26.10.2012

Der staatlich forcierte Jo-Jo-Effekt

Analyse von Uwe Knop

Die Politik hat dicke Menschen zum Problem erklärt, Wissenschaftler liefern passende Studien, fast alle Medien beschwören Übergewichtsepidemien und am Ende profitiert die Diätbranche. Eine Debatte die von Denkfehlern und Fehlinformationen geprägt ist.

Alle Jahre wieder berichten fast alle deutschen Medien über die aktuellen und stets aufs Neue „alarmierenden Zahlen“ zur grassierenden Übergewichtsepidemie: „Zwei Drittel der Männer und mehr als die Hälfte der deutschen Frauen sind zu dick“, lautet die bombige Botschaft der staatlichen Statistiker des Robert-Koch-Instituts (RKI) für 2012. Das ruft postwendend die Politik auf den Plan, die, unterstützt von anti-adipös-gesinnten (Ernährungs-)Wissenschaftlern, den mahnenden Zeigefinger hebt ob der drohenden Gesundheitsgefahren durch zu viele Pfunde auf den Rippen. Und damit auch alle Bürger wohlwollend zur Kenntnis nehmen, dass und wie die Politik sich kümmert, wird die Republik flächendeckend mit „Kampagnen zur Reduktion und Prävention von Übergewicht“ überzogen. Doch deren Nutzen ist mehr als dürftig, das ist inzwischen bekannt und zwar besonders gut bei Kampagnen für Kinder und Jugendliche dokumentiert [1]. Stattdessen reift ein kollektives, pseudowissenschaftliches und diskriminierendes Gedankengut in den Köpfen der Menschen, Übergewicht sei per se etwas Schlechtes und muss konsequent vermieden oder, wenn vorhanden, reduziert werden. Und das führt zu einem ungewollten Kollateralnutzen für die Diätindustrie, denn dieses duale System von Politik und Wissenschaft contra Kilos spielt der „humanen Entfettungswirtschaft“ wie folgt in die Karten: Viele Menschen vertrauen im vermeintlichen Glauben, mit einer Gewichtsreduktion ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun, auf die unterschiedlichsten, langfristig meist wirkungslosen Diäten – und geben dafür Millionen von Euros aus, die diesen Circulus vitiosus weiter anheizen, weil die Diäten viele Menschen dicker satt schlank machen (Jo-Jo-Effekt) [2]. Doch das ist nicht alles, denn das deutsche „Anti-Übergewichts-System“ ist durchsetzt von Denkfehlern und Fehlinformationen, die das Subventionsfundament für die Diätbranche schaffen.

Fehler 1: Der BMI

Fangen wir ganz vorne an, beim Fundament allen „Übergewichts-Übels“: Die Zahlen des RKI und aller sonstigen Übergewichtspropaganda basieren auf dem BMI, dem Body-Mass-Index. Doch dieser äußerst grobe Mensch-Bemessungsmaßstab, der beispielsweise nicht zwischen Fett- und Muskelmasse unterscheidet, ist unbrauchbar für Vorhersagen zu Gesundheit und Krankheit – und darum geht es letzten Endes. Die Kritik am BMI ist seit Jahren unüberhörbar und so erkannte Dr. Gisela Olias vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung bereits 2010: „Der BMI hat ausgedient“. Doch die Wissenschaft hat nichts Besseres zur Hand, also hält sie dem BMI die Treue und stigmatisiert die Bürger weiterhin mithilfe des BMI als „übergewichtig“ oder gar „fettsüchtig“ (adipös) – ohne daraus wissenschaftlich-fundierte Erkenntnisse und Optionen abzuleiten, die der Förderung der Volksgesundheit dienen.

