01.05.2005

Die Huren von Guantanamo

Analyse von Brendan O’Neill

Über schillernde Blüten des moralischen Anti-Amerikanismus.

„Bush benutzt menstruierende Prostituierte, um Unschuldige zu foltern.“ Von allen Schlagzeilen über das amerikanische Gefangenenlager von Guantanamo Bay war diese mit Sicherheit die schockierendste. Zu lesen war sie am 26. Januar 2005 auf einer Website. Sie bezog sich auf den Bericht des Rechtsanwalts Stephen Hopper, der behauptet hatte, sein Mandant, der in Ägypten geborene australische Staatsbürger Mamdouh Habib, sei während seines Aufenthalts in Guantanamo Bay sexuell erniedrigt worden. „Die Amerikaner benutzen Prostituierte in ihren Verhören“, hieß es in dem Bericht, und anscheinend habe eine dieser Prostituierten nackt über dem gefesselt am Boden liegenden Habib gestanden und auf ihn menstruiert.1

Habib war im Oktober 2003 in Pakistan verhaftet und Anfang des Jahres aus dem Gefangenenlager Guantanamo entlassen worden. Sein Bericht sorgte in Australien für Aufruhr: Der Sydney Morning Herald verglich die geschilderten Methoden mit denen eines Konzentrationslagers. Die Geschichte schwappte anschließend um den Globus.

Habib ist nicht der erste, der über derartige Praktiken in Guantanamo berichtete. Bereits im März 2004 hatte der in England lebende Jamal al-Harith gegenüber der britischen Zeitung Mirror über Fälle sexueller Erniedrigung durch menstruierende Prostituierte berichtet.2 Dieser Bericht veranlasste die Online-Publikation The Gutless Pacifist, unter dem Titel „Menstruationsblut als Waffe im Anti-Terror-Krieg“ die Existenz des Gefangenenlagers zu kritisieren.3 Al-Hariths finden sich auch in Ron Jonsons Buch The Men Who Stare at Goats4 wieder. Das US-Militär habe, so wird er zitiert, Prostituierte aus den Staaten eingeflogen, damit diese den Soldaten ihre Dienste anböten, aber auch, um Gefangenen „ihr Menstruationsblut ins Gesicht zu schmieren“.

Nach der Veröffentlichung von Habibs Geschichte meldete sich der amerikanische Anwalt Marc Falkoff mit den Erlebnissen eines jemenitischen Klienten zu Wort, der von ähnlichen Praktiken berichtet hatte. Zuerst habe er die Geschichte nicht geglaubt und sie als Horrorgeschichte abgetan, aber inzwischen erscheine sie ihm nicht mehr ganz so unvorstellbar. Es wurde spekuliert, derartige Praktiken dienten dazu, muslimische Gefangene zu entwürdigen, denn strenggläubigen muslimischen Männern sei der Kontakt mit menstruierenden Frauen verboten.

Zweifellos ist das Langer in Guantanamo ein zutiefst unwirtlicher Ort, und es ist eine Schande, dass dort 600 Männer ohne Anklage festgehalten wurden. Aber Prostituierte einfliegen, um Gefangenen in die Gesichter zu menstruieren? Das klingt tatsächlich nach einem üblen Horrorfilm. Versucht man, dem Geheimnis um die Huren von Guantanamo auf den Grund zu gehen, stößt man auf mehr Fragen als Antworten. Offensichtlich gab es dort Fälle sexueller Erniedrigung, aber es gibt so gut wie keine Hinweise darauf, dass dort menstruierende Prostituierte „zum Einsatz“ kamen.

"Wurden Prostituierte nach Guantanamo eingeflogen, um Gefangenen in die Gesichter zu menstruieren?"

Emma Tom, Kolumnistin der Zeitung The Australian, zeigte sich skeptisch ob der Huren-Geschichte: „Jede Frau, die jemals ihre Periode hatte, sollte wissen, dass irgend etwas an dieser Schlagzeile nicht stimmen kann“, schrieb sie. „Durchschnittlich verliert eine Frau während ihrer Regel etwa 25 bis 35 Milliliter Blut – das ist ungefähr die Menge eines Espresso. Wenn man aber bedenkt, dass die Zeitdauer, in der Frauen diese Menge Blut verlieren, mehrere Tage beträgt, und man zudem die dickflüssige und schmierige Konsistenz der Ausscheidungen in Betracht zieht, so ist eher unwahrscheinlich, dass eine Frau einen Mann mit Menstruationsblut besprühen kann.“ Zudem bezweifelte Emma Tom, dass Frauen auf Bestellung bluten können. „Sie müssten schon tagelang ihre Ausscheidungen sammeln, um eine verwendbare Menge zusammenzubekommen.“5

Wie genau also hat Habib die Ereignisse beschrieben? Die Antwort lautet: überhaupt nicht. Sein Anwalt Stephen Hopper berichtete mir, die Geschichte, dass eine nackte Prostituierte über Habib menstruiert habe, nur aus zweiter Hand und auch nicht von Habib selbst, sondern von anderen mittlerweile freigelassenen Guantanamo-Häftlingen, den britischen Staatsbürgern Tarek Gergoul und Jamal al-Harith, erfahren zu haben. Beide waren im März 2004 freigelassen worden. Al-Harith wiederum behauptet, die Geschichte lediglich von anderen Gefangenen gehört zu haben. Die betroffenen Männer, so al-Harith, würden sich weigern, über ihre Erlebnisse zu berichten. Gegen ihn selbst und gegen andere britische Gefangene seien derartige Praktiken aber nicht angewandt worden. Im Interview habe er Ron Jonson lediglich erzählt, zwei der britischen Gefangenen hätten ihre Wächter gefragt, ob sie selbst die Frauen haben könnten. Die Wächter hätten ihnen geantwortet, die Frauen seien nur für diejenigen Gefangenen bestimmt, die diese nicht wollten.6

Auch die Berichte des Jemeniten, die am 10. Februar 2005 im San Francisco Chronicle veröffentlicht wurden und in denen ebenfalls Menstruationsblut eine Rolle spielte, sind wohl Erzählungen aus zweiter Hand.7 Sein Anwalt Falkoff bestätigte mir, die Ereignisse seien „nicht direkt meinem Klienten passiert“, er habe vielmehr von „Missbrauchsfällen berichtet, von denen er gehört hat. Einer Geschichte zufolge sei einem Gefangenen, der sich während des Verhörs nicht kooperationswillig gezeigt habe, von einer Vernehmungsbeamtin Menstruationsblut auf die Brust geschmiert worden.“ Bis zum heutigen Tage hat sich also noch niemand zu Wort gemeldet, der vorgibt, selbst von nackten Prostituierten mit Menstruationsblut besudelt worden zu sein.

Hat Habib seit einer Rückkehr nach Sydney Ende Januar seine Geschichte bekräftigt? Nicht wirklich. „Seine Geschichte ist ganz anders“, sagt sein Anwalt Hopper heute. „Es war keine Prostituierte, sondern eine Vernehmungsbeamtin. Sie war nicht nackt, sondern trug einen Rock und einen Top. Sie menstruierte auch nicht auf ihn, sondern berührte ihn mit etwas, von dem er meinte, es sei Menstruationsblut.“ Ob er das glaube, fragte ich den Anwalt. „Ja, sie sagte, es sei Menstruationsblut, und wir glauben ihr.“

Darauf angesprochen, dass zwischen der von ihm zuerst veröffentlichten Schilderung und der nun von ihm dargestellten Version der Geschichte eine große Lücke klaffe, entgegnete Hopper, seine Angaben mögen nicht akkurat gewesen sein, aber „ganz gleich, ob es eine Prostituierte oder eine Vernehmungsbeamtin war, es handelt sich um grausame Praktiken“. Zudem verwies er darauf, das Englisch seines Mandanten sei nicht besonders gut.

Tatsächlich korrespondiert die „mildere“ Variante von Habibs Geschichte mit den Berichten von Eric Saar, einem ehemaligen US-Sergeanten, der von Dezember 2002 bis Juni 2003 in Guantanamo als Arabisch-Übersetzer arbeitete. Passagen eines demnächst erscheinenden Buches zufolge, deren Inhalt der Nachrichtenagentur Associated Press in die Hände geriet, wurde Saar Zeuge ähnlicher Gedankenspiele von Vernehmungsbeamten.8 So habe eine Vernehmungsbeamtin einen muslimischen Übersetzer gefragt, wie sie einen strenggläubigen Gefangenen psychisch „knacken“ könne. Der Übersetzer riet ihr, ihm zu sagen, dass sie menstruiere, und ihn dann zu berühren. Die Beamtin habe daraufhin ihre Fingerkuppen mit einem roten Stift bemalt, das Gesicht des Gefangenen berührt und ihm dann erklärt, es handele sich um Menstruationsblut.

Derlei Praktiken wurden jedoch in Guantanamo missbilligt: Berichten zufolge seien im November 2004 zwei weibliche Vernehmungsbeamte wegen „unsauberen Verhaltens“ gemaßregelt worden.9

Macht es einen Unterschied, ob Prostituierte oder eine Vernehmungsbeamtin einen Gefangenen mit Farbe oder Blut beschmiert hat? Für Marc Feldhoff, den Anwalt, ist das reine Wortklauberei. „Egal, wie es genau gewesen ist, dies sind ekelhafte Methoden, um Gefangene zu erniedrigen. Sie erniedrigen jedoch auch die amerikanischen Soldaten und auch die Regierung.“

Es ist nachvollziehbar, dass angesichts der Zustände im Gefangenenlager in Guantanamo Bay Erfahrungsberichte sehr emotional ausfallen und nicht frei von Übertreibungen und Zuspitzungen sind. Schlimmer als das ist jedoch der Einfluss, den die Geschichte der menstruierenden Huren von Guantanamo in der globalen Öffentlichkeit hinterließ. Je häufiger die Geschichte publiziert und verbreitet wurde, desto glaubwürdiger schien sie zu werden, obwohl niemals handfeste Beweise auf den Tisch gelegt wