01.07.2006

Die Quacksalberei der Öko-Ökonomie

Essay von Daniel Ben-Ami

Die Vorstellung, dass das Wirtschaftswachstum gedrosselt werden müsse, ist angesichts von Milliarden Menschen, die nach wie vor in bitterer Armut leben, tragisch.

Der World Wildlife Fund (WWF) warnt, dass wir pro Jahr 20 Prozent mehr natürliche Ressourcen verbrauchen, als der Planet nachliefern kann. Leben wir wirklich über unsere (ökologischen) Verhältnisse?



Eines der erstaunlichsten Phänomene unserer Zeit ist die Art und Weise, wie der Umweltschutz die Wirtschaftswissenschaften beeinflusst und wie wenig dies wahrgenommen wird. Produktion und Konsum werden heute grundlegend anders betrachtet als in den Jahren, bevor der Umweltschutz zu einem Thema wurde. Zahlreiche Vorstellungen von Umweltschützern werden unkritisch übernommen. Der Ökologismus ist zu einem wichtigen Bestandteil der etablierten Meinung geworden und hat seinen Einfluss weit über die Grenzen grüner Parteien oder Organisationen ausgeweitet. Diese Entwicklung beeinflusst nicht nur unsere Einstellung, sondern hat auch ganz praktische Konsequenzen. In einer Welt, in der Milliarden von Menschen noch immer in bitterer Armut leben, ist die allgemein akzeptierte Meinung, dass das wirtschaftliche Wachstum gedrosselt werden müsse, tragisch. Gemäß den jüngsten Zahlen der Weltbank lebten im Jahr 2001 insgesamt 2,7 Milliarden Menschen mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag, 1,1 Milliarden sogar mit weniger als einem Dollar.[1]


Die Debatte über die globale Erwärmung ist ein gutes Beispiel dafür, wie der Umweltschutz unser Handeln und Denken beeinflusst. Fast jeder glaubt, der Klimawandel zwinge uns, die Emission von Treibhausgasen einzudämmen. Dies ist jedoch ohne eine Drosselung des Wirtschaftswachstums kaum möglich. Eine sich hieraus ergebende wirtschaftliche Stagnation hätte jedoch zur Folge, dass ein Großteil der Weltbevölkerung weiterhin in Armut leben müsste. Nur selten wird darüber diskutiert, wie man das Ziel eines bewussten Umgangs mit der globalen Erwärmung bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum erreichen kann. Im weiteren Verlauf dieses Artikels soll dargestellt werden, dass wirtschaftliches Wachstum kein Problem, sondern im Gegenteil eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass wir lernen, mit den Auswirkungen des Klimawandels fertig zu werden.
 

„Der Ökologismus ist ein Angriff auf zentralen Prämissen der Aufklärung.“



Es gibt zwei immer wiederkehrende Themen, die die Haltung von Umweltschützern zur Wirtschaft charakterisieren. Da ist zum einen das verbissene Pochen auf vermeintlich notwendige Einschränkungen. Ökologisten setzen voraus, dass unserer wirtschaftlichen Aktivität strenge Grenzen gesetzt werden müssen. Solche Prämissen ignorieren oder verleugnen die kreativen Fähigkeiten der Menschen. Eine dynamische Wirtschaft verursacht in der Tat häufig Probleme; sie legt jedoch gleichzeitig die Grundlage für die Überwindung dieser Probleme. Zum anderen wird die Debatte seit einiger Zeit von dem „Vorsorgeprinzip“ geprägt. Diesem zufolge wird angenommen, dass die Menschheit mit wirtschaftlichem Fortschritt vorsichtig umgehen müsse, da dieser ansonsten in der Zukunft schädliche und unerwünschte Folgen hervorrufen könnte. Diese Ängste finden ihren Ausdruck in dem Begriff „Nachhaltigkeit“. Die Verfechter des Vorsorgeprinzips unterscheiden sich von frühen Umweltschützern darin, dass sie dem Menschen durchaus kreative Fähigkeiten zusprechen. Sie sehen in dieser Kreativität jedoch kein positives Attribut, sondern vielmehr die Ursache zahlreicher Probleme.


