13.05.2026
Die politische Spaltung der Gesellschaft (Teil 1)
Von Lukas Mihr
Hat die Polarisierung zugenommen? Was für Deutschland vermutet wird, kann für die USA mit größerer empirischer Gewissheit behauptet werden. Dort driften Republikaner und Demokraten auseinander.
Wohl jeder erinnert sich daran, dass es früher deutlich einfacher war, über Politik zu reden. Und das liegt nicht daran, dass es weniger politischen Streit gab, sondern vor allem daran, dass man ihn schnell wieder ausblenden konnte. Am Arbeitsplatz konnte man unterschiedlicher Auffassung sein, aber trotzdem gemeinsam ein Feierabendbier trinken.
Heute kommt es vor, dass eine abweichende Meinung immer häufiger nicht nur mit sozialer Ächtung, sondern sogar mit Jobverlust bestraft wird. Aber war früher wirklich alles besser?
Einen ersten Hinweis liefert das Umfrageinstitut Allensbach, das seit mehreren Jahrzehnten die Frage stellt, ob man seine Meinung frei äußern dürfe. Zuerst 1953, damals bejahten 58 Prozent diese Aussage. Dass diese Werte nicht höher ausfielen, lag wohl vor allem daran, dass die KPD und generell linkes Gedankengut im Adenauer-Deutschland ähnlich ausgegrenzt wurden wie heute die AfD.
Am freiesten fühlten sich die Deutschen 1971, als 83 Prozent meinten, äußern zu können, was sie wollten. 2021 sank der Wert auf seinen Tiefstand von 45 Prozent. Hier gibt es deutliche Unterschiede nach Parteizugehörigkeit. Unter den Anhängern der Grünen meinen 31 Prozent, sich nicht frei äußern zu dürfen; der Wert unter den Anhängern der AfD beträgt das Doppelte, nämlich 62 Prozent. Jüngst kam eine Insa-Umfrage zu dem Ergebnis, dass sogar 84 Prozent der Befragten die Meinungsfreiheit in Gefahr sehen.
Zunächst einmal scheint sich zu bestätigen, dass früher alles besser war. Doch bei der Interpretation von Umfragen ist immer Vorsicht geboten. Selbst wenn eine Umfrage repräsentativ ist, kann das Antwortverhalten immer einer Verzerrung unterliegen, etwa durch soziale Erwünschtheit.
Vielleicht blieb die Meinungsfreiheit in Deutschland konstant, während sich die Zahl derjenigen, die die ‚falsche‘ Meinung vertreten, erhöhte – denn denen fällt eine Beschneidung der Meinungsfreiheit als erstes auf. Oder aber, die Bevölkerung ist empfindlicher geworden. Womöglich hat sich nur der Maßstab verändert, was eine Einschränkung der Meinungsfreiheit ist und was nicht. Natürlich könnte auch die seit Jahrzehnten steigende Zahl an Akademikern zum Trend beitragen. Denn ein Handwerker muss üblicherweise keine Konsequenzen seiner Meinungsäußerung fürchten – das sieht an den Universitäten ganz anders aus. Ein Vergleich über die Jahrzehnte hinweg ist zudem schwierig, weil es die KPD heute nicht mehr und die AfD zu Beginn des Beobachtungszeitraums noch nicht gab.
Die Debattenkultur ist jedenfalls merkbar an einem Tiefpunkt angelangt. Das wird klar, wenn man sich ein Gespräch zwischen Adolf von Thadden und Franz Ludwig Schenk Graf von Stauffenberg von 1966 ansieht. Der eine war NSDAP-Mitglied und später NPD-Vorsitzender, der andere Sohn des Hitler-Attentäters. Obwohl eigentlich Todfeinde, bleibt die Debatte zu jedem Zeitpunkt betont höflich.
„Auf Facebook wollen viele User ihre Position gar nicht erst mit Argumenten untermauern, sondern bekunden über Symbole im Profilbild ihre Tugendhaftigkeit und Zugehörigkeit.“
Ein wenig nostalgisch kann man sich auch an die Filmreihe um Don Camillo und Peppone zurückerinnern. Dort beharken sich ein konservativer Kleriker und ein kommunistischer Bürgermeister, respektieren aber einander und arbeiten für die gute Sache auch zusammen. Beide können dem Zuschauer unabhängig von der eigenen Meinung sympathisch erscheinen. Obwohl der Serienerschaffer im rechten Lager stand, war ihm wichtig, dass der nationale Zusammenhalt der Italiener alle politischen Gräben überwinden müsse.
