16.01.2026
„Common Sense” – eine Schrift prägt eine Epoche
Von Sascha Tamm
Vor 250 Jahren veröffentlichte Thomas Paine ein Werk, mit der er den Kampf um die amerikanische Unabhängigkeit befeuerte. Individuelle Freiheit und Kritik an der Obrigkeit bleiben aktuell.
Vor einem Vierteljahrtausend, zu Beginn des Jahres 1776, war das, was wir heute den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg nennen, in vollem Gange. Er hatte am 19. April 1775 mit den Schlachten von Lexington und Concord begonnen, in denen sich patriotische Milizen und britische Truppen gegenüberstanden. Unter der Führung von George Washington konsolidierten sich seit Juni 1775 die Milizen zu einer immer besser ausgerüsteten und organsierten Armee und erkämpften eine Reihe von Erfolgen.
Aber dass es in diesem Krieg wirklich um die vollständige Unabhängigkeit, um die Schaffung eines eigenen Staates, einer eigenen Republik, gehen sollte, war bei weitem nicht klar. In den politischen Debatten der Zeit gab es viele, die mehr Selbstbestimmung und verbriefte Rechte für die Bewohner der 13 Kolonien forderten, aber sich doch vorstellen konnten, unter dem Dach der britischen Krone zu verbleiben. Dar Kampf derer, die gegen König George III. aufbegehrten, war gegen seine Machtanmaßung, gegen die Verletzung der Rechte der Parlamente der einzelnen Kolonien gerichtet. Doch viele glaubten, ihn durch den bewaffneten Kampf zu dauerhaften Zugeständnissen bewegen zu können. Die Idee des Königtums, der erblichen Monarchie, war im Denken der meisten so stark verankert, dass sie sich ein Staatswesen ohne König kaum vorstellen konnten. Hinzu kam, dass die tiefe Verwurzelung vieler politischer Führer in der englischen und britischen Tradition sie vor einer vollständigen Trennung zurückschrecken ließ. Sie hatten große Wertschätzung für die gewachsenen Institutionen, für die in ein rechtsstaatliches System eingebundene Monarchie und das Parlament. Ihr Widerstand richtete sich dagegen, dass der König und das britische Parlament dieses System missachteten und zerstörten.
Da erschien am 10. Januar 1776 ein relativ schmales Werk, das rasch riesige Verbreitung fand: „Common Sense“ von Thomas Paine. Heute wird gewöhnlich, und auch hier, aus einer Ausgabe vom 14. Februar zitiert, in der Paine noch einige Ergänzungen vornahm: „Common Sense“.
Es ist nicht einfach, den Einfluss von politischen Schriften auf den Verlauf der Geschichte genau zu bestimmen. Doch allein die Zahlen sind beeindruckend: Die Schätzungen über die Verbreitung der ersten Auflagen in der ersten Hälfte des Jahres 1776 gehen auseinander – es waren wohl mindestens 100.000 Exemplare, wahrscheinlich deutlich mehr. Das wäre auch heute eine respektable Auflage für die USA. Man darf dabei jedoch nicht vergessen, dass die 13 Kolonien damals weniger als drei Millionen Einwohner hatten. Zeitzeugnisse berichten, dass an vielen öffentlichen Orten aus der Schrift vorgelesen wurde. „Common Sense“ traf den Nerv der Zeit – und es prägte die Zeit. Viele der Ideen aus „Common Sense“ sind deutlich in der Unabhängigkeitserklärung wiederzuerkennen, die am 4. Juli 1776 verabschiedet wurde.
„Alle Menschen haben das gleiche Recht, ihr eigenes Leben zu gestalten und in Freiheit zu leben.“
Thomas Paine lebte von 1737 bis 1809 und wanderte erst 1774 aus England in die Kolonien aus. Aus relativ armen Verhältnissen stammend lernte er zunächst das Handwerk seines Vaters und wurde Korsettmacher, um später in den Zolldienst einzutreten. Überwiegend autodidaktisch eignete er sich ein breites Wissen an – mit einem Fokus auf die politische Philosophie seiner Zeit. Sein Leben war privat, beruflich und politisch von vielen Brüchen und einigem Chaos gekennzeichnet. Er stürzte sich in jede politische Debatte und machte sich dabei nicht nur Freunde. Zum Ende seines Lebens hin führte das zu einer zunehmenden Entfremdung von vielen, die über sein Leben hinweg wichtige Weggefährten waren. Hier spielte vor allem seine immer radikaler werdende Kritik an Kirche und Religion eine Rolle. All das ändert nichts daran, dass er bahnbrechende Texte geschrieben hat. So wurde er mit „The Rights of Men“ im Jahr 1791 zu einem der Begründer modernen Menschenrechtdenkens.
