunsch, aus dem üblichen Bewusstseinszustand auszusteigen, ist menschlich. Sei es, weil man sich als zu kontrolliert empfindet – dann wird gerne zu Alkohol gegriffen, weil er ein bisschen enthemmt. Sei es, weil man sich als zu einfallslos empfindet – dann greift man vielleicht eher zu bewusstseinsverändernden halluzinogenen Drogen. Es gibt alle möglichen ekstatischen Rituale. Die sind aber ihrerseits immer von starken Kontrollmechanismen umgeben. Z.B. der Fußballrausch. Leute gehen ins Stadion und berauschen sich dort an dem Spiel. Das ist innerhalb einer bestimmten Situation eine Entfesselung. Oder Gospelgottesdienste in den USA, die sind auch ekstatisch. Das ist aber begrenzt auf eine bestimmte Zeit, in der man den Gottesdienst oder das Fußballspiel besucht. Danach geht das normale Leben weiter. Diese Dinge leben von dem Wechsel, von Normalzeit und festgelegter, in die Normalzeit eingeschalteter Auszeit. Ein weiteres Beispiel sind Trauergebräuche. Wer trauert, der braucht nach alter Sitte ein Jahr lang ein gewisses schonendes Verhalten von den Mitmenschen – und das wurde ihm auch zugestanden.

Solche Dinge gehen uns mit der Entkirchlichung und der Loslösung von religiösen Institutionen verloren. So entstehen individualisierte – und oft tatsächlich mit Kontrollverlust einhergehende – Exzesse. Einmal unpassend geworden, fliegen Menschen schnell aus allen ohnehin fragilen Zusammenhängen und entwickeln tatsächlich zunehmend pathologische Verhaltensweisen. Normalerweise wird in allen Kulturen der Wunsch nach Exzess kollektiv geregelt, durch bestimmte Institutionen, durch bestimmte Zeiten, in denen man Drogen nimmt, trauert, feiert, was auch immer. Heute kann schon die Geburt eines Kindes oder der Tod eines Ehepartners genügen, um das Leben eines Menschen völlig auf den Kopf zu stellen. Ausschluss aus der Gemeinschaft oder Underdog zu sein, bedeutet immer zuerst, an den Balancen von Exzess und Kontrolle nicht teilhaben zu dürfen. Darum ist das z.B. für die Religionsgemeinschaften so wichtig. Wenn Frauen z.B. in einer Kirche volle Funktionen einnehmen wollen, dann nicht, weil sie wild darauf sind, einen Vatergott zu verehren, sondern weil sie gesellschaftliche Teilhabe wollen, und zwar nicht nur als in Hinterzimmer gesperrte Mütter, sondern als volle Trägerinnen der sakralen, öffentlichen Funktionen. Denn: Über die Teilnahme am Wechsel von Genuss und Verzicht erlangen wir Zugang zu den höheren Kulturleistungen. Wer keinen Zugang dazu hat, für den ist es deutlich schwerer, einen Ausgleich zwischen Genuss und Verzicht herzustellen. Sie sehen bitte vor sich die alleinerziehende Mutter, die in irgendeine Sucht abgleitet.

Was braucht es heute, diesen Ausgleich zwischen Verzicht und Genuss wiederherzustellen?

Es gibt eine Reinheitsfantasie, die ihrerseits genauso rauschhaft ist wie der Rausch selbst, den sie negiert. Freud sprach in diesem Zusammenhang von „rauschhafter Askese“. Das sollte nicht wieder unser Ideal werden. Ein gutes Beispiel für einen klugen Umgang mit dem Bedürfnis nach Rausch findet sich eher in der jüdischen Tradition. Einmal im Jahr, während des Purimfests, ist ausdrücklich in der Ritualordnung vorgeschrieben, dass man so viel Wein trinken soll, bis man umfällt. „Adloyada“ heißt das, also bis du nichts mehr weißt. Dieser jährliche Rausch ist bei uns vielleicht mit der Tradition des Karnevals vergleichbar, wo man auch einfach mal die Zügel lockerlässt. Und das nicht, weil man herumtorkeln will, sondern, weil auch der disziplinierteste Mensch irgendwo hin muss mit dem, was sich in ihm angestaut hat – dem, was sich nicht disziplinieren lässt, außer um den Preis einer völligen inneren Abtötung, die letztlich totalitäre Züge trägt. Eine größere Freundlichkeit sich selbst gegenüber ist sinnvoll. Wenn man Facetten seiner Persönlichkeit nur unfreundlich behandelt und ablehnt, führt das in feindselige, selbstdestruktive oder destruktive Exzesse. Eine freundliche Haltung zum Genuss ist letzten Endes moralischer als die altertümliche und regressive Haltung, die meint, moralischer Fortschritt, Tugend und geistige Leistung seien immer mit Triebverzicht und einer Dämonisierung der Triebe verbunden.

Welche Bedeutung hat der Genuss für unser individuelles Glück und unsere Freiheit?

Er ist essentiell. Was ist Glück, wenn nicht der Genuss eines schönen Raumes, eines guten Zustandes, einer erfüllbaren Hoffnung oder eines erreichten Ziels? Wenn Sie nur einen bestimmten Genuss haben, etwa den, ein Haus oder ein Auto zu besitzen und regelmäßig mit Ihren Freunden zu trinken und Fußball zu gucken, wenn das funktioniert, immer, dann gibt es Stillstand. Wenn auf andere Weise alles toll ist, dann gibt es auch Stillstand. Nichts bewegt sich. Das meinen die Leute mit ihrem Gemecker über die Komfortzone. Wenn es aber nur Streben gibt und der Genuss verdammt wird, weil er Stillstand bedeutet, dann entsteht letzten Endes auch ein destruktives Verhältnis. Und das trifft leider auf die meisten Menschen zu: dass sie vor allem Mangel an Genuss haben. Genuss ist aber die Essenz und das, was wir anstreben. Die Balance zwischen Genuss und dem Streben nach einer nachhaltig genießbaren Welt ist für jedes Individuum und auch für die Gesellschaft als Ganze enorm wichtig. Wenn ich den Genuss nicht mehr lieben kann und darf – den eigenen oder den der anderen – dann brauche ich auch keine Freiheit mehr. Für mich gehört das zusammen: Man darf genießen und sollte dem Genuss gegenüber genauso freundlich sein wie dem Streben.