11.12.2013

Egalitarismus: Gleichheit durch Verzicht

Von Daniel Ben-Ami

Auch wenn die egalitäre Rhetorik eine andere Sprache spricht, die Gleichheitsaktivisten unserer Tage mögen weder die Superreichen noch die Unterschicht. Daniel Ben-Ami zeichnet die Geschichte der Gleichheitsbewegung nach und zeigt deren politischen Bedeutungswandel auf

Man kann leicht dem Irrtum verfallen, es gäbe heute einen weltweiten Trend zur Gleichheit. Politiker, Experten und selbst milliardenschwere Finanztycoone wettern gegen die Gefahren von Ungleichheit, Maßlosigkeit und Gier. Eine Handvoll Occupy-Demonstranten, die nach eigenem Bekunden beanspruchen, die „99 Prozent“ gegen das „eine Prozent“ der Superreichen zu repräsentieren, wurde sogar in einflussreichen Kreisen weithin gelobt. In vielen Ländern wird eine „Reichensteuer“ diskutiert. Öffentlich geförderte Kampagnen propagieren Fairness, soziale Gerechtigkeit, soziale Gleichheit, gleichen Zugang zu Bildung und vieles mehr.

Geht man von dieser falschen Prämisse aus, so erscheint „linke Politik“ zurzeit in bester Verfassung. Wenn Gleichheit schon immer ein Grundprinzip der Linken war, würde man vermuten, dass die aktuelle Diskussion aufgeklärt und humanistisch sei. Wer die Gleichheitsinitiativen kritisiert, müsse wahrscheinlich ein von irgendwelchen Großkonzernen finanzierter Reaktionär sein.

Der vorliegende Essay will zeigen, dass wir nicht auf eine Welt mit mehr Gleichheit zusteuern. Was zunimmt ist stattdessen die Tendenz zum therapeutischen Management der Ungleichheit. Diese Unterscheidung ist keineswegs trivial. Im Gegenteil, in ihr drücken sich zwei fundamental gegensätzliche Menschenbilder aus.

Historisch gesehen waren Gleichheitsbestrebungen immer auch mit Forderungen verknüpft, die menschlichen Potentiale voll auszuschöpfen und sich dem Ideal der “Vollkommenheit des Menschen” anzunähern. Gemeint war der Fortschritt von einer rückständigen zu einer zivilisierten Gesellschaft. In ihrer am weitesten entwickelten Form vereinigte sich diese Sehnsucht nach gesellschaftlicher Gleichheit mit dem Eintreten für wirtschaftlichen Fortschritt.

In den letzten Jahren hat sich die Diskussion demgegenüber entscheidend vom wirtschaftlichen Fortschrittsgedanken entfernt und in Richtung eines tiefen Misstrauens gegenüber der Menschheit verlagert. Heute werden im Namen der Gleichheit vor allem Initiativen gegen die Gefahren sozialer Fragmentierung in einer durch Ungleichheit geprägten Gesellschaft gefördert. Tatsächlich kann man die Angst vor einer auseinanderdriftenden Gesellschaft als organisierendes Prinzip hinter den verschiedensten Maßnahmen zur Regulierung vermeintlich dysfunktionaler Verhaltensweisen betrachten, die sich heute auf alle Bereiche des persönlichen Lebens erstrecken – einschließlich Kindererziehung, Alkoholgenuss, Essen, Sex und Rauchen. Immer heißt es, dass das menschliches Verhalten streng reguliert werden müsse, weil die ohnehin schon übermäßig differenzierte Gesellschaft ansonsten gänzlich fragmentiert werden könnte.

Typisch für die aktuelle Diskussion ist, dass die Reichen ebenfalls als Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt gelten. Ihre Gier wird als etwas betrachtet, was bei normalen Leuten unrealistische Erwartungen an ihr eigenes Leben hervorruft. Gemäß dieser Vorstellung führt Ungleichheit zu einem Status-Wettbewerb, bei dem alle verschwenderisch um immer mehr Konsumprodukte konkurrieren. Einer solchen Kultur der Maßlosigkeit werden destruktive Auswirkungen auf das Gemeinwesen unterstellt.

