01.10.2007

Die vernebelte Gesellschaft

Kommentar von Mick Hume

Der Wald der Antiraucherschilder, der Großbritannien überzieht, steht sinnbildlich für die Ägide des früheren Premierministers Tony Blair. Das auch in Deutschland um sich greifende Rauchverbot weist den Weg in einen sich therapeutisch definierenden Staat.

Der Nebel des Krieges hebt sich, der lange Kampf um die Rauchverbote ist vorüber, der Widerstand gegen die Verbannung der Raucher aus öffentlichen Orten ist erloschen. Doch bevor wir uns dem flächendeckenden Verbot fügen und uns unserem üblichen Tagewerk widmen, sollten wir noch einmal innehalten und reflektieren, was die Rauchverbote über die Gesellschaft aussagen, in der wir leben.
Das europaweit sich immer weiter ausbreitende Rauchverbot bedeutet eine beispiellose Beschränkung unserer persönlichen Gewohnheiten durch staatliche Regeln. Regierungen früherer Zeiten hätten solcherlei nicht einmal erwogen. Hier verfestigt sich eine Politik, die sich mehr und mehr der Regulation der persönlichen Lebensführung widmet und sich zur selben Zeit von ihrer ursprünglichen Aufgabe abwendet, so etwas wie eine „gute Gesellschaft“ zu bauen. Zugleich zeigt die öffentliche Reaktion auf die Antirauchergesetze, wie stark die Bereitschaft der Bürger gestiegen ist, das offizielle „Organisieren“ ihrer persönlichen Handlungsfreiheit zu akzeptieren. Viele Menschen stehen dieser Intervention des therapeutischen Staates heute aufgeschlossen gegenüber und sehen das Verhalten ihrer Mitmenschen als Problem, dem durch staatliche Schutznormen Einhalt zu gebieten ist.
Das Rauchverbot ist eine typische Maßnahme gegenwärtiger westlicher Politik: kleinlich und dennoch weitreichend. New Labours Ehrgeiz etwa, eine sozialistische Gesellschaft zu erschaffen, ist dermaßen geschrumpft, dass das Bestreben, eine Bushaltestelle „rauchfrei“ zu machen, heute als zukunftsweisende Politik deklariert werden kann. Doch zur gleichen Zeit markiert das Rauchverbot einen großen Schritt hin zu einer flächendeckenden Auferlegung gesellschaftlicher Konformität. Das reflektiert sich auch in der sich ausbreitenden Sprache politischer Orthodoxie; das Wort „rauchfrei“, das die Autoritäten erfunden haben, um ein Verbot wie auch seine Folgen zu beschreiben, scheint dem orwellschen Neusprech entlehnt zu sein.
Wie auch bei anderen Maßnahmen dieser Tage, so handelt es sich bei dem Antirauchergesetz um ein unnötiges Gesetz; es ist weniger eine praktische Maßnahme, mit der man ernsthafte Probleme angeht, als vielmehr eine politisch-moralische Intervention, die darauf ausgerichtet ist, die breitere öffentliche Meinung auf eine Weise zu formen, wie es traditionelle Politik heute nicht mehr vermag. Wenn das Rauchen für den Raucher selbst sicher nicht gesundheitsfördernd ist, so ist es ebenfalls wahr, dass es keine stichhaltigen Beweise dafür gibt, das „Passivrauchen“ ernsthafte Gesundheitsprobleme verursacht. Die Gesundheitseiferer haben das Thema eines angeblich gesundheitsschädlichen Passivrauchens aufgegriffen, um diejenigen Raucher vor sich her zu treiben, die sich von Gesundheitswarnungen und Belehrungen nicht zum Aufhören bewegen lassen.

