08.05.2026
Digitalisierung als pädagogischer Rattenfang
Von Josef Hueber
Google statt Lehrer, Computerkompetenz statt Fachwissen, KI-Naivität: Im Schulwesen ersetzt das Internet solides Erlernen. Die auf dem Smartphone wischende Hand tritt an die Stelle von Goethes Faust.
Es waren einmal Märchen, die lebensgereifte Weisheiten erzählerisch tradierten. Man lese die Geschichte des Rattenfängers von Hameln. In ihrer zeitlosen Vielschichtigkeit verweist sie auf gegenwärtige, verführerische pädagogische Konzepte, schmeichelnde Melodien, mit dem Ergebnis ebenso verhängnisvollen Ausgangs wie das erschreckende Märchen.
Ein Mann, so wird erzählt, verspricht der von Ratten heimgesuchten Bevölkerung der Stadt Hameln Befreiung von der Plage, bei Zusage einer entsprechenden Aufwandsentschädigung. Er lockt die Plagegeister mit betäubenden Flötenklängen. Sie folgen ihm bis zum Fluss Weser, wo er selbst vorneweg ins Wasser steigt, die Tiere ihm folgen und folglich ertrinken. Der zugesagte Lohn wird dem Rattenversteher jedoch nicht vereinbarungsgemäß ausgezahlt. Aus Rache kehrt er eines Tages zurück, spielt erneut auf seiner Flöte, aber diesmal folgen ihm die Kinder der Stadt. Er entführt sie und verschwindet mit ihnen auf Nimmerwiedersehen.
Die Entwicklung pädagogischer, methodischer und inhaltlicher Konzepte in der Schule, die allesamt vermuteter Fortschrittlichkeit durch Digitalisierung hinterhertraben, lässt sich unschwer mit dem Subtext des zitierten Märchens synchronisieren: Verlockenden Klängen naiv zu folgen, das ist der Weg ins Verderben.
Im Folgenden versuche ich, die Auswirkungen des Konzepts einer digitalisierten Schule darzustellen, indem ich zentrale pädagogische und lernorientierte Erfahrungswerte zur Verdeutlichung heranziehe.
Die Rolle der Kompetenz
Die Versprechungen des digitalen Unterrichts zur späteren Lebensbewältigung der Heranwachsenden bilden eine lange Liste. Sie werden der um die Zukunft ihrer Kinder besorgten Eltern nicht als Eventualitäten, sondern als Gewissheiten präsentiert.
Digitalisierter Unterricht, das sei Ausdruck einer Anpassung an die Welt von morgen. Das Buzzword für diese hoffnungsvolle Revolution heißt Kompetenz. Sie sei die Voraussetzung für Erfolg in Studium und Beruf. Kompetenz, das sei die Fähigkeit, Informationen ausreichend zu beschaffen sowie die damit einhergehende Handhabung von Computer und Software – was im traditionellen Unterricht nicht zur Debatte stand, weil es außer Buch und Lehrer nichts gab. Was war das für eine Beschränktheit an Wissen und Können! Heute sei das anders und besser: Ein schneller Zugriff auf Google – und schon ist die Information da, die man braucht, um sicher zu sein, ob man das Richtige weiß und das Richtige denkt.
„Ein Fach bewirkt Faszination oder Abneigung, je nach Persönlichkeit des Lehrers.“
Ohne solche Versprechungen könnte man die enormen Ausgaben für Hardware an den Schulen und in den privaten Haushalten nicht rechtfertigen. Dass Eltern, die finanziell nicht gesegnet sind, beim Kauf von Tablets vielleicht unter die Arme gegriffen wird, beseitigt nicht die Notwendigkeit, sie von der Alternativlosigkeit kostspieliger Anschaffungen zu überzeugen und so zum Kauf zu überreden.
Kompetenz bedeutet in der Pädagogik – laut Wikipedia –, „die Fähigkeit und Fertigkeit, in den genannten Gebieten Probleme zu lösen." In der Praxis des Unterrichts zeigt sich dies etwa darin, Unterrichtseinheiten anhand zu erreichender Kompetenzen zu gestalten statt nur über Themen wie einzelne Buchkapitel. Konkret heißt dies, dass funktionales Können (Recherche/PC-Gebrauch) Vorrang hat und inhaltliche Themen sekundär sind. Ein Arbeitsauftrag in einer Deutsch-Stunde heißt dann etwa: „Suche Informationen zu Johann Wolfgang von Goethe / Weimar und erstelle eine Kurzzusammenfassung!“ Dazu ist es natürlich nicht erforderlich, das Drama „Faust“ des Dichters zu lesen.
