23.06.2015

Mein Rausch gehört mir!

Kommentar von Benedikt Herber

Immer mehr Stimmen plädieren für eine kontrollierte Freigabe von Cannabis. Trotzdem ist die zunehmende Offenheit gegenüber der Droge kein Zeichen für eine liberale Kehrtwende. Der Autor kritisiert ein Menschenbild, das individuelle Verantwortung ausklammert

„Mein Bauch gehört mir“ – Mit dieser Parole gingen in den 1970er-Jahren Frauenrechtlerinnen auf die Straße, um für eine selbstbestimmte Mutterschaft zu demonstrieren. Es war ein Aufbegehren gegen konservative Kräfte, die eine Abtreibung als unerlaubten Eingriff des Menschen in biologische Prozesse deuteten und somit dem Individuum den moralisch richtigen Umgang mit dem eigenen Körper vorschreiben wollten. Die Schwangerschaft sollte vielmehr als das aufgefasst werden, was sie ist: Ein Prozess, der im Körper der Frau stattfindet und aus diesem Grund auch nur sie etwas angeht. Dafür, dass die modernen und relativ komplikationslosen medizinischen Voraussetzungen für Verhütung und Abtreibung erst relativ kurz bestehen, hat die Akzeptanz dafür ziemlich schnell zugenommen. Wir stellen uns auch nicht mehr die Frage, ob es aus Gründen fernab klassischer Moralvorstellungen, beispielsweise aufgrund der Demographie, sinnvoll ist, die Pille so leicht zugänglich zu machen. Es ist zu einer persönlichen Frage der Lebensgestaltung geworden.

Ein anderes Feld, in dem ein ähnlicher Konflikt zwischen Fremd- und Selbstbestimmung vorherrscht, betrifft bewusstseinsverändernde Substanzen. Alkohol, Tabak, Koffein oder Teein haben sich kulturell etabliert und sind frei zugänglich, andere Stoffe erliegen dagegen einer strikten Prohibition. Doch scheint sich gerade in Bezug auf das Verbot von Cannabis, das seit jeher kontrovers hinterfragt wird, ein Wandel zu vollziehen. Nachdem manche Bundesstaaten in den USA den Konsum unter starken Einschränkungen freigegeben haben, diskutiert man nun auch in Deutschland offen über eine mögliche Legalisierung.

Dass es wirklich Hoffnung auf eine Lockerung der Prohibitionsgesetze geben könnte, zeigt sich besonders dadurch, dass inzwischen auch in eher weniger progressiven Lagern mit dem Gedanken gespielt wird. Joachim Pfeiffer, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU, initiierte jüngst gemeinsam mit einem Grünen-Bundestagsabgeordneten eine Initiative für eine Freigabe. [1] In Bayern, eigentlich das Paradebeispiel für eine restriktive Verbotspolitik, wird in einigen Großstädten über die Einführung sogenannter „Cannabis Social Clubs“  debattiert. [2]

„Auch in eher weniger progressiven Lagern spielt man mit dem Gedanken einer Cannabis-Legalisierung“

Während grüne Kräfte gerne auf schwerwiegende Folgen von Alkohol und Tabak hinweisen und Cannabis als die ökologisch und gesellschaftlich verträglichere Option preisen, konzentrieren sich die Konservativen eher auf volkswirtschaftliche Argumente wie Steuereinnahmen oder die Beseitigung illegaler Strukturen. Wie die Argumente auch lauten mögen, die irrationalen moralischen Bedenken der Vergangenheit scheinen ihre Kraft zu verlieren. So weit so gut. Doch ist der Trend in Richtung eines scheinbar von Vernunft geleiteten, vorteilsorientierten Umgangs mitnichten eine liberale Kehrtwende. So sehr die Freigabe der Droge zu begrüßen wäre, so sehr zeugt die aktuelle Diskussion von einer Gesellschaft, die sich daran macht, eine der privatesten, intimsten Sphären des individuellen Lebens voll und ganz zu vereinnahmen – den Konsum.

