26.02.2014

Doping: Mit Nahrungsergänzungsmitteln zum Karriereknick

Von Stefan Chatrath

Das eigentliche Problem im Dopingfall Sachenbacher-Stehle ist die unüberschaubare Liste verbotener Substanzen der Weltantidopingagentur. So wird die einfache Frage „Was esse ich?“ zu einer für Sportler existenzbedrohenden Entscheidung. Ein Kommentar von Stefan Chatrath

Der Schock war groß: Evi Sachenbacher-Stehle, die Biathletin, hat gedopt. Das gab während der Olympischen Spiele in Sotschi der Internationale Biathlon-Verband letzte Woche bekannt. Die Athletin beteuerte sofort, dass sie keine Schuld trifft: Sie hätte ein Nahrungsergänzungsmittel zu sich genommen, das ihr ein Trainer gegeben hat. Sie vertraute darauf, dass es regelkonform war.

Sachenbacher-Stehle wird nun von allen Seiten Fahrlässigkeit vorgeworfen. Sie hätte das Mittel nur zu sich nehmen dürfen, wenn sie selbst sich 100% sicher gewesen wäre. Dieser Vorwurf greift jedoch zu kurz. Das Problem liegt nämlich nicht (nur) bei der Sportlerin, sondern vor allem im WADA-Code, der eine Fehlkonstruktion ist.

Der WADA-Code ist die Grundlage für den weltweiten Anti-Doping-Kampf. Eine große Schwäche dieses Regelwerks ist, dass in ihm Doping nicht allgemein definiert wird. Stattdessen listet die Weltantidopingagentur WADA in ihrem Code Substanzen auf, die verboten sind.

„Die Verbotsliste ist immer weiter gewachsen und umfasst mittlerweile mehrere tausend Substanzen, darunter z.B. auch fast alle Hustensäfte.“

Dopingmittel sind somit die laut WADA-Code verbotenen Substanzen. Aufgrund dieser Definition ist in den letzten Jahren ein großes Problem entstanden: Die Verbotsliste ist immer weiter gewachsen und umfasst mittlerweile mehrere tausend Substanzen, darunter z.B. auch fast alle Hustensäfte. Den Überblick zu behalten, ist nahezu unmöglich, selbst für Fachleute: Ein Athlet kann, wenn er krank ist, nicht einfach zu irgendeinem Arzt gehen. Der „gewöhnliche“ Arzt kennt sich nämlich mit der Verbotsliste nicht aus. „Mir ist es im Verlaufe meiner Karriere nicht nur einmal passiert, dass ich in einem akuten Krankheitsfall auf mich allein gestellt war und ein mulmiges Gefühl hatte, vielleicht doch einen verbotenen Wirkstoff übersehen zu haben“, sagt z.B. der ehemalige Olympiasieger Lars Riedel, der im Anschluss an seine sportliche Laufbahn diese Problematik immer wieder offen anspricht.

Das gleiche Problem tritt natürlich auch bei Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln auf: Die Verbotsliste führt ja keine Nahrungsergänzungsmittel auf, die verboten sind, sondern nur Inhaltsstoffe. Muss jetzt ein Athlet tatsächlich jedes neue Nahrungsergänzungsmittel in ein Labor schicken, damit es auf Zulässigkeit geprüft wird? Das kann man doch nicht im Ernst fordern. Und wer würde das überhaupt bezahlen?

Besonders heikel wird es für die Sportlerinnen und Sportler durch die folgende Formulierung im WADA-Code: Nicht nur alle konkret gelisteten Substanzen seien verboten, sondern auch alle „anderen Substanzen mit ähnlicher chemischer Struktur oder ähnlicher biologischer Wirkung.“ Wie soll ein Athlet da wissen, ob er etwas Erlaubtes oder Unerlaubtes macht? Diese offene Formulierung ist zudem ein klarer Verstoß gegen rechtsstaatliche Prinzipien. Es gilt laut Grundgesetz hierzulande das so genannte Bestimmtheitsgebot, d.h. es muss immer klar geregelt sein, was illegal ist und was nicht.

Evi Sachenbacher-Stehle mag fahrlässig gehandelt haben. Das eigentliche Problem ist aber das Regelwerk: Der WADA-Code hat sich als praktisch untauglich erwiesen. Er macht simple, tagtägliche Entscheidungen („Was esse ich?“) zu komplizierten, z.T. zu existenzbedrohenden. Denn eine positive Dopingprobe führt gewöhnlich zu zwei Jahren Wettkampfsperre und damit zu einem Berufsverbot und dem damit verbundenen Verdienstausfall.

Die WADA hat das Problem leider bis heute nicht erkannt. Im Gegenteil: Seit letztem Jahr prüft sie, ob auch Koffein auf die Verbotsliste gesetzt werden sollte. Koffein ist eine erwiesenermaßen leistungssteigernde Substanz, aber eben auch ein Bestandteil von herkömmlichen Nahrungsmitteln wie z.B. Kaffee. Man darf gespannt sein, wann der erste Sportler wegen übermäßigem Kaffeekonsum des Dopings überführt wird.