01.05.2006

„Die Welt in meinen Füßen“

Kommentar von Andreas Lichte

Wie seriös sind die Waldorfschulen? Ein kritischer Blick auf ihre Quellen.

Ein letztes Mal quietscht die Kreide über die Tafel. Der Lehrer steht bewundernd vor seiner vollendeten Unendlichkeitskonstruktion. Den Kreidestaub aus seiner Aura und seinem modischen Jackett klopfend, holt er nun zur Offenbarung letzter Wahrheiten aus: „Sie sehen, der Mensch besitzt die Fähigkeit zur Erkenntnis des Unendlichen, des Göttlichen…“ Das Fach: Mathematik, genauer: „darstellende Geometrie“.

Im Fach „Himmelskunde“ hantiert ein anderer Lehrer mit einer Antiquität: einer „Armillarsphäre“. Das ist ein Modell des geozentrischen Weltbildes, in dem die Erde Mittelpunkt des Universums ist. Er will den Schülern den Himmel auf „natürliche Weise“ nahe bringen, „so wie der Mensch ihn erlebt“. Warum? Der Lehrer erläutert es mit einem Schiller-Zitat: „Es knüpft dein Zenit und Nadir dich an die Achse der Welt …“, „das bringt eine moralische Dimension“. Leider lösen Moral und Schiller bei den Schülern nur Erstaunen aus, deshalb erklärt er dasselbe noch einmal, diesmal zum Anfassen: „Das Zentrum der Welt ist in meinen Füßen, das Zentrum der Welt ist in meiner Haarspitze. Sie sind immer das Zentrum … ein erbauender Gedanke! Der Mensch, sein Ich, steht im Zentrum der Welt: Ich bin Gott …“
Kommt die Botschaft bei den Schülern an? Die Schüler sind angehende Lehrer im „Seminar für Waldorfpädagogik Berlin“. Eifrig machen sie sich ihre Notizen, denn sie wissen, was sie eben gelernt haben, soll an zukünftige Schülergenerationen weitergegeben werden. Das ist Pflicht. In der Wahrheit gibt es keine Kür, und die Wahrheit ist in Rudolf Steiner, ist seine Anthroposophie.
 

Anthroposophie als Alternative zur Staatsschule Nach dem „PISA-Schock“ suchen immer mehr Eltern nach einer Alternative zur Staatsschule. Oft fällt ihre Wahl auf eine der 193 anthroposophisch geprägten Waldorfschulen in Deutschland. Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart als Betriebsschule der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik gegründet. Die pädagogische Leitung lag bei Rudolf Steiner. Die von ihm entwickelte Weltsicht der „Anthroposophie“ ist bis heute verbindliche Grundlage des Unterrichts jeder Waldorfschule. Die Anthroposophie stellt sich selbst als eine christliche und humanistische Methode der Bewusstseinsentwicklung dar. Sie schöpft dabei aus esoterischen und okkulten Quellen. Rudolf Steiner (1861–1925) promovierte 1891 in Philosophie; die 1894 versuchte Habilitation scheiterte. Um 1900 kam er in Kontakt mit Helena Petrovna Blavatskys esoterischer „Theosophie“. Von 1902 bis 1912 leitete Steiner die deutsche Sektion der „Theosophischen Gesellschaft“, die er 1912/13 abspaltete und unter dem Namen „Anthroposophie“ neu gründete. Bis heute ist Rudolf Steiner die unangefochtene Autorität der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik. Wie weit die Verehrung geht, mag man am Umfang der Steiner-Gesamtausgabe ermessen: Sie hat zurzeit 354 Bände. (al)

 