Hinter beiden Vorstellungen verbirgt sich eine misanthropische Weltsicht. Der Ökologismus kann als Angriff auf eine der zentralen Prämissen der Aufklärung verstanden werden. Diese besagt, dass Fortschritt in der zunehmenden Kontrolle des Menschen über die Natur besteht. Umweltschützer pochen dagegen darauf, dass der Mensch sich selber nur als einen Teil der Welt und der Natur betrachten dürfe. In der Praxis bedeutet dies, dass sich die Menschheit mit Armut, Krankheit und Naturkatastrophen abfinden soll. Über den Unterschied zwischen Naturkontrolle und Naturzerstörung herrscht bei Umweltschützern große Verwirrung. Die Natur beherrschen und kontrollieren bedeutet, sie so zu verändern, dass sie den menschlichen Bedürfnissen gerecht wird. Dies soll heißen, dass Medikamente entwickelt werden, um Krankheiten zu heilen, dass Dämme gegen Fluten gebaut oder dass Elektrizität gewonnen wird. Dies ist nicht gleichbedeutend mit der Zerstörung des Regenwaldes oder mit der Ausrottung von Arten. Wenngleich im Zuge wirtschaftlichen Wachstums auch immer wieder ökologische Schäden angerichtet wurden, so zielt dennoch die wirtschaftliche Entwicklung darauf ab, dem Menschen zu nutzen und nicht darauf, die Umwelt zu zerstören. Es ist zudem wichtig, daran zu erinnern, dass reichere Gesellschaften eher in der Lage sind, die Umwelt im Interesse des Menschen zu schützen als arme.


Natürliche Wachstumsgrenzen?
Ein Großteil des Umweltdiskurses basiert auf der Vorstellung, biophysische, soziale oder ethische Vorgaben setzten unserem wirtschaftlichen Handeln enge Grenzen. Robert Thomas Malthus (1766–1843) ist in dieser Hinsicht der intellektuelle Pate des Umweltschutzes. Es ist schon erstaunlich, dass die Vorstellungen eines vor vielen Jahren verstorbenen englischen Landpastors heute in neuem, radikalem Gewande wiederkehren. In seinem bekannten Aufsatz über die Bevölkerungsentwicklung (Essay on the Principle of Population, 1798) behauptete Malthus, die Welt sei zu permanenten Hungersnöten verdammt, weil die Bevölkerung stets schneller wüchse als die Nahrungsmittelproduktion. Mathematisch ausgedrückt, behauptete er, das Bevölkerungswachstum verlaufe geometrisch und das der landwirtschaftlichen Produktion arithmetisch. Die Ansichten von Malthus verleiteten Thomas Carlyle, einen Historiker und Philosophen des 19. Jahrhunderts, dazu, die Wirtschaftswissenschaften als eine „trostlose Wissenschaft“ zu bezeichnen. Zum Glück erwiesen sich die Vorhersagen von Malthus als vollkommen falsch. Die Nahrungsmittelproduktion überholte das Bevölkerungswachstum um ein Vielfaches, und der Hungertod ist heutzutage, zum Glück, eher die Ausnahme als die Regel. Dort, wo es Hungersnöte gibt, beruhen sie vornehmlich auf sozialer Ungerechtigkeit und nicht auf dem Unvermögen, Nahrungsmittel zu produzieren.


