14.05.2018

Die Illusion einer Illusion

Von Franz Kromka

Titelbild

Foto: Rod Waddington via Flickr / CC BY-SA 2.0

Die westliche Entwicklungshilfe verhindert echte Fortschritte in der Dritten Welt. Statt auf Almosen sollte man auf Handelsliberalisierung und Privatinvestitionen setzen.

Dass Hunger, Not und Elend bedrücken, ist unbestritten. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen hungern derzeit weltweit knapp 800 Millionen Menschen, samt und sonders in den Entwicklungsländern. Keine Übereinstimmung besteht indessen über die Ursachen der Misere und die Möglichkeiten ihrer Beseitigung. Vielen Zeitgenossen erscheint der Sachverhalt als Gemeinplatz: Armut ist – hier wie dort – die Kehrseite der Freiheit. Der liberale Westen ist so sündhaft reich, weil andere Regionen arm sind, weil er diese anderen – ein Kennzeichen seiner Freiheit – ausgeplündert hat und bis auf den heutigen Tag wirtschaftlich benachteiligt. Einer mediengewandten internationalen Funktionärselite, zu der längst auch namhafte Vertreter christlicher Kirchen gehören, ist es gelungen, die vermeintlich plausible, aber dennoch falsche Ausbeutungsthese in den Rang eines Dogmas zu erheben. Doch was ist die Ursache dieser Überzeugung? Ganz offensichtlich können es sich mehr und mehr Menschen, namentlich akademisch gebildete, nicht vorstellen, dass die vielen Güter in unseren Fabriken, Handwerks- und Agrarbetrieben hergestellt oder in aller Regel zu fairen Bedingungen auf ausländischen Märkten eingekauft werden. Eine „masochistische Selbstzerfleischung als moralische Grundhaltung“ (Max Scheler) verbunden mit einem ungestümen Machbarkeitsglauben liefert den Nährboden für die sogenannte Dritte-Welt-Ideologie

Marshallplan gegen Wanderungsstrom?

Die Dritte-Welt-Ideologie beeinflusst gegenwärtig vor allem die Einstellung zum Einwanderungsgeschehen. Nicht wenige gut situierte Menschen sind – vornehmlich gedanklich – geneigt, den Armutsmigranten zu helfen. Sie haben Verständnis dafür, dass sich arme Menschen des Südens auf den Weg in die Länder des Nordens machen, wo anscheinend Milch und Honig im Übermaß fließen. Weil aber die Aufnahme der Wirtschaftsflüchtlinge nicht durchgehend populär ist und vor allem Wählerstimmen kosten kann, glauben viele Politiker, durch eine effizientere staatliche Entwicklungshilfe den Wanderungsstrom eindämmen zu können. Gerd Müller (CSU), der Bundesentwicklungsminister, spricht gar von einem Marshallplan, mit dem den desolaten Verhältnissen afrikanischer Völker begegnet und damit die zentrale Fluchtursache beseitigt werden könne. Nicht zuletzt hierfür soll der Etat von Müllers Ministerium in diesem Jahr um 15 Prozent auf 8,5 Milliarden Euro erhöht werden. Nebenbei will Müller unter anderen den Milliardär Bill Gates als Unterstützer und vor allem Geldgeber für seine Idee gewinnen.

„Geld ist im Übrigen niemals die Voraussetzung, sondern in aller Regel die Folge guten Wirtschaftshandelns.“