„Anthroposophie“ heißt übersetzt „Weisheit vom Menschen“. In der Anthroposophie ist alles „Mensch“, auch die Natur ist vom Menschen „durchgeistigt“. Der „Mensch ist Alpha und Omega“, Beginn und Ende der Welt.
In jüngster Zeit unterstützen Anthroposophen die aus den USA kommende Idee des „Intelligent Design“, das an amerikanischen Schulen im Biologieunterricht als Alternative zur Evolutionstheorie durchgenommen werden soll. So schreibt Jens Heisterkamp im anthroposophischen Magazin info3: „Anknüpfend an Goethe schuf Rudolf Steiner eine pantheistische Variante der Evolution, bei der nicht ein einzelnes ‚göttliches Wesen‘, sondern viele Ideen-Wesen die Evolution bestimmen.“[1] Der Anthroposoph weiß, dass die „vielen Ideen-Wesen“ identisch mit dem „Menschen“ sind. Der schlaue Designer ist also der Mensch. Damit wird der christliche Schöpfergott faktisch entsorgt. Als Christ fühlt man sich an das Wort der Schlange erinnert: „Ihr werdet sein wie Gott …“ (1. Mose 3,5). Die uralte, besonders für das abendländische Denken oft verhängnisvolle Selbstüberschätzung von der Gottgleichheit des Menschen erscheint hier nur in „neuem“ Antlitz.
 

„Die Menschheitsentwicklung vollzog sich nach anthroposophischer Lesart auf sieben ‚Planeten‘: Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus, Vulkan. Zurzeit sind wir auf der Erde.“



Steiner stellt Darwins Evolutionslehre auf den Kopf und zugleich in den Rahmen einer kosmischen Geschichtsschau: Der Mensch steht am Anfang. Aus ihm heraus haben sich die Tiere entwickelt, sind Spezialisierungen, ja Vereinseitigungen menschlicher Eigenschaften. Und zugleich ist „der Mensch“ auch Ziel des ganzen Entwicklungsgeschehens. Aufgrund „höherer Notwendigkeiten“ steigt er als rein geistiges Wesen in die materielle Welt hinab, um sich – und damit auch die „geistige Welt“ – im Verlaufe vieler Reinkarnationen zu perfektionieren.
Mittels seiner Fähigkeit zur „höheren Erkenntnis“ (also zur übersinnlichen Wahrnehmung) schildert uns Steiner die „Menschheitsentwicklung“. Sie vollzieht sich nacheinander auf sieben „Planeten“: Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus, Vulkan. Zurzeit befindet sich die Menschheit auf der Erde. Die Erdentwicklung begann mit einer „polarischen“ und „hyperboräischen“ Zeit, es folgten „Lemurier“ und „Atlantier“. „Und von einem kleinen Teil (der Atlantier) stammen die so genannten Arier ab, zu denen unsere gegenwärtige Kulturmenschheit gehört.“ Andere Kulturen und Völker spielen demgemäß keine entscheidende Rolle – wie sollten sie auch, wurden sie doch „zu verkümmerten Menschen, deren Nachkommen heute noch als so genannte wilde Völker gewisse Teile der Welt bewohnen“.
Dass sich ein solches Welt- und Menschenbild schwerlich als „christlich und humanistisch“ bezeichnen lässt, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Es führt (nebst unzähliger Einzeläußerungen Steiners) in der gegenwärtigen Diskussion zum nie widerlegten Vorwurf des Rassismus in der Anthroposophie (trotz voluminöser Rechtfertigungsversuche, z. B. des „Chefideologen“ der Anthroposophie, Lorenzo Ravagli).


All dies „lernen“ aber die Schüler in der Waldorfschule – unterschwellig: Selten werden die Lehren Steiners offen weitergegeben, aber in nie enden wollenden Erzählungen von „Mythen, Märchen und Sagen der Menschheit“ wird die darin „verborgene Weisheit“, eben in Gestalt der Anthroposophie, doch an die Schüler gebracht. Die Schwierigkeit für den Laien besteht darin, diese „verborgene Weisheit“ zu erkennen. Der Erziehungswissenschaftler Klaus Prange schrieb in seinem Buch Erziehung zur Anthroposophie – Darstellung und Kritik der Waldorfpädagogik: „In der Tat entsteht aus der Differenz von allgemeiner öffentlicher Präsentation, die sich der üblichen Vokabeln und Formeln bedient, und dem, was eigentlich damit gemeint ist, der Eindruck, man habe es bei der anthroposophischen Pädagogik mit einer Art Mogelpackung zu tun, die ein sehr eigenwilliges Produkt in einer geläufigen und höchst normalen Verpackung an den Mann zu bringen versucht.“
 