In den vergangenen Jahrzehnten stießen die Überlegungen von Malthus bezüglich natürlicher Grenzen auf breite Resonanz. Zuvor war man im Allgemeinen von den großen Vorteilen der Industrialisierung überzeugt. Die Aussicht auf weiteres Wachstum löste statt Ängste Hoffnungen aus. Doch in den 60er-Jahren trat eine neue Schicht von Intellektuellen in den Vordergrund, die durch die Ideen von Malthus beeinflusst war. Einige der neuen Mahner unterstützten Malthus explizit, während andere eher mittelbar Thesen kolportierten. Oft wurde argumentiert, Malthus habe im Prinzip Recht gehabt, jedoch den falschen Zeitpunkt für seinen Aufsatz gewählt. Andere glaubten, seine Ideen etwas differenzieren zu müssen, damit sie wieder relevant würden. Allen gemein war, dass sie, ganz im Sinne von Malthus, von den Grenzen der Ökonomie sprachen.
Ab Mitte der 70er-Jahre stießen solche Vorstellungen auf breite öffentliche Zustimmung. Malthusianische Texte, wie z. B. Die Grenzen des Wachstums des Club of Rome (1972) oder Ernst F. Schumachers Small is Beautiful – die Rückkehr zum menschlichen Maß (1973), wurden Weltbestseller. Schumacher sagte in dieser Zeit: „Wir tun gut daran zu fragen, wieso Begriffe wie Verschmutzung, Umwelt, Ökologie usw. plötzlich so wichtig werden. Wir haben zwar seit vielen Jahren ein industrielles System, doch vor noch fünf oder zehn Jahren waren diese Begriffe praktisch unbekannt.“[2]
Eine Kombination verschiedener Faktoren hat zur Popularisierung des Umweltschutzgedankens beigetragen. Die Weltwirtschaft war, nachdem sich der lang anhaltende Aufschwung, der dem Zweiten Weltkrieg folgte, abschwächte, mit schwer wiegenden Problemen konfrontiert. Das arabische Öl-Embargo, das nach dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 verhängt wurde, verstärkte das Gefühl der Unsicherheit in Hinblick auf die natürlichen Ressourcen. Innerhalb der westlichen Welt verbreitete sich ein sozialer Pessimismus. Umweltschützer forderten mehr Einschränkung von der Gesellschaft und eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums.


Einer der bedeutendsten amerikanischen Ökonomen des späten 20. Jahrhunderts war Kenneth Boulding. Er nutzte die Metapher „Raumschiff Erde“, um auf natürliche Grenzen hinzuweisen. Doch anders als in Science-Fiction Werken wie „Star Trek“ war sein Weltraumfahrzeug nicht darauf aus, irdische Grenzen zu überwinden. Für ihn war die Erde ein statischer Ort, in dem die natürlichen Ressourcen immer knapper wurden. Manche Umweltschützer versuchten, ihr Grenzendenken mit konkreten Daten und Fakten zu untermauern. In Limits to Growth wurde behauptet, die Goldreserven der Welt gingen in neun Jahren zur Neige, während die Reserven an Quecksilber in 13, Gas in 22, Erdöl in 20, Silber in 13 und Zink in 18 Jahren aufgebraucht seien.[3] Rückblickend wissen wir, dass diese Vorhersagen abgrundtief falsch waren. Doch die Unterstützer des Berichts behaupten nach wie vor, der Hinweis auf eine generelle Rohstoffbegrenzung sei richtig gewesen. Man habe sich lediglich bei den Zeitangaben geirrt.
Auch andere Untergangsprognosen wurden durch die Wirklichkeit widerlegt. Paul Ehrlich, ein bis heute hoch anerkannter Biologieprofessor an der Stanford University, behauptete 1968 in seinem Werk The Population Bomb, Millionen Menschen würden in den 70er- und 80er-Jahren verhungern, unabhängig davon, welche Anstrengungen die Weltgemeinschaft unternähme.[4] Andere Öko-Prognostiker enthielten sich konkreter Vorhersagen. So behauptete der Wirtschaftswissenschaftler Nicholas Georgescu-Roegen in den 70er-Jahren, das wirtschaftliche Wachstum müsse allein schon aufgrund der endlichen Energievorräte in der Welt begrenzt sein. Dagegen spricht jedoch die Tatsache, dass die Erde kein geschlossenes System ist. Täglich erhält sie riesige Mengen an Energie von der Sonne. Die Vorstellung, die Endlichkeit von Energiereserven würde der wirtschaftlichen Aktivität Grenzen setzen, entbehrt somit jegliche wissenschaftliche Grundlage.


