11.10.2013

Egalitarismus: Gleichheit in Unfreiheit

Von Daniel Ben-Ami

Die populäre Kritik an sozialer Ungleichheit ist zutiefst rückschrittlich, findet Daniel Ben-Ami. Den Ungleichheitskritikern geht es nicht um eine bessere Gesellschaft mit mehr Freiheit und Wohlstand für alle. Weil sie den Menschen misstrauen, predigen sie den universellen Mangel

Viele Menschen sind der Auffassung, das schwerwiegendste gesellschaftliche Problem unserer Zeit sei zu große wirtschaftlicher Ungleichheit. Dahinter verbirgt sich eine neue Form von Egalitarismus, den viele für fortschrittlich halten obwohl er eigentlich zutiefst rückschrittlich ist. Die heutigen Ungleichheitskritiker beschuldigen die Superreichen, sie würden mit ihrer unkontrollierten Habgier das soziale Gefüge einer unerträglichen Belastung aussetzen. Gleichzeitig kritisieren dieselben Leute vehement die Unterschicht für ihr angeblich zügelloses Verhalten. In dieser alptraumhaften Vorstellung wird die Mittelschicht zwischen zwei rücksichtslosen, widerstreitenden Kräften zerrissen.

Diese Schwarzmalerei beschränkt sich nicht nur auf Menschen mit linkem Selbstverständnis. Auch konservative Zeitgenossen schimpfen oft auf überbordende Ungleichheit, über gierige Banker und die „Asozialen“. Es gibt nur wenig Widerspruch gegen den neuen egalitären Konsens. Beide Seiten wollen die Ungleichheit durch eine Mischung aus therapeutischen Maßnahmen und Managementdenken reduzieren. Der gestörte soziale Zusammenhalt soll durch die Regulierung individuellen Fehlverhaltens gekittet werden. Um dieses Ziel zu erreichen wird ein zunehmend engmaschigeres System zur Überwachung und Kontrolle errichtet. Unablässig versuchen staatliche Instanzen dem Individuum einzureden, sich gesund zu ernähren, den Alkoholkonsum zu begrenzen, Safer Sex zu praktizieren und auch bei der eigenen Wortwahl sehr vorsichtig zu sein. Solche autoritären Restriktionen gegen die persönliche Freiheit werden im Namen der Aufrechterhaltung des sozialen Zusammenhalts gerechtfertigt.

Das Streben nach einem Leben im Wohlstand wird als „Gier“ stigmatisiert. Als Zielscheibe dienen dabei meist Investment-Banker und wohlhabende Unternehmensführer, doch unterschwellig wird die Botschaft vermittelt, jeder – von den Reichsten bis zu den Ärmsten – sollte bereit sein, „gemeinsame Opfer“ zu tragen. Diese Überzeugung impliziert, dass man seine Ambitionen zügeln und stets dazu bereit sein sollte, Einkommenskürzungen in Kauf zu nehmen. Der neue Egalitarismus liefert ein ökologisch und politisch korrektes Vokabular zur Rechtfertigung von Verzicht.

„Heute sprechen die Verfechter der Gleichheit – wenn überhaupt – selten von Freiheit oder Autonomie. Ihre Hinweise auf die Gefahren der Ungleichheit sind in der Regel der Auftakt zu Freiheitseinschränkungen.“

Mit den während der Aufklärungszeit entwickelten Gleichheitsvorstellungen hat das nichts mehr zu tun. Mit der Aufklärung wurde zum ersten Mal in der Geschichte weithin anerkannt, dass die Menschen in allen wichtigen Hinsichten gleich sind. Auch wenn man nicht zu sehr verallgemeinern darf, sind die meisten Denker der Aufklärung von einem Zusammenhang zwischen Freiheit und Gleichheit ausgegangen. Freiheit bedeutete, jedem gleiche Rechte und moralische Autonomie zu gewähren.

Tatsächlich wurden diese Ideale in der Praxis jedoch nicht immer hochgehalten. Zum Beispiel hatten Frauen einen niedrigeren Status als Männer und Sklaven wurden per definitionem als eine niedere Kaste behandelt. Dass aber ein einflussreicher Teil der Gesellschaft überhaupt die Bedeutung der Gleichheit im Zusammenhang mit der Freiheit erkannte hatte, war ein enormer Schritt nach vorn.

Demgegenüber sprechen die Verfechter der Gleichheit heute – wenn überhaupt – selten von Freiheit oder Autonomie. Ihre Hinweise auf die Gefahren der Ungleichheit sind in der Regel der Auftakt zu Freiheitseinschränkungen. Für sie ist es notwendig, die Freiheit einzuschränken, um ein Auseinanderbrechen des Sozialwesens zu verhindern.

Der neue Egalitarismus bricht auch an anderen wichtigen Punkten mit der Aufklärungsperspektive. Für viele Denker der Aufklärung war der Begriff der Gleichheit verbunden mit dem Ideal, das menschliche Potential vollständig zu verwirklichen. Man ging prinzipiell davon aus, die Menschheit könne einen solchen Grad an Perfektion tatsächlich erreichen. Aufgrund ihrer positiven Sicht auf die Menschheit sahen die Aufklärer erhebliche Möglichkeiten für den Fortschritt. Für einige verband sich die Idee menschlichen Fortschritts vor allem mit steigendem, wirtschaftlichem Wohlstand.

Der Sozialismus entwickelte sich aus einem radikalen Flügel des aufklärerischen Denkens. Sozialistische Denker glaubten daran, dass eine höherer Lebensstandards für den Großteil der Bevölkerung, den damals noch die Arbeiterklasse darstellte, möglich sei; ebenso glaubten sie an das Ende der Herrschaft einer kleinen Elite über jene Klasse. Ganz anders die neuen Egalitären: Sie wollen die Kräfte des Fortschritts nicht entfesseln, sondern sie ausbremsen. In ihren Augen sind die Menschen fragile und zugleich gefährliche Wesen, deren Wünsche und Sehnsüchte kontrolliert werden müssen. Das Streben nach einem Leben in größerem Wohlstand verurteilen sie.

Diese Einstellung ist völlig reaktionär. Wo Linke einmal Reichtum für alle forderten, predigen die Ungleichheitskritiker heute universellen Mangel. Wo Sozialisten einmal für Freiheit standen, ist der neue Egalitarismus eine elitäre und autoritäre Bewegung. Die neuen Egalitären sind Feinde des Fortschritts, der Freiheit und der wahren Gleichheit.