05.06.2014

Die Unheilige Allianz

Essay von Sebastian Moll

In der Verurteilung der Prostitution sind sich evangelikale Christen und Feministen wie Alice Schwarzer überraschend einig. Beide verbindet eine geradezu metaphysische Überhöhung der Sexualität und die Lust am Bestrafen.

Zuweilen kommt es im Leben zu den außergewöhnlichsten Bündnissen. Nein, ich spreche weder von der Großen Koalition noch von Schwarz-Grün. Gegen das, wovon ich spreche, würde selbst eine Koalition zwischen FDP und Linkspartei unspektakulär wirken. Seit neuestem verbünden sich Teile der evangelikalen Bewegung, also der als konservativ geltenden Fraktion innerhalb des deutschen Protestantismus, tatsächlich mit Alt-Feministin Alice Schwarzer. Eigentlich sind beide seit jeher erbitterte Gegner. Die Liste der konträren Positionen ist schier endlos, vor allem aber bei der Abtreibungsfrage geraten beide Seiten stets heftig aneinander. Und jetzt das: Alice Schwarzer startet ihren Kreuzzug gegen die Prostitution, und einige Evangelikale ziehen prompt als treue Knappen mit ihr in die Schlacht, so zum Beispiel die evangelikale Hilfsorganisation „Mission Freedom“, die vergangenes Jahr mit dem Bürgerpreis der deutschen Zeitungen ausgezeichnet wurde. Wie konnte es bloß zu dieser unheiligen Allianz kommen? Warum hat es ausgerechnet das Thema Prostitution geschafft, die feindlichen Lager zu einen? Liegt es am Ende gar daran, dass beide Seiten insgeheim wissen, dass sie je auf ihre Art – männerfeindliche Emanzipation auf der einen, unerotische Prüderie auf der anderen Seite – zum Reiz der Prostitution beitragen? Honi soit qui mal y pense…

„Wer seinen Tag damit verbringt, sich durch den Erwerb von Jodeldiplom oder bei Töpferkursen zu Panflötenmusik selbst zu verwirklichen, hat wenig Verständnis für Menschen, die durch ‚körperliche Arbeit‘ ihre Existenz sichern müssen.“

Ideologie versus Realität

Wenn ich die Evangelikalen soeben als konservative Christen bezeichnet habe, dann nur mit großen Bedenken. Meiner Ansicht nach gibt es so etwas wie konservative Christen nämlich überhaupt nicht. Das heißt, natürlich gibt es sie, so wie es dicke und dünne, blonde und dunkelhaarige Christen gibt. Selbstverständlich gibt es Menschen, die sowohl einer konservativen Ideologie als auch dem christlichen Glauben anhängen. Aber das sind dann eben zwei verschiedene, von einander unabhängige Facetten einer Person. Eben diese Unabhängigkeit scheint aber bei einigen christlichen Vertretern verloren gegangen zu sein, denn nur durch eine starke ideologische Beimischung ist zu erklären, wieso der jüngste christliche Vorstoß, gemeinsam mit Frau Schwarzer die Prostitution abschaffen zu wollen, unter derselben Realitätsverdrehung leidet wie es Frau Schwarzer seit eh und je tut. Eine der Ursachen für dieses gemeinsame Weltbild mag die oftmals privilegierte Stellung vieler Prostitutionsgegner sein. Wer seinen Tag damit verbringt, sich durch den Erwerb von Jodeldiplom oder bei Töpferkursen zu Panflötenmusik selbst zu verwirklichen, hat wenig Verständnis für Menschen, die durch ‚körperliche Arbeit‘ ihre Existenz sichern müssen. Die Verkennung und Verdrehung der Realität innerhalb dieser Debatte ließe sich an vielen Beispielen aufzeigen, aber ich wähle jenes Argument, für das man in jeder Talkshow donnernden Applaus erhält, obwohl es sich mit einem Fünkchen gesunden Menschenverstandes widerlegen lässt. Es geht um den Vorwurf, die Prostituierten müssten in den entsprechenden Häusern Miete für ihre Zimmer bezahlen und würden somit auf brutalste Weise ausgebeutet. In diesem System müssten die Frauen ja erst mal einige Freier bedienen, um überhaupt die Miete für das Zimmer zusammenzukriegen. Eine Friseurin zahle ja schließlich auch nicht die Miete für den Friseursalon, in dem sie arbeite, tönt es aus den empörten Mündern der Talkshowexperten. Bei meinen investigativen Recherchen zu diesem Thema musste ich dann eine erschreckende Erkenntnis machen: Friseurinnen müssen zwar in der Tat keine Miete für den Friseursalon zahlen, dürfen dafür aber auch nicht das von ihren Kunden eingenommene Geld behalten. Insofern zahlen auch sie auf indirekte Weise einen Betrag für die Nutzung des Salons. Außerdem musste ich herausfinden, dass es einige Anwälte in diesem Land gibt, die erst mal eine bestimmte Anzahl von Mandanten versorgen müssen, bevor sie die Miete für ihre Kanzlei bezahlen können. Man möchte es nicht für möglich halten, aber auch andere Selbständige und Freiberufler sollen von diesem Phänomen betroffen sein…

