01.11.2005

Die Neokonservativen sind nicht an allem schuld!

Analyse von Brendan O’Neill

Brendan O`Neill über erstaunliche Übereinstimmungen zwischen Islamisten und westlichen prointerventionistischen „Humanisten“.

Es gehört inzwischen zum Allgemeinwissen, dass die Ursprünge der Terrororganisation Al Qaida auf die westliche Intervention in Afghanistan in den 80er-Jahren zurückgehen. Damals schleusten Ronald Reagan und Margaret Thatcher Milliarden von US-Dollar in die Kriegskassen der anti-sowjetischen Mudschaheddin (denen auch Osama bin Laden mit seinen Ausbildungslagern angehörte) und unterwiesen die ehemals heiligen Kämpfer in der urbanen Kriegsführung, der Herstellung von Bomben sowie der Sabotage – also in genau den Fertigkeiten, die heute in Form von Terrorismus gegen den Westen eingesetzt werden.
Andere wiederum behaupten gerne, Al Qaida sei eine Erfindung amerikanischer Neo-Konservativer. Die Bedeutung dieser Terrorgruppe sei, so die Argumentation, von der Bush-Regierung aus politischen Gründen übertrieben worden, um die Stimmen einer verängstigten und daher auch lenkbaren amerikanischen Bevölkerung für sich zu gewinnen.
 

„In den 90er-Jahren wurde Al Qaida der militärische Flügel des westlichen Liberalismus.“



Behauptungen dieser Art stellen jedoch lediglich die halbe Wahrheit dar. Wir hören außerordentlich viel über die Gründung von Al Qaida in den 80er-Jahren und über den märchenhaften Aufstieg dieser Terrororganisation seit dem 11. September. Wir erfahren jedoch erstaunlich wenig darüber, was in der Zwischenzeit passierte. Dies ist besonders erstaunlich, da dieser Zeitraum, wie der amerikanische Journalist Charles Krauthammer kürzlich im Time Magazine hervorhob, entscheidend für die Rekrutierung des Al Qaida-Nachwuchses war. In dieser Zeit gelang es Teilen der Mudschaheddin, ihre Infrastruktur zu internationalisieren. Der Guardian-Kolumnist Jonathan Freedland formuliert dies folgendermaßen (um hier auch jemanden zu zitieren, der weniger kriegseuphorisch ist als der konservative Krauthammer): „Der plötzliche Anstieg extremistischer Gruppierungen erfolgte nicht nach dem 11.9. oder im Zuge des Irak Kriegs, sondern in der Mitte der 90er-Jahre.“
Was also ist in den 90er-Jahren geschehen, dass es dieser lokalen Guerilla ermöglichte, sich in ein globales, nihilistisches Netzwerk zu verwandeln?


Kurz gesagt, in den 90er-Jahren wurde Al Qaida der militärische Flügel des westlichen Liberalismus. Es waren vielleicht die Rechten, die die Mudschaheddin in den 80er-Jahren bei ihrer Gründung unterstützten und sie bis zu den Zähnen mit Waffen versorgten. In der ersten Hälfte der 90er-Jahre kämpften diese Gruppen jedoch Seite an Seite mit der Linken in Bosnien, um die bosnischen Muslime in einem „Heiligen Krieg“ gegen die Serben zu unterstützen. Mit Billigung der Clinton-Regierung wurden sie von dessen Verbündeten in der Region, der Armee Bosnien und Herzegowinas, bewaffnet und ausgebildet. Einige dieser Muschaheddin, vor allem die, die aus Europa kamen, wurden durch die im Fernsehen ausgestrahlten Bilder und den Reportagen in den Nachrichten zum Kampf inspiriert. Insbesondere die liberale Presse präsentierte den Bürgerkrieg in Bosnien als einen simplistischen Kampf zwischen den Opfern (den „guten“ Muslimen) sowie den Tätern (den „bösen“ Serben).
 

„Wenn die Intervention der Rechten in Afghanistan die Mudschaheddin geschaffen hat, dann war es die Einmischung der liberalen Linken auf dem Balkan, die deren Globalisierung verursacht hat.“



Obwohl darüber selten gesprochen wird, konnten sich die Mudschaheddin durch ihren Umzug nach Bosnien neu formieren. Erst jetzt konstituierten sich die Heiligen Krieger zur uns heute bekannten Al Qaida. Wie Evan Kolmann, Autor von Al-Qaida’s Jihad in Europe darlegt, war Bosnien bereits 1995 eine wichtige strategische Stütze für Osama bin Laden und seine Alliierten, „die von hier aus Europa und die westliche Welt zu infiltrieren suchten“. Tatsächlich weist so ziemlich jede größere Al Qaida-Attacke der letzten Jahre Verbindungen nach Bosnien auf. Wenn die Intervention der Rechten in Afghanistan die Mudschaheddin geschaffen hat, dann war es die Einmischung der liberalen Linken auf dem Balkan, die deren Globalisierung verursacht hat.


Die Mudschaheddin zogen nach Bosnien als Reaktion auf die Islamisierung des Konflikts. Von 1992 bis 1995 schickten der Iran und, wenn auch in einem geringeren Umfang, Saudi Arabien bzw. die Türkei, Waffen und logistische Unterstützung nach Bosnien. Sie ermutigten die Mudschaheddin, sich an dem Heiligen Krieg in Bosnien zu beteiligen. Frustriert von der UN Resolution 713 – der UN Sicherheitsrat hatte im September 1991 ein Waffenembargo gegen alle kämpfenden Parteien in Jugoslawien beschlossen – genehmigte es die Clinton-Administration dem Iran, die bosnischen Muslime (und auch Kroatien) zwischen 1992 und 1993 mit mehreren Tonnen Waffen, Munitionen, Panzerabwehrraketen, Kommunikationsmitteln, Uniformen und Helmen für die bosnische Armee auszustatten. Auch die Kroaten, die manchmal zwischen 30 und 50 Prozent der Lieferungen als Gegenleistungen für die Bereitstellung kroatischen Territoriums für sich in Beschlag nehmen konnten, profitierten von diesen geheimen Transaktionen.


Während der ersten Phase der Bewaffnung der bosnischen Muslime und Kroaten verschloss die Clinton-Regierung ihre Augen vor dem Geschehen. Sie war über die Waffenlieferungen zwar informiert, wollte jedoch nicht verhindernd eingreifen. Ein kroatischer Funktionär sagte dazu später: „Die Amerikaner haben nie protestiert.“ In der zweiten Phase des Waffenschmuggels begannen die USA jedoch, aktive Unterstützung zu gewähren. Im April 1994 besuchten kroatische Funktionäre Peter Galbraith, den damaligen US-Botschafter in Zagreb. Sie fragten ihn, wie die USA auf eine erneute Öffnung der iranischen „Waffenpipeline“ reagieren würden. Galbraith verwies die Angelegenheit an den stellvertretenden US-Außenminister Strobe Talbott sowie an den Berater für Fragen nationaler Sicherheit, Anthony Lake. Diese besprachen das Thema mit Präsident Clinton an Bord seiner Air Force One am 27. April 1994. An genau diesem Ort beschlossen nach Darstellung des glaubwürdigen Autors David Halberstam (War in a Time of Peace) die Clintonianer, die Waffenlieferung zu tolerieren, obwohl die Regierung dem Iran offiziell feindlich gesonnen war. Das „House Republican Policy Committee“ hielt in einem Dokument vom April 1996 unter dem Titel „The Clinton Administration’s Wink and Nod to Allow Iran into Bosnia“ (Das Kopfnicken der Clinton-Regierung in Richtung Iran und dessen Einmischung in Bosnien) fest: „ Es war heuchlerisch, dass die Clinton-Regierung dem Iran eine stärkere Rolle in Bosnien zugestand, während sie das Land gleichzeitig der schlimmsten Unterstützung des weltweiten Terrorismus bezichtigte.“


Die Öffnung eines Zugangs für die islamische Welt nach Bosnien bot den Mudschaheddin die Gelegenheit, auch in Europa Fuß zu fassen. Islamische „Wohlfahrtsverbände“ in Saudi Arabien und Iran ermutigten und finanzierten die Truppen der Mudschaheddin – vor allem diejenigen, die nach dem Ende des Jihads gegen die Sowjets keine konkrete Aufgabe mehr hatten. 1994 schätzte der US-Oberstleutnant John Sray, ein Mitarbeiter des Nato-Geheimdienstes in Sarajewo (April bis August 1994), die Anzahl der Mudschaheddin in Bosnien, die vom Iran unterstützt wurden, auf 4000. Andere Beobachter setzten die Zahl der Mudschaheddin-Kämpfer etwas niedriger an. In einem internen UN Bericht vom 31. Oktober 1995 ist zu lesen, dass „aktuellen Schätzungen zufolge, die Zahl der Mudschaheddin in Bosnien bei ungefähr 700 bis 800 Mitgliedern liegt“. Mitarbeiter der amerikanischen Regierung wussten, dass die Mudschaheddin in Bosnien mitkämpften und dass ihre Truppen als „shock troops“ eingesetzt wurden. Doch erst, nachdem der Bürgerkrieg beendet und der Dayton-Vetrag 1995 unterzeichnet war, wurde der Versuch unternommen, diese aus Bosnien auszuweisen.
Die Mudschaheddin kämpften in Bosnien einen, aus Sicht vieler liberaler bzw. links-liberaler Beobachter, gerechten und guten Krieg. In den frühen 90er-Jahren verkörperten die Jihad-Kämpfer die Hoffnungen und Ziele westlicher Liberaler, die die Verteidigung der bosnischen Muslime gegen die Serben forderten. Es bestand eine erstaunliche Interessensübereinstimmung zwischen den Mudschaheddin und den prointerventionistischen „Humanisten“ im Westen. Die Medienberichterstattung hierzulande konzentrierte sich ganz auf das Leiden der Muslime und bot Parallelen zu den Videos der Mudschaheddin, mit denen diese Kämpfer für den bosnischen Jihad rekrutieren. Der mutmaßliche marokkanische Drahtzieher der Anschläge in Madrid ging nach Bosnien, nachdem er Fernsehreportagen über den Krieg gesehen hatte. Der Engländer Ahmed Omar Sheik, der wegen der Ermordung des amerikanischen Journalisten Daniel Pearl in Pakistan verurteilt wurde, gab Berichten zufolge an, von Videos über das Leiden der bosnischen Muslime, die ausgerechnet an der ehrwürdigen und renommierten London School of Economics gezeigt wurden, inspiriert worden zu sein.
Insgesamt übten die Mudschaheddin einen vernachlässigbar geringen Einfluss auf den Krieg aus. Auch die lokale muslimische Bevölkerung verachtete sie. Viel wichtiger war die Übersiedlung nach Bosnien für die Mudschaheddin selbst. Der Krieg gab ihnen eine neue Aufgabe außerhalb Afghanistans und bot ihnen die Möglichkeit, ein Standbein in Europa aufzubauen. Nach dem Bosnienkrieg zogen einige von ihnen nach Tschetschenien weiter. Vor allem wurde die Vorstellung des Jihads während der 90er-Jahre am Leben erhalten und diente als Grundlage, um neue, junge Kämpfer zu rekrutieren. Dies war für den Aufbau eines globalen Terrornetzwerks von zentraler Bedeutung. Abu Hajer al-Iraqi, ein Al Qaida-Veteran, der wegen der Anschläge auf die US-Botschaften 1998 in Afrika angeklagt ist, verfügte über ein bosnisches Visum. Er befand sich nur wenige Wochen vor dem Anschlag auf einer dreitägigen „Geschäftsreise“ nach Bosnien. Khalid Sheikh Mohammed, der Kopf der Anschläge vom 11. September, kämpfte 1992 in Bosnien und finanzierte die dortigen Al Qaida-Ausbildungscamps. Mindestens zwei der Flugzeugentführer – Khalid al-Mihdar und Nawaf al-Hazmi – machten ihre ersten militärischen Erfahrungen in Bosnien.


Es ist an der Zeit, dass wir die ganze Wahrheit über Al Qaida erfahren, statt uns lediglich auf deren Ursprünge in Afghanistan oder deren politischer Instrumentalisierung durch US-Präsident Bush zu konzentrieren. Wir sollten die Bewegungen von Al Qaida in den 90er-Jahren nachverfolgen und deren Unterstützung durch liberale Politiker und Medienvertreter kritisch beleuchten. Dies dürfte Vielen im Westen Unbehagen bereiten, aber es dürfte auch deutlich machen, dass die liberalen militärischen Interventionen von damals ebenso gefährlich waren wie die neokonservativen Eskapaden unserer heutigen Zeit.