01.11.2003

Die Schule als Manieren-Manager: Cool oder uncool?

Analyse von Katharina Rutschky

Kann Benehmen, und wenn ja wie, zum Thema des Unterrichts werden?

Mit der neuen Mode der Bauchfreiheit, die in diesem langen und heissen Sommer von der jüngeren Frauenwelt, ob dick oder dünn, begeistert aufgenommen wurde, hat es vermutlich angefangen. Man, oder soll ich sagen, manche Männer in verantwortungsvollen Positionen nahmen allerdings ernsten Anstoß am entblößten Nabel und gefährlich tief sitzenden Hosen, die auch hintenherum weibliche Rundungen offenherzig darbieten. Der erste, der diese Mode zum Anlass nahm, nun endlich einmal über die geziemende Schulkleidung öffentlich zu räsonieren, war der Bremer Schulsenator Willi Lemke von der SPD. Was am Strand oder in der Disco als „sexy outfit“ vielleicht angebracht sei, könne in der Schule nicht akzeptiert werden, sagte er. Kein ganz neuer Gedanke, denn dass der Flirt, die Erotik, gar jene als pädagogischer Eros bekannte Gemeinschaftsveranstaltung von Jung und Alt außerhalb des didaktisch sterilisierten Sexualkundeunterrichts keinen anerkannten Platz hat, wissen wir ja schon lange. Aber das nur nebenbei. Nach dem desolaten Abschneiden deutscher Fünfzehnjähriger bei der PISA-Studie (und Bremen hat besonders schlecht abgeschnitten) gilt es jetzt endlich, sich auf den Ernst der Schulaufgabe zurückzubesinnen. Gleich konterten Schüler- und Elternverbände Lemkes Vorstoß mit einer ästhetischen Kritik an der Lehrerschaft. In Latschen und Schlabberpullis liefert sie nämlich oft genug auch nicht die Vorbilder für einen ordentlich bekleideten Nachwuchs! Der saarländische Bildungsminister Jürgen Schreier von der CDU erweiterte die Debatte noch einmal. Verstöße gegen die Kleiderordnung sind bloß die Spitze des Eisbergs. Seine bedrohliche Masse liegt unter dieser Wasserlinie und heißt Verfall der guten Schulsitten. Ohne das ominöse Datum zu nennen, drückte sich Minister Schreier deutlich genug aus. Seit 1968ff. seien Autorität und Respekt, Ordnung und Disziplin im Namen einer schrankenlosen Selbstverwirklichung als so genannte Sekundärtugenden des deutschen Untertans verteufelt worden. Das soziale Klima an den Schulen und die Unterrichtsbedingungen sind deshalb fast so schlecht wie die PISA-Ergebnisse...

Höchste Zeit also, über das gute Benehmen der Schüler zu reden. Geredet wird natürlich, wie immer, wenn es um Benimm geht, eher über schlechtes Benehmen und wie ihm von denen beizukommen wäre, die Verantwortung tragen und naturgemäß wissen, was gutes Benehmen heute ist.

In Bremen beginnt eine Schule gerade damit, Fünftklässlern in einer wöchentlichen Unterrichtsstunde dieses beizubringen. Im Vordergrund soll aber nicht die korrekte Kleiderordnung stehen – man will die Elfjährigen vor allem im gescheiten, zivilen Umgang mit Konflikten trainieren. Im Saarland hat man Experten damit beauftragt, so genannte Benimmbausteine zu entwickeln, die dann von der ersten bis zur sechsten Klasse in den Unterricht aller Schulfächer einbezogen werden sollen: Gutes Benehmen als leitendes Prinzip im Unterricht. Aus Bayern kommentierte Kultusministerin Hohlmeier von der CSU die ganze Debatte und die geplanten Maßnahmen recht schadenfroh. Hat Bayern bei PISA nicht deshalb noch halbwegs gut abgeschnitten, weil die Ideen der Achtundsechziger sich hier nie durchsetzen konnten? Erziehung und Disziplin, die andere heute neu entdecken müssen, werden und wurden hier immer hoch gehalten. Da nimmt man eine niedrige Abiturientenquote und den einen oder anderen mörderischen Konflikt zwischen Schülern und Lehrern, der anderswo Anlass zu Grundsatzdebatten geworden wäre, schon in Kauf. Benimm 2003 für Schüler – kein Thema. In Bayern versteht er sich angeblich immer noch von selbst.

Das Projekt eines Benimmunterrichts in der Schule kommt aber auch in den Kommentaren, die ich bisher gelesen habe, sonst nicht gut weg. Es ist richtig, darauf hinzuweisen, dass die öffentliche allgemeinbildende Schule schon an sich ein Ort der Zivilisierung junger, unwissender Barbaren zu sein beansprucht und ein Benimmunterricht extra einem so deplaziert vorkommen kann wie Schlagsahne auf einer Buttercremetorte. Skepsis ist auch deshalb angebracht, weil nicht zuletzt eine besonders engagierte Lehrergeneration die engen Grenzen der Aufklärung – worüber auch immer – im Rahmen der öffentlichen Schule erfahren hat. Der Deutschunterricht produziert bekanntlich wenige Literaturfans und Leser, der Religions- oder Sozialkundeunterricht enttäuschend wenige Fromme, Kirchgänger oder engagierte Demokraten. Was kann man sich dann von einem Benimmunterricht versprechen, der jetzt sogar ohne jede Stütze auf Kulturgüter, Traditionen und eingelebte politische Realitäten auskommen müsste?

"Werte und Normen zu predigen, die der Institution Schule zupass kommen und uns Älteren lieb sind, wird den schulischen Benimmunterricht nicht zu einer Erfolgsstory machen."

