01.11.2000

Die Sprache feiert

Analyse von Germinal Civikov

Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: sie haben sich gar nicht verändert.” “Oh!” sagte Herr K. und erbleichte.

So lautet eine der ganz kurzen “Geschichten vom Herrn Keuner” von Bertolt Brecht. Worüber erschrak Herr K.? Mit der üblichen Freundlichkeitsfloskel, Herr K. habe sich gar nicht verändert, meinte sein Bekannter wohl, er sehe noch jung aus und die Zeit habe ihm nichts angehabt, während Herr K. beim Gedanken erschrak, er habe sich tatsächlich nicht verändert und die Zeit sei spurlos und leer an ihm vorbeigeflossen, als hätte er gar nicht gelebt. Herr K., so würden wir heute sein Erbleichen interpretieren können, erschrak bei der Feststellung, er sei sich durch die Jahre hindurch identisch geblieben.


Die Identität, so lasen wir’s, bevor noch dieses Wort alle Etagen des öffentlichen und privat-öffentlichen Palavers besiedelt hatte, bedeutete, einleuchtender ging’s nicht, die Gleichheit eines Gegenstandes oder einer Erscheinung mit sich selbst. Schon hier bekam es allerdings die mit sich identische Ichheit mit der Zeit zu tun, denn: panta rhei, wie wir wissen, und keiner badet ein zweites Mal im selben Fluss. Nicht so einfach machten es uns die Romantiker mit ihrer nur der Anschauung zugänglichen Identität, aber nachvollziehbar war dennoch auch sie, diese Zerrissenheit des Identischen mit sich selber durch Raum und Zeit. Selbst Hegels Verurteilung des Identitätsprinzips A = A als “leere Tautologie” vermochten wir viel Sinn abzugewinnen, wie sehr uns auch sein dialektischer Satz zu schaffen machte, die Wahrheit sei nur in der Einheit von Identität und Verschiedenheit. Ob ich, der ich damals war, schon damals all dies richtig verstanden hatte, dessen bin ich, der ich heute bin, mir nicht mehr so sicher. Ausschließen will ich es nicht. Sicher bin ich mir demgegenüber bei etwas anderem. So wie ich weiß, dass bis zum Jahre 1989 niemand ernsthaft mit der Implosion gerechnet hat, mit der die Sowjetunion unter Begleitung marginaler Gewaltausbrüche zugrunde ging, egal, was mir heute im Nachhinein die mittlerweile auch schon betagten Kremlinwatchers erzählen wollen, so sicher weiß ich auch, dass bis in die 70er-Jahre hinein die besagte Identität ihren Ort ausschließlich in den philosophischen, psychologischen und soziologischen Seminaren hatte. Wäre sie da nur geblieben.


Aber nein. Als der Identitätsbegriff den sakralen Hortus Academicus verlassen hatte, um sich hinfort wie ein fetter Tintenfleck in allen Medien breit zu machen, versuchte er zunächst, in seiner ersten säkularisierten Mutation als das linksradikale Schlagwort “politische Identität” auf sich aufmerksam zu machen. Man sagt, es sei dies das Verdienst der Psychologin Ulrike Meinhof gewesen, als sie um 1971 herum die politische Identität als die “permanente Integration von individuellem Charakter und politischer Motivation” ihrer Gefolgschaft ans Herz legte. Es dauerte nicht lange, bis es in den Kampagnen gegen die schlechten Haftbedingungen der Baader-Meinhof-Gruppe um die vom “Polizeistaat” versuchte “Zerstörung der politischen Identität” der Gefangenen ging, und zwar mittels “Isolationsfolter”. Ich weiß das noch sehr genau, und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Damals musste ich noch im Philosophischen Lexikon nachschlagen, was man hier mit “Identität” ganz konkret gemeint haben könnte, da ich, zweitens, frisch aus Bulgarien emigriert und mit einiger Gefängniserfahrung hinter mir, dem Begriff “Isolationsfolter” einen etwas anderen Inhalt zumaß – aber das gehört alles zu einer ganz anderen Geschichte.


Einmal auf die Straße gesetzt, stand es dem Identitätsbegriff in seiner jungfräulichen Frische frei, mit jedem mitzugehen und es mit jedem zu versuchen, der sich von seiner tiefsinnigen Leere und akademischen Rest-Aura einigen Überzeugungsnutzen auf dem Meinungsmarkt versprach. Von den vielen Freiern und Wegen, die ihm nun offen standen, war der bedeutendste gleich auch der fragwürdigste, nämlich der Weg zur “kollektiven Identität” mit seinen zahlreichen Gässchen und Verästelungen, aber auch mit einer breit ausgetretenen Magistrale, die sofort auch noch der verkommenste Weg war. Es war die “nationale Identität”. So häufen sich ab 1973 Behauptungen und Beobachtungen von rumänischer, belgischer oder französischer wie auch von staatlicher, von regionaler und selbst von europäischer Identität. Bis tief in die 70er-Jahre hinein kommt übrigens häufig auch die wohl gefühlsmäßige Falschschreibung “Indentität” vor, handelt es sich doch bei besagter Indentität um etwas zutiefst Innerliches und Inwendiges. Dann wird auch die Sprachwissenschaft auf das inflationäre Auswuchern des hehren Begriffs aufmerksam. Der erste ausführliche Forschungsbericht zum neuen sprachlichen Phänomen erscheint 1976 in der Zeitschrift Muttersprache unter dem Titel “Identität. Gebrauch und Geschichte eines modernen Begriffs”. Sehr treffend vermerkt der Autor Gerold Schmidt u.a. die folgende Feststellung zum neuen Derivat des Identitätsbegriffs: “Nationale Identität muss deshalb den modernen politischen Schlagworten zugerechnet werden, die intellektuell-rational einen nur geringen Sinn haben, dafür aber umso mehr mit unbestimmtem emotionalen Gehalt beladen sind.” Einer, der maßgeblich dem Identitätsbegriff in seiner Verwirrung zu diesem Weg auf die Beine verhalf, war übrigens kein geringerer als Rudi Dutschke, der sich als angehender Wiedervereinigungstheoretiker schon 1977 in seiner denkwürdigen Schrift Die Deutschen und der Sozialismus über die “Zurückgewinnung von Identität und Geschichte” der Deutschen Gedanken machte. Dabei verklagte Dutschke die “kapitalistische Amerikanisierung” Westdeutschlands, die dafür gesorgt habe, dass der “Auflösungsprozess der geschichtlichen und nationalen Identität” der Deutschen bruchlos vor sich ging. Die nationale Rechte Deutschlands hat sofort die Vorzüge des neuen Schlagworts der Linken erkannt, und sie hat es sich kein zweites Mal vorsagen lassen. Möglicherweise las sie sogar noch als Empfehlung die von Gerold Schmidt bescheinigte Sinnleere des neuen Begriffs.