Davon ist heute wenig zu spüren. Wenn z.B. die YouTuber Leonard Jäger und Michelle Gollan in Berlin auf die Straße gehen, ist nur in den seltensten Fällen ein Linker bereit, mit ihnen zu diskutieren. Vielmehr beschimpft man beide als Faschisten. Und auf Facebook wollen viele User ihre Position gar nicht erst mit Argumenten untermauern, sondern bekunden über Symbole im Profilbild ihre Tugendhaftigkeit und Zugehörigkeit.
Sind aber Umfragen und Anekdoten überhaupt das beste Beispiel, um die Zerstrittenheit der Gesellschaft zu illustrieren? Nehmen wir an, dass im Jahr 2000 der Idealzustand erreicht wurde. Damals gab es das Wort von der „Spaßgesellschaft“, das illustriert, dass viele Deutsche sorgenfrei in die Zukunft blickten. Und der Islam war vor den verheerenden Anschlägen vom 11. September 2001 noch kein allzu großer politischer Streitpunkt.
Nun könnte man mehrere Personen aus dem Jahr 2025 befragen, ob es heutzutage mehr Streit gibt als früher. In der Stichprobe wären allerdings unweigerlich Personen, die im Jahr 2000 noch nicht geboren waren und keine Personen, die seitdem gestorben sind. Selbst wenn sich dieser Effekt einmal ausblenden ließe, könnte das Ergebnis einer solchen Umfrage einer nostalgischen Verklärung unterliegen. Vielleicht erscheint 2000 im Rückblick besser als es wirklich war. Zudem hätte man nur dann, wenn bereits im Jahr 2000 eine Umfrage zu diesem Thema stattfand, einen guten Referenzpunkt für eine Nachfolgestudie im Jahr 2025.
In den USA gut erforscht
Eine größere empirische Untersuchung des Phänomens in Deutschland scheint daher sehr schwierig. Sehr wohl aber lässt sich eine Spaltung der Gesellschaft für die USA belegen. Das Zwei-Parteien-System begünstigt eine solche Analyse, weil sich konstantere Ergebnisse generieren lassen als in der vergleichsweise unübersichtlichen Bundesrepublik. Auch wurden einige Studien zum Ausmaß der Polarisierung bereits erhoben, als sie in ihrem heutigen Ausmaß noch nicht zu erahnen war. Außerdem lassen sich verschiedene Umfrageergebnisse verifizieren, indem man sie den tatsächlichen Wahlergebnissen gegenüberstellt. Bei einer Telefonumfrage mag man eine sozial erwünschte Antwort geben; doch in der Anonymität der Wahlkabine tritt dann die wahre Absicht zutage.
Bekanntermaßen übertragen sich Entwicklungen in der US-Gesellschaft mit einiger Zeitverzögerung auch auf Deutschland. Die vorliegenden Ergebnisse dürften also schon bald auch hierzulande zu beobachten sein.
So standen 1994 64 Prozent der Republikaner rechts von der Mitte der Demokraten, während 70 Porzent der Demokraten links von der Mitte der Republikaner standen. Das bedeutet, dass Republikaner und Demokraten sich in vielen Punkten einig waren. 2017 standen aber 95 Prozent der Republikaner rechts von der Mitte der Demokraten und 97 Prozent der Demokraten links von der Mitte der Republikaner. Unter denjenigen, die sich als „politisch engagiert“ einstufen, war der Trend sogar noch stärker ausgeprägt.