Fehler 2: Die BMI-Bereiche

Aktuelle Analysen zahlreicher wissenschaftlicher Studien zeigen, dass der als „Übergewicht“ bezeichnete BMI-Bereich zwischen 25 und 30 das längste Leben garantiert – und eine Adipositas Grad I, also BMI 30 bis 35, keine erhöhte Sterblichkeit zur Folge hat [3]. Wie immer in der Ernährungswissenschaft sind auch das nur Zahlenspielereien ohne Ursache-Wirkungs-Beweis. Aber für die statistiktreuen Übergewichts-Propagandisten heißt das im Umkehrschluss: Wer die Menschen aufgrund dieser Zahlen als „zu dick“ abstempelt und zum Abnehmen nötigt, der bringt sie wohlmöglich früher ins Grab – ein perverses Paradox, das Gesundheitsminister Daniel Bahr zu denken geben sollte. Vielleicht beendet Bahr besser die „Herrschaft des BMI“ und die darauf basierende Anti-Übergewichts-Propaganda – zum Wohle der Bundesbürger!

Fehler 3: „Übergewicht“ ist ungesund

Ein Frage zum Hinterfragen: Wie kann es sein, dass das „ungesunde Kollektiv“ am längsten lebt (s. Fehler 2)? Fakt ist: „Übergewicht“ per se ist weder gesund noch ungesund. Es ist ein willkürliches Konstrukt menschlicher BMI-Statistik, denn es gibt nicht „das Übergewicht“. Jeder Mensch is(s)t anders und so hat jeder sein individuelles, biologisches Wunschgewicht, das der Organismus anstrebt. Darüber hinaus zeigen zahlreiche Studien, dass etwa ein Drittel der Fettleibigen „normale Blutwerte“ aufweist. Last but not least fordert das „Adipositas-Paradoxon“ immer wieder zum kritischen Hinterfragen des „dick = krank“-Dogmas auf: So überleben Menschen mit mehr Masse diverse Operationen und Krankheiten mit höherer Wahrscheinlichkeit als „Normalgewichtige“. Erst jüngst gab auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft DDG bekannt: Schlanke Typ-2-Diabetiker haben ein doppelt so hohes Sterberisiko wie Übergewichtige [4].

Fehler 4: Kampagnen gegen Übergewicht

Die Politik hat die größte mediale Aufmerksamkeit und die Wissenschaft liefert die Glaubwürdigkeit – und so erreichen die Kernbotschaften der Kampagnen gegen Übergewicht via Zeitungen, Internet, Radio und TV das Gros der Bundesbürger: „Übergewicht ist schlecht und ungesund, Übergewichtige sollten abnehmen.“ Dazu liefern die Kampagneros gleich allgemein gehaltene Tipps für eine „gesunde Ernährung“ und Ratschläge für mehr Bewegung. Doch alle Inhalte dieser gut gemeinten Staatsaktionen sind „blutleer“, da sie immer aufs Neue den Kampagnen-Kardinalsfehler begehen: Sie richten sich unpersonalisiert an das gesamte Volk. Aufgrund dieser allgemeinen Ansprache erreichen sie jedoch niemanden, weil sich weder jemand angesprochen fühlt noch mit diesen Kampagnen-Plattitüden identifiziert – insbesondere nicht diejenigen, die aufgrund krankhafter Fettleibigkeit tatsächlich individuelle Hilfe brauchen. Stattdessen schüren diese Anti-Übergewichts-Kampagnen ein omnipräsent-diskriminierendes Klima gegenüber den beleibteren Bundesbürgern – und treiben so viele Menschen in die Arme der Diätindustrie, die Schlankheit gegen Geld verspricht, aber die Menschen letztlich dicker macht und sich so ihre, im wahrsten Sinn des Wortes, wachsende Zielgruppe erhält [5].