Und sonst? – Identität, meine Damen und Herren, sei’s im Rundfunk, sei’s in der Zeitung, sei’s beim Frisör: einer hat sie gefunden, ein anderer hat sie verloren, ein dritter muss sich mit einer fremden Identität durchs Leben plagen. Dabei geht es nicht etwa um das Papier oder neuerdings um die Plastikkarte, die man beim Kommando “Identifizieren Sie Sich!” zückt, um zu beweisen, dass man tatsächlich auch man selber ist. Was “Identität” eigentlich beinhaltet, weiß kaum einer so ganz recht, deshalb aber weiß jeder genau, dass sie etwas ganz Eigentliches, Wesentliches und Authentisches ist, so etwas wie ein existentielles Grundbedürfnis und ein fundamentales Menschenrecht. Daher wird es auch als sehr wichtig erachtet, der eigenen Identität unbedingt treu zu bleiben und keine fremde anzunehmen. Wenn man nur noch die Kriterien eigener Identität ermitteln könnte, um sie vor Überfremdung zu bewahren.


“Die Sprache feiert” – so nannte es Wittgenstein, wenn durch gedankenlosen Sprachgebrauch die Illusion entsteht, dass etwas sprachlich Hervorgebrachtes auch tatsächlich existiert. Beim Wort “Identität” feiert die Sprache. Die weibliche Identität kennen wir ja schon von den ersten Lehrstühlen für Frauenliteratur, die ersten Gesprächsgruppen für männliche Identitätsprobleme ließen danach auch nicht auf sich warten, es ist von homo-, von bi- und selbst von heterosexueller Identität die Rede, verschiedene Berufsidentitäten werden gepflegt, und eine niederländische Zeitung machte sich neuerdings Gedanken über “die globale Identität des Menschen”, während ein Modehaus in Amsterdam unter der Leuchtschrift “Wer bist du?” aus seinem Angebot jedem Kunden verspricht, ihm zu seiner Identität zu verhelfen. Und als wäre schon die persönliche Identität nicht problematisch genug, werden uns täglich kollektive Identitäten zur Kenntnis gebracht, von deren Existenz wir bisher keine Ahnung hatten. So hieß es, die Sozialdemokraten hätten ihre Identität verraten, die CDU sei ihrer treu geblieben, während die Liberalen zum Überleben eine neue bräuchten. Seit Juni 1996 wissen wir auch von der neuen “Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität der NATO”, die alsbald mehreren Balkanstädten eine neue architektonische Identität verpasste und nebenbei, das heißt heute “kollateral”, auch einige Tausend persönliche Identitäten in transzendente umwandelte. Und dies in einem Lande, wo vor nun schon 10 Jahren die gewaltigste Identitätssuche vonstatten ging. “Geben sie mir die nationale Identität!” – rufen Millionen Suchende. Doch bis sie eines Tages dahinterkommen, für wen sie gemordet haben und sich haben morden lassen, ist möglicherweise auch der ganze Identitätsspuk vorbei.


Identität, meine Damen und Herren: A ist A, Ich bin Ich, die “leere Tautologie” Hegels. Ich bin ich, ja. Wenn ich mir aber ein altes Foto ansehe, dann weiß ich es nicht immer so sicher, ich weiß auch nicht immer, ob ich über mein fernes Ich auf dem Foto lachen soll oder heulen. Unerbittlich hat sich die Zeit eingekeilt zwischen mich und mich, und sie treibt mich mit jeder Sekunde weiter weg von mir. Vergänglichkeit, ja, aber auch Veränderung, Reife, Entwicklung. Identisch mit sich selber ist man erst im Tod, über den, um nochmals einen Satz Wittgensteins zu bemühen, wir nichts sagen können und daher schweigen müssen. In seiner Identität hat sich der Mensch erst, wenn er tot ist, und wer zu Lebenszeiten eine Identität, und gar eine nationale Identität von sich behauptet und sie zur Schau stellt, ist es schon möglicherweise, ohne es gemerkt zu haben.
Daher sagte Herr K. “Oh!” und erbleichte.