Um diese Werte zu ermitteln, wurden von 1994 bis 2017 mehrfach jeweils zehn identische Fragen gestellt, um eine Vergleichbarkeit zu erreichen. Diese behandeln unter anderem die Regulierung der Wirtschaft durch die Regierung, den Sozialstaat, die Lage der Schwarzen, den Nutzen von Einwanderung, Homosexualität, Umweltschutz und Militäreinsätze. In allen Fragen hatte sich die Differenz vergrößert. 1994 lagen Demokraten und Republikaner bei der Beantwortung des Fragenkatalogs im Schnitt um 15 Prozent auseinander, 2017 um 36 Prozent. Gerade die Parteizugehörigkeit ist der entscheidende Faktor in der politischen Polarisierung. Bei der Beantwortung des Fragenkatalogs liegen Männer und Frauen, Schwarze und Weiße, Junge und Alte, Akademiker und Arbeiter nicht so weit auseinander wie Republikaner und Demokraten. Man spricht daher auch von einer „Super-Identität“, weil die Parteizugehörigkeit gegenüber allen anderen Merkmalen zum entscheidenden Faktor geworden ist.
„Kontakte zwischen Demokraten und Republikanern sind selten, wodurch beide Seiten mitunter ein Zerrbild des Gegners entwickeln.“
Das Umfrageinstitut Gallup untersuchte, ob die Polarisierung in der US-Gesellschaft zwischen 2003 und 2023 zunahm. Dazu wurde ein Fragenkatalog mit 24 Einträgen erstellt. Dabei zeigte sich: In allen Punkten hatten sich Demokraten und Republikaner innerhalb von 20 Jahren auseinanderentwickelt. Der größte Unterschied betrug 50 Prozent, der kleinste 2 Prozent.
Nicht nur liegen beide Lager in wichtigen Fragen auseinander, sie misstrauen einander immer mehr. 1994 stuften 21 Prozent der Republikaner die Demokraten als „sehr unvorteilhaft“ ein. Dieser Wert stieg bis 2022 auf 62 Prozent. Im anderen Lager stiegen diese Werte im gleichen Zeitraum von 17 auf 54 Prozent.
Zwischen 2016 und 2022 wurden Angehörige beider Parteien nach Charaktereigenschaften der anderen Seite befragt. Möglich waren Antworten wie engstirnig, unehrlich, unmoralisch, dumm oder faul. Die Zahl derjenigen, die dem jeweiligen Gegner mindestens 4 von 5 dieser Eigenschaften zusprachen, stieg im Beobachtungszeitraum unter den Republikanern von 30 auf 53 Prozent und unter den Demokraten von 22 auf 43 Prozent.
Laut dem „Gefühlsthermometer“ der American National Election Studies stufen die Amerikaner ihre eigene Partei bei etwa 70 Grad Fahrenheit ein (je wärmer, desto besser). Und dieser Wert veränderte sich von 1978 bis 2020 praktisch nicht. Im gleichen Zeitraum fielen die Werte für die gegnerische Partei von 50 Grad auf 20 Grad. Republikaner und Demokraten zeigten hier keine relevanten Unterschiede.
Kontakte zwischen Demokraten und Republikanern sind selten, wodurch beide Seiten mitunter ein Zerrbild des Gegners entwickeln, wie eine Studie zeigt. So dachten die Republikaner 2018, dass 38 Prozent der Demokraten Mitglied einer Gewerkschaft sind (tatsächlich nur 10 Prozent), sie zu 27 Prozent einer sexuellen Minderheit angehören (tatsächlich 6 Prozent) oder zu 30 Prozent nicht an Gott glauben (tatsächlich 9 Prozent). Umgekehrt dachten die Demokraten, dass 32 Prozent der Republikaner über ein Jahreseinkommen von 250.000 Dollar oder mehr verfügen (tatsächlich nur 2 Prozent), sie zu 47 Prozent fest an die Bibel glauben (tatsächlich 34 Prozent) oder zu 45 Prozent älter als 65 Jahre sind (tatsächlich 21 Prozent).
Laut einer anderen Studie schätzen sowohl Demokraten als auch Republikaner den Anteil des gegnerischen Lagers, der sich als gewaltbereit einstuft, um etwa das Vierfache zu hoch ein. Auch glaubten im Jahr 2020 81 Prozenten der Republikaner, die Demokraten wären von Sozialisten gekapert worden, während 78 Prozent der Demokraten den Republikanern diesen Vorwurf in Bezug auf Rassisten machten. Gleichzeitig gaben 57 Prozent der weißen Republikaner, aber nur 13 Prozent der weißen Demokraten an, Opfer rassistischer Diskriminierung zu sein.
