01.01.2007

Die Propheten des Pessimismus

Kommentar von Josie Appleton

Warum gelten Untergangsapostel wie Michel Houellebecq als lesens- und sehenswert, fragt sich Josie Appleton. Houellebecq ist Autor des 1999 veröffentlichten Romans Elementarteilchen, der im Februar 2006 auf der Berlinale Kinostart in Deutschland hatte und nun auch als DVD vorliegt.

„Frankreichs Literatur hat wieder einen großen Namen!“, jubelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung angesichts des Romans Elementarteilchen über den Autor Michel Houellebecq. Er sei „ein außerordentlich kluger, gebildeter, interessanter Autor“, urteilte die Neue Zürcher Zeitung, und der Tagesspiegel bescheinigte ihm, „ein Könner ersten Ranges“ zu sein.

Anhänger des französischen Autors bezeichnen ihn sogar als „eine Art Prophet“. Wenn, dann ist Houellebecq höchstens ein Prophet des Pessimismus: eine jener dunklen Gestalten, die die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz und unseren nahen Untergang verkünden. Die zutiefst pessimistischen Werke Houellebecqs gelten als ernst zu nehmende Literatur. Aber ist „lebensverneinend“ wirklich automatisch tiefsinnig und „lesenswert“? Entspricht diese Gleichung nicht eher der Logik pubertierender Teenager?

Houellebecqs Sujet ist die Entfremdung – ein uraltes wie aktuelles literarisches Thema. Wie er dieses Thema aber behandelt, ist platt und lässt einzig und allein den Schluss zu, dass die menschliche Existenz einfach nur sinn- und zweckfrei ist.

Die Halbbrüder Bruno und Michel sind zu einem völlig entfremdeten Leben verdammt: Der kopfgesteuerte Michel ist unfähig, mit anderen Menschen zu kommunizieren oder Gefühle für sie zu empfinden. Bruno ist sexbesessen und sieht darin die einzige Bestätigung seiner selbst und seiner Beziehungen zu anderen. Die menschliche Fähigkeit zur intellektuellen Abstraktion und zur physischen Empfindung wird in den beiden Figuren jeweils ins Extrem getrieben und so verunmenschlicht.

Michel und Bruno reflektieren nicht, sie deklamieren: Bruno bezeichnet die Welt als „kalt“ und „lustlos“, Michel als „erbarmungslos“ und „mechanisch“, für beide ist das eigene Handeln unerbittlich vorherbestimmt. Diese Botschaft wird dem Leser in regelmäßigen Abständen förmlich eingehämmert: „Wasser nimmt immer den Weg des geringsten Widerstands. Menschliches Verhalten ist im Prinzip in beinahe jeder Hinsicht vorherbestimmt und bietet nur wenige Entscheidungsmöglichkeiten, von denen wiederum nur wenige genutzt werden.“

Nicht der hier zum Ausdruck kommende tiefe Pessimismus, sondern die Tatsache, dass die Figuren keine Konflikte durchleben, ist kritikwürdig. Beide haben keinen Sinn für den Verlust ihrer Menschlichkeit; ihre Hoffnungen werden nicht zerstört und ihr Glaube an Erlösung nicht erschüttert. Erst solche Spannungen aber machen Entfremdung zu einer bedeutsamen Erfahrung. Bevor ein humanistisches Wertesystem dekonstruiert werden kann, muss es zunächst etabliert werden. Davon kann hier aber keine Rede sein – willenlos ergeben sich die Protagonisten von Elementarteilchen in ihr Schicksal, und den Leser lässt das kalt. Die Tragödie von Michel und Bruno mutet teilweise geradezu komisch an.