Der titelgebende Begriff „Common Sense“ wird durch Paine nicht genau definiert. Er knüpft an ein damals verbreitetes Verständnis an, das er bei den Lesern voraussetzt. Dieses hat, so lässt sich am Text erkennen, zwei Aspekte, die sich mit „Gesunder Menschenverstand“ und „Gemeinsinn“ nicht präzise, aber doch in guter Annäherung beschreiben lassen. Der Gebrauch des eigenen Verstandes ist nach Paine unverzichtbar, um die Behauptungen zu überprüfen, mit denen bestehende Verhältnisse gerechtfertigt werden. In seiner Schrift führt er das vor allem mit Bezug auf die Monarchie vor. Er entlarvt viele der Behauptungen, die zu ihrer Rechtfertigung angeführt werden, als nicht stichhaltig. Er bezieht sich unter anderem auf die Bibel, um der Behauptung zu widersprechen, dass Monarchien göttlichen Ursprungs seien. Stattdessen zeigt er anhand historischer Beispiele, dass Könige durch Gewalt an die Macht kamen. Besonders hart ist seine Kritik an der Vererbbarkeit der Königswürde. Sie führt oft dazu, dass vollkommen ungeeignete Personen sehr weitgehende Macht ausüben können.
Der Gebrauch des eigenen Verstandes ist die Grundlage für eine mit einem großen Maß an „Common Sense“ in der anderen Bedeutung, mit viel Gemeinsinn, ausgestattete Gesellschaft. In der die Menschen gleichzeitig ihr eigenes Leben gestalten und die gemeinsamen Interessen und Herausforderungen zusammen angehen. Diese beiden Aspekte sind für Paine untrennbar. Er ist so einerseits radikal individualrechtlich orientiert, andererseits aber ein Unterstützer von etwas, was man heute Gemeinwohl nennen würde. Beide Ideen waren so am Ursprung der USA präsent – nicht nur im Denken von Paine, sondern in dem aller Gründungsväter.
Zu Beginn von „Common Sense“ identifiziert Paine den Staat als Instrument der Machtausübung der Regierenden über die Regierten. Er stellt ihn, und wie vieles andere ist das modern und bis heute aktuell, der Gesellschaft gegenüber. „Die Gesellschaft ist in jedem Zustande ein Segen, während die Regierung selbst im besten Zustande nur ein notwendiges, im schlechtesten Zustande aber ein unerträgliches Übel ist.” Das ist eine Position, die heute fast als libertär gelten würde. Die einzelnen Menschen geben Teile ihrer Rechte, und ihres Eigentums für eine Gegenleistung ab: Das tun sie vor allem, um in Sicherheit leben zu können. Diese Bestimmung der Rolle des Staates baut auf einer strikt individualistisch orientierten Vorstellung von der natürlichen Freiheit und Gleichheit aller Menschen auf. Alle Menschen haben das gleiche Recht, ihr eigenes Leben zu gestalten und in Freiheit zu leben. Dabei gibt es nach Paine keine Unterschiede und Abstufungen – das ist für ihn naturrechtlich und aus der Gleichheit vor Gott heraus unmittelbar gegeben.
„Die Gründungsväter entschlossen sich erst nach umfassenden, in bedeutendem Maße von Thomas Paine und seinem Werk beeinflussten Debatten und Überlegungen dazu, die Unabhängigkeit zu erklären.“
Eine Bemerkung scheint im Lichte heutiger Debatten notwendig, um Paine richtig einzuordnen: Er war zwar Anhänger eines strikt dem Recht unterworfenen und auf seine klar beschränkten Aufgaben orientierten Staates, aber er sah einigen Handlungsbedarf auch auf anderen Feldern. Er wandte sich gegen Oligarchien und verfestigte und ausschließende Eigentumsstrukturen – das wird in anderen, späteren Schriften deutlicher als in „Common Sense“.
Auf die Frage derer – und das war wohl eine breite Mehrheit seiner Zeitgenossen -, die sich einen Staat, eine Gesellschaft ohne ein Oberhaupt nicht vorstellen können, nach dem König antwortete er: „[…] Wie in absoluten Regierungen der König das Gesetz ist, sollte in freien Ländern das Gesetz König sein und nichts anderes.“ Er forderte als symbolischen Akt sogar die Vernichtung der Königskrone. Die Gesetze wiederum sollten durch repräsentative, aus Wahlen hervorgegangene Parlamente gemacht werden.