Ehe man das zugegeben schief und schlecht angelegte Projekt abtut, vielleicht gar der Lächerlichkeit aussetzt, die nie fern ist, wenn es um Pädagogik, gar Schulpädagogik geht, sollte man innehalten. Angeblich sind ja Erziehungsfragen solche, die uns alle angehen und aufrühren – eigentlich rühren sie aber jederzeit bei allen bloß Ressentiments wach, die das hundertjährige Geburtstagskind Adorno öfter trefflich beschrieben hat. Wie progressiv Erziehung nämlich auch daherkommt: wir alle erübrigen von ihr dennoch das lebenslange Gefühl der Erniedrigung und Demütigung, das uns für die Verachtung der pädagogischen Sphäre, ihrer Protagonisten und Institutionen auf eine manchmal unvernünftige Art anfällig macht.

Diese Gefühlslage macht doppelt dumm, wenn es um das gute Benehmen geht, das jeder unter Einbußen des natürlichen Größenwahns und des damit verbundenen kindlichen Exhibitionismus selbst unter günstigen Sozialisationsbedingungen hat lernen müssen. Die gute Gesellschaft, zu der man schließlich gehört, hält gutes Benehmen für selbstverständlich und natürlich, eine Sache, über die nur Parvenüs oder Aufsteiger sich Sorgen machen und reden. Man weiß, dass Benimmbücher nur von denen gekauft werden, die es nötig haben, sich über etwas zu informieren, das ihnen selbst Natur geworden ist, wenngleich mit Schmerzen. Benehmen hat man – über fehlendes lässt sich endlos lamentieren, aber zu lehren ist es als gutes nicht. Benimmlehre in der Schule? Lächerlich.

Anders als die Kommentatoren und in anderer Form als die Bildungsminister ihn bisher entworfen haben, könnte ich der Idee eines Benimmunterrichts in der Schule eine Menge abgewinnen. Allerdings gälte es vorher eine Menge von Wenns abzuarbeiten. Wenn der Benimmunterricht nur dazu herhalten soll, einer altmodischen autoritären Disziplin Vorschub zu leisten, die den reibungslosen Schulalltag und den Unterricht besser gewährleisten soll als Appelle und Mahnungen anderer Art bisher, dann kann er keinen Erfolg haben. Wenn man Schülern gutes Benehmen als Einschränkung, nicht als Erweiterung ihrer persönlichen Handlungsmöglichkeiten, wo möglich gar als moralische Pflicht auferlegen will, dann Gute Nacht. Da könnten die Entwickler der „Benimmbausteine“ dann doch beim Freiherrn Knigge Nachhilfeunterricht nehmen und lernen, wie viel der kluge „Umgang mit Menschen“ (1788) gerade dem nützt, der ihn against all odds praktiziert. Dass die heraufziehende Dienstleistungsgesellschaft einen materiellen Anreiz für alle die liefert, gutes Benehmen zu lernen, die es bisher entbehren konnten, darauf hat Lothar Müller neulich in der Süddeutschen Zeitung hingewiesen.

Wie wenig die Verfechter eines Benimmunterrichts in der Schule up to date sind, erkenne ich vor allem an der Altersgruppe, die sie im Auge haben. Vielleicht sind sie von der Idee der Prävention benebelt, die unsere vorsichtige Vorsorgegesellschaft auch sonst umtreibt. Die Schüler der Grundschule sind aber immer noch notorisch brav und als Adressaten gänzlich ungeeignet. Eine Herausforderung stellen dagegen die Pubertierenden im Schulalter danach dar. Sie wären aber auch die willigen und aufgeschlossenen Lehrlinge des Benimmtrainings, jene nämlich, die man bislang nur diskriminiert hat als Fetischisten der Markenklamotten, als manchmal handgreiflich kriminelle Abgreifer und Räuber von Handys und Jacken.

Will sich die Gesellschaft, wollen sich hier Pädagogen nutzbringend einmischen, dann müssen sie begreifen, dass gutes Benehmen heute nicht mehr als Verteilung eines teuren Guts stattfinden kann, über das manche verfügen, die anderen nicht. Als moralische Pflicht ist es schon gar nicht unter die Leute zu bringen. Gutes Benehmen hat mit Stil, mit Ästhetik, mit der öffentlichen Inszenierung eines Individuums zu tun, dem an Anerkennung und an Erfolg gelegen ist. Und sind das in einer egalitären, demokratischen und zivilen Gesellschaft nicht eigentlich alle?

Die Schule müsste bei einem modernen Benimmunterricht einmal mehr über ihren Schatten springen und fürs Leben, nicht für die Noten lehren lernen. Sie könnte sich dabei vom Erfolg der Vorabendserien im Fernsehen inspirieren lassen. Dort werden die Schüler bisher nämlich im Umgang mit Konflikten, Kommunikations- und Selbstdarstellungsproblemen besser geschult als in der Schule. Die Frage nach dem, wer man ist und werden will, treibt Jugendliche heute um, krasser und schmerzlich wahrnehmbarer auch für uns Erwachsene, als es die alte Entwicklungspsychologie je beschrieben hat. Werte und Normen zu predigen, die der Institution Schule zupass kommen und uns Älteren lieb sind, das wird den schulischen Benimmunterricht nicht zu einer Erfolgsstory machen.

Ich selbst kann der Bauchfreiheit junger Frauen in vielen Einzelfällen übrigens ästhetisch soviel abgewinnen wie den männlichen Shortsträgern aller Altersstufen in diesem langen und heissen Sommer auch. Also sehr wenig. Was mich nicht davon abhält, gutes Benehmen für eine elementare Kulturtechnik zu halten wie Lesen und Schreiben und auf ihre Lehrbarkeit zu hoffen – selbst in der Schule.