Doch mit einem Mehr an staatlicher wie erheblich staatlich bezuschusster privater Entwicklungshilfe Bedingungen in den afrikanischen Armutsregionen zu schaffen, die die Menschen zum Bleiben bewegen, ist nichts weniger als reines Wunschdenken. Auch für Clemens Fuest, dem neuen Präsidenten des ifo-Instituts, ist es „eine Illusion, dass wir die Fluchtursachen beseitigen können, wenn wir nur genügend Geld in die Hand nehmen.“ „Es kann nämlich“, schreibt Peter Graf Kielmansegg, „ja gerade in den Räumen der Gewalt und Anarchie gar keine Entwicklungshilfe geleistet werden.“ Geld ist im Übrigen niemals die Voraussetzung, sondern in aller Regel die Folge guten Wirtschaftshandelns, hat der Entwicklungsexperte Lord Peter T. Bauer immer wieder betont. Der Hauptfaktor einer gedeihlichen Entwicklung ist stets das „Humankapital“ (Theodore W. Schultz), dessen Herausbildung durch den Zufluss ausländischer Gelder viel eher behindert als gefördert wird. Treffend stellt James Shikwati, der kenianische Ökonom, fest: „Nicht immer mehr Geld kann die Probleme in Afrika lösen, sondern letztlich nur eine veränderte Einstellung.“ Und weil in den vergangenen sechs Jahrzehnten – nach vorsichtigen Schätzungen – rund 2000 Milliarden US-Dollar nach Afrika geflossen sind, ohne sichtbare positive Ergebnisse gezeitigt zu haben, bezeichnet die sambische Wirtschaftswissenschaftlerin Dambisa Moyos den Geldzufluss als „Dead Aid“.

Kolonialismus als Ursache des Elends?

Die westliche Entwicklungshilfe wird oft als Wiedergutmachung für kolonialistische Verheerungen begründet. Doch trifft es zu, dass samt und sonders die Europäer frühzeitig und aus reiner Profitgier die vermeintlich friedliche Welt der „edlen Wilden“ (Jean-Jacques Rousseau) ins Elend gestürzt haben? Gewiss kann einiges gegen die kolonialen und imperialen Unternehmungen europäischer Staaten, die übrigens in der Geschichte keinen Einzelfall darstellten, eingewendet werden. Der Zugriff auf Kolonien konnte einzelnen Unternehmen durchaus beträchtliche Gewinne verschaffen. Untersuchungen zeigen indessen, dass er gewöhnlich auch mit erheblichen Belastungen für die große Mehrheit der Steuerzahler des jeweiligen Mutterlandes verbunden war. Auf der anderen Seite sollte nicht übersehen werden, dass sich infolge der europäischen Herrschaft, namentlich der britischen, die materiellen wie die immateriellen Verhältnisse in den Kolonien grundlegend verbesserten: Aufgrund neuer vorteilhafter Agrarmethoden und nicht zuletzt wegen wirksamer medizinischer und hygienischer Maßnahmen vervielfachte sich die Zahl der Menschen. Und eine Tatsache ist auch, dass sich gerade während des Kolonialzeitalters in Europa die Idee allgemeiner Menschenrechte herausbildete – und das hat nicht zuletzt die moralische Verurteilung von Ausbeutung und Sklaverei bedeutet.

Die öffentliche Entwicklungshilfe stelle auch ein Mittel dar, nehmen deren Verteidiger an, die durch den gegenwärtigen Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung angeblich bewirkte neokolonialistische Ausbeutung armer Völker abzumildern. Die Fakten stützen indessen diese Behauptung nicht. Wenn nämlich die Misere eines Entwicklungslandes die direkte Folge seiner Benachteiligung durch die wohlhabenden Staaten ist, dann müsste einsichtiger Weise ein Land umso ärmer sein, je mehr es in die fortgeschrittenen Länder exportiert. Ein Blick in die Handelsstatistiken zeigt jedoch, dass diese von vielen für wahr gehaltene Vermutung falsch ist. Selbst Erhard Eppler, der ehemalige SPD-Entwicklungsminister, hat schon vor vielen Jahren festgestellt: „Europa und Afrika sind ökonomisch nicht interdependent. Afrika hängt ab von Europa, seinen Banken, Konzernen und Regierungen; Europa könnte ökonomisch sehr wohl ohne Afrika auskommen.“ Diese Aussage trifft auf alle Armutsregionen dieser Welt zu. Handel findet hauptsächlich zwischen den entwickelten Ländern statt; die armen Nationen stehen abseits.