Fehler 5: Jeder kann schlank bleiben

Wie es Windhunde gibt, so gibt es Bernhardiner. Und genauso gibt es dicke, moderate und dünne Menschen. Das ist die biologische Normalverteilung des menschlichen Körpergewichts, das zu 70-80 Prozent vom Erbgut bestimmt wird. Jeder Mensch kann zwar abnehmen, aber das reduzierte Gewicht dauerhaft zu halten, dass schaffen nur 10-20 Prozent. Das ist auch nachvollziehbar, denn wer sich von seinem biologischen Normalgewicht runterhungert, der kämpft lebenslang gegen sein künstlich verschlanktes Naturell – ein Kampf, den meist die Biologie gewinnt, sprich: Der Körper holt sich seine Kilos zurück, inklusive ein paar zusätzlicher Sicherheitspfunde „on top“ zur Vorbeugung der kommenden Hungersnot (Jo-Jo-Effekt).

Fehler 7: Gesunde Ernährung

Es gibt weder einen wissenschaftlichen Beweis, dass irgendein Nahrungsmittel gesünder ist als ein anderes, noch dass irgendein Lebensmittel krank, gesund, dick oder schlank macht. „Die Einteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel hat keinen Sinn“, stellte bereits 2010 die Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) Antje Gahl klar [6]. Ergo: Die gesunde Ernährung für alle, die gibt es nicht. Was dem einen schmeckt, bereitet dem anderen vielleicht Bauchschmerzen. Jeder Mensch is(s)t anders, drum sei ein leicht adaptiertes Watzlawick-Zitat erlaubt: „Es gibt so viele Formen der gesunden Ernährung wie es Menschen gibt.“

Fehler 8: „Falsche Ernährung“ und „Bewegungsmangel“ als Hauptursachen

Falsche Ernährung und Bewegungsmangel können zweifelsohne zu krankhaftem Übergewicht beitragen – aber bis heute sind keine „Hauptursachen“ für eine Gewichtszunahme wissenschaftlich bestätigt. Denn die Gründe für zu viele Pfunde sind stets individuell und multikausal. Zu Übergewicht beitragen können beispielsweise auch Medikamente und Stoffwechselstörungen, Krankheiten, Dauerstress und Schlafmangel oder das neudeutsch gerne als „emotional eating“ bezeichnete „Essen ohne Hunger“ aus Frust, Langeweile, Kummer und Einsamkeit. Die Ursachen für gesundheitsgefährdendes Übergewicht lassen sich daher stets nur im Rahmen einer ausführlichen Individualanalyse eruieren. Und dementsprechend kann eine „Therapie“ immer nur maßgeschneidert sein. Mit allgemeinen Diätenempfehlungen oder Appellen zu „gesunder Ernährung“ bietet man hingegen keinen Nutzen für hilfesuchende Übergewichtige – ganz im Gegenteil: Viele werden durch die Hungerkuren noch dicker oder entwickeln aufgrund massiv rational gesund-gesteuertem Essverhalten schlimmstenfalls Essstörungen.