Chronik eines unausgesprochenen Verbotes Das Pfarramt für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz plante im Frühjahr einen „Studientag Anthroposophie und Waldorfpädagogik“. Dabei sollte es um Fragen gehen wie: Wie frei ist die Waldorfschule? Wie schülerzugewandt ist die Pädagogik Rudolf Steiners? Der Studientag wurde kurzerhand durch die Evangelische Kirche abgesagt – und soll nun alternativ an der Humboldt-Universität Berlin stattfinden. Von Werner Löwenheim
Am 9.2.06, nur zwei Tage vor dem geplanten Beginn der Veranstaltung, wurde der „Studientag Anthroposophie und Waldorfpädagogik” überraschend von Pfarrer Thomas Gandow abgesagt. Dass dies nicht „im gegenseitigen Einvernehmen” geschah, wie die Kirchenleitung in einer Meldung des Evangelischen Pressedienstes (epd) glauben machen wollte, dürfte jedem klar sein, der die Arbeit Pfarrer Gandows kennt. Wie war es also zu dieser Entscheidung gekommen? Dass der Studientag erhebliches Konfliktpotenzial in sich barg, war Gandow und seinem mit der Organisation beauftragten damaligen Assistenten Andreas Lichte seit Beginn der Planungen bewusst. So unterstrich Pröpstin Friederike von Kirchbach als Vertreterin von Bischof Wolfgang Huber später im epd, dass die evangelischen Schulen mit den Waldorfschulen in vielen Bereichen sehr produktiv zusammenarbeiten. „Zusammenarbeit“ meint das Zweckbündnis der „Schulen in freier Trägerschaft“ in Berlin (siehe: www.freie-schulen-berlin.de). Hier gab – und gibt! – es offensichtlich ein Dilemma: Wie klärt man über den weltanschaulichen Hintergrund der Waldorfschulen auf, ohne die Zusammenarbeit infrage stellen zu müssen? Trotzdem informierte Pfarrer Gandow pflichtgemäß die Pröpstin von Kirchbach am 20.10.05 in der Beiratssitzung der Sekten- und Weltanschauungsbeauftragten vom geplanten Studientag – das Vorhaben wurde ohne jede weitere Diskussion akzeptiert. Auch die schon im August 2005 erfolgte (Internet-) Ankündigung des Studientages als Fortbildung der Evangelischen Kirche blieb zunächst ohne Folgen – bis sich am 12.1.06 der bildungspolitische Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg, Dr. Detlef Hardorp, in einem Schreiben mit folgender Forderung an Bischof Wolfgang Huber wandte: „Ich möchte Sie bitten, sich dafür einzusetzen, ... dass eine einigermaßen ausgewogene Veranstaltung zur Anthroposophie und Waldorfpädagogik zustande kommt, die auch die Andersartigkeit anderer geistigen Strömungen respektiert und diese würdevoll behandelt.” Gleichzeitig diffamierte Hardorp die Referenten des Studientages: „Andreas Lichte und Jan Badewien versuchen, mit einem gewissen missionarischen Eifer Anthroposophie und Waldorfpädagogik in der Öffentlichkeit lächerlich zu machen”, und präsentierte seine eigenen anthroposophiefreundlichen Wunschkandidaten. Dr. Jan Badewien ist übrigens Direktor der Evangelischen Akademie Baden. Das Schreiben Hardorps wurde vom Büro des Bischofs an Pfarrer Gandow weitergeleitet mit der Bitte, direkten Kontakt aufzunehmen. Gandow antwortete Hardorp, dass es bei dem Studientag gerade darum gehe, die Andersartigkeit der geistigen Strömung der Anthroposophie kritisch zu würdigen und kritische Anfragen aus kirchlicher Sicht zu erarbeiten und zu benennen. Und zwar ohne Einmischung von außen und ohne dass für eine von ihm verantwortete Tagung die Wunschkandidaten der Anthroposophie aufs Podium gebracht werden müssten. Gandow kritisierte, dass mit dem Brief an Bischof Huber versucht werde, Druck auf einen evangelischen Pfarrer auszuüben. Das alles geschah noch vor Beginn