„Das Ziel ist es sicherzustellen, dass Schmerz in der Gesellschaft ‚fair‘ verteilt wird.“

Der derzeitige Konsens verbindet die Angst vor sozialer Fragmentierung mit der Angst vor wirtschaftlichem Wachstum. Er besteht darauf, die Reichen müssten lernen, sich verantwortlich zu verhalten, indem sie sich bei ihren Auftritten in der Öffentlichkeit mäßigen. Folglich muss der Wohlstand gezügelt werden. Die größte Angst von allen ist jedoch diejenige vor den angeblich destruktiven Auswirkungen der ökonomischen Entwicklung auf die Umwelt.

Der Wunsch, Ungleichheit einzudämmen, ist vor allem von den Ängsten der gesellschaftlichen Mitte geprägt. Die Mittelschicht fühlt sich buchstäblich zerrissen zwischen den Reichen auf der einen Seite und den einfachen Leuten auf der anderen. Ihr Ziel ist die Eindämmung von angeblichen Exzessen sowohl an der Spitze als auch am unteren Ende der Gesellschaft. Sie sieht sich selbst in einem Alptraum gefangen, im Spannungsfeld zweier Extreme: den gierigen Bankern und der Unterschicht.

Dieser Text untersucht die Bedeutung der derzeitigen Angst vor Ungleichheit. Zunächst wird die aktuelle Ungleichheitskritik analysiert. Danach betrachtet der Text das historische Eintreten für die Gleichheit (und den Fortschritt) durch die Aufklärung des späten 17. und 18. Jahrhunderts und durch die Linke des 19. und weiter Teile des 20. Jahrhunderts. Zum Abschluss werden die zerstörerischen Folgen der aktuellen Debatte für Politik und Wirtschaft untersucht.

Kreuzzug gegen die Ungleichheit

In der westlichen Welt wird die Ungleichheit schichtenübergreifend heiß diskutiert. In seiner Rede zur Lage der Nation vor dem Kongress Anfang des Jahres 2012 sagte US-Präsident Barack Obama, Ungleichheit sei „das entscheidende Thema unserer Zeit“. Er schilderte, wie seine Großeltern, beide aus ärmlichen Verhältnissen, vom amerikanischen Traum profitierten. Ihm ging es vor allem um die Frage, wie man das folgende Versprechen lebendig halten kann:

„Wir können uns entweder mit einem Land zufrieden geben, in dem es einer abnehmenden Zahl von Menschen richtig gut geht, während eine wachsende Zahl von Amerikanern kaum über die Runden kommt, oder wir können eine Wirtschaft wiederherstellen, in der jeder eine faire Chance hat und zu der jeder seinen fairen Anteil beiträgt und in der jeder nach denselben Regeln spielt.“

Auf dieses Thema konzentriert er sich bereits seit längerem. So forderte Obama etwa in einer Rede im Juli 2011 ein „gemeinsames Opfer“. Seiner Ansicht nach müssen alle Amerikaner inklusive der Reichen bereit sein, für die fiskalische Zukunft Amerikas Ausgabenkürzungen und höhere Steuern zu akzeptieren.

Einen Monat später veröffentliche Warren Buffett als einer der reichsten Männer der Welt in einem Kommentar für die New York Times die Forderung nach einem gemeinsamen Opfer. Bald darauf erhoben viele Reiche in ihren jeweiligen Ländern ähnliche Forderungen.

Zugegebenermaßen verdammte Paul Ryan, Vorsitzender der Haushaltskommission des Repräsentantenhauses, Obamas steuerliche Maßnahmen im konservativen amerikanischen Nachrichtensender FoxNews als „Klassenkampf“ (Class Warfare). Teilweise lassen sich solche Repliken als Ausdruck des Unmuts vieler reicher Menschen über die Aussicht verstehen, höhere Steuern zahlen zu müssen. Das Entscheidende ist jedoch, dass die Kritiker die eigentliche Bedeutung der populistischen Rhetorik Obamas verkennen. Sie nehmen irrtümlich an, weil es gegen die Ungleichheit geht, handle es sich dabei um linken Sozialismus. Hier sitzen die Republikaner und die Occupy-Aktivisten demselben Fehler auf, indem sie die Forderung nach weniger Ungleichheit notwendig als radikal und irgendwie links betrachten.

„Sowohl das Verhalten der Superreichen als auch das der einfachen Leute muss straffer reguliert werden.“

Es gibt nur wenig konservative Politiker, die sich den therapeutischen Ansatz bei der der Ungleichheit nicht zu Eigen gemacht hätten. Ungeachtet des verbreiteten Vorurteils, sie seien Vertreter des freien Marktes oder „neoliberaler“ Ideen, ist das eher selten. David Cameron, Großbritanniens konservativer Premierminister, ist ein typisches Beispiel dafür. Seine Partei, die Tories, gilt allgemein zwar als diejenige, die der Bevölkerung ein strenges Austeritätsprogramm nach internationalen Standards aufzwingt, aber bei vielen Themen ähnelt ihre Weltanschauung derjenigen Obamas.

Betrachten wir eine Rede Camerons vor dem Weltwirtschaftsforum [1] in Davos 2009, als er noch Oppositionsführer war. Er nannte drei Gründe für die mangelnde Popularität des Kapitalismus:

  • Das Fehlen eines moralischen Rahmens. Diesbezüglich sagte Cameron: „Die Ursprünge der gegenwärtigen Krise liegen in Leichtsinn und Gier.“
  • Die Kluft zwischen dem Leben der Menschen auf lokaler Ebene und dem globalen Business.
  • Die „unglaubliche Ungleichheit der modernen Welt“

Seither hat Cameron diese und ähnliche Gedanken wiederholt vorgetragen und damit auch die offizielle Politik mitgeprägt. So überzog seine Regierung etwa die Banker und Manager sofort mit heftiger Kritik, als es hieß, deren Einkommen seien überhöht. Genau wie in Amerika lautet die Botschaft auch hier, alle müssen zu Opfern bereit sein, auch die Banker. Damit folgt die Koalitionsregierung auch weiterhin dem fanatischen Feldzug der ehemaligen Labour-Regierung, noch die intimsten Aspekte des individuellen Verhaltens zu regulieren.

Die Diskussionen unter Politikern entsprechen denen in den Medien und unter Akademikern. Die Geschichten über gierige Banker, hohe Managergehälter und das asoziale Verhalten einer vermeintlich außer Kontrolle geratenen Öffentlichkeit füllen die Medien. Als Reaktion darauf soll dann meist sowohl das Verhalten der Superreichen als auch das der einfachen Leute strenger reguliert werden. Die Reichen sind zwar nicht immer denselben Mikro-Regulierungen unterworfen, aber an den beklagten Exzessen seien auf jeden Fall beide Seiten auf ihre Weise mitschuldig. Nur die respektable Mittelschicht – mit ihrer Sympathie für Werte wie Fairness und Nachhaltigkeit – erscheint im Großen und Ganzen als verantwortungsbewusst.

Armut als moralisches Problem

In der Wissenschaft hat sich die Debatte über Ungleichheit über die Jahre grundlegend gewandelt. Ihr Fokus hat sich von der materiellen Dimension der Ungleichheit zu einer Betonung ihrer angeblichen moralischen Folgen verschoben. Verhaltensweisen, die auf soziale Desintegration hinzuweisen scheinen, erhalten heute die größte Aufmerksamkeit: Verbrechen, Drogenkonsum, Ungesetzlichkeit, psychische Erkrankungen, Fettleibigkeit, mangelnde Bildungsleistungen, öffentliche Trunkenheit, Teenager-Eltern, Gewalt und ähnliches.

Aus dieser Perspektive betrachtet kann es keine politische Lösung im Sinne einer demokratischen Debatte und eines demokratischen Engagements geben. Stattdessen wäre ein therapeutischer Ansatz unter der Führung von Eliten erforderlich. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass die Obrigkeit eine große Bandbreite an Interventionen vorantreiben muss, um soziale Missstände zu behandeln.

Obwohl Soziologen auf beiden Seiten des Atlantiks oft den sozialen Zusammenbruch beschwören, hat der Begriff verschiedene Bedeutungen. In Europa wird er allgemein im Zusammenhang mit sozialer Inklusion und Exklusion gebraucht. Die aktuelle Verwendung der Exklusionsterminologie tauchte erstmals in Frankreich gegen Ende der „Trente Glorieuses“ (der glorreichen Dreißiger) auf, der französischen Version des Nachkriegsbooms. Sozial orientierte Katholiken nutzten diesen Begriff in den 1960ern, und der gemäßigte französische Politiker René Lenoir, der 1974 bis 1978 Staatssekretär für Sozialfürsorge war, schrieb ein Buch namens Les Exclus (Die Ausgeschlossenen). „Soziale Exklusion“ diente ursprünglich zur Bezeichnung derjenigen Personen, die von den sozialen Sicherungssystemen der Zeit nicht erfasst wurden, wobei die Bedeutung des Begriffs seither enorm ausgeweitet wurde. Die Europäische Kommission hat den Begriff in den 1990er-Jahren formell übernommen und von 1997 bis 2010 war er ein zentrales Thema der Politik der britischen Labour-Regierung.

