01.11.2004

Die schrecklichen, schönen 60er-Jahre

Analyse von Frank Furedi

Frank Furedi bezweifelt, dass die politischen und kulturellen Strömungen der 60er-Jahre für unsere heutigen Probleme verantwortlich sind.

Waren die wilden und bunten 60er-Jahre tatsächlich der Anfang vom Ende, der Beginn des Wertezerfalls und der Beliebigkeit? Im politischen Leben der westlichen Industrienationen müssen die 60er-Jahre immer wieder als Erklärung herhalten, als Wendepunkt, von dem an alles unaufhaltsam bergab ging.

Die Fixierung auf die 60er-Jahre hat wenig damit zu tun, was damals wirklich geschah. Die Reaktion gegen die 68er ist Ausdruck einer tief sitzenden Verunsicherung, die schon recht alt ist und in Teilen der westlichen Eliten bereits nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte. Schon damals plagte die Sorge, der Kapitalismus habe seine geistige und moralische Basis verloren, viele Beobachter. Für Daniel Bell steckte der Westen 1949 in einer geistigen Sackgasse:
„Aus der Erschöpfung und Verwirrung des Krieges heraus entstand eine neue, unpolitische Haltung, die sich im französischen ‚‚je m’en fiche’ (was juckt’s mich) gleichermaßen ausdrückt wie im italienischen ‚fanno schifo tutti’ (das kotzt mich alles an); die große Mehrheit der Menschen hat nur eine Sehnsucht – in Ruhe gelassen zu werden. Sie wurden eingezogen, in Kasernen gesteckt, manipuliert, in ideologischen Grabenkämpfen verheizt. Deshalb misstrauen sie immer häufiger einfach allem und jedem. Die Intellektuellen, die Fackelträger der Kultur, fühlen sich von den Mächtigen hintergangen; es bleibt nur ein Gefühl der Ohnmacht.“[1]

„Die 60er-Jahre zu des Übels Wurzel zu erklären, ist, wie wenn man den kleinen Jungen, der die Nacktheit des Kaisers bemerkt, des Diebstahls der kaiserlichen Kleider bezichtigt.“

Die geistige Krise, die Bell beschrieb, hatte bis in die 60er-Jahre hinein kaum spürbare Folgen. Doch sie zehrte im Verborgenen am Selbstvertrauen der Eliten. Das Ende der Ideologien hatte dabei sogar etwas Tröstliches, konnte das Establishment sich doch immerhin zugute halten, dass es zwar selbst den Massen nichts anzubieten habe, andere jedoch ebenso wenig.

Doch dann kamen die 60er-Jahre, in denen althergebrachte Werte und Traditionen von einer aktiven Minderheit junger Menschen abgelehnt und verunglimpft wurden. Nichts war mehr heilig. Den Eliten erging es wie dem Kaiser ohne Kleider – sie hatten schon lange geistigen Bankrott angemeldet, doch nun wurde das erstmals deutlich ausgesprochen. Daraufhin und in den folgenden Jahrzehnten versuchte man, diesen beschämenden Werteverfall subversiven Mächten in die Schuhe zu schieben. Dabei verwechselte man allerdings Ursache und Wirkung. Zwar mag es Teilen der Eliten so vorgekommen sein, als habe eine radikale Opposition alles zerstört, was ihnen heilig war. Doch die Krise hatte ihren Ausgang lange vor den 60er-Jahren genommen. Die radikalen Strömungen waren die Folge der geistigen und moralischen Implosion der westlichen Eliten. Die 60er-Jahre zu des Übels Wurzel zu erklären, ist, wie wenn man den kleinen Jungen, der die Nacktheit des Kaisers bemerkt, des Diebstahls der kaiserlichen Kleider bezichtigt.

Da konservative Intellektuelle sich nicht eingestehen mochten, dass sie selbst nicht in der Lage waren, traditionelle Werte weiter mit Leben zu füllen, schoben sie gerne die Schuld am sittlichen Verfall der Jugend dunklen Mächten zu. Andere hielten den Wohlstand der Nachkriegszeit für den Auslöser.