der Öffentlichkeitsarbeit für den Studientag. Zum Eklat kam es, als am 1.2.06 der Berliner Tagesspiegel einen Artikel zum Studientag zum Aufmacher der Berlin-Seite machte, überschrieben: „Evangelische Kirche warnt vor Waldorfschulen“. Die Evangelische Kirche distanzierte sich in einer epd-Meldung vom 1.2.06 umgehend von Pfarrer Gandow: „Waldorfschulen: Landeskirche kritisiert Äußerungen des Sektenpfarrers“. Antworten auf Gandows Kritik an den Waldorfschulen wurden nicht gegeben, diese nur verkürzt wiedergegeben: „Gegenüber dem Berliner ‚Tagesspiegel‘ hatte Gandow erklärt, dass es sich bei den von Steiner gegründeten Einrichtungen ‚nicht um Reform-, sondern um Weltanschauungsschulen handelt‘. Darin würden Eltern und Schüler subtil beeinflusst. Als nicht vereinbar mit dem christlichen Glauben bewertete Gandow zudem die anthroposophischen Vorstellungen von der Wiedergeburt des Menschen. Die Zeitung hatte daraufhin ihren Artikel mit dem Satz ‚Evangelische Kirche warnt vor Waldorfschulen‘ überschrieben.“ Statt der fälligen Antworten gab es einen Relativierungsversuch: „Sektenpfarrer Gandow hätte mit einem ‚angemesseneren Ton‘ durchaus zu einer differenzierteren Auseinandersetzung beitragen können, kritisierte die evangelische Theologin [Pröpstin von Kirchbach]. Allerdings glaube sie ihm auch, dass er sich nun durch die ‚sehr reißerische‘ Überschrift getäuscht fühle.“ Von Kirchbach stellte Bedingungen: „Zugleich machte sie ihre Erwartungen an eine von Gandow für Ende kommender Woche geplante Tagung deutlich. Diese müsse ‚verschiedene Positionen‘ zu Gehör bringen und ‚sich damit intelligent und differenziert’ auseinandersetzen.“ Das war fast wörtlich die Forderung Dr. Hardorps an Bischof Huber, dieses Mal allerdings ausgesprochen von der Evangelischen Kirche. Offenbar ging es darum, die Zusammenarbeit mit den Waldorfschulen ungestört fortsetzen zu können und zu diesem Zweck eine kritische Diskussion zu unterbinden. Pröpstin von Kirchbach schickte Pfarrer Gandow einen Brief mit dem Auftrag, am Studientag auch anthroposophische Wünsche zu berücksichtigen. Mündlich wurde sie deutlicher: „Herr Lichte ist ein Betroffener. Als solcher darf er nicht als Referent auftreten.“ Pfarrer Gandow antwortete, Lichte sei zunächst einmal ausgebildeter Waldorflehrer, und fragte, ob denn dann alle Waldorflehrer „Betroffene“ seien? Er bemühte sich dennoch, die Auflagen der Pröpstin zu erfüllen, kontaktierte verschiedene Professoren der Erziehungswissenschaften, die er als Alternativ-Referenten zu gewinnen versuchte. In der Kürze der Zeit blieb dies erfolglos. Also entschloss sich Gandow, den Studientag abzusagen, bevor er zu einer Propagandaveranstaltung der Waldorfschulen würde. In der Auseinandersetzung um den Studientag erschienen etwa ein Dutzend Pressemeldungen. Eberhard Diepgen trat als Verteidiger der Waldorfschulen auf. Vor der rbb-Radio-Diskussionsrunde „Waldorfschulen in Sektennähe?“ am 4.2.2006 erhielt Lichte einen Anruf von Ernst Brenning, der im Namen der Evangelischen Schulstiftung darum „bat“, nicht im Namen der Evangelischen Kirche aufzutreten. In kürzester Zeit brach eine Flut von anthroposophischen Anmeldungen über den Studientag herein. Das alles – und noch viel mehr…! – mag wohl zu Pfarrer Gandows Schlusswort geführt haben, das habe er noch nicht erlebt – noch nicht einmal mit Scientology. Andererseits führte all dies zur Entscheidung, den „Studientag Anthroposophie und Waldorfpädagogik“ als Tagung an der Humboldt-Universität Berlin stattfinden zu lassen. Termin ist nun der 21.7.2006.