Diese Debatte ging von der Prämisse einer zunehmenden Fragmentierung der Gesellschaft aus. Schon in den frühen 1980er-Jahren schrieb der Soziologe Ulrich Beck zu diesem Trend:

„Während der letzten drei Jahrzehnte hat sich die gesellschaftliche Bedeutung des Begriffs Ungleichheit gewandelt, und zwar von der soziologischen Schichtungsforschung fast unbemerkt. In allen reichen westlichen und industrialisierten Ländern hat ein Individualisierungsprozess stattgefunden.“ [2]

„Sie haben alle Angst, dass diese vermeintliche ‚Kultur des Exzesses‘ die soziale Fragmentierung verschärfen könnte.“

In Amerika hat im Wesentlichen dieselbe Diskussion stattgefunden, allerdings mit Schwerpunkt auf dem Unterschichten-Konzept. Trotz des weitverbreiteten Gebrauchs dieses Begriffs gab es keine einheitliche Definition. In den USA konzentrierten sich Medien und Wissenschaft beim Thema Ungleichheit vor allem auf abweichende gesellschaftliche Normen und moralischen Zerfall. Die Debatte über Ungleichheit war also keineswegs einfach eine Debatte über den ärmsten Teil der Gesellschaft.

Neuerdings spricht Charles Murray, einer der Hauptvertreter des Unterschichten-Konzepts, auch von einer neuen „Oberschicht“. So schreibt er in seinem neuen Buch Coming Apart [3], die amerikanische Elite habe eine Kultur jenseits der restlichen Gesellschaft entwickelt. Das steht seiner Ansicht nach im Gegensatz zu früher, wo die Elite zwar ebenfalls überdurchschnittlich reich gewesen sei, aber mit dem Rest der Gesellschaft dennoch eine gemeinsame Kultur geteilt habe.

Die beiden Begriffspaare Inklusion/Exklusion und Unterschicht/Oberschicht ermöglichen wohlgemerkt zwar das Gespräch über Ungleichheit aber nicht über Armut. Obwohl es einige Debatten über niedrige Einkommen gibt, liegt das Hauptaugenmerk auf sozialem und moralischem Zerfall. Beide Perspektiven sehen in der Spitze der Gesellschaft also ein ebenso großes Problem wie in der Allgemeinheit.

Daher teilen einflussreiche politische, mediale und wissenschaftliche Kritiker der Ungleichheit sämtlich dieselben Bedenken. In unterschiedlichen Formulierungen artikulieren sie letztlich alle dieselbe Angst, die vermeintliche „Kultur des Exzesses“ könnte die soziale Fragmentierung verschärfen. Daher tun sie alles um wirtschaftliche Erwartungen kleinzureden und greifen zu erheblichen Interventionen, um vermeintlich „dysfunktionales Verhalten“ zu regulieren.

Gleichheit und Fortschritt: ein Erbe der Aufklärung

Die derzeitige Beschäftigung mit Ungleichheit ist weit entfernt von der Diskussion um Gleichheit, die beginnend mit der Aufklärung des späten 17. Jahrhunderts aufkam. Auch wenn die Aufklärung sehr unterschiedliche Denker umfasste, so lässt sich doch sagen, dass sie im Wesentlichen drei für diese Diskussion wichtige Themen verkörperte: ein universalistisches Konzept von Gleichheit, die Idee menschlicher Vervollkommnung und den Fortschrittsgedanken.

Die moderne Gleichheitsidee entstand in den frühen Stadien der Aufklärung Mitte des 17. Jahrhunderts. Jonathan Israel, Professor für europäische Geschichte der Neuzeit in Princeton, verlegt den Ursprung dieser Idee gar in die Niederlande der 1660er-Jahre, dem Ende des „Goldenen Zeitalters“. [4]

Israel erkundet mit enzyklopädischer Detailversessenheit die Unterschiede zwischen den radikalen und moderaten Flügeln der Aufklärung. Im Wesentlichen waren die Radikalen in ihren Forderungen nach Gleichheit, Freiheit und Fortschritt viel kühner, während die moderaten Vertreter eher zurückhaltend waren.