Am Ende der Fehlerkette profitiert die Diätindustrie

Diese Fehlerkette ließe sich noch fortführen. Aber die Tatsache, dass allein diese acht fundamentalen Fehler der hiesigen Übergewichtspropaganda aufgrund der steten medialen Omnipräsenz für viele Menschen zur Wahrheit mutiert sind, lässt erahnen: Die Diätindustrie ist nicht die primär treibende Kraft, sondern vor allem Profiteur des falschen politischen Ansatzes, der die Menschen zum „gesunden Abnehmen“ nötigt. Das gängige Schönheitsideal, permanent in den Medien perpetuiert, tut sein Übriges – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen führt dies zu „gefühltem Übergewicht“ als schwerwiegendem Problem [7]. Das Steuergeld für die Kampagnen gegen Übergewicht kommt also im Endeffekt der Diätindustrie zugute – somit subventioniert der Staat die Diätindustrie durch die Hintertür. Und die „Abspeckmanager“ reiben sich die Hände, denn „wir wissen, dass 80 bis 90 Prozent aller Gewichtsreduktionsprogramme keinen Erfolg bringen. Ganz im Gegenteil: Oft sind die Teilnehmer am Ende sogar schwerer als vorher“, erklärte DGE-Präsident Professor Helmut Heseker Anfang 2012 in der Welt. Der Grund ist leicht genannt: Fast alle Diäten machen dicker, weil niemand die Hungerkuren lange durchhält, sondern anschließend wieder normal isst – und dann schlägt der berühmte Jo-Jo-Effekt zu, die Diätler werden wieder schwerer und sind im nächsten Jahr „ready to diet again“. Natürlich am besten mit der dann neuen Trenddiät, weil die alten Abspeckkuren ja nicht zum gewünschten Erfolg verholfen haben. Aber egal, was die Werbung verkaufen möchte – alle Diäten wirken über ein und dasselbe Grundprinzip: die negative Energiebilanz. Was man wann isst, das ist egal – man muss einfach weniger Kalorien zu sich nehmen, als man verbraucht, das ist alles. Aber um sich mit dem verkaufsfördernden Prädikat „neu“ zu schmücken, müssen immer wieder neue pseudowissenschaftliche Diät-Theorien erfunden werden, die nicht nur jeglichen Beweis schuldig bleiben, sondern den Diätlern auch noch das Leben schwer machen: Morgens viel Kohlenhydrate essen, abends auf Eiweiß ohne Kohlenhydrate achten, und das alles garniert mit weiteren Trennkost-Fantasien selbsternannter Diätpäpste – das braucht wirklich niemand. Genauso wenig wie die diversen „Diät-Phasen“-Erfindungen, die sektenartig eingehalten werden sollen und genauso wenig wie Spritzen mit HCG-Schwangerschaftshormonen, die der Gesundheit schaden können. Das alles ist moderne Scharlatanerie – der die Bundesregierung mit ihren Anti-Übergewichts-Kampagnen in die Karten spielt. Und das sollten Bahr, Aigner & Co. bei allem gut gemeinten Gesundheits-Aktivismus künftig verstärkt berücksichtigen – zum Wohl der Bundesbürger, denn um deren Gesundheit sind die Politiker ja stets besorgt.

Diätler – wenn sie wissen, was sie tun: Dann ist das zu respektieren

Bei aller Diätenschelte sei eine letzte liberale Bemerkung erlaubt: Diäten haben Risiken und Nebenwirkungen, keine Frage. Diese sind auch bekannt – sie werden nur gerne von der Diätindustrie verschwiegen und deshalb weiß nicht jeder Mensch mit Abnehmwunsch auf was er oder sie sich da einlässt. Und das ist ein Missstand, den es zu beheben gilt. Denn genauso wie jeder Raucher weiß, welche Gefahren ihm drohen können, genauso sollte auch jeder Diätwillige wissen: Ich gehe das Risiko ein, dicker als vor der Diät zu werden (Jo-Jo-Effekt) – wenn ich nach der Diät wieder normal esse anstatt einen lebenslangen Kampf gegen mein natürliches Gewicht anzutreten, sprich die Diät dauerhaft durchzuhalten. Weiter sollte jeder Diätler wie auch jeder Raucher wissen: Alle Diäten basieren wie alle Zigaretten auf dem „gleichen Wirkprinzip“, egal welche Diät- oder Zigarettenmarke dahintersteht. Bei den Abnehmkuren ist es die negative Energiebilanz als Universal-Wirkprinzip, die flankierenden pseudowissenschaftlichen „Stories rund um die jeweiligen Trenddiäten“ hingegen sind nur verkaufsfördernde Fantasien der Autoren und Verlage. Wenn also ein aufgeklärter Bürger diese Diäthintergründe und -risiken kennt und sich als mündige Persönlichkeit „sehenden Auges“ für diesen Weg entscheidet, dann ist sein Wunsch zu akzeptieren und zu respektieren: „Ich möchte mit einer Diät abnehmen!“ Unter den gegebenen „Rahmenbedingungen“ muss man jedoch noch daran zweifeln, dass die meisten Diätler über dieses essenzielle Basiswissen verfügen. Aufklärung tut also Not – künftig aber bitte in die richtige Richtung.