Genauso ‚kompetent‘ wird der Schüler bei einer gefragten Recherche zu Johannes Mario Simmel oder Sebastian Fitzek. Der Unterschied zwischen den jeweiligen Künstlern in ihrer schriftstellerischen Leistung gerät dabei nicht ins Visier. Auch der qualitative Unterschied zwischen Information zu und Verstehen von bleibt außen vor. Kompetenz, so könnte man vergleichsweise sagen, heißt angewandte Fertigkeit, Gebrauchsanweisungen zu erstellen und zu verschriftlichen. Mit Verstehen des Gegenstandes hat das nicht ansatzweise etwas zu tun. Und dies sei Garantie für Erfolg in Studium und Beruf?
Die Rolle des Lehrers
Die Fokussierung auf das digitales Unterrichtsgeschehen bewirkt eine Neuausrichtung des Selbstverständnisses der Lehrer-Schüler-Beziehung. Die Autorität des Lehrers im digital ausgerichteten Unterricht entwickelt sich vorrangig hin zur Organisationsautorität, die Anweisungen zum Ablauf der Schüleraktivitäten gibt, die Hilfestellung bei technischen Problemen leistet (falls dem Schüler überlegen). Die fachliche Autorität liegt dann, konsequenterweise, zuvörderst im Internet und beim Lehrer Dr. Google. Der eigentliche Lehrer verliert im Unterbewusstsein des Schülers an inhaltlicher Verlässlichkeit in dem Maße, als internetbasierte Aussagen intuitiv einen Glaubwürdigkeitsvorsprung genießen.
Die Erfahrung langjährigen Unterrichtens zeigt, dass die Person des Lehrers, die Auswahl des Stoffes sowie die Methode der Stoff-Vermittlung entscheidend für die Heranbildung von gebildeten Erwachsenen ist. Man weiß es im Rückblick auf die eigene Schulzeit: Ein Fach bewirkt Faszination oder Abneigung, je nach Persönlichkeit des Lehrers. Es ist der human factor, der, jenseits der Begabung des Schülers, schon manchem bei der Berufswahl geholfen hat. Gerade auch Vertreter der wissenschaftlichen Elite erzählen häufig von ihren Lehrern als der Erstursache bei der Entscheidung für ein bestimmtes Fach. Dies hat nicht nur mit der Begeisterung des Lehrers für sein Fach zu tun, sondern auch mit den stofflich herausfordernden, interessanten Vorgaben: Goethes „Faust“ zur Diskussion zu stellen ist eben nicht gleichwertig mit der Besprechung irgendeines zeitgeistorientierten Romans in schülergerechter Sprache.
Zu der Führungsfunktion des Lehrers gehört also mehr als die Bekanntgabe der Anweisung, den Computer ein- oder auszuschalten. Die Vorgabe von relevanten Inhalten bedeutet, mit dem Schüler die kulturelle Einbettung vorzubereiten, die ihn letztlich gesellschaftsfähig macht. Etwas polemisch gesagt: Nimmt der Lehrer diese Schwerpunktsetzung nicht vor, weil handwerkliche Kompetenzen Priorität haben, bleibt dem Schüler, nachdem er über das Leben von Goethe gegoogelt hat, vielleicht noch „Fuck you Göthe“ im Gedächtnis haften. Das Verständnis des Dramas „Faust“ kann er nämlich nicht googeln. Und warum sollte ihm das auch relevant erscheinen?
„Die Arbeit des Lehrers an der Tafel darf nicht unterschätzt werden.“
Die am Heranwachsenden orientierte, persönliche Methode der Vermittlung ist im Grunde noch wichtiger für den Lernerfolg. Sie ist grundsätzlich auf dem Dialog zwischen Lehrer und Schüler aufgebaut. (Das unterscheidet sie etwa von der Vorlesung an der Universität.) Die Erschließung von Themen und Gegenständen erfolgt schrittweise und wird an den Antworten des Schülers ausgerichtet, weil diese dem Lehrer den Fortschritt im Lernprozess deutlich machen. Dabei verlangt, so zeigt die Berufserfahrung, selbst der Unterschied einer einzigen Jahrgangsstufe, ein sprachlich und gedanklich differenziertes Vorgehen. Konkret: Ein und dasselbe Gedicht muss in zwei verschiedenen Jahrgangs- bzw. Altersstufen idealerweise unterschiedlich erschlossen werden. Die unterschiedlichen Antworten der Schüler verdeutlichen das und helfen dabei.
Die Arbeit des Lehrers an der Tafel darf nicht unterschätzt werden. Sie hält nicht nur die Ergebnisse der gemeinsamen Erschließung eines Gegenstandes fest, sondern auch den Prozess des Erkennens, indem sie nicht das „Gesamtprodukt" von Null auf Alles präsentiert, wie dies etwa in Powerpoint-Präsentationen üblich ist. Zwischenstationen des Lernens können so nach Klärung von Zwischenfragen evtl. ergänzt und fortgesetzt werden. Erkenntnisse, die prozessual erarbeitet werden, sind einprägsamer als eine Konfrontation mit dem Gesamtergebnis.