„Sind rauchfreie Bushaltestellen Symbole zukunftsweisender Politik?“

In diesem Sinne handelt es sich beim Rauchverbot nicht um eine Operation des ausufernden Wohlfahrtsstaates, den Wirtschaftsliberale vielfach beschwören; vielmehr wirkt hier der neuartige „therapeutische Staat“, der seine Aufgabe darin sieht, einer unwissenden Öffentlichkeit den Weg zu neuer Rechtschaffenheit zu weisen.
Viele Menschen scheinen es heute zu begrüßen, dass das Rauchen auf eine Weise verboten wird, die man sich noch vor einem Jahrzehnt verbeten hätte. Selbst auch viele derjenigen, die noch rauchen, scheinen sich dem Verbot als einer an sich „guten Sache“ bereitwillig zu fügen. Wo einst die Menschen auf ihrem Recht beharrten, die Angelegenheiten des Rauchens unter sich selbst auszumachen, lassen sich heute nur allzu viele auf die Raucherpolizei ein.
Diese fügsame Reaktion auf das Rauchverbot spiegelt den Umstand wider, dass unsere Gesellschaft von dem zentralen Wert der Gesundheit besessen zu sein scheint – einer „Gesundheit“, die man heute verstärkt zum eigentlichen Lebensmittelpunkt aufwertet und nicht bloß als eine von mehreren Voraussetzungen für ein erfülltes Leben ansieht. Die endlosen Gesundheitswarnungen und Mahnungen zugunsten eines „Gesundheitsbewusstseins“ haben zu einem weit verbreiteten Selbstbild der eigenen Verletzlichkeit beigetragen. Selbst diejenigen unter uns, die ihr Benehmen nicht wie vorgeschrieben ändern, sind sich heutzutage mehr und mehr ihrer „Sünden“ bewusst und akzeptieren einen dringenden „Handlungsbedarf“.
Doch hierbei handelt es sich nicht um eine Öffentlichkeit, die sich von einer Regierung „irreführen“ lässt. Vielmehr geht es hier um ein viel grundlegenderes Problem in unserer Gesellschaft verletzlicher, misstrauischer Individuen, in der sich viele herkömmliche Verbindungen zwischen Bürgern und Gemeinschaften aufgelöst haben, ohne durch neue ersetzt zu werden.
Das Thema „Passivrauchen“ ist zu einem Symbol dieses zerbröselnden Lebenszusammenhangs geworden, zu einer Art Metapher für die Geisteshaltung atomisierter Bürger, die den fremd gewordenen Mitmenschen und sein Benehmen als ein Problem für das eigene Leben ansehen. Es ist nicht nur der Zigarettenrauch, der heute als vergiftet angesehen wird – die Gefahr wird auf „die anderen“ insgesamt übertragen.
Diese Verinnerlichung der eigenen Verletzlichkeit ist der Grund dafür, dass das Rauchverbot heute ohne ernsthafte Kritik akzeptiert wird. Dies erklärt auch, warum sich der kleinliche Autoritarismus ohne nennenswerten Widerstand in unser Privatleben einschleicht und warum sich die Bürger nun sagen lassen müssen, dass sie keine öffentliche Unterstützung zu erwarten hätten oder keine Kinder adoptieren sollten, wenn sie immer noch in ihren eigenen Wohnungen rauchen sollten.
In Zeiten der Regentschaften Gordon Browns und Angela Merkels finden wir uns in Gesellschaften wieder, in denen uns Schilder an jeder Weggabelung ermahnen, nicht zu rauchen. In solchen Gesellschaften verkriechen sich die geächteten Raucher wie räudige Hunde in einer „Raucherecke“ und verabreden sich vielleicht obendrein zu einer Suchttherapie. Wo bleiben die Bürgerrechtler, die sonst fortlaufend vor ausufernden Anti-Terror-Gesetzen warnen und die „Zivilgesellschaft“ beschwören?
Wie man doch einst über große Männer sagte: „Si monumentum requiris, circumspice“ – „Suchst du sein Monument, so schau dich um!“ Nach der Implementierung der Antirauchergesetze werden wir die Monumente Tony Blairs oder Angela Merkels an vielen öffentlichen Orten sehen können.