Das von den Gegnern der Prostitution so lautstark kritisierte Geschäftsmodell, nach dem Sexarbeiterinnen ihre Zimmer selbst bezahlen, dafür aber auch das eingenommene Geld komplett behalten dürfen, dient gerade der Verhinderung von Ausbeutung. Wäre es nämlich anders, und die Damen müssten einen Teil des Geldes an ihren ‚Chef‘ abgeben, wären wir dem Straftatbestand der Zuhälterei gefährlich nahe. Das könnte nämlich dazu führen, dass der Chef seine Mitarbeiterinnen „bei der Ausübung der Prostitution überwacht, Ort, Zeit, Ausmaß oder andere Umstände der Prostitutionsausübung bestimmt oder Maßnahmen trifft, die sie davon abhalten sollen, die Prostitution aufzugeben.“ Ein derartiges Verhalten ist nach §181a StGb strafbar. Dass es trotzdem am laufenden Band passiert, soll hier nicht bestritten werden. Aber man verringert bereits auftretende Straftaten nicht dadurch, dass man neue Straftatbestände schafft.

Wie bereits erwähnt, sind Kritikpunkte an dem beschriebenen Geschäftsmodell von einer solchen Unsinnigkeit, dass sie nur mit ideologischer Verblendung erklärt werden können. Mit christlicher Nächsten-, geschweige denn Wahrheitsliebe haben sie nichts zu tun. Dafür aber vielleicht mit einer anderen typisch christlichen Haltung.

Die Überhöhung der Sexualität

„Sexualität ist zugleich Spiegel und Instrument der Unterdrückung der Frauen in allen Lebensbereichen“, lautet eine der klassischen Thesen von Alice Schwarzer aus ihrem Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ (2002). Ironischerweise tut sie damit genau das, was sie den chauvinistischen Männern immer vorwirft: Sie reduziert Frauen auf ihren Körper. Wenn also jede Form der Sexualität einen Akt der Unterdrückung darstellt, kann es so etwas wie freiwillige Prostitution natürlich nicht geben. So gesehen wird der Begriff ‚Zwangsprostitution‘ zum weißen Schimmel. Dass sich nun einige Damen des horizontalen Gewerbes, die Frau Schwarzer ja angeblich schützen will, gegen die Oberfeministin auflehnen, zeugt von wahrer Größe und gibt Anlass zu Dankbarkeit. Man mache es sich klar: Wenn es nach Frau Schwarzer ginge, würde Sex zwischen Mann und Frau wahrscheinlich vollständig verboten werden.

„Man mache es sich klar: Wenn es nach Frau Schwarzer ginge, würde Sex zwischen Mann und Frau wahrscheinlich vollständig verboten werden.“

All das klingt zunächst einmal gar nicht nach christlich-konservativen Positionen. Doch gibt es auch hier beim Thema Sexualität die seltsamsten Auswüchse. Als Michael Diener, der Vorsitzende des größten evangelikalen Netzwerk Deutschlands (Evangelische Allianz), dem frisch gewählten Staatsoberhaupt Joachim Gauck zu dessen Amtsantritt gratulierte, bekam er zahlreiche Zuschriften erzürnter Christen. Wie er denn diesem Mann, der in solch unbiblischen Verhältnissen lebe, eine derartige Ehrerbietung zukommen lassen könne, lautete der Vorwurf. Gemeint war natürlich Gaucks Beziehung zu seiner aktuellen Lebensgefährtin, mit der er seit Jahren zusammenlebt, obwohl die Ehe zu seiner ersten Frau nach wie vor Bestand hat. Nun wird man die Eheverhältnisse von Herrn Gauck sicherlich nicht als christlichen Idealfall bezeichnen, und auch Herr Diener würde das nicht tun. Dass man aber dem Vorsitzenden eines der größten kirchlichen Verbände dieser Republik einen Glückwunsch an den Bundespräsidenten ernsthaft übel nimmt, trägt keine christlichen, sondern pharisäische Züge. Zugleich wird darin deutlich, dass sexualethische Vergehen auf der Sündenskala der Evangelikalen nach wie vor sehr weit oben stehen.
Haben wir hier vielleicht eine weitere, vielleicht die entscheidende Übereinstimmung zwischen dem evangelikalen Lager und Frau Schwarzer? Die Antwort lautet: Ja! Von völlig verschiedenen Ausgangspunkten kommend, neigen beide Lager auf ihre je eigene Weise zu einer nahezu metaphysischen Überhöhung der Sexualität.