„An der Misere der Armutsländer ist auch die westliche Entwicklungshilfe mitschuldig.“

In vielen Entwicklungsländern wird privatwirtschaftliche Initiative bis auf den heutigen Tag behindert oder gar weitgehend unterdrückt. Verschiedene Staatseingriffe zeitigen Investitionsentscheidungen, die den jeweiligen Faktorknappheiten unentwickelter Länder nicht gerecht werden und also Misswirtschaft zur Folge haben. Weil in den armen Ländern Kapital knapp und Arbeit im Übermaß vorhanden ist, müsste sinnvollerweise die Produktivität des – ländlich-agrarischen – Kapitals und nicht die der – städtisch-industriellen – Arbeit erhöht werden. Doch das Gegenteil, nämlich Bevorzugung der Industrie und nicht der Landwirtschaft, war und ist immer noch viel zu oft der Fall. Mit den von der Regierung festgelegten niedrigen Agrarpreisen, die den Bauern, der Landbevölkerung schlechthin, schaden, aber den wachsenden städtischen Massen nutzen, versucht man, Elend und Aufruhr in die Dörfer abzudrängen und nicht schon im Regierungs- und Villenviertel der Machthaber beginnen zu lassen.

Dass sich die Politiker nicht um eine prosperierende Landwirtschaft kümmern, hängt – das soll nicht ungesagt bleiben – wesentlich damit zusammen, dass mit den hauptsächlich von den OECD-Ländern auf den Weltmarkt gebrachten subventionierten und das heißt billigen Agrarüberschüssen das preisbedingte Defizit an Nahrungsmitteln ziemlich einfach ausgeglichen werden kann. Der Import billiger Agrarprodukte könnte indessen, wenn die Regierungen dies nur wollten, einfach durch Importzölle erschwert oder gar unterbunden werden. Doch an einer grundlegenden Änderung des herrschenden Zustandes haben die vom Militär beschützten kleptokratischen Machthaber wenig Interesse. In einem Spiegel-Gespräch stellte der kamerunische Historiker Achille Mbembe fest, dass selbst „die neue schwarze Führungselite Südafrikas zu einer räuberischen Herrschaftsklasse degeneriert ist, die sich selbst bereichert.“ Der viel zu oft völlig unrechtmäßig erworbene Reichtum der afrikanischen Machthaber lagert in beträchtlichem Maße auf Privatkonten ausländischer Banken. Nach groben Schätzungen befindet sich gegenwärtig ungefähr die Hälfte des sogenannten Schuldenberges der armen Länder auf Konten illegaler Briefkastenfirmen. Steuern und Spenden des – gar nicht so reichen – westlichen Durchschnittsbürgers fließen in erheblichen Maße in die private Tasche des – gar nicht so armen – Oberschichtmitglieds der Dritten Welt. Die Einkommensunterschiede zwischen Reich und Arm sind in den Entwicklungsländern in aller Regel sehr viel größer als in den Industrieländern.

