18.11.2013

Diskussionskultur: Der dumme Konservative!

Von Frank Furedi

Spätestens seit Ende des Zweiten Weltkrieges wurden rechtskonservative Ideen im Westen geistig abgewertet und an den Rand gedrängt. Aber wer den politischen Gegner der „Dummheit“ bezichtigt, untergräbt die Kultur der offenen Diskussion, meint der Soziologe Frank Furedi

Sich über die Dummheit von Konservativen und rechtsgerichteten Politikern lustig zu machen ist in gewissen Medienkreisen der letzte Schrei. Man denke nur an Sarah Palin, ehemalige Vize-Präsidentschaftskandidatin der Republikaner, die immer wieder für ihre „Dummheit“ verspottet wurde - ein Blogger nannte Palin kürzlich etwa die „Königin der Dummheit“ und den „Inbegriff aller Dummheit“. Aber auch Politiker, wie der aktuelle australische Premier Tony Abbott, der ehemalige US-Präsident Georg W. Bush oder der bayerische CSU-Politiker Edmund Stoiber ziehen oder zogen immer wieder Spott auf sich.

Die Vorstellung, Konservative seien begriffsstutzig und einfach gestrickt, wird zunehmend durch fragwürdige neuere Untersuchungen gefördert. In den letzten Jahren wurden zahlreiche „Studien“ erstellt, die die angebliche geistige Unterlegenheit Konservativer belegen sollten. Im letzten Jahr lieferten zwei kanadische Akademiker ein gutes Beispiel für diese tendenziöse Forschung. Ihre „Studie“ trug den Titel Bright Minds and Dark Attitudes: Lower Cognitive Ability Predicts Greater Prejudice Through Right-Wing Ideology and Low Intergroup Contact und behauptete, es gebe Belege dafür, weniger intelligente Menschen würden im späteren Leben eher rechtsgerichtet und voller Vorurteile sein.

Historisch betrachtet haben Intellektuelle die Manipulation der Wissenschaft als Mittel zur Diskreditierung politischer Gegner stets kritisiert – das gilt für die Kraniologie des 19. Jahrhunderts bis hin zu den stalinistischen und nationalsozialistischen Theorien des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz dazu sind es heute selbsternannte Intellektuelle, und zwar besonders solche mit „liberalem“ oder „linkem“ Selbstverständnis, die mit solchen pseudo-wissenschaftlichen Taktiken ihre Gegner als eine mental und intellektuell unterlegene politische Spezies darstellen wollen. Und kaum jemand widerspricht ihnen.

„Besonders Intellektuelle mit „liberalem“ oder „linkem“ Selbstverständnis wollen heute mit pseudo-wissenschaftlichen Taktiken ihre Gegner als eine mental und intellektuell unterlegene politische Spezies darstellen.“

Die geistige Abwertung des Konservatismus nimmt ihren Ausgang im 19. Jahrhundert mit der Bezeichnung der britischen Tories als „dümmste Partei“. Diese Formulierung geht wohl auf John Stuart Mill zurück, der im Jahr 1861 schrieb, obwohl es sowohl den Whigs als auch den Tories an Prinzipien mangele, seien es doch die Tories, die „Kraft ihrer Existenz die dümmste Partei wären“. [1] Damals wurde die Assoziation von Konservatismus mit Dummheit dadurch gerechtfertigt, dass die Wahrung von Tradition und Status Quo – wie von den Konservativen angestrebt – angeblich kaum geistige Beweglichkeit oder Phantasie erfordert. Entsprechend behauptete man andererseits, eine kritischere und hinterfragende Einstellung zur Politik erfordere die Fähigkeit zu hoch entwickeltem und abstraktem Denken.

Aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg erlangte die Pathologisierung des Konservatismus echte intellektuelle Glaubwürdigkeit. Linke Beobachter betrachteten die mit rechten Einstellungen verbundenen Vorurteile nicht als Resultat verschiedener kultureller und sozialer Einflüsse, sondern eher als psychologisches Problem. Theodor W. Adornos Studien zum autoritären Charakter haben der Auffassung entscheidend Vorschub geleistet, bestimmte Formen von Intoleranz seien vor allem ein psychologisches Problem. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, leiden Konservative nicht nur an intellektuellen sondern auch an psychologischen Defiziten.

Seit Beendigung des zweiten Weltkriegs wurden rechte und konservative Ideen in den wichtigsten kulturellen und intellektuellen Institutionen der westlichen Gesellschaft an den Rand gedrängt. In einer häufig zitierten Aussage, aus dem Vorwort einer Sammlung von Essays, erklärte der amerikanische Literaturkritiker Lionel Trilling 1949, rechte Vorstellungen seien nicht mehr von kultureller Bedeutung:

„In den Vereinigten Staaten ist der Liberalismus derzeitig nicht nur die dominierende, sondern sogar die einzige Tradition. Denn es ist eine nackte Tatsache, dass heutzutage keine konservativen oder reaktionären Ideen mehr im Umlauf sind. Das bedeutet natürlich nicht, dass es keine Neigung zu Konservatismus und Reaktion gibt. Solche Neigungen sind gewiss sehr stark, vielleicht sogar stärker, als die meisten von uns vermuten. Aber die konservativen und reaktionären Regungen, äußern sich nicht in Ideen, sondern lediglich in Handlungen oder irritierenden mentalen Gesten, die versuchen, sich als Ideen auszugeben.“ [2]

Trillings Äußerung war zwar etwas übertrieben, aber sie hat zweifellos einen wichtigen Aspekt der politischen Entwicklungen in den 1940er-Jahren erfasst. Die Erfahrungen der Zwischenkriegsjahre und des zweiten Weltkriegs selbst haben dazu beigetragen, den Einfluss der rechten und konservativen geistigen Traditionen in Verruf zu bringen. Die Depression in den 1930ern, gefolgt vom Aufstieg des Faschismus, hat die Attraktivität rechter Ideen deutlich verringert. So verfestigte sich die Vorstellung, als Intellektueller habe man einer linken Philosophie anzuhängen, soweit, dass Universitäten für Konservative praktisch kaum noch zugänglich waren.

