13.05.2009

Die inszenierte Gefahr des Paintballspiels

Von Johannes Richardt

Ob die große Koalition das im Rahmen einer Verschärfung des Waffenrechts beschlossene Verbot der immer populärer werdenden Sportart „Paintball“ nun umsetzt oder doch wieder zurücknimmt, ist letztlich unerheblich. Denn dies ändert nichts daran, dass offensichtlich mittlerweile jede noch so absurd konstruierte Verbindung zwischen Alltagsleben und Verbrechen der Politik einen willkommenden Anlass für blinden Verbots-Aktionismus bietet.

Bei Paintball handelt es sich um eine moderne Erwachsenen-Variante des Räuber-und-Gendarme-Spiels. Die Spieler versuchen, sich mithilfe von Luftdruckwaffen gegenseitig mit bunten Farbbällchen abzuschießen (das sogenannte „Markieren“). In Deutschland betreiben ca. 20.000 Menschen regelmäßig diesen physisch und mental anspruchsvollen Mannschaftssport. Weltweit sind es nach Angaben des „Vereins zur Förderung des Paintballsports“ 16 Millionen Spieler.

Dass diese ebenso plump populistischen wie offensichtlich unsinnigen Ankündigungen, aus Winnenden etwas lernen zu wollen, in wirkungsloser Symbolpolitik und blindem Aktionismus verpuffen mussten, war eigentlich von vornherein abzusehen. Die Frage lautete nur, wann und vor allem mit welchen schnell zusammen gestrickten Verbotsforderungen die Politik diesmal versuchen würde, dem Wahlvolk Handlungsfähigkeit und Verantwortlichkeit zu suggerieren. Dass bei der Suche nach einem geeigneten Sündenbock die Wahl dann allerdings ausgerechnet auf Paintball fiel, war selbst für die an Absurditäten aller Art wahrlich nicht armen Berliner Verhältnisse eine Überraschung.

Hätte man bei einem Verbot sogenannter „Killerspiele“, von großkalibrigen Waffen oder krassen Gewaltdarstellungen im Internet mit viel paranoider Fantasie einen (obgleich sachlich nicht tragfähigen) Bezug zum Amoklauf konstruieren und diesen Zusammenhang bestätigende „Experten“ vorführen können, besteht zwischen den Ereignissen von Winnenden und dem Paintballsport nun wahrlich keine logische Verbindung. Tatsächlich hatte der Täter von Winnenden mit Paintball nichts am Hut!

Offenbar reicht der Politik inzwischen aber bereits die Behauptung eines “gefühlten” Zusammenhangs mit den Schreckensereignissen zur Begründung von Verboten aus. Solch ein Zusammenhang ist etwa in der vagen und gleichsam suggestiven Beschreibung des Paintballspiels als Aggression und Gewalt fördernde „Simulation des Tötens“, wie sich der CDU-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach ausdrückte, zu erkennen. Die auf manchen sicherlich martialisch wirkenden Bilder eines Paintballspiels eignen sich sehr gut zur medialen Inszenierung einer neuen Bedrohung. Es bleibt abzuwarten, wann Bosbach und Konsorten die Olympiadisziplinen Biathlon, Bogenschießen, Boxen, Fechten, Judo, Ringen, Speerwerfen und Schießen als gewaltverherrlichend auf den Index setzen.

Der orientierungslose Aktionismus der politischen Eliten wird immer offensichtlicher und unerträglicher. Über das Erfinden und Konstruieren neuer Gefahren versuchen sie verzweifelt, sich als Retter in höchster Not zu gebärden – auch wenn so unzähligen Bürgern nicht nur der Spaß an ihrem Hobby genommen wird, sondern diese auch noch als potenzielle Amokläufer öffentlich an den Pranger gestellt werden. Aber das muss im Superwahljahr wohl als eine Art Kollateralschaden im Kampf um Aufmerksamkeit betrachtet werden.