Auch das Konzept des „natürlichen Kapitals“ geht von einer Ressourcenknappheit aus. Vertreter dieses Konzepts setzen sich dafür ein, natürliche Ressourcen als eine Form von Kapital zu sehen. Unter Kapital verstehen sie Wohlstand und nicht, wie in der klassischen Ökonomie üblich, die Grundlage für die Erwirtschaftung von Gewinnen. Für herkömmliche Ökonomen ist beispielsweise Eisenerz ein von der Natur kostenlos zur Verfügung gestelltes Material. Der Wert dieses Materials ergibt sich aus den jährlichen Erlösen, die die Bergbauindustrie aus diesem Material erzielt. Umweltschützer halten dagegen, das Material sei nicht kostenlos verfügbar, da es der Umwelt entzogen und diese somit belastet werde. Der Reichtum eines Eisenerz produzierenden Staates reduziere sich proportional zum Abbau des Materials. Doch dieses Konzept führt, wenn zu Ende gedacht, zu seltsamen Ergebnissen. So müsste eine vollkommen unberührte Landschaft, in der kein Mensch lebt, besonders wohlhabend sein. Im Gegensatz hierzu wäre ein hoch industrialisiertes Land durch den großen Verlust an natürlichem Kapital bitterarm, mithin die Antarktis reicher als die USA. Der Wert von Rohstoffen kann jedoch niemals losgelöst von der menschlichen Arbeit bestimmt werden, die notwendig ist, um diese zu gewinnen. Für technologisch wenig entwickelte Gesellschaften haben Bauxit oder Uran keinerlei Wert, da sie nicht genutzt werden können. Erst in einer Gesellschaft, die Aluminium herstellt oder die Atomkraft nutzt, werden diese Stoffe plötzlich wertvoll.


Ein weiteres Konzept, das ebenfalls auf der Vorstellung natürlicher Grenzen beruht, ist das der so genannten Belastungsgrenze (carrying capacity). Die Belastungsgrenze wird definiert als das Maximum an Menschen (oder sonstiger Spezies), die eine bestimmte Gegend auf unbegrenzte Sicht ohne Belastungen aushalten kann. Dieses Konzept ist jedoch tautologisch. Die Belastungsgrenze der Erde in Hinblick auf die Menschheit errechnet sich aus deren produktiver Kapazität geteilt durch die Grundbedürfnisse eines einzelnen Menschen. Die produktive Kapazität der Erde ist jedoch immens gestiegen, seitdem die Welt wirtschaftlich effizienter wurde. Die Belastungsgrenze ist demnach keine festgelegte Größe, sondern betrifft nur ein bestimmtes Verhältnis (Mensch/Umgebung) zu einer bestimmten Zeit.
 

„Hinter der behaupteten Sorge der Umweltschützer um die Ressourcenbegrenztheit verbirgt sich eine zutiefst pessimistische Haltung gegenüber dem Erfindungsreichtum und der Genialität des Menschen.“



Das beste Beispiel hierfür ist die Vorstellung einer drohenden Ölknappheit. Rein mathematisch gesehen stimmt es, dass, wenn die Ölvorräte begrenzt sind und die Wirtschaft weiter wächst, die Reserven irgendwann zur Neige gehen werden. Doch dies ändert sich, sobald wir die Möglichkeiten einer Überwindung dieses Problems in Betracht ziehen. Kurzfristig kann dies durch die Entdeckung weiterer Vorkommen oder durch die effizientere Förderung bereits bestehender Reserven geschehen. Mittelfristig wird es zu neuen Herstellungsverfahren kommen, mit denen auch schwer zugängliche Reserven, wie z. B. in den Ölsänden, genutzt werden können. Langfristig kann mit der Nutzung von Energiequellen gerechnet werden, an die wir zurzeit nicht einmal denken.
Wie schon der frühere Ölminister Saudi-Arabiens, Scheich Yamani, feststellte, wird das Zeitalter des Öls früher oder später enden, aber nicht wegen der Knappheit an Öl – so wie auch die Steinzeit nicht wegen Mangels an Steinen zu Ende ging.[5]


Hinter der behaupteten Sorge der Umweltschützer um die Ressourcenbegrenztheit verbirgt sich eine zutiefst pessimistische Haltung gegenüber dem Erfindungsreichtum und der Genialität des Menschen. Umweltschützer neigen dazu, die gegenwärtigen Möglichkeiten und das bisher vorhandene Know-how in die Zukunft zu projizieren. In der Geschichte konnten wir unsere Situation jedoch immer wieder verbessern.
Aus der Sicht von Ökologisten sind Menschen nichts anderes als Konsumenten knapper Ressourcen. Sie übersehen jedoch die Fähigkeit des Menschen, zu produzieren und seinen Verstand und seinen Einfallsreichtum zu nutzen. Er kann selbst enorme Hindernisse und Probleme bewältigen. Aus diesem Grund hat er es fast immer geschafft, als unüberwindbar bezeichnete Grenzen zu überwinden.