Die bekanntesten frühen Verfechter der radikalen Aufklärung waren Baruch Spinoza und Pierre Bayle in den Niederlanden. Später wurde Denis Diderot der bekannteste Vertreter der radikalen Aufklärung im 18. Jahrhundert. Israel sagt:

„Das Prinzip der Gleichheit [...] war von Anbeginn ein Hauptanliegen der radikalen Aufklärung. Dies lag daran, dass bei Spinoza, Bayle und in der verbotenen philosophischen Literatur der frühen Aufklärung Moral- und Sozialphilosophie auf dem Prinzip beruhten, dass das Glück jedes einzelnen und damit alle weltlichen Interessen als gleichwertig betrachtet werden müssen.“ [5]

Gemäßigte Unterstützer der Aufklärung vertraten ein etwas anderes Gleichheitskonzept. John Locke unterstützte etwa eine geistige Gleichheit, aber nicht einen gleichen bürgerlichen Status. Er hat Gleichheit zwar bis zu einem gewissen Punkt gutgeheißen, unterstützte aber eine Klassengesellschaft und sogar die Sklaverei. [6]

„Wenn Vollkommenheit möglich und Gleichheit wünschenswert ist, dann folgt daraus, dass sie durch Fortschritt erreicht werden können.“

Die Vorstellung von der Vervollkommnung des Menschen ist eng mit der Gleichheitsidee verknüpft. Sie unterstellt, auch wenn die Menschen vorübergehend in erniedrigenden Umständen leben, so können sie doch Großes erreichen. So schrieb Condorcet, ein führender französischer Radikaler, in der Einführung zu seinen Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes (1795):

„Solcherart ist das Ziel der Arbeit, die ich unternommen habe; ihr Ergebnis soll zeigen, durch Urteilskraft und durch die Faktenlage, dass der Verbesserung der menschlichen Fähigkeiten keine Grenzen gesetzt sind; dass die Vervollkommnung des Menschen absolut uneingeschränkt ist; dass der Prozess dieser Vervollkommnung, fortan jenseits der Kontrolle jeder Macht, die ihn aufhalten wollte, keine andere Grenze hat als die Dauer des Planeten, auf den die Natur uns gesetzt hat.“ [7]

Das bedeutet keineswegs, das gesamte Potential der Menschheit lasse sich ohne Schwierigkeiten verwirklichen. Andererseits liegt darin aber der entschlossene Kampf gegen rückwärtsgewandte Ideen. Zumindest im Prinzip kann die Menschheit insgesamt große Dinge erreichen.

Die Fortschrittsidee, der dritte Teil unseres Triumvirats, ist mit den anderen beiden logisch verbunden. Wenn Vollkommenheit möglich ist und Gleichheit wünschenswert, dann folgt daraus, dass sie durch Fortschritt erreicht werden können. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde solch eine Verbesserung nicht nur im moralischen und sozialen Sinne begriffen, sondern auch in Bezug auf materiellen Wohlstand. Aufgeklärte Denker wie Adam Smith in Großbritannien und Anne-Robert-Jacques Turgot in Frankreich haben die ökonomische Dimension als wesentlichen Faktor für den menschlichen Fortschritt betont.

Wiederrum führten die radikalen Denker diese Argumente weiter aus als die gemäßigten. Bis in das späte 18. Jahrhundert hinein haben sie nicht nur den Wohlstand unterstützt, sondern sich auch für die Möglichkeit der vollständigen Abschaffung von Armut ausgesprochen. Diese Vision wurde von Denkern wie Condorcet und dem Briten Thomas Paine geschaffen. [8] Für sie war das keineswegs eine unrealistische Vision einer idealisierten Gemeinschaft, sondern eine Möglichkeit die praktisch umgesetzt werden kann.

Materielle Gleichheit: Revolution im Sinne des Marxismus

Die Unterstützer der Gleichheitsidee im 19. und in weiten Teilen des 20. Jahrhunderts lassen sich ebenfalls in zwei grobe Richtungen unterteilen. Die konsequenten Vertreter der materiellen Gleichheit könnte man unter den Begriffen klassischer oder revolutionärer Marxismus fassen. Die gemäßigten Sozialisten und andere Befürworter der Wohlfahrtsversorgung waren etwas zurückhaltender. Aber sogar diejenigen mit eher gemäßigten Zielen behielten Teile der Fortschrittsidee bei.

