03.08.2015

Die pubertäre Panikmache der Protein-World-Proteste

Kommentar von Ella Whelan

Ein neues Werbeplakat für Schlankheitsmittel sorgte bei Großbritanniens Feministen für Hysterie. Es vermittle nämlich ein negatives Körperbild. Ella Whelan hingegen sieht im zensorischen Feminismus eine größere Gefahr, als es Reklame je sein könnte

Wer auf Change.org eine Petition gegen sich gerichtet sieht, weiß, dass er die Gemüter erregt hat. Demnach könnten die Verantwortlichen der neuesten Werbekampagne der Firma Protein World eigentlich zufrieden sein. Feministen weltweit spucken ihr Kokosnusswasser auf die Protein-World-Reklameplakate, die mit einem australischen Model im Bikini und der Frage „Ist dein Körper bikinireif?“ für Nahrungsergänzungsmittel werben. 1 Die vor ein paar Monaten plötzlich in den Londoner U-Bahnstationen aufgetauchten Plakate erregten auf Twitter Empörung und Abscheu.

Feministischen Kommentatoren zufolge verkörpere das Model Renee Somerfield eine unrealistische Darstellung der Weiblichkeit, weswegen die Werbung daher die ach so empfindsame weibliche Gefühlswelt ins Wanken bringen könnte. „Nicht für jede Frau hat eine ‚Strandfigur‘ Priorität“, wütet es da aus der Change.org-Petition mit über 70.000 Unterzeichnern. 2 „Jemandem ein schlechtes Gewissen zu machen, der aufgrund einer persönlichen Entscheidung die Prioritäten anders setzt, geht zu weit.“ Anfang Mai fand sogar eine Demonstration 3 im Londoner Hyde Park statt, um gegen Protein Worlds angebliche Förderung „negativer Körperbilder“ zu protestieren.

Wer sich mit feministischer Empörung auskennt, konnte diese Reaktion absehen. Eine Besonderheit weist diese Kampagne, die zur Zensur der gelben Plakate aufruft, allerdings auf: Es gibt keinen Bezug zu Sex, „Vergewaltigungskultur“ oder der Verdinglichung von Frauen, wie es für gewöhnlich bei feministischen Kampagnen Brauch ist. Stattdessen kämpft man gegen die als Frechheit empfundene Wortwahl der Reklame. Das Verbrechen der Werbung soll sein, bei Körperscham denjenigen Frauen auszulösen, die die provokante britische TV-Moderatorin Katie Hopkins „wütende Moppel“ 4 nennt.

„Die Proteste zeigen, wie intolerant manche Teile der Gesellschaft geworden sind“

Es ist schon komisch, dass das feministische Jammergeschwader nun seinen Fokus auf bestimmte Diätmittel richtet. Als vor zwei Monaten eine Regierungskampagne namens „This Girl Can“ 5 („Dieses Mädchen kann es“) Bilder wackelnder Frauenärsche dazu benutzte, um Frauen zum Sport zu animieren, störte sich niemand daran. Davor erklärte uns der Nationale Gesundheitsdienst in seiner Kampagne „Change 4 Life“ 6, dass wir alle dick seien, weil wir nicht einsähen, dass Äpfel gesünder seien als Käseflipps. Nur damit wir das richtig verstehen: Es stellt also eine inakzeptable Beleidigung dar, wenn ein relativ kleines Unternehmen unser Gewicht in Frage stellt, aber wenn der Staat uns vorschreiben will, wie wir zu leben und auszusehen haben, ist alles in Ordnung?

Die Versuche, die Plakate in der Londoner U-Bahn zu verunstalten, zeigen deutlich, wie albern der Zorn gegen sie ist. Das Beste, was die frommen Vandalen zu Stande brachten war: „#EachBody’sReady“ („Jeder Körper ist bereit“). Die meisten begnügten sich damit „Fuck Off“ 7 auf den unteren Rand zu kritzeln. In Deutschland fanden sich ähnliche ‚Verzierungen‘ kürzlich auf Werbeplakaten für italienische Bademoden. 8 Entgegen dem pseudo-radikalen Wunschdenken sind solche Kritzeleien komplett bedeutungslos. Sie zeigen nur, wie intolerant manche Teile der Gesellschaft geworden sind.

Die Kampagne gegen diese Werbung offenbart die schizophrene Haltung der Feministen gegenüber dem weiblichen Körper. In einem Moment feiern sie die sexuell befreite Schlampe im Minirock, im nächsten feiern sie die Karrierefrau im Bleistiftrock. Wir sind hin und her gerissen zwischen der Vision einer sexuell befreiten Weiblichkeit und einer sexuell versklavten Weiblichkeit: So ist es kein Wunder, dass moderne Feministinnen verwirrt sind, welche Art Möpse man in der Öffentlichkeit zeigen darf. 9 Im Berliner Stadtbezirk Kreuzberg-Friedrichshain konnten diese Kräfte sogar ein Verbot „sexistischer Werbung“ auf Plakaten durchsetzen. 10

„Die größte Bedrohung für junge Frauen ist der moderne Feminismus in seiner zensorischen Pracht“

Die Reaktion auf die Protein-World-Plakate zeigt, dass sich die Feministen weniger mit der tatsächlichen weiblichen Nacktheit beschäftigen als vielmehr mit ihrer Interpretation durch einfach gestrickte Frauen. Die Fokussierung der Werbung auf das Gewicht ziele auf die weibliche Unsicherheit. Sie gefährde die weibliche Psyche dadurch, dass sie ihr eine unterdrückerische Vorstellung der Weiblichkeit einpflanze. Diese Feministen bauschen praktisch Schulmädchengeplapper zu einer politischen Kampagne auf.

Protein World ist keine Bedrohung für junge Frauen. (Meine Hochachtung für den Twitter-Account, der mit einem klaren „Reißt Euch zusammen“ ( #GetAGrip) den Kritikern antwortet.) Nein, die größte Bedrohung für junge Frauen ist der moderne Feminismus in seiner zensorischen Pracht. Indem man darauf bestand, dass der Staat diese Plakate zensieren sollte – die Petition richtete sich direkt an die Werbeaufsichtsbehörde ASA – förderten diese Feministen das Bild einer an sich gefährdeten Weiblichkeit.

Diese unterwürfige Bevormundung der Frauen und ihrer Köper ist nichts Neues. In der Schule hassten meine Freundinnen und ich Kampagnen, die uns unter Verwendung des Wortes „kurvig“ ein gutes Gefühl geben wollten. Wir hielten das für eine vornehme Art, „fett“ zu sagen. Junge Mädchen neigen dazu, sich um ihr Aussehen zu sorgen, aber das gibt sich bei den meisten (zum Glück), bis sie die Schule verlassen. Und wenn erwachsene Frauen Mahlzeiten auslassen und Pulver futtern wollen, dann lasst sie doch. Ein Plakat zu verbieten, das ihnen sagt, wo sie es herbekommen, wird sie nicht vom Kauf abhalten. Wenn man allerdings die Entscheidungsfreiheit der Frauen einschränken will und sie vor den negativen Bildern abzuschirmen möchte, wird das nur dazu führen, dass sie den ganzen Körperideal-Quatsch ernst nehmen. Die Demo-Teilnehmer im Hyde Park zeigen genau dieselbe Eitelkeit und Selbstversessenheit wie irgendeine Diätwerbung. Mädels, Gewicht ist kein politisches Thema. Kommt darüber hinweg.