Vorsicht und Nachhaltigkeit
Das Vorsorgeprinzip basiert auf der Vorstellung, moderne Technologien könnten ungewollte Schäden hervorrufen und sich selbst dann auf die Zukunft noch negativ auswirken, wenn sie uns heute als sicher erscheinen. Dominierte in der Vergangenheit die Angst vor den natürlichen Gefahren, stehen heute die vom Menschen gemachten im Zentrum der Debatte. Soziologen wie Ulrich Beck oder Anthony Giddens prägten in diesem Zusammenhang den Begriff der Risikogesellschaft.[6]Eine eindeutige Unterscheidung zwischen natürlichen und vom Menschen verursachten Risiken ist jedoch nicht möglich. Einen Wirbelsturm kann man als Naturkatastrophe bezeichnen, doch der Schaden, den er anrichtet, hängt von dem Entwicklungsstand der betroffenen Region ab. Die wohlhabenden USA sind besser in der Lage, mit Wirbelstürmen fertig zu werden, als ärmere Länder wie Haiti oder Jamaika. Die Vorstellungen der Risikogesellschaft spiegeln sich sogar in der EU-Gesetzgebung wider. Wissenschaftler müssen heute zweifelsfrei nachweisen, dass von ihren Forschungen keine Gefahren für die Zukunft ausgehen. Dies setzt Wissenschaftler einer unmöglichen Beweislast aus, da es keine hundertprozentige Sicherheit über die zukünftigen Auswirkungen wissenschaftlichen Fortschritts geben kann. Stattdessen zwingt das Vorsorgeprinzip die Wissenschaft zu Zurückhaltung und bremst dadurch den Fortschritt.


In der Forderung nach einem „nachhaltigen Wirtschaftswachstum“ findet das Vorsorgeprinzip seinen deutlichsten Ausdruck. Das Augenmerk liegt dabei auf den möglichen Gefahren, die von einer wirtschaftlichen Entwicklung für die zukünftigen Generationen ausgehen. Fortschritt darf nur vorsichtig angestrebt werden, und es werden sehr niedrige Erwartungen an ihn gestellt. Die Definition von Nachhaltigkeit, die im so genannten Brundtland-Bericht der Vereinten Nationen von 1987 zu finden ist, verdeutlicht dies. Hier heißt es, „nachhaltig“ sei eine Entwicklung dann „wenn sie den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“


Es lohnt sich, diese Definition näher zu betrachten. Die besondere Bedeutung, die den „zukünftigen Generationen“ beigemessen wird, drückt eine vorhandene Angst oder Unsicherheit vor der Zukunft aus. Es wird zudem angenommen, es gäbe einen Konflikt zwischen der Befriedigung der Bedürfnisse der heutigen und der zukünftigen Generationen. Die Vorstellung, dass auch zukünftige Gesellschaften von einer heutigen Entwicklung profitieren, wird ausgeklammert. In der Realität bedeutet weniger Wachstum heute, dass zukünftige Generationen mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben werden wie wir. Von einem größeren Wirtschaftswachstum können dagegen auch die nachfolgenden Generationen profitieren. Zudem ist das Konzept der „Bedürfnisse“ sehr eng gefasst. Es wird zwar von der Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Entwicklung gesprochen, jedoch nur in Hinblick auf die Ärmsten dieser Welt. Wer reich ist oder nicht-überlebensnotwendige Bedürfnisse anmeldet, darf leer ausgehen.