Die Lust am Bestrafen

So sehr man sich über erfundene Zahlen und weltfremde Kritik an den Arbeitsbedingungen der Sexarbeiterinnen ärgern kann, so gibt es einen Vorschlag, der den Wahnsinn wirklich auf die Spitze treibt: Der Plan, ausschließlich die Freier zu bestrafen. Von den fragwürdigen praktischen Auswirkungen einer solchen Maßnahme einmal abgesehen, ist er einfach juristisch unhaltbar. Sexarbeit ist ein Geschäft zwischen zwei Parteien. Ausschließlich die Freier zu bestrafen, wäre genauso, als würde man nur die (gutgläubigen) Käufer von Diebesgut bestrafen, nicht aber die Diebe und Hehler selbst. Wenn also jedes gesunde Rechtsempfinden diesen Vorschlag für irrsinnig erklären muss, wie kann es dann sein, dass er sich ernsthafter Erwägung erfreut? Wieder einmal ist es die Ideologie, welche die Spielregeln bestimmt. Es geht hierbei um nichts anderes als um das Bestrafen der (unehelichen) Lust, für die Evangelikalen die Ursünde schlechthin, für Frau Schwarzer ein Zeichen männlicher Minderwertigkeit. Und da beim Akt der Prostitution, zumindest nach gängiger Vorstellung, ausschließlich der Mann Lust empfindet, muss auch folgerichtig nur er bestraft werden – und schon ist die Welt, oder vielmehr das Weltbild, wieder in Ordnung.

„Wenn Männer für sexuelle Dienste bezahlen (müssen!), so drückt sich darin nicht Überlegenheit, sondern ein Mangel aus. Warum also wollen Christen diese Männer bestrafen, anstatt ihnen aus ihrer Situation herauszuhelfen?“

Dass Frau Schwarzer ihren pathologischen Männerhass in diesem Leben noch ablegen wird, steht nicht zu erwarten. Für die Kirche habe ich allerdings noch Hoffnung. Ich kann an dieser Stelle nicht über Dinge sprechen, die mir unter dem Siegel des Geheimnisses anvertraut worden sind. Soviel darf ich aber verraten. Die meisten mir bekannten Männer, welche die Dienste von Prostituierten in Anspruch nehmen, haben kein Interesse an Unterdrückung und Machtausübung. Wenn Männer für sexuelle Dienste bezahlen (müssen!), so drückt sich darin nicht Überlegenheit, sondern ein Mangel aus. Warum also wollen Christen diese Männer bestrafen, anstatt ihnen aus ihrer Situation herauszuhelfen? Es gibt eine ganze Reihe von Ausstiegsprogrammen für Prostituierte, wäre es da so abwegig, ein Ausstiegsprogramm für Freier zu entwickeln? Ich bin mir bewusst, dass dieser Vorschlag auf den ersten Blick ein wenig skurril wirkt, aber manchmal braucht es unkonventionelles Denken, um aus verfahrenden Situationen herauszufinden. Außerdem gibt es ja bereits christliche Hilfsorganisationen, die Männern helfen, von ihrem Pornographiekonsum loszukommen. Warum sollte das bei Prostitution nicht auch funktionieren? Für viele Männer sind Pornographie und Prostitution Orte der Flucht vor ihrem wirklichen Leben, in dem sie ihre Bedürfnisse nicht befriedigt finden. Anstatt aber diese mitunter völlig natürlichen Bedürfnisse zu kriminalisieren und die Männer damit umso mehr in ein Doppelleben zu treiben, sollte man ihnen lieber Mittel und Wege an die Hand geben, diese Bedürfnisse in gesunder Form ausleben zu können. Das wäre ein wahrer Akt christlicher Nächstenliebe.