Thomas Paine beschränkte sich nicht darauf, seine Argumente für eine unabhängige Republik ohne König darzulegen. Er macht sich auch Gedanken darüber, wie der Weg zu einer solchen Republik aussehen soll. Das ist wahrscheinlich das, was ihn gegenüber vieler seiner Zeitgenossen auszeichnet – sein Text liefert sowohl ein aus klaren Prinzipien aufgeleitetes Plädoyer für die Loslösung von Großbritannien und seinem König als auch starke Argumente dafür, den Moment zu nutzen, nicht zu warten und konsequent vorzugehen. Er befürchtete, dass dann, wenn die Gelegenheit nicht genutzt wird, sich viele Menschen irgendwie mit dem Status quo arrangieren würden und so die einmalige geschichtliche Gelegenheit ungenutzt verschwinden würde.
Dieses Argument für eine Revolution findet sich später in verschiedenen Formen bei praktisch allen, die für einen Umsturz argumentieren. Es ist nicht unproblematisch, da es die Tür öffnet für ein Denken und Handeln, das alles als legitim ansieht, wenn es nur dem Ziel, dem Umsturz, dient. Dass es in den USA, anders als später in Frankreich, nicht zu Terror, ungekannter Zentralisierung der Macht und vielen Opfern gekommen ist, ist wohl auf eine Eigenschaft der amerikanischen Revolutionäre zurückzuführen, gegen die Paine mit all seiner rhetorischen Kraft anschreibt: Die Gründungsväter der USA waren relativ zögerliche Revolutionäre, die sich durchaus der Bedeutung überlieferter Institutionen und der Gefahren von radikalen Umbrüchen bewusst waren. Sie entschlossen sich erst nach umfassenden, in bedeutendem Maße von Thomas Paine und seinem Werk beeinflussten Debatten und Überlegungen dazu, die Unabhängigkeit zu erklären und für sie zu kämpfen. Am 4. Juli 1776 war es dann so weit – die Unabhängigkeitserklärung wurde verabschiedet.
„Den eigenen Verstand zu verwenden, um etwas zu hinterfragen, was als selbstverständlich vorausgesetzt wird, ist unverzichtbar für eine freie Gesellschaft.“
Die Frage danach, was uns ein Denker heute zu sagen hat, klingt abgedroschen. Das gilt umso mehr für den Versuch herauszufinden, was der Betreffende zu Entwicklungen in der Gegenwart gesagt hätte, wenn er denn noch leben würde. Es besteht immer die Gefahr, dem Autor die Meinungen in den Mund zu legen, die man selbst teilt. Und doch: Es lohnt gerade bei so epochalen Texten, sie mit dem Heute in Beziehung zu setzen. Es ist schon deshalb interessant, weil sich bis heute sehr viele politische Richtungen in den USA auf „Common Sense“ beziehen – von rechts bis links.
Das Gesetz ist König – das ist ein Satz, den man heute in sehr vielen Ländern auf der Welt den Politikern an der Macht, aber auch großen Teilen der Öffentlichkeit, entgegenhalten kann und muss. Der Trend geht derzeit in die entgegengesetzte Richtung: Mit allerlei Begründungen werden größere politische Handlungsmöglichkeiten gefordert und sich angemaßt, als sie Verfassungen und Gesetze eigentlich eröffnen.
Der Begriff „gesunder Menschenverstand“ mag im Deutschen etwas altbacken klingen und diskreditiert sein. Doch den eigenen Verstand zu verwenden, um etwas zu hinterfragen, was als selbstverständlich vorausgesetzt wird, ist unverzichtbar für eine freie Gesellschaft. Dabei geht es heute nicht mehr um die Kritik am Königtum – aber auch die Kompetenzen, die sich demokratische gewählte politische Machthaber anmaßen, halten oft einer Überprüfung durch den Verstand nicht stand, wenn denn die Regierten diesen benutzen und zur Leitung ihres Handelns nutzen.
Außerordentlich aktuell ist der strikt naturrechtliche Anspruch auf individuelle Freiheit – und die Reduktion des Staates auf ein möglichst kleines und auf seine Kernaufgaben reduziertes Instrument, diese Freiheit zu schützen. Ebenso aktuell ist die Forderung an die Gesellschaft, an jeden einzelnen freien Menschen, eigene und gemeinsamen Interessen auf der Grundlage ihres „Common Sense“ zu verfolgen und alles mit dem eigenen Verstand zu hinterfragen, was von den Inhabern politischen Macht als selbstverständlich dargestellt wird.