Alkohol und Sucht

Um die Standpunkte in der aktuellen Debatte einordnen zu können, muss ein Blick auf den Umgang mit Alkohol, auf die Ideengeschichte geworfen werden. Alkohol deshalb, weil er im abendländischen Kulturkreis eine zentrale Stellung einnimmt und deshalb die meisten wesentlichen Diskurse damit verknüpft waren. Das liegt sicher auch daran, dass die zentrale moralische Autorität des Mittelalters, nämlich die katholische Kirche, durch Klosterbrauwesen und Messwein eng mit der Droge verwoben ist. Somit erfuhr der Alkohol eine verhältnismäßig hohe Akzeptanz in der Öffentlichkeit, die im Lauf der Zeit aufgrund unterschiedlicher moralischer und wissenschaftlicher Erkenntnisse in Zweifel gezogen wurde.

Es gibt einige Hinweise, dass im Mittelalter Alkohol verhältnismäßig ungehemmt konsumiert wurde. Karl der Große, der „kein Freund der Trunkenheit“ gewesen sein soll, habe beispielsweise „nur“ drei Becher Wein zu jeder Mahlzeit getrunken. [3] Anderen Substanzen stand der Klerus dagegen sehr viel skeptischer gegenüber. Es wird spekuliert, dass das Reinheitsgebot auch dadurch begründet ist, „heidnische“ psychoaktive Bierzusätze wie Bilsenkraut, Tollkirschen oder Schlafmohn aus dem Gerstensaft zu verbannen. [4]  Das Verbot von Opium als schmerzstillendes Mittel gilt sogar als die erste Form der Prohibition im Abendland: Der Schmerz sollte als Strafe Gottes ertragen werden. [5]

Der relativ unbeschwerte Umgang mit dem Alkohol änderte sich erst, als sich die starren klerikalen Strukturen zu lösen begannen. Der Protestantismus setzte einer als dekadent und abgehoben empfundenen katholischen Kirche eine Ethik der Mäßigung bis Enthaltsamkeit entgegen. Sehr viel radikaler in seiner Auslegung als Martin Luther war dabei der Schweizer Reformator Johann Calvin und der nach ihm benannte Calvinismus. Der Mensch stehe während seiner Lebenszeit in der Pflicht, festzustellen, ob er von Gott auserwählt wurde. Gelingt es ihm, sich mit einem maximalen Maß an Selbstkontrolle, Fleiß und Enthaltsamkeit einen großen materiellen Wohlstand zu verschaffen, so gehört er zum Kreis der Auserwählten.

Max Webers berühmtes Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus verortet die Entstehung des Kapitalismus in ebenjener Ethik der Enthaltsamkeit, von ihm „innerweltliche Askese“ genannt. Entscheidend ist für ihn, dass der Calvinismus wie auch der Kapitalismus den Erwerb von dem ursprünglichen Zweck, nämlich den darauf folgenden Genuss trennt. Erwerb wird also gewissermaßen zum Selbstzweck; störende Faktoren, wie ein verschwenderischer Lebensstil oder eben das rauschhafte Erleben, sind dabei hinderlich. Das erworbene Kapital definiert den Stand des Menschen in der Gesellschaft, da er durch seine Arbeitskraft einen großen Wert für ihre Funktionalität hat. [6] Man kann vielleicht von den ersten Formen eines Phänomens sprechen, das später für die Moderne typisch ist und das Michel Foucault als „Bio-Macht“ bezeichnet: Anstatt mit klarer Repression von oben „unmoralisches“ Handeln zu verbieten, wird das Individuum stattdessen veranlasst, sich selbst zu konditionieren. Der Konsum von Alkohol erscheint in diesem Kontext als absolut „irrational“. Mehr noch, dem Trinker wird unterstellt, der Gesellschaft zu schaden, da er durch sein irrationales Handeln nur sehr schwer in den Arbeitsteilungsprozess integriert werden kann.