In den 60er-Jahren zog die Krise, die sich zunächst auf die Intelligenz beschränkt hatte, immer weitere Kreise. Vor allem der Vietnamkrieg führte dazu, dass westliche Werte weiten Teilen der Jugend immer fraglicher wurden. Die Unabhängigkeitsbewegungen in vielen Ländern der Dritten Welt gewannen auch im Westen viele Sympathien. Für den Soziologen Seymour Lipset war „die Art, in der wesentliche Teile der geistigen und bürokratischen Eliten den Glauben an die Überlegenheit der westlichen Demokratien – und insbesondere der USA – verloren haben“, Anlass zu ernster Sorge.[2]

In diesem Klima der Verunsicherung wurden zunehmend auch andere traditionelle Werte wie Familie, Religion und Autorität fragwürdig. Dass die Legitimität der Gesellschaftsordnung ausgerechnet in einer Ära noch nie da gewesenen Wohlstandes massiv in Frage gestellt wurde, schien vielen Beobachtern ganz und gar unverständlich. Für Konservative gab es nur eine Erklärung: da waren finstere Kräfte am Werk.

Es dauerte eine gewisse Zeit, bis das Thema des „Verrats“ der Intellektuellen in den Vordergrund trat. Zunächst sah man die Ursache des Problems im Ostblock, in der Undankbarkeit verzogener Wohlstandskinder oder kindischer Regression. Doch allmählich gewann eine andere Erklärung Gewicht: abtrünnige Linksintellektuelle wurden als Unruhestörer ausgemacht, die versuchten, durch Infiltration der Medien („Rotfunk“), Kultur und Schulen die Gesellschaft von innen heraus zu zersetzen. Norman Podhoretz sah die Wurzel des Übels in einer „zu nachgiebigen Kultur“, die, so meinte er, von homosexuellen Literaten getragen werde. Für andere waren Liberale mit ihrem moralischen Relativismus die Schuldigen.

„Den Verlierern der Kulturkriege, den Konservativen, fällt es schwer, zuzugeben, dass die Jugendbewegung der 60er-Jahre gar nicht viel tun musste, um die alten reichlich entkräfteten Werte zum Einsturz zu bringen.“

Diese Ideen der Verschwörung, des Verrats und der Subversion wurden durch eine tief sitzende Panik der westlichen Eliten genährt, die sich nicht eingestehen mochten, dass der Zerfall ihres „Way of Life“ ihr eigenes Werk war. Was man später in den Vereinigten Staaten als Culture Wars bezeichnete, begann mit einer Niederlage, da die Gegner der 68er den Weg zum Schlachtfeld nicht fanden. Statt die schwache intellektuelle und politische Substanz der 68er-Bewegung anzugreifen, verlegte man sich darauf, sie als gemeine Verschwörung anzuprangern.

Der Mythos der subversiven 60er wird heute allgemein als Fakt hingenommen. Immer wieder wird behauptet, die 60er-Jahre seien die Ursache aktueller sozialer Probleme wie der Bildungskrise oder der Zunahme von Kriminalität und Gewalt. Ein ehemaliger Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung ging sogar so weit, zu behaupten, 1968 seien mehr Werte zerstört worden als im Dritten Reich. Den Verlierern der Kulturkriege, den Konservativen, fällt es schwer, zuzugeben, dass die Jugendbewegung der 60er-Jahre gar nicht viel tun musste, um ihre eigenen reichlich entkräfteten Werte zum Einsturz zu bringen.

„Im historischen Vergleich war die Gewalt der 60er-Jahre Kinderkram.“

In der Literatur über die 60er-Jahre geht man dieser Tatsache geflissentlich aus dem Weg. Auch sie wird von Verschwörungstheorien bestimmt, in denen es von Faschisten, Maoisten und Terroristen nur so wimmelt. Beschäftigt man sich mit dieser Literatur, gewinnt man den Eindruck, die 60er-Jahre seien vor allem an den Universitäten eine sehr gewalttätige Zeit gewesen. Jüngere Menschen können durch diese Bücher leicht den Eindruck gewinnen, damals seien Hunderte, wenn nicht Tausende ums Leben gekommen. Tatsächlich wurde hin und wieder ein Institut besetzt, eine Vorlesung gesprengt oder auch mit der Polizei gerangelt. Im historischen Vergleich war die Gewalt der 60er-Jahre Kinderkram.