Der Trend hat sich in dieser Richtung mittlerweile soweit fortgesetzt, dass wir heute im 21. Jahrhundert kaum noch die Tatsache anerkennen können, dass rechtspositionierte Denker bis zur zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts einen bedeutenden Teil der Intelligenzija ausmachten.

„Wenn man nur einigen Ideologien Intelligenz zuschreibt und anderen nicht, so ist das selbst ein mächtiges Mittel bei der Vertretung ideologischer Interessen.“

Seit den 1940er-Jahren ist Intelligenz zu einer kulturellen Waffe geworden, mit der Einzelne und Gruppen ihren Status und ihre Autorität rechtfertigen. Natürlich wird diese Waffe am effektivsten von jenen genutzt, die sich als intellektuelle bezeichnen. Wie Mark F. Proudman geschrieben hat: Wenn man nur einigen Ideologien Intelligenz und die damit verbundenen Eigenschaften von Aufgeklärtheit, Weltoffenheit, Wissen und Fortschrittlichkeit zuschreibt und anderen nicht, so ist das selbst ein mächtiges Mittel bei der Vertretung ideologischer Interessen. [3]

Sich über die vermeintlich provinzielle und volkstümliche Art konservativer Politiker lustig zu machen und ihre grammatikalischen Fehler öffentlich zu verspotten, ist eine Möglichkeit heutiger Intellektueller, sich die Position moralischer Überlegenheit zu sichern. Daher können diejenigen, die gewissermaßen über das Monopol am intellektuellen Kapital verfügen, sich zugleich als im Besitz der moralischen Autorität präsentieren.

Es überrascht nicht, dass viele Konservative inzwischen abwehrend reagieren, wenn sie ihre geistigen Fähigkeiten immer wieder herabgesetzt sehen. Daher sind sie in vielen Gesellschaften, besonders in den USA, mittlerweile zu Anti-Intellektuellen geworden, die das Ethos des universitären Lebens ablehnen. Der Anti-Intellektualismus ist gewissermaßen das Pendant zur Pathologisierung des Konservatismus. Und natürlich bestätigt die verbitterte anti-intellektuelle Reaktion der Konservativen, die mitunter ignorant zu wirken scheint, nur die selbstgefälligen Vorurteile der Intellektuellen, die sich selbst für moralisch überlegen halten.

Die Verwendung des Begriffs „dumm“ als politisches Etikett spricht für eine Infantilisierung des öffentlichen Lebens. Beschimpfungen bringt man normalerweise eher mit kindischem Verhalten in Verbindung. Wenn man sich über jemandes Redewendungen, Verhaltensweisen, Vokabular oder Herkommen lustig macht, ist das letztlich eine Politik der Beleidigung. Und eine Beleidigung ist weder ein Argument noch eine klare Vorstellung. Tatsächlich dient die Beleidigung auf der politischen Ebene oft als Ersatz für Argumentation und Debatte. Durch Beschimpfungen und die Unterstellung von Geistesschwäche wird jede Diskussion unterbunden. Denn wozu soll man gegenüber Leuten rational argumentieren, die gar nicht vernünftig überlegen können? Modern formuliert: „Sie checken es einfach nicht.“ Insbesondere im Zusammenhang mit einer politischen und moralischen Debatte ist damit nicht nur behauptet, dass die andere Person „es nicht checkt “, sondern, dass ihr prinzipiell das Vermögen dazu fehlt. Daher ist jede weitere Debatte sinnlos.

„Aber die Taktik, das geistige Vermögen Konservativer abzuwerten, stellt die Kultur der offenen Diskussion und der freien Meinungsäußerung in Frage.“

Es ist natürlich durchaus legitim die Auffassung zu vertreten, konservative Vorstellungen seien dumm. Aber die Taktik, das geistige Vermögen Konservativer abzuwerten, stellt die Kultur der offenen Diskussion und der freien Meinungsäußerung in Frage. Warum die Ansichten derer, die geistig unterlegen sind, überhaupt ernst nehmen oder diskutieren? In der Vergangenheit verwendeten demokratiefeindliche Theoretiker solche Argumente gegen die Volkssouveränität und das Engagement der breiten Bevölkerung, um eine Beteiligung der vermeintlich unwissenden Öffentlichkeit an der Politik zu verhindern. Heute geben diejenigen, die sich als allwissende Experten darstellen, mit diesen Argumenten zu verstehen, dass der unwissende Rest ihnen besser den Vortritt lassen sollte.

Echte Intellektuelle, die sich dem geistigen Leben verschrieben haben und an das gesellschaftsverändernde Potential öffentlicher Debatten glauben, sollten eine solche Politik der Beleidigung ablehnen. Anstatt die Leute zu verhöhnen, weil „sie es einfach nicht checken“, sollten echte Intellektuelle ihre Vorstellungen vielmehr so artikulieren, dass „sie“ es verstehen können. Denn letztlich ist die Überzeugung, dass die Menschen fähig sind, die für ihre Gemeinschaft relevanten Probleme zu erfassen, das Fundament der Ideale der Demokratie und der Volkssouveränität. Das eigentliche Problem sind heute nicht die vermeintlich dummen Konservativen, sondern Leute mit mehreren Hochschulabschlüssen, die „einfach nicht checken“, was es heißt, ein echter Intellektueller zu sein.