„Die zerstörerische Kraft der Droge richte sich gegen den Gesellschaftskörper“

Die Entstehung des „Sucht“-Begriffs Anfang des 19. Jahrhunderts förderte diese Entwicklung. Benjamin Rush, einer der Gründungsväter der USA, entwickelte die Idee, regelmäßige Trunkenheit sei nicht Folge persönlicher Entscheidungen, sondern die eines Kontrollverlustes, zurückzuführen auf die Eigenschaften des Alkohols. [7] Hier liegt wohl die Essenz der Rechtfertigungsmuster der Prohibition, welche seit Anfang des 20. Jahrhunderts einen Großteil aller bewusstseinsverändernden Substanzen vereinnahmt hat. Individuen, die nicht mehr Herr über sich selbst sind, sind auch nicht mehr in der Lage, sich den aktuellen Normen der Gesellschaft gemäß selbst zu disziplinieren.

Ein in diesem Sinn verstandener Suchtbegriff unterstellt einen absoluten Autonomieverlust: Einerseits sei das Individuum im Rauschzustand aber auch als Folge des Rauschzustandes nicht mehr in der Lage sich anzupassen, andererseits habe es gar nicht erst die Wahl zwischen Konsum und Nicht-Konsum. Letztlich wird die Suchterkrankung zu einer Gefahr für den Fortbestand der Gesellschaft. Das Aufkommen wohlfahrtsstaatlicher Strukturen seit dem 19. Jahrhundert lieferte den Prohibitionisten neue Argumente. Nun hieß es: Die zerstörerische Kraft der Droge richte sich nicht nur gegen das Individuum und sein Umfeld, sondern gegen den Gesellschaftskörper im Ganzen (inklusive Krankenversicherungen oder Rentenkassen gemäß dem Motto: „Wer soll denn unsere Rente bezahlen, wenn die alle auf Droge sind?“). Die Sucht wird zum nationalökonomischen Kostenfaktor erhoben. Der Staat müsse die Entscheidung über den „richtigen Konsum“ übernehmen, da das durch die Sucht unfrei gewordene Subjekt die negativen gesellschaftlichen Konsequenzen des eigenen Handelns gar nicht mehr berücksichtigen kann.

Kiffen für die Gesellschaft

Auch wenn es zunächst etwas paradox erscheinen mag: Ein großer Teil der Befürworter einer Cannabis-Freigabe stehen in eben jener Denktradition. Besonders Legalisierungs-Befürworter aus dem Dunstkreis der Grünen weisen regelmäßig auf die Schädlichkeit von legalen Drogen hin, besonders von Tabak und Alkohol. Neben den gesundheitlichen Auswirkungen würde übermäßiger Alkoholkonsum z.B. aggressives Verhalten und Gewalt fördern, während Cannabis dagegen verhältnismäßig unbedenklich sei und zu einem friedfertigen Umgang führe. Das andere Hauptargument: Es mache nicht bzw. kaum süchtig.

Diese deterministische Betrachtungsweise ist natürlich sehr pauschalisierend und lässt die Tatsache, dass die Rauschwahrnehmung immer von sozialen Umständen und biologischen Voraussetzungen abhängig ist und sich deshalb von Fall zu Fall stark unterscheidet, völlig außer Acht. Da sich kaum Widerstand gegen eine offen betriebene Politik gegen etablierte Drogen regt, zeigt sich aber auch, dass diese Haltung fest in der gesellschaftlichen Mitte verankert ist. Dabei geht es auch längst nicht mehr, wie man es bei den Rauchergesetzen noch rechtfertigen wollte, um den Schutz Unbeteiligter. Das für das Jahr 2020 von der EU festgelegte Mentholzigaretten-Verbot suggeriert in erster Linie eines: Wenn man schon einmal raucht, dann soll es zumindest im Hals kratzen. Was als schlecht angesehen wird, soll nicht ohne negative Nebenwirkungen genossen werden dürfen. Auch bei den von der EU beschlossenen Ekelbildern auf den Zigarettenpackungen wird die Taktik, den Genuss zu schmälern, einer wirklichen sachlichen Aufklärung vorgezogen. Protest? Weitgehend Fehlanzeige! Es geht ja gegen die böse Tabak-Lobby.

