01.03.2004

„Die Trennung zwischen adult und embryonal macht keinen Sinn“

Interview mit Novo-Redaktion

Detlev Ganten über deutsche Hürden bei der Stammzellforschung.

„Wir müssen uns wieder zutrauen, dass wir mit Hilfe von Wissenschaft und Technik noch vieles in dieser Welt verbessern können, und nicht bei jeder Innovation zuerst die abseitigsten Missbrauchsmöglichkeiten in den Vordergrund stellen.“

NovoArgumente: Herr Prof. Ganten, wir befinden uns im „Jahr der Innovation“. Was sollte es uns bringen?

Prof. Ganten: Es gibt sicher eine Reihe von Einzelmaßnahmen, die hilfreich wären, etwa in der Forschungsförderung oder beim Abbau von Bürokratie. Einiges davon wird zurzeit angestoßen, anderes bleibt defizitär. Was ich mir aber vor allem wünsche und was bei uns fehlt, ist ein Wandel im gesellschaftlichen Klima, das in Deutschland durch große Skepsis gegenüber Neuem und Veränderungen aller Art geprägt ist. Innovation ist Veränderung zum Besseren. Wir müssen uns wieder zutrauen, dass wir mit Hilfe von Wissenschaft und Technik noch vieles in dieser Welt verbessern können und nicht bei jeder Innovation zuerst die abseitigsten Missbrauchsmöglichkeiten in den Vordergrund stellen. Ich benutze in diesem Zusammenhang gerne die von Karl Popper geprägte Wendung von der „Pflicht zum Optimismus“; er meint damit unsere Verantwortung, eine bessere Zukunft zu gestalten.

In der medizinischen Forschung sind Stammzellen nach wie vor ein großes Thema. Hier hat Deutschland nicht nur im eigenen Land die Forschung stark eingeschränkt, sondern zuletzt auch versucht, die europäische Forschungsförderung weiter zu verhindern. Werden wir von unseren Nachbarn als Bremser statt als Innovatoren wahrgenommen?

Es ist bekannt, dass Deutschland zurzeit bei vielen neuen Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie nicht in der Lage ist, schnell auf den Zug aufzuspringen oder gar Pionierarbeit zu leisten. Das war bei der Entwicklung der Gentechnik der Fall und ist heute etwa in der Stammzellforschung zu beobachten. Zum Vorwurf wird uns das vom Ausland selten gemacht, denn andere Länder profitieren ja eher von unserer Innovationszurückhaltung. Die Briten sehen es gewiss als Vorteil, dass ihr Gesetz ihnen sehr viel umfassendere Forschungsmöglichkeiten im Bereich der Stammzellen gibt. Dabei will ich betonen, dass diese liberale Gesetzgebung nicht als Tribut an Kommerzialisierungsinteressen gesehen werden darf, sondern sich aus der dort herrschenden Rechtsauffassung ergibt. Die orientiert sich daran, eher Menschen als abstrakte Werte vor Schaden zu bewahren. Während in Deutschland in der Debatte um den Stammzellimport zu hören war, die Nutzung embryonaler Stammzellen verstoße gegen den „Geist des Embryonenschutzgesetzes“, sagt man in England: Es kann uns zu Erkenntnisgewinn und vielleicht zu neuen Therapien verhelfen, und kein Mensch kommt dabei zu Schaden.

Bisher gibt es nur wenige Forschungsprojekte mit importierten embryonalen Stammzellen in Deutschland. Ist der Bereich doch nicht so spannend, oder ist den Forschern schon die Lust vergangen?

Natürlich ist die Forschung außerordentlich wichtig und medizinisch hochinteressant. Dennoch brauchen wir uns unter den gegebenen Bedingungen nicht zu wundern, wenn sich Forscher anderen Themen zuwenden. Niemand möchte ständigen öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt sein, von Greenpeace an den Pranger gestellt werden oder gar Gefahr laufen, strafrechtlich verfolgt zu werden. Ein Rechtsgutachten hat ergeben, dass ein deutscher Forscher, der im Ausland nach den Gesetzen seines Gastlandes mit Stammzellen arbeitet, sich nach deutschem Recht strafbar machen kann. So etwas fördert den wissenschaftlichen Ehrgeiz nicht gerade. Forschung auf diesem Gebiet ist in Deutschland zurzeit nicht attraktiv.

Was halten Sie von der Forderung, statt an embryonalen Stammzellen bevorzugt an „ethisch korrekten“ adulten zu forschen, um hier in der Weltspitze mitmischen zu können?

Die Trennung zwischen adult und embryonal macht aus biologischer Sicht keinen Sinn. Auch die Ethik verstrickt sich hier in Widersprüche, da sich die Übergänge von embryonal zu adult zunehmend als fließend erweisen. Forschung lebt in vieler Hinsicht davon, dass sie Verschiedenes miteinander vergleicht, um spezifische Merkmale ermitteln zu können. Wenn wir die Differenzierungsprozesse von Zellen und damit Krankheiten wie Krebs besser verstehen wollen, müssen wir sowohl an embryonalen als auch an adulten Stammzellen forschen. Der entscheidende ethische Unterschied ist nicht der zwischen embryonaler und adulter Stammzelle, sondern der zwischen Mensch und Zelle.