Gerne würde Houellebecq sein Werk in die literarische Tradition beispielsweise eines Franz Kafka und eines Fjodor Dostojewski stellen: Bruno liest Kafkas Der Prozess und kommt zu dem Ergebnis, dass dieses Buch exakt seiner geistigen Verfassung entspräche. Im Unterschied zu Houellebecq sagt Kafka aber etwas aus über das Dilemma menschlicher Existenz. In Die Verwandlung etwa erwacht ein junger Mann eines Morgens in der Gestalt eines riesigen Käfers. In absoluter, geradezu absurder Negation seines Schicksals ist er aber zunächst fest entschlossen, seinem Tagwerk weiterhin nachzugehen. Als er schließlich doch resigniert, hört er das Geigenspiel seiner Schwester und wird dadurch augenblicklich wieder aufgemuntert: „War er wirklich ein Tier, dass die Musik ihn so bewegen konnte?“ Kafka wurde oft vorgeworfen, zu düster zu sein. „Zu schmerzhaft“, beschwerte sich sein Agent, worauf Kafka antwortete, dies seien „schmerzhafte Zeiten“. Tragik beruht in Kafkas Werken darauf, dass seine Protagonisten ihre Hoffnungen und Träume nicht in die Tat umsetzen können.

Ähnlich verhält es sich in Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Darin vergräbt sich der Protagonist in einer „abscheulichen Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung“ 40 Jahre lang in einem St. Petersburger Kellerloch. Es bereitet ihm Vergnügen, sich selbst zu erniedrigen und dabei die Drehungen und Windungen eines Bewusstseins einzufangen, das „das größte Unglück des Menschen ist, dennoch von ihm gepriesen wird und das er um keinen Preis aufgeben würde“. Er lobpreist sein Kellerloch, um sich dann augenblicklich wieder gegen sich selbst zu wenden: „Oh, selbst jetzt lüge ich! Ich lüge, weil ich genau weiß, dass nicht das Kellerloch für mich am besten ist, sondern etwas anderes! Es ist etwas ganz anderes, wonach es mich dürstet. Aber ich kann es nicht finden. Verdammtes Kellerloch!“

Offensichtlich dürstet es Houellebecqs Charaktere jedoch nach nicht sehr viel. Sie laufen vor ihrer eigenen Menschlichkeit davon. Michel, der nüchterne Wissenschaftler, wählt den Weg des Posthumanismus und entschließt sich zu einer Existenz ohne Sex und ohne Konflikte. Bruno hingegen definiert seine Identität über die Körperlichkeit und wird als „glücklich“ beschrieben, da er „nichts mehr vom Leben erwartet“.

Freude und Leid sind indessen genau das, was Kinogänger empfinden möchten. Entfremdung ist keine gefühllose Angelegenheit, die gleichgültig akzeptiert wird, sondern schmerzhaft, weil sie ganz einfach nicht richtig ist. Menschen hören nicht auf zu träumen! Menschen wünschen sich, sinnlich angesprochen zu werden – selbst die Eisreklame im Kino lebt davon („Bin ich impulsiv ... Yes, I am“)!

Die Verfilmung von Elementarteilchen ist in vielerlei Hinsicht besser als die Romanvorlage. Die Halbbrüder haben Wesenszüge, die ihnen im Text fehlen – Bruno besitzt einen liebenswert jungenhaften Charme und Michel Zartheit. Die Figuren sehen einander ins Gesicht auf der erfolglosen Suche nach der Anerkennung, nach der sie sich verzehren. Außerdem wurde die Handlung an mehreren Stellen auf sensible Weise verändert. So begeht im Buch eine der Figuren Selbstmord, indem sie sich mit einem Rollstuhl die Treppe herunterstürzt; im Film macht sie sich zurecht, bevor sie vom Balkon springt. Der Suizid gewinnt dadurch mehr die Qualität eines Opfers: Sie verzichtet auf ein Leben, das sie immer noch wertschätzt, und es entsteht ein Gefühl des Verlustes.

Hüten wir uns also davor, den Propheten des Pessimismus länger Glauben zu schenken. Sie sagen uns wenig über uns oder unsere Welt. Selbst wenn ein Mensch sich wie ein Käfer fühlt, bleibt er ein Mensch – es sind Konflikte wie dieser, die Bücher lesenwert machen.