Die Rolle manueller Fähigkeiten
Es war einmal eine Zeit, in der das Grundschulzeugnis eine Note in Schönschreiben enthielt. Schön zu schreiben, das erforderte ausgedehnten Drill. Von einer Zeile, die aus mehreren Linien bestand, inklusive Unterlänge, allmählich hin zu einer einzigen Linie als Schreibhilfe, das dauerte. Auf Schönschreiben Wert zu legen, war nicht nur eine Frage der Ästhetik.
Ein Blick in moderne Schulhefte der Generation KI zeigt, dass aus Einzelbuchstaben bestehende handgeschriebene Texte die Norm sind. Zusammenhängende Buchstaben, zufällig auf dem Blatt, ergeben dann ein Schriftbild – salopp gesprochen ein ‚Geschmier‘ –, das kaum leserlich ist. Von Schön-Schreiben kann nicht die Rede sein. Aber moderne Didaktik gibt vor zu wissen: Digital ersetzt langfristig manuell. Die Sprachsoftware werde eh bald jegliches Schreiben mit der Hand, auch das Tippen auf einer Tastatur, überflüssig machen. Sprich, und Siri schreibt. Und übrigens: Es müsse ja nicht jeder ein auf Feinmotorik angewiesener Violinspieler werden.
„Max Mustermann, Normalbürger und gläubiger Konsument politisch korrekter Narrative, kennt kein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem zunehmenden Einsatz digitaler Medien in der Schule.“
Doch selbst in der Zeit vor moderner Hirnforschung wusste man intuitiv von der Bedeutung einer entwickelten Feinmotorik für die Entwicklung intellektueller, aber auch manueller Fähigkeiten. Manfred Spitzer, bis 2025 Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm und Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm, sieht in der Entwicklung einer Handschrift eine komplexe motorische Aufgabe, die das Gehirn intensiv beansprucht; je größer die Beanspruchung des Gehirns, desto mehr neue Verknüpfungen werden hergestellt. Das Tippen auf Tastaturen führe, weil weniger Hirnareale aktiviert werden, zu deutlich ungenauerem Verarbeiten der Inhalte.
Die Rolle der KI
Max Mustermann, Normalbürger und gläubiger Konsument politisch korrekter Narrative, kennt kein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem zunehmenden Einsatz digitaler Medien in der Schule. Er sieht keinen Anlass, den positiven Verlautbarungen von „Experten" im Fach Bildung zu widersprechen. Die Hoffnung auf einen weniger mühevollen, aber auch realitätsgerechten Erwerb von Zukunftstauglichkeit dürfte damit einhergehen. Das gilt auch für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI).
Prof. Martin Haditsch, ärztlicher Leiter des TravelMedCenter (Tropen‑ und Reisemedizin, Impfstelle) und ärztlicher Leiter des virologisch‑diagnostischen Labor Hannover MVZ GmbH, hat ein vielsagendes Experiment durchgeführt. Mit einem KI-Chatbot, den er gezielt zu Corona-Impfstoffen und insbesondere zu Impfschäden („Spike-Schäden“) befragt und provoziert hat, versuchte er, die Antworten vom offiziellen Narrativ wegzuführen und Widersprüche aufzuzeigen.
Seine Schlussfolgerung ist verblüffend: Die Antworten beruhten auf gefilterten Daten und seien somit manipuliert. Es herrsche ein Bias zugunsten von „Mainstream“-Quellen". KI diene nicht der Wahrheitssuche, sondern als schnelles Werkzeug zur Aufbereitung vorgegebener Daten. Haditsch weiter: „KI könnte daher zur Überschätzung der eigenen Fähigkeiten auch missbraucht werden, da sie mithilft, die ohnehin schon begrenzten Fähigkeiten zur Selbstreflexion noch weiter zurückzudrängen. Mit anderen Worten, weniger kompetente Personen überschätzen, gestützt auf KI, ihre Kompetenzen noch stärker, weil sie ihre eigene Inkompetenz dann gar nicht mehr erkennen können.“ Mit Intelligenz hat das aber überhaupt nichts zu tun. „Künstliche Intelligenz ist kein taugliches Mittel gegen natürliche Dummheit."
Ausblick
Von Bertolt Brecht stammt die Aussage: „Ich hatte schlechte Lehrer. Das war eine gute Schule." Hat seine Erfahrung prognostischen Aussagewert zum Vorrang digital ausgerichteten Unterrichts?