Entwicklungshilfe lähmt Eigenverantwortung

An der Misere der Armutsländer ist – paradoxerweise – auch die westliche Entwicklungshilfe, die staatliche und teilweise auch die private, auch die von den christlichen Kirchen betriebene, mitschuldig. Der westliche Einsatz bewirkt, dass die Anstrengungen derer, denen geholfen wird, nachlassen oder gar unterbleiben, weil durch die Hilfe die Überzeugung, allein mit eigener Kraft etwas erreichen zu können, schwindet oder gar verlorengeht. Die kontraproduktiven Effekte einer Unterstützung, die weit über das hinausgeht, was die löbliche Katastrophenhilfe bezweckt, sind altbekannt. Ignoriert wurden sie aber – zuerst in den Vereinigten Staaten von Amerika – von denjenigen, die bald nach dem Zweiten Weltkrieg den trügerischen Glauben verkündeten, die westlichen Nationen seien erstmals in der Menschheitsgeschichte in der Lage, die Entwicklung armer, unentwickelter Völkerschaften entscheidend zu beschleunigen. Der amerikanische Präsident Harry S. Truman stellte im „Point Four“ seiner Vereidigungsrede 1949 fest, dass sein vom „effort optimism“ erfülltes Volk erstmals über die für die Entwicklung armer Weltregionen erforderlichen wissenschaftlich-technischen Lösungen verfüge und auch die für deren praktische Umsetzung notwendigen finanziellen Mittel besitze.

„Die aufstrebenden asiatischen Staaten zeigen, dass ein aufgeklärter Absolutismus auch heute die ökonomische Entwicklung voranzutreiben vermag.“

Die Verteidiger der Entwicklungshilfe – in unseren Talkshows stark vertreten – gehen hier wie dort unausgesprochen von der Ansicht aus, Entwicklung sei etwas, das die armen Völker weniger sich selbst als vielmehr den wohlhabenden Nationen abzuringen hätten. Dieser Anspruch auf westliche Hilfe, mit welcher Begründung er auch immer vertreten wird, schafft eine defätistische Bettlermentalität. Die armen Länder, die indessen echtem Wirtschaftsdenken zugetan sind und die durch ihre Politik und ihre rechtsstaatliche Ordnung für das rechte „Klima“ sorgen, benötigen keine demütigenden Almosen, sondern sie erhalten die westliche Kapitalhilfe problemlos „über den Markt“. Zudem können sie weitgehend kostenlos jenes brauchbare Wissen einsetzen, das im Westen auf oft recht langwierige Weise zustande gekommen ist. Diese Hilfe im Verein mit eigener Kraftanstrengung hat in aller Regel und zu allen Zeiten eine solide Entwicklung in Gang gebracht. Die westlichen Länder selbst, die mit Ausnahme der Pioniere ja auch einmal „unterwickelt“ waren, sind hierfür das beste Beispiel. Die vielen Regierungen hingegen, die auf die politische Kapitalversorgung gesetzt haben und immer noch setzen, haben ihre Volkswirtschaften zerrüttet und somit Entwicklung verhindert. Paradoxerweise erleichtern die Hilfsgelder es den Regierungen, auf den Zufluss ausländischen Risikokapitals keinen besonderen Wert zu legen. Dass nun aber gerade mit der dadurch bewirkten Knappheit an Privatkapital sehr oft die Forderung nach öffentlicher Hilfe begründet wird, stellt ein entwicklungspolitisches Kuriosum ersten Ranges dar.

Von der Hilfe sind aber auch jene zumeist akademisch gebildeten Menschen abhängig geworden, die – hier wie dort – in den ungemein vielen Organisationen der prosperierenden Hilfsindustrie das Elend sozusagen verwalten. Polemisch überspitzt, aber dennoch treffend, hat sie Graham Hancock einmal als „Händler der Armut“ bezeichnet, die ihren aufwendigen Lebensstil damit bestreiten, dass sie mit der Armut gewissermaßen lukrativen Handel treiben. Verschwände die Armut, gäbe es für sie kein Einkommen. Medienwirksame Hiobsbotschaften über Tod, Not und Elend stützen das Geschäft der Hilfsindustrie. Um rasch großzügige Unterstützungsgelder zu erhalten, werden Statistiken allerdings nicht selten massiv verfälscht. Rupert Neudeck hat deshalb einmal von einem „bösen Spiel mit Todeszahlen“ gesprochen.