Globale Erwärmung
Die Diskussion über die globale Erwärmung verkörpert sowohl das Grenzendenken wie auch das Vorsorgeprinzip. Zumeist wird davon ausgegangen, wir müssten das Wachstum wegen der negativen Auswirkungen auf die Zukunft unseres Planeten einschränken. Neben den tatsächlichen Problemen, die eine globale Erwärmung uns bereiten könnte, ist allerdings die allgemeine Reaktion auf dieses Phänomen bei weitem problematischer. Es ist falsch, davon auszugehen, wir müssten die Entwicklung stoppen, um angemessen auf die globale Erwärmung zu reagieren. Wenn die Wissenschaft feststellt, dass sich das Klima erwärmt und dass hierfür menschliches Tun zumindest teilweise verantwortlich ist, lässt dies noch lange nicht den Rückschluss zu, wir müssten die Emission von Treibhausgasen einschränken. Zumindest müssten wir die Gefahren, die von Treibhausgasen ausgehen, gegen die Gefahren, die eine Drosslung des Wirtschaftswachstums mit sich brächte, aufwiegen. Schlüge man den im Kiotoprotokoll festgelegten wirtschaftlichen Kurs ein, so bedeutet dies sehr wahrscheinlich, Milliarden von Menschen zu einem Leben in Armut zu verurteilen. Auch könnte der Lebensstandard in den entwickelten Ländern nicht weiter ansteigen. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass wir durch mehr Wachstum und Entwicklung besser mit Klimaveränderungen umzugehen lernen. Bereits heute zeigt sich, dass industrialisierte Staaten bessere Möglichkeiten haben, sich vor Gefahren zu schützen. So könnte ein wirtschaftlich höher entwickeltes Bangladesch sehr viel besser mit dem Steigen des Meeresspiegels umgehen. Durch die Entwicklung neuer Technologien könnte es auch gelingen, in Zukunft die Erde vor einem Teil der Sonnenstrahlen abzuschirmen. Das gegenwärtige fortschrittsfeindliche Klima sperrt sich jedoch gegen solche Alternativen. Umweltschützer sperren sich häufig sogar gegen die Nutzung existierender emissionsfreier Energiequellen, wie z. B. Wasser- oder Atomkraft.


Gegen Fortschritt und Aufklärung
Umweltökonomen zeichnen sich durch ihre feindliche Haltung gegenüber Fortschritt aus. Menschliches Fortschrittsstreben wird mit sozialer Ungerechtigkeit und Krieg in Verbindung gebracht, wissenschaftliche Forschung gilt als suspekt. Ökologistische Ideen sind ein direkter Angriff auf die Weltsicht der Aufklärung, die Wissenschaft und Vernunft als unverzichtbar im Streben nach menschlichem Fortschritt ansah. Denker wie Antoine Condorcet, Denis Diderot, Johann Wolfgang von Goethe, David Hume, Immanuel Kant, Thomas Paine, Voltaire, Jean-Jacques Rousseau und Adam Smith waren die Hauptrepräsentanten der Aufklärung. Ihre Vorstellungen inspirierten die Amerikanische Revolution von 1776 sowie die Französische Revolution von 1789. Ihre Ideen haben die Entwicklung der modernen Welt entscheidend beeinflusst.


Die Aufklärung hatte von Anfang an ihre Feinde. Malthus’ Werk An Essay on the Principle of Population wurde als Antwort auf William Godwin (1756–1836) verfasst. Godwin betrachtete in seinem 1739 verfassten Buch Enquiry Concerning Political Justice den menschlichen Verstand als eine zentrale Kraft im Streben nach Fortschritt. Umweltschützer wandten sich von Anfang an gegen zentrale Prinzipien der Aufklärung. Rachel Carson, Autorin des 1962 veröffentlichten Werks Silent Spring (Der stumme Frühling), das als Gründungsdokument der modernen Umweltschutzbewegung gilt, wandte sich gegen das Projekt der Aufklärung, die Natur immer stärker durch den Menschen zu kontrollieren. In einer amerikanischen Fernsehsendung im Jahr 1963 sagte sie: „Wir sprechen immer noch von Eroberung. Wir sind noch nicht reif genug, uns als einen kleinen Teil des riesigen und unfassbaren Universums zu verstehen. Die Einstellung des Menschen zur Umwelt ist von entscheidender Bedeutung, weil wir über die verhängnisvolle Macht verfügen, die Natur zu verändern und zu zerstören.“[7] Kein ernsthafter Wissenschaftler würde bestreiten, dass die Erde ein kleiner Teil eines fast unvorstellbar riesigen Universums ist. Doch in Hinblick auf die Zukunft der Menschheit ist die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten immens wichtig. Wir haben enorm von der Fähigkeit profitiert, die Umwelt zu verändern und entsprechend der eigenen Bedürfnisse umzugestalten.