Es wird persönlich
1960 waren jeweils nur 4 Prozent der Demokraten und Republikaner nicht damit einverstanden, wenn ihr Kind jemanden aus dem anderen politischen Lager heiraten würde. 2019 stimmten dieser Aussage 45 Prozent der Demokraten und 35 Prozent der Republikaner zu. Eine andere Studie kam zu ähnlichen Ergebnissen. 1958 wollten 33 Prozent der Demokraten und 25 Prozent der Republikaner, dass ihr Kind jemanden aus dem gleichen politischen Lager heiratet. 2016 lagen diese Werte bei 60 und 63 Prozent. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2019 würden 47 Prozent aller Republikaner eine Beziehung mit Clinton-Wählern eingehen und nur 4 Prozent gaben an, bereits eine solche Beziehung geführt zu haben. Unter den Demokraten lagen die Werte jeweils bei 71 und 4 Prozent. In der jüngeren Generation zeigt sich, dass Frauen immer weiter nach links und Männer immer weiter nach rechts tendieren. Noch vor etwa 40 Jahren zeigte sich in den USA kein Geschlechterunterschied in den politischen Präferenzen.
Sollte sich bestätigen, dass Ehen immer seltener lagerübergreifend geschlossen werden, könnte die Polarisierung sich sogar auf der biologischen Ebene fortsetzen. Die politische Einstellung eines Menschen ist zu einem guten Teil durch die Gene bedingt. Wenn Rechte eher andere Rechte heiraten und Linke andere Linke, werden die entsprechenden Gene in ihren Kindern gehäuft auftreten. Die Lager könnten sich – sofern der Effekt über einige Generationen anhält – umso unversöhnlicher gegenüberstehen.
2017 gaben 57 Prozent der Republikaner und 67 Prozent der Demokraten an, viele Freunde im eigenen politischen Lager zu haben. Unter den Republikanern hatten allerdings nur 14 Prozent viele Freunde im gegnerischen Lager und ebenfalls 14 Prozent gar keine Freunde im gegnerischen Lager. Umgekehrt waren nur 9 Prozent der Demokraten mit vielen Republikanern befreundet und 21 Prozent hatten keine republikanischen Freunde.
„In den USA steht etwa die Hälfte der Bevölkerung an der Seite Israels.“
Außerdem hatten 50 Prozent der Demokraten und 41 Prozent der Republikaner aufgehört, mit bestimmten Personen in ihrem Umfeld über politische Themen zu sprechen. 2016 gaben 13 Prozent der Amerikaner an, eine Freundschaft in den sozialen Netzwerken wegen politischer Differenzen beendet zu haben. Demokraten entfreundeten häufiger als Republikaner, Frauen häufiger als Männer.
Laut einer Studie aus dem Jahr 2019 gaben Republikaner und Demokraten jeweils zu etwa 60 Prozent an, die gegnerische Partei sei eine „Bedrohung“ und zu etwa 40 Prozent, sie sei „durch und durch böse“. Demokraten zeigten in dieser Untersuchung eine größere Schadenfreude über einen möglichen Todesfall in der gegnerischen Partei als Republikaner. 2021 waren laut einer Umfrage 52 Prozent der Republikaner und 41 Prozent der Demokraten dafür, die USA entlang der Parteilinien in zwei Staaten aufzuteilen.
Eine Studie untersuchte die Polarisierung während der Wahlkämpfe 2000, 2004 und 2008. Die Ablehnung der anderen Partei nahm stetig weiter zu, je näher der Wahltermin rückte. Dies deutet darauf hin, dass die aggressiv geführten Wahlkampfkampagnen den Graben zwischen den Parteianhängern eher verbreitern. Laut dem Politologen John Geer nahm der Anteil der Werbespots, die den jeweiligen Gegner attackieren, statt die eigenen Positionen hervorzuheben, zwischen 1960 und 2008 von knapp 10 auf etwa 60 Prozent zu.
Positionen im Kulturkampf
1974 besaßen 54 Prozent aller Republikaner eine Schusswaffe. Dieser Wert blieb annähernd stabil und lag 2018 bei 52 Prozent. Unter den Demokraten sieht es jedoch deutlich anders aus. Dort sanken die Werte im gleichen Zeitraum von 45 auf 24 Prozent. Und so fordern laut Pew Research auch 86 Prozent der Demokraten, aber nur 28 Prozent der Republikaner strengere Waffengesetze. Gallup kommt nur auf leicht andere Werte.