Karl Marx nahm einige Schlüsselelemente der radikalen Aufklärung und integrierte sie in sein eigenes Denken. Er nahm die Ideen der Gleichheit, des menschlichen Potentials und des ökonomischem Fortschritts auf. Marx unterschied sich von den Aufklärern darin, dass er nicht glaubte, materielle Gleichheit könne innerhalb des Kapitalismus erreicht werden. Da Ungleichheit sich im Kapitalismus als Klassengesellschaft ausprägt, konnte Gleichheit nur mit dem Sturz des Kapitalismus erreicht werden. Nur in einer klassenlosen Gesellschaft wäre es möglich, sein berühmtes Ziel zu erreichen: „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“. [9]

Wer an Marx’ Sympathie für wirtschaftlichen Fortschritt zweifelt, sollte das Kommunistische Manifest von 1848 lesen. Darin machte er klar, dass er den Kapitalismus soweit begrüßt, als er den Feudalismus abgeschafft und die Grundlage für bedeutend mehr Wohlstand gelegt hat. Aber es ging ihm vor allem darum, dass der Mensch es sogar noch weiter bringen kann. Der Kapitalismus hat zwar durchaus Wachstum generiert, aber er hat zugleich auch Hindernisse für die ökonomische Entwicklung produziert. Um den Mangel abzuschaffen wäre ein Schritt in Richtung einer produktiveren Gesellschaftsform erforderlich.

Diese Kernprämissen behielten die Bolschewiken in den späten 1910er- und den frühen 1920er-Jahren bei. Leo Trotzki skizzierte seine optimistische Auffassung über die menschlichen Möglichkeiten in einer sozialistischen Zukunft wie folgt: „Der durchschnittliche Menschentyp wird sich auf das Niveau eines Aristoteles, Goethe oder Marx erheben. Über diese Gebirgskette werden die neuen Gipfel emporragen.“ [10] Diese positive Vision wurde durch den Aufstieg Joseph Stalins zum Führer der Sowjetunion ab Mitte der 1920er-Jahre zunichte gemacht. Sie ist dennoch eine heilsame Erinnerung daran, dass zwischen der historischen Diskussion über Gleichheit und den aktuellen Ängsten vor Ungleichheit ein großer Unterschied besteht.

Im Gegensatz zu den Marxisten sahen die gemäßigteren Verfechter der Gleichheit meist in der Umverteilung einen Weg zur Abwendung der revolutionären Bedrohung. Im späten 19. und 20. Jahrhundert wurden daher oft Wohlfahrtszuwendungen als Mittel gepriesen, Ressourcen auf die Armen und Bedürftigen umzuverteilen. In den 1880er-Jahren hat Otto von Bismarck, Deutschlands erster Kanzler, das Modell des Sozialstaats entwickelt, auf dem andere später weiter aufgebaut haben. In Großbritannien, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, redete man oft vom „Wohlfahrtsstaat“. In den USA wurden die Befürworter der weitreichenden Wohlfahrtszuwendungen allgemein als „Liberals“ bezeichnet.

„Heute wird Wachstum eher als ein Problem angesehen.“

Aber sogar die gemäßigteren Verfechter des Egalitarismus hatten im Allgemeinen eine positivere Vision als die heutigen pessimistischen Ungleichheitskritiker. Das zuerst 1956 erschienene Buch The Future of Socialism von Antony Crosland liefert eine anschauliche Darstellung des etablierten Denkens dieser Zeit. Der gemäßigte Labour-Abgeordnete und spätere Minister hat sich größtenteils auf das Thema Gleichheit konzentriert. Für Crosland „ist dieser Glaube an soziale Gleichheit, der die stärkste ethische Inspiration für geradezu jede sozialistische Doktrin ist, immer noch die charakteristischste Eigenschaft heutigen sozialistischen Denkens.“ [11] Gleichzeitig war er in seiner Befürwortung des Wachstums ganz unmissverständlich:

„Eine Wachstumsrate, zumindest für das nächste Jahrzehnt, ist weit davon entfernt im Widerspruch zu den sozialistischen Idealen zu stehen, sondern ist eine Voraussetzung für ihre Verwirklichung. Und sie ist auch eine Voraussetzung für das Erreichen von Ämtern; denn wenn die Labour-Partei das Ziel der Produktionssteigerung vernachlässigt, hätte sie die Missgunst der britischen Öffentlichkeit eindeutig verdient.“ [12]

Dass sich heute eine Person des öffentlichen Lebens derart ungeschützt für Wachstum ausspricht, ist kaum vorstellbar. Heutzutage wird die Unterstützung von materiellem Fortschritt fast ohne Ausnahme von Warnungen über unsere begrenzten Ressourcen, den Klimawandel, den Vorrang des Glücks vor dem BIP, Nachhaltigkeit und so weiter begleitet. Heute wird Wachstum normalerweise eher als ein Problem angesehen statt als eine Bedingung für die Überwindung der Herausforderungen, mit denen die Gesellschaft konfrontiert ist.

Die altmodischen Verfechter des Egalitarismus waren in keinster Weise so vom individuellen Verhalten besessen wie die heutige Generation. In den letzten Jahren war man diesbezüglich dermaßen besorgt, dass man fast annehmen könnte, es wäre immer so gewesen. Aber in früheren Zeiten konzentrierte sich die Diskussion vielmehr auf die Fragen danach, wie man die Gesellschaft am besten organisiert, um mehr Wohlstand zu erzeugen. In diesem Zusammenhang würden Konservative in der Regel die Notwendigkeit von sozialen Ungleichheiten verteidigen, während ihre Gegner über die Notwendigkeit einer besseren Gesellschaft behaupten würden.

Für Gleichheit, gegen Einschränkung

Jetzt können wir die Kluft zwischen der historischen Gleichheitsdiskussion und der jüngsten Beschäftigung mit der Eindämmung von Ungleichheit überblicken.

Die Gleichheitsverfechter, besonders die radikalen, verbanden üblicherweise die Ablehnung sozialer Hierarchien mit einem positiven Bild der Potentiale des Menschen. Daraus folgte die Notwendigkeit, Wege zu finden, mit denen sich die Entwicklung zum höchsten Ziel vorantreiben ließe – dem vollkommenen Menschen. Für diese Vision war die Abschaffung des Mangels durch ökonomischen Fortschritt oft von zentraler Bedeutung.

Demgegenüber haben die zeitgenössischen Kritiker der Ungleichheit ein völlig degeneriertes Menschenbild. Sie sehen den Menschen nicht mehr im Licht seiner Potentiale sondern vor allem seiner Verletzlichkeit durch die Verlockungen der Maßlosigkeit. Aus dieser Perspektive heraus muss das menschliche Verhalten von allen Seiten beschränkt werden, um die Gefahr des gesellschaftlichen Zerfalls zu reduzieren. Von den Menschen wird erwartet, dass sie ihr materielles Streben zügeln und ihre anderen Sehnsüchte dämpfen.

Die aktuelle Beschränkungskultur ist oft in einer Sprache formuliert, die viele für progressiv halten mögen. Sie befürwortet Ethik, Fairness, Verantwortlichkeit und Nachhaltigkeit. Dann und wann verwendet sie sogar die Sprache der Gleichheit.

Aber auch wenn die Sprache anziehend klingen mag, sie ist dennoch eine Falle. In der aktuellen Debatte ist sie mit der Akzeptanz von Beschränkung verknüpft. So dient etwa der Begriff der Fairness nur als Werbung für den Gedanken, dass jeder seinen gerechten Anteil am gemeinsamen Opfer bringen muss. Moralität und Ethik sollen die Vorstellung stützen, die Ansprüche müssten gedrosselt werden. Nachhaltigkeit sagt nur, ökonomisches Wachstum soll um der Umwelt willen eingeschränkt werden.

Wenn wir solche Beschränkungen nicht freiwillig akzeptieren, dann werden sie uns aufgenötigt. Die Nationalstaaten der entwickelten Welt verfügen mittlerweile über ein breites Spektrum therapeutischer Interventionen zur Zügelung der in ihren Augen nicht wünschenswerten Verhaltensweisen, die einen erheblichen Eingriff ins unsere Freiheit darstellen.

Gleichheit im historischen Sinne bedeutet, dass die Verwirklichung des menschlichen Potentials durch Fortschritt nach wie vor ein erstrebenswertes Ziel ist. Das ist von dem aktuellen Bestreben, die Ungleichheit durch die Unterdrückung unserer Ambitionen und Leidenschaften zu bremsen, meilenweit entfernt.