03.02.2011

Dreck

Von Erich Grantzau

Auch in dem Buch "Dreck - Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert" finden sich viele der heute populären Vorurteile gegen die moderne Landwirtschaft wieder

„Dreck – Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert“, so lautet der Titel eines Buches des amerikanischen Geologen D.R. Montgomery, der als Professor an der Universität von Seattle das Fach Geologie vertritt.

Montgomerys Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Böden eine oft unterschätzte, wertvolle und überlebensnotwendige Ressource darstellen, die bei falscher Bewirtschaftung von Erosion bedroht ist, was letztlich zu katastrophalen Folgen führen kann. Dies illustriert der Autor anhand von Beispielen verschiedener untergegangener Kulturen. Er kommt zu dem Schluss, dass diese jeweils nach 800 – 2000 Jahren zusammengebrochen seien, weil sie während dieser Zeit die Basis ihrer Existenz, nämlich den Boden, nachhaltig zerstört hätten.

Letztlich geht es dem Autor jedoch nicht um die Vergangenheit, sondern um Gegenwart und Zukunft. Er fordert, aus den Fehlern der untergegangenen Kulturen zu lernen und schonend mit den Böden umzugehen, die der Nahrungsgewinnung dienen. Als positives Beispiel dienen Montgomery chinesische Kleinbauern, auf die die o. g. Gesetzmäßigkeit nicht zutreffe, da sie ihre Böden durch regelmäßige Düngung mit Fäkalien über 4000 Jahre fruchtbar erhielten. Auch die Situation in Europa, wo immerhin auch schon seit über 2000 Jahren die Bodenproduktivität erhalten blieb, gibt doch zumindest Anlass zur Hoffnung. 

Problematisch an dem Buch sind die Anleitungen, die der Geologe, Pedologen und Ackerbauern bezüglich Bodenschutz mit auf den Weg geben will. Hier stimmt so manches nicht. Montgomery behauptet, dass die Bodenfruchtbarkeit nur durch die Zufuhr von immer größeren Mengen Mineraldünger aufrecht erhalten wird.
Zumindest in Nord- und Mitteleuropa ist aber das Gegenteil zu beobachten. Seit etwa 40 Jahren wird bei gleich bleibenden bzw. steigenden Erträgen immer weniger Mineraldünger aufgewandt. Die Aussage, dass sich die Nahrungsmittelproduktion in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem 7-fachen Aufwand an Stickstoff und dem 3,5-fachen Aufwand an Phosphat verdoppelte, trifft zumindest für die Bundesrepublik nicht zu, denn hier ist in dem genannten Zeitraum der Mineraldüngeraufwand deutlich gesenkt worden - bei Phosphat um über 80%, bei Kalium um über 70% und bei Stickstoff um 30%.

Montgomerys Anliegen ist es, die Menschheit durch ökologische Landwirtschaft mit organischer Düngung künftig vor Hunger zu bewahren. Dass das gelingen könne, versucht er mit Verweis auf die Düngepraxis seiner Frau im heimischen Hobbygarten zu belegen. Mrs. Montgomery verwendet nämlich eigenen Kompost, dem sie zusätzlich Kaffeesatz aus einem nahe gelegenen Café beimischt. Klingt nett, eine Bodenanalyse aus dem Garten der Montgomerys, mit dem die sachgerechte Nährstoffversorgung belegt ist, fehlt jedoch und dürfte wohl Werte ergeben, die den Autor wundern würden. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass die unkritische, ja hemmungslose Anwendung des organischen Düngers Kompost zu einer außerordentlich starken Überdüngung der Gartenböden führt. 

Neben Mrs. Montgomery führt der Autor Edward H. Faulkner als Zeuge ins Feld. Der Agrarwissenschaftler, der sich insbesondere für pfluglose Anbaumethoden einsetzte, soll in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts US Farmer damit überrascht haben, dass er durch ausschließlich organische Düngung gleiche oder höhere Erträge erzielte wie die Kunstdünger streuenden Kollegen. Wenn die Rede davon ist, dass Faulkner mit Hilfe eines Traktors und einer Scheibenegge innerhalb von Stunden soviel organische Substanz in den Boden einarbeitete, wie es die Natur in Jahrzehnten bewerkstelligt, dann deutet das ganz sicher auf eine kräftige Überdüngung hin, und über hohe Erträge muss man sich in diesem Fall gewiss nicht wundern.
In der BRD ist eine derart extreme Überdüngung mit organischen Stoffen – die zwangsläufig auch immer eine Überdüngung mit Mineralstoffen bedeutet – übrigens aus Gründen des Bodenschutzes verboten. 

Schließlich begibt sich der Geologe ins Wasser und beschreibt die Hydrokultur.
Bei dieser bodenlosen Pflanzenkultur seien pro Flächeneinheit wesentlich höhere Erträge zu erzielen, so der Autor. Das erfordere jedoch wesentlich mehr Nährstoffe. Auch hier irrt der Geologe, denn Hydrokulturen erfordern vor allem eine exakte Steuerung der Nährstoffmengen, anderenfalls geht die Ernte im wahrsten Sinne des Wortes baden. Eine extrem hohe Nährstoffzufuhr, wie von Montgomerys Gattin und Mr. Faulkner praktiziert und vom Autor als vorbildlich dargestellt, bedeutet für eine Hydrokultur jedenfalls das Aus.

Insgesamt ist es sicher das Verdienst des Buches, den mit der Landwirtschaft im Allgemeinen kaum mehr vertrauten Lesern vor Augen zu führen, dass „Dreck“ eine wertvolle Ressource ist. Den ökologischen Landbau mit der damit verbundenen extensiven Bodennutzung jedoch als Königsweg zur Erhaltung dieser Ressource zu betrachten, ist abwegig. Wenn wir Böden erhalten wollen, müssen wir Methoden der Präzisionslandwirtschaft nutzen, die wissenschaftlich und technisch auf der Höhe der Zeit sind. Dazu gehören heute zum Beispiel der Einsatz von herbizidtoleranten Sorten, die einen pflugarmen oder pfluglosen Anbau ermöglichen. Dazu gehören auch die exakt bedarfsgerechte Nährstoffversorgung von Pflanzen, die durch den Einsatz von Biosensoren und GPS-gesteuerter Düngemittelausbringung in Zukunft ermöglicht wird.

Sicher ist, dass die von Montgomery als vorbildlich betrachtete, aus der Not geborene kubanische Öko-Landwirtschaft, nicht geeignet ist, die Nahrungsmittelversorgung der Erdbevölkerung zu sichern, denn die Kubaner sind derzeit nicht in der Lage, mehr als 20% ihres Nahrungsmittelbedarfs zu erzeugen.