Der Mythos der 60er-Jahre ist mindestens so interessant wie diese Epoche selbst. Er entwickelte zunehmend ein Eigenleben, da er der konservativen Elite einen Anknüpfungspunkt bot, um sich neu zu erfinden. Hier fand man einen – wenn auch weitgehend fiktiven – Gegner, an dem man sich abarbeiten und zusammenschweißen konnte. Statt sich das eigene Versagen einzugestehen, konnte man jene bekämpfen, die angeblich Werte und Traditionen verraten hatten – Dozenten, Lehrer, Sozialarbeiter und Künstler. Der Kampf gegen diese vermeintlichen Verräter gab den Konservativen in den 70er- und 80er-Jahren endlich wieder geistigen Zusammenhalt.

„Der Mythos der 60er-Jahre wird nicht nur von Konservativen als Tatsache akzeptiert. Auch Liberale und Linke glauben, in den 60er-Jahren sei eine Bewegung in Gang gekommen, die progressive soziale und kulturelle Veränderungen zur Folge hatte.“

Inzwischen ist weithin unbestritten, dass die 60er-Jahre die darauf folgende konservative Reaktion auslösten. Für K.L. Kusmer ist es „eine der Ironien der jüngeren amerikanischen Geschichte, dass die wichtigste Folge der aufsässigen 60er-Jahre die Entstehung einer konservativen Reaktion war, die sich gegen die politischen und sozialen Ziele dieses unruhigen Jahrzehnts richtete“.[3] Und Robert Nisbet, ein führender neo-konservativer Soziologe, schreibt: „Der neue Konservatismus entstand Mitte der 60er-Jahre. Von der ‚Studentenrevolution’ ist er kaum zu trennen. Für das Wiedererwachen des Konservatismus spielte sie eine vergleichbar wichtige Rolle wie die Französische Revolution für den Aufschwung der Philosophie Ende des 18. Jahrhunderts.“[4]

Auch wenn Nisbets Vergleich reichlich übertrieben ist, stimmt es doch, dass die 60er-Jahre den folgenden geistigen Entwicklungen ihre Dynamik verliehen. In den 80ern entstand eine recht kohärente konservative Weltsicht, die jedoch – gerade weil sie im Negativen so sehr vom Mythos der 60er-Jahre zehrte – viel zu schwach war, um den verlorenen Boden wieder zurückzugewinnen. Zwar half der Mythos der 60er den Konservativen, eine kraftvoll erscheinende Gegenbewegung auszulösen. Doch dank ihrer rein reaktiven Natur wurde sie nie mehr als eben das: eine Gegenbewegung. Ansätze zur Lösung heutiger Probleme wurden aus ihr nie entwickelt.

Der Mythos der 60er-Jahre wird nicht nur von Konservativen als Tatsache akzeptiert. Auch Liberale und Linke glauben, in den 60er-Jahren sei eine Bewegung in Gang gekommen, die progressive soziale und kulturelle Veränderungen zur Folge hatte. Folglich werden viele geistige und moralische Verwirrungen, die heute die Gesellschaft prägen, entweder ignoriert oder als Errungenschaften verklärt.

Die 60er-Jahre haben diese Probleme nicht geschaffen. Eine der positiven Seiten jener Zeit war, dass die geistige und moralische Krise der westlichen Gesellschaften offen gelegt wurde. Solche Krisen sind nicht nur negativ; sie gestatten es, Probleme zu erkennen und anzugehen. Bedauerlicherweise wurde diese Gelegenheit versäumt, da man sich im Wesentlichen darauf beschränkte, die Inkohärenz der westlichen Gesellschaften als Tugend zu verklären.

Zwar suchen politische Parteien, Think Tanks und Intellektuelle zuweilen immer noch nach einer großen Idee, nach einem einheitlichen Konzept. Aber die kulturelle Elite fürchtet jede kohärente Weltsicht wie der Teufel das Weihwasser. Toleranz wird heute fast durchgehend verwechselt mit einem sehr gleichgültig daherkommenden Relativismus. Toleranz ist in jeder freien Gesellschaft notwendig. Toleranz darf aber nicht bedeuten, dass man auf jedes moralische Urteil verzichtet und sich nicht mehr gegen Verhaltensweisen wendet, die man für falsch hält. Heute, 40 Jahre später, hat der Kaiser noch immer keine Kleider. Nur erzieht man unsere Kinder jetzt in dem Glauben, der Kaiser tue nichts anderes, als seine kulturelle Identität auszuleben. Und wer will ihn dafür kritisieren?