Klassischerweise treten die Demokraten für das Recht auf Abtreibung ein (Pro-Choice), während die Republikaner dieses ablehnen (Pro-Life). Diese Erkenntnis galt auch in der Vergangenheit, aber der Trend hat sich verstärkt. 1995 sprachen sich 58 Prozent der Demokraten für das Recht auf Abtreibung aus, 2024 waren es 86 Prozent. 1995 waren 51 Prozent der Republikaner Abtreibungsgegner, 2024 72 Prozent.
In den USA steht etwa die Hälfte der Bevölkerung an der Seite Israels. Dieser Wert ist (von kleinen Schwankungen abgesehen) seit etwa 50 Jahren konstant. Was sich geändert hat, ist, wie die beiden Parteien sich im Nahostkonflikt positionieren. 1978 standen 49 Prozent der Republikaner und 44 Prozent der Demokraten auf Seiten Israels. Das heißt, dass die Sympathien nahezu ausgeglichen waren. In den folgenden Jahrzehnten vergrößerte sich die Differenz jedoch immer stärker. 2018 standen 79 Prozent der Republikaner und 27 Prozent der Demokraten auf Seiten Israels.
Ähnlich wie auch in Deutschland war die Impfung gegen das Corona-Virus hochumstritten. 2024 waren 81 Prozent der Republikaner, aber nur 37 Prozent der Demokraten gegen die Impfung eingestellt.
Die Rolle der Medien
Auch glauben 76 Prozent der Demokraten, aber nur 30 Prozent der Republikaner daran, dass Journalisten das Wohlergehen des Landes im Sinn haben. Mittlerweile beziehen 20 Prozent der Demokraten und 18 Prozent der Republikaner ihre Informationen ausschließlich aus Medien, die ihre jeweilige Sichtweise vertreten. 2018 wollten 37 Prozent der Republikaner, dass der Staat Falschinformationen im Internet unterbindet. Dieser Wert blieb in etwa konstant und lag 2023 bei 39 Prozent. Umgekehrt sind die Demokraten hier deutlich entschlossener. Die entsprechenden Werte stiegen von 40 auf 70 Prozent.
Datenuntersuchungen, die alle Artikel der New York Times, Los Angeles Times und Washington Post der vergangenen Jahrzehnte ausgewertet hatten, konnten bestätigen, dass Themen, die zur Polarisierung der Gesellschaft beitragen, von den großen Medien häufiger aufgegriffen wurden. Viele typisch „woke“ Begriffe wie „Rassismus“, „Weißsein“, „weißes Privileg“, „Sexismus“, „Patriarchat“, „toxische Maskulinität“, „Homophobie“ „Transphobie“, „Klimawandel“ usw. erlebten lange Zeit ein Nischendasein, explodierten aber geradezu während des letzten Jahrzehnts.
Streit am Esstisch
Die Polarisierung zerreißt immer häufiger auch Familien, wie ein Ökonomieprofessor in einer Studie zeigen konnte. Dieser hatte Zugriff auf die Geolocation-Daten von mehreren Millionen amerikanischen Smartphones. Zwar waren die Daten anonymisiert, konnten also nicht einer bestimmten Person zugeordnet werden. Doch sie waren präzise genug, um wertvolle Erkenntnisse zu ermöglichen. Ein Smartphone konnte anhand seines Standorts in den Nachtstunden einer bestimmten Adresse zugeordnet werden. Dadurch lassen sich (siehe den Abschnitt über Wahlergebnisse) relativ genaue Angaben über die politische Ausrichtung des Nutzers machen.
Nur zwei Wochen nach der Präsidentschaftswahl 2016 fand das Erntedankfest (Thanksgiving) statt, zu dem Amerikaner (auch nicht-christliche) ihre Verwandten besuchen. Bei Familien, die eine unterschiedliche politische Zusammensetzung hatten, endete das Fest etwa 30 bis 50 Minuten früher. Und der Effekt war in den Swing States, auf die sich der Wahlkampf hauptsächlich konzentriert, umso stärker, je mehr politische Werbespots im Fernsehen ausgestrahlt wurden.
Der polarisierte Kongress
Ein US-Bundesstaat hat einen Gouverneur, zwei Senatoren und je nach Bevölkerungsgröße unterschiedlich viele Abgeordnete auf Bundesebene. Ein Staat, in dem der Gouverneur, beide Senatoren und eine Mehrheit der Abgeordneten einer Partei angehören, wird als sicher demokratisch bzw. sicher republikanisch eingestuft. Stimmen die Parteizugehörigkeiten nicht überein, wird er in der Kategorie „Machtteilung“ geführt.
1992 gab es drei republikanische Staaten, 16 demokratische und 31 mit geteilter Macht. Aktuell sind es 23 republikanische Staaten, 15 demokratische und 12 mit geteilter Macht. Zuvor lag der Tiefstand für geteilte Macht bei 10.
Seit den Wahlen 1952 hat das Abgeordnetenhaus 435 Sitze. Bei den Präsidentschaftswahlen 1972 stimmten die Parteizugehörigkeit des jeweils gewählten Präsidenten und Abgeordneten in 192 Wahlkreisen nicht überein. 2020 war dieser Wert auf 16 gesunken. Dieser Wert blieb bei den Wahlen 2024 konstant. Ähnlich niedrige Werte wurden zuletzt zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreicht. Auch die Zahl der getrennten Entscheidungen bei der Präsidentschafts- und Senatswahl nimmt ab. 2016 stimmten erstmals bei allen Wahlgängen die Parteizugehörigkeit zwischen dem gewählten Präsidentschaftskandidaten und dem Senator überein.1
„Heute ist die Parteizugehörigkeit zum wichtigsten Kriterium geworden.“
Während es früher also möglich war, gleichzeitig einem demokratischen Gouverneur oder Präsidenten und einem republikanischen Senator oder Abgeordneten seine Stimme zu geben, eben weil man in beiden Fällen von der Eignung des Kandidaten überzeugt war, ist heute die Parteizugehörigkeit zum wichtigsten Kriterium geworden.
Dass früher viel mehr die Persönlichkeit eines Politikers im Mittelpunkt stand, erfährt man auch im satirisch angehauchten Biopic „Vice“, das das Leben Dick Cheneys nachzeichnet. Der spätere Vizepräsident der Vereinigten Staaten tritt zu Beginn des Films nach privaten und beruflichen Rückschlägen ein Praktikum im Kongress an. Dort entschließt er sich, für den Abgeordneten Donald Rumsfeld zu arbeiten, der in der Vorstellungsrunde Entertainerqualitäten offenbart. Erst auf Nachfrage erfährt Cheney, dass Rumsfeld Republikaner ist. Der Rest ist Geschichte.
Der Cook Partisan Voting Index untersucht, ob ein Wahlkreis eher zu den Demokraten oder den Republikanern tendiert – oder von beiden Parteien gleichermaßen gewonnen werden kann. Die Zahl der „Wackelkandidaten“ nahm ab. Von 159 im Jahr 1997 bis auf 82 im Jahr 2023. 1999 wurde der Höchststand mit 164 erreicht. Aktuell steht der Wert bei 97.
Im US-Kongress kam es oft vor, dass demokratische Abgeordnete einem republikanischen Antrag zustimmten und umgekehrt. Eine Studie, die den Zeitraum von 1949 bis 2012 untersuchte, zeigt jedoch, wie diese Zusammenarbeit nach und nach zusammenbrach. Aufgrund der Vielzahl der Parlamentarier im Untersuchungszeitraum und der komplexen mathematischen Untersuchungsmethode ist es schwierig, die Ergebnisse in Worte zu fassen. In der graphischen Darstellung fällt jedoch sofort ins Auge: Zu Beginn gab es noch eine große ‚Parlamentarier-Wolke‘ mit einer roten und einer blauen Hälfte. Im Laufe der Zeit drifteten beide Lager jedoch auseinander und zwei separate Wolken entstanden. Auch wenn man die einzelnen Abgeordneten auf einer Links/Rechts-Skala einordnet, erhärtet sich dieser Befund. In den 1970er Jahren gab es Demokraten rechts der Mitte und Republikaner links der Mitte. Etwa seit der Amtszeit Obamas ist die Trennung jedoch vollständig, es gibt keine Überlappung mehr. Republikaner stimmen ausschließlich für republikanische Anträge und Demokraten nur für demokratische.