Die Abneigung Carsons gegen eine menschliche Kontrolle der Natur wurde von ihren Nachfolgern übernommen. Ernst F. Schumacher sieht in der Boshaftigkeit des Menschen die Ursache dieses Kontrollstrebens. Für ihn ist die Vorstellung, dass die Industrialisierung das Produktionsproblem gelöst hat, abscheulich. Der moderne Mensch, so klagt er, verstehe sich nicht als Teil der Natur, sondern als eine äußere Kraft, die das Ziel verfolge, die Natur zu dominieren und zu erobern.
Dabei begeht Schumacher einen großen Fehler, wenn er den Menschen als Teil der Natur betrachtet. Die Menschheit konnte sich genau deshalb weiterentwickeln, weil sie stets darum bemüht war, die natürlichen Kräfte zu überwinden. Die wirtschaftliche Aktivität des Menschen spielte bei der Trennung von Mensch und Tier eine zentrale Rolle. Sie ist es, die es uns ermöglicht, sehr viel mehr anzustreben als nur die Befriedigung unserer elementaren Bedürfnisse. Ohne eine entwickelte wirtschaftliche Infrastruktur wären wir nicht in der Lage, Kunstwerke herzustellen, die Wissenschaft voranzutreiben oder eben auch Bücher über die Umwelt zu schreiben.


Eine unter Umweltschützern besonders verhasste Person ist Francis Bacon (1561–1626), der erste Verfechter der Auffassung, der Mensch solle die Natur kontrollieren. Für Vandana Shiva, eine Umweltaktivistin aus Indien, sind die Vorstellungen Bacons eng mit denen von „Vergewaltigern oder Folterern“ verwandt. Laut Shiva wandte Bacon „keine unabhängige, objektive, wissenschaftliche Methode“ an. Stattdessen stelle seine Meinung eine besondere Form männlicher Aggressivität und Dominanzstreben gegenüber Frauen und nichtwestlichen Kulturen dar.[8] Shiva ist keine extreme Randerscheinung innerhalb der Umweltbewegung. Sie erhielt 1993 den alternativen Nobelpreis, und zahlreiche ihrer Bücher sind ins Deutsche übersetzt worden. Für Umweltschützer besteht kein Unterschied zwischen der Kontrolle über die Natur und der Zerstörung der Erde. Für die Anhänger der Aufklärung hingegen besteht zwischen beidem ein fundamentaler Unterschied. Die Kontrolle der Natur bedeutet, Krankheiten besiegen zu können, Naturkatastrophen abzuwenden und vor allem Not und Mangel zu überwinden. Die Eroberung der Natur trägt ganz wesentlich zur Entwicklung der Menschheit bei.
 

„Die fantastische Unterschätzung des Menschen macht es unmöglich, die Welt als ein soziales Gebilde zu verstehen.“



Für Verwirrung sorgen
Die meisten Umweltökonomen scheuen vor einem direkten Angriff gegen die Zielsetzungen wirtschaftlichen Wachstums zurück; sie betrachten Wirtschaftswachstum daher „skeptisch“. Die Scheu, die Dinge beim Namen zu nennen, ist verständlich, da die Vorteile von Fortschritt und Wachstum, wie ein höherer Lebensstandard, eine bessere Gesundheit oder auch eine höhere Lebenserwartung, innerhalb der Bevölkerung auf große Zustimmung stoßen, und es gibt nur wenige Menschen, die eine dauerhafte Beeinträchtigung ihres Lebensstandards begrüßen würden.
Ökologisten aller Couleur und aller Profession zeichnen sich durch eine zutiefst pessimistische Einstellung zur Menschheit aus. Deshalb lagen sie mit ihren Weltuntergangsprophezeiungen auch regelmäßig gründlich daneben. Wir sollten sie daher als Quacksalber betrachten und nicht als Wissenschaftler. Die fantastische Unterschätzung des Menschen, der als eine Art Parasit des Planeten dargestellt wird, führt unvermeidbar zu einer Unfähigkeit, die Welt als ein soziales Gebilde zu verstehen.