Cannabis erscheint irgendwie hipper, ja zeitgemäßer, nebenbei ökologischer und verträglicher für die Allgemeinheit als die Volksdrogen Nikotin und Alkohol. Damit entspricht es mehr und mehr den Anforderungen des sich verschiebenden Zeitgeistes. Die sich in die Mitte der Gesellschaft vordringende Erkenntnis, Cannabis sei eigentlich nicht schädlich und erzeuge kaum Abhängigkeit, verdrängt das Bild des „nutzlosen“ Kiffers und macht die Droge gesellschaftsfähig. Der Kiffer kann also doch „funktionieren.“ Vielleicht sogar besser als der Alkoholiker.

Selbstbestimmt genießen

Mit liberalem Denken hat das natürlich wenig zu tun. Eine Droge freizugeben, weil man sich positive gesellschaftliche Impulse erhofft, ist genauso illiberal, wie eine Droge aus demselben Grund zu verbieten. Dieses Menschenbild impliziert einen unmündigen Bürger, der nicht mehr als ein Opfer seiner Umstände ist und gleichzeitig keine andere Aufgabe hat, als der Gesellschaft in möglichst geringem Maße zur Last zu fallen. Das ist im Kern sehr nah beim calvinistischen Funktionalitätsdenken. Statt dem Individuum Selbstverantwortung im Umgang mit dem eigenen Körper abzuverlangen, wird eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung konstruiert.

„Auch beim Drogenkonsum muss es darum gehen, Autonomie über den eigenen Körper zu erlangen“

Diese „Verantwortung“ geht aber, im Gegensatz zur strikten Askese des Calvinismus, über die reine Funktionalität als Arbeitskraft oder als mögliche Belastung der Krankenkassen hinaus. Es handelt sich auch um eine Verantwortung, bestimmten Stereotypen gesellschaftlich erwünschten Verhaltens zu entsprechen. Die Reproduktion sozialer Tatsachen wird nicht nur durch Drogenabhängige gefährdet, die nicht in der Lage sind, sich in den Arbeitsprozess zu integrieren, sondern auch durch solche Konsumenten, die ein Feierabendbier (oder Feierabendjoint) in gemütlicher Runde ablehnen, oder es vorziehen, ihr Feierabendbier lieber für sich alleine zu trinken. Cannabis erscheint heute auch deshalb als eine exzellente Alternative zu den etablierten Drogen, da seine Befürworter immer wieder dessen angeblich so große Sozialverträglichkeit betonen.

In der ständigen Rückfrage nach der sozialen Erwünschtheit manifestiert sich die gesellschaftliche Vereinnahmung unseres Konsums. Es sollte allerdings nicht mehr darum gehen, wie wir am besten den Anforderungen der Gesellschaft an uns gerecht werden, sondern darum, in eigener Macht zu entscheiden, welche „kleinen Sünden“ unser Leben lebenswerter machen. Wie Cannabis, Alkohol oder Nikotin hat so gut wie alles, was Glücksgefühle erzeugt, im Übermaß genossen negative Auswirkungen: Zucker, Videospiele, ja sogar Sport.

Wie bei der Frauenrechtsbewegung in den 1970er-Jahren muss es auch beim Konsum darum gehen, Autonomie über den eigenen Körper zu erlangen. Alles andere wäre Bevormundung. Die Befreiung des Individuums von der gesellschaftlichen Vereinnahmung ist aber nicht nur eine Aufgabe des Staates, der bewusstseinsverändernde Substanzen freigeben sollte. Es ist vielmehr eine Aufgabe für jeden von uns. Die jahrhundertelange Indoktrinierung der Bürger mit einer falschen Verantwortlichkeit vor der Gesellschaft muss überwunden werden, um eine wahre Selbstbestimmung über unseren Körper zu erlangen. Wir sind uns selbst gegenüber verantwortlich.