„Auch die Sprache im Parlament hat sich verändert.“
Die Visualisierung kann auch über eine Kurve statt über „Wolken“ erfolgen. Wenn man die Polarisierung anhand des unterschiedlichen Abstimmungsverhaltens seit 1879 betrachtet, sieht man, dass die USA etwa bis zum Ersten Weltkrieg stark polarisiert waren. Die Trennung nahm bis zum Zweiten Weltkrieg stetig ab und stieg danach weiter an. Etwa seit der Jahrtausendwende wurden die bisherigen Höchststände in der Polarisierung jedoch übertroffen.
Eine Analyse des Economist untersuchte für den Zeitraum von 1980 bis 2018, wie sich die Kandidaten für das Abgeordnetenhaus entwickelt hatten. Tatsächlich waren die Demokraten kontinuierlich nach links und die Republikaner kontinuierlich nach rechts gerückt. Die Kandidaten werden in Vorwahlen (primaries) durch die Parteimitglieder bestimmt. Anders als beispielsweise in Deutschland muss der Wähler nicht einfach hinnehmen, wen die Parteispitze nominiert hat. Der Economist fügte einordnend hinzu, dass nicht alle der Kandidaten auch in ihren Wahlkreisen siegten. In einem felsenfest sicheren republikanischen Wahlkreis kann der demokratische Bewerber beliebig radikale Positionen vertreten, ohne seine Siegeschancen – die ja ohnehin nicht bestehen – zu verschlechtern. Auch sei der Linksruck der Demokraten nicht dadurch zu erklären, dass die Demokraten linke Kandidaten bevorzugten, sondern dadurch, dass sie häufiger Nicht-Weiße und Frauen nominierten. Doch allein die Tatsache, dass sie dies tun, ist Ausdruck eines Linksrucks an sich.
Veränderte Rhetorik
Auch die Sprache im Parlament hat sich verändert. In einer Studie jüngeren Datums wurde ein KI-Modell mit einzelnen Ausschnitten aus Kongress-Reden ‚gefüttert‘ und sollte angeben, ob der Redner eher ein Republikaner oder Demokrat war. Dies gelang der KI von etwa 1870 bis 1990 mit einer Genauigkeit von maximal 57 Prozent (reines Raten hat eine Erfolgsquote von 50 Prozent). Danach stieg die Erfolgsrate bis in die 2000er Jahre auf beeindruckendere 73 Prozent. Hier wäre eine Nachfolgestudie, die zusätzlich die zurückliegenden 15 Jahre erfasst, interessant. Und auch eine Verbesserung der KI-Modelle könnte die Trefferquote erhöhen.
Die Erkenntnis, dass Republikaner und Demokraten zum Teil ähnliche Positionen vertraten, ist nicht neu. In seinem Buch „Downsize This!“ von 1996 bezeichnet der streitbare Filmemacher Michael Moore beide Parteien als „Republikraten“ und als „zwei Seiten einer Medaille“. Er hatte in einem Kapitel verschiedene Zitate eingestreut, die der Leser entweder den Demokraten oder Republikanern zuordnen sollte. Die Aussagen sind zum Teil schon über 30 Jahre alt und vermutlich wäre die Trefferquote nicht allzu beeindruckend ausgefallen.
Dennoch liest sich besagtes Kapitel aus heutiger Sicht völlig anders. Während man inzwischen an eine bessere Zeit zurückdenkt, in der sich die politischen Lager nicht erbittert bekriegten, sahen die Zeitgenossen eher einen grauen Einheitsbrei. Dies wirft die Frage auf, ob nicht ein gewisses Maß an Streit durchaus von Vorteil sein kann, um zu verhindern, dass es zwischen zwei ununterscheidbaren Blöcken zu politischem Stillstand kommt.
1950 forderte die Vereinigung der amerikanischen Politologen sogar bewusst eine Polarisierung der Parteienlandschaft, da der einzelne Bürger kaum die Wahl zwischen verschiedenen Positionen hatte.