Der Westen als Vorbild

Entwicklung ist nur möglich, wenn die Politiker der armen Länder entsprechend der Erkenntnis handeln, dass die Misere der ihnen anvertrauten Völker nicht die Kehrseite des westlichen Wohlstandes ist, gewissermaßen der „nichtgeraubte Rest“, sondern das Resultat einer großenteils selbst zu verantwortenden Misswirtschaft. Gerade weil es sich so verhält, würde z.B. mit dem von Gerd Müller geforderten Marshallplan bestenfalls mehr Armenfürsorge betrieben, jedoch kein Fortschritt erzielt werden. Aber fern der öffentlichen Entwicklungshilfe ist es – mit Nachdruck sei es gesagt! – mit erheblicher Anstrengung möglich, relativ rasch vorwärts zu kommen. „Weil Pfadfinder das Ziel gefunden haben“, hat Friedrich A. von Hayek in seiner „Verfassung der Freiheit“ dargelegt, „kann der Weg für jene gebaut werden, die weniger Glück oder Energie haben.“ Dabei muss allerdings erkannt und akzeptiert werden, dass Ungleichheit und nicht Gleichheit Entwicklung verheißt. Gerade weil es die Vorbilder, die Staaten des Westens und mittlerweile auch asiatische Länder, gibt, kann diesen Vorbildern – mit beträchtlich geringeren Kosten des Experimentierens und der Fehlschläge – nachgestrebt werden. Und obendrein können nur die Bürger der entwickelten Gesellschaften jene Kredite zur Verfügung stellen, die – sinnvoll eingesetzt – das Aufbauwerk beschleunigen.

„David Ricardos Theorie der komparativen Kostenvorteile ist immer noch gültig.“

Daneben dürfen die politischen Rahmenbedingungen die Entwicklung nicht hemmen. Die weitverbreitete Ansicht, dass allein durch Demokratisierung die Armut beseitigt werden könne, ist hingegen samt und sonders ein Köhlerglaube. Er beruht auf dem Trugschluss nach Art des „post hoc, ergo propter hoc“: Weil im Westen Wohlstand gewöhnlich mit demokratischer Herrschaft einhergeht, wird angenommen, dass Demokratie das Rezept gegen Elend sei. Aber nur wenn es funktionierende rechtsstaatliche Verhältnisse gibt, kann sich der demokratische Prozess im Verein mit unternehmerischer Tüchtigkeit und Arbeitsfleiß positiv auswirken. Man sollte überhaupt Verständnis dafür haben, wenn der harzige Übergang zu gedeihlichen Bedingungen mehr auf autoritäre („kemalistische“) denn auf demokratische Weise erfolgte. In ähnlicher Weise kann als Entwicklungshelfer der europäischen Völker neben sogenannten Hungerzeiten, die beim materiellen Aufbau einer Volkswirtschaft zu durchschreiten sind, durchaus der aufgeklärte Absolutismus eingestuft werden. Das Beispiel der aufstrebenden asiatischen Staaten zeigt, dass ein derartiger Absolutismus auch heute die ökonomische Entwicklung voranzutreiben vermag.

Förderung der Landwirtschaft

Erst wenn sich der populäre, aber völlig falsche Glaube verflüchtigt, breiter Wohlstand könne allerorten durch internationale Umverteilung von Gütern geschaffen werden, besteht die Hoffnung, dass sich allmählich – und selbstverständlich auch in Abhängigkeit vom jeweiligen geschichtlich-kulturellen Hintergrund – jene feste Einheit von Unternehmergeist und Schaffensdrang herausbildet, die Fortschritt verspricht. Dessen ungeachtet ist mit wirtschaftlichen Fortschritt in der Dritten Welt am ehesten dann zu rechnen, wenn man sich – bei der gewiss recht schwierigen Einrichtung klarer Eigentumsverhältnisse und fester marktwirtschaftlicher Strukturen – bemühte, das, was man mit vergleichsweise gutem Erfolg bereits erzeugt, noch effizienter herzustellen. Gewöhnlich geht es darum, bei entzerrten Preisen und Kosten die Produktivität der sträflich vernachlässigten (meist bäuerlichen) Landwirtschaft und des bodenständigen Gewerbes zu erhöhen. Die ersehnte, aber bislang sehr oft misslungene Industrialisierung hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn ihr ein agrarischer Überschuss zugrunde liegt, sie also von einer prosperierenden Landwirtschaft getragen wird. Solange es sozusagen noch Hunger zu stillen gilt und solange die Einkommensempfindlichkeit der Nachfrage nach Agrarprodukten besonders hoch ist, sollte die Landwirtschaft sogar überdurchschnittlich wachsen. Die Agrarproduktion erleichtert in diesem Fall den ersten grundlegenden Ausbau des sekundären Wirtschaftsbereiches. Sie tritt als wichtiger Käufer der – noch nicht sonderlich hochwertigen – gewerblichen und industriellen Erzeugnisse auf, sie liefert kostengünstige Nahrungsmittel und sie stellt nicht unbeträchtliche Ersparnisse für den außeragrarischen Aufbau zur Verfügung.

Fortschritt durch Globalisierung

Bei der Behebung der Agrarmisere können die westlichen Staaten dadurch helfen, dass sie – nun endlich – dem Motto „Trade not Aid!“ folgen und somit den Produkten aus den armen Ländern nicht weiterhin den Zugang zu ihren Märkten erschweren. Dabei müssen Vorurteile bekämpft werden, die vor allem die Verteidiger der Staatshilfe gegen die weltumspannende Öffnung und Ausweitung der Handels- und Kapitalströme, die sogenannte Globalisierung, hegen. Die Globalisierung ist – unterm Strich – kein Instrument der Ausbeutung. David Ricardos Theorie der komparativen Kostenvorteile ist immer noch gültig. Die materielle Situation armer wie auch reicher Länder verbessert sich, wenn die Güter jeweils dort produziert werden, wo ihre Herstellungskosten – relativ – am geringsten sind. Nach Branko Milanovic, dem ehemaligen Weltbank-Ökonomen, geht es heute auf der Welt wirtschaftlich gerechter zu als früher: „Ein Teil der Menschheit [in den reichen Ländern, F. K.] ist ärmer geworden, aber ein sehr viel größerer [in den armen Ländern, F. K.] ist reicher geworden.“ Der gerade für die Entwicklungsländer vorteilhafte Freihandel ist indessen vielfach beschränkt, weil die Politiker, wie gerade heute zu sehen ist, nicht die langfristige Wohlfahrt ihrer Völker, sondern nur den kurzfristigen Vorteil ihrer jeweiligen Anhängerschaft im Auge haben.

Die Regierungen, die sich nach besten Kräften bemühen, die Armut zu überwinden und auf diese Weise gerade ihre tüchtigsten abwanderungsgeneigten Menschen im Lande zu halten, benötigen keine öffentlichen Gelder westlicher Staaten. Sie können dagegen mit jenen ausländischen Privatinvestitionen rechnen, die auf der Grundlage beidseitiger Gewinnerwartung vergeben werden. Vor allem diese Investitionen bewirken, dass sich das so dringend erforderliche technische, kaufmännische und organisatorische Wissen in den Ländern verbreitet. Merkwürdigerweise wird aber der private Einsatz immer noch viel zu selten als echte und das heißt wirksame Hilfe betrachtet. Schuld daran sind die Apologetiker der Staatshilfe, die die Arbeit der Unternehmer als unintellektuelle Profitmacherei brandmarken. Doch es ist hier wie dort das regelgebundene Gewinnstreben, das Wohlstand verheißt. Dagegen lindert die von freiheitsfeindlichem Geist erfüllte staatliche Hilfe nirgendwo die Armut; vielmehr vergrößert sie diese in aller Regel. Diese Hilfe ist nicht mehr und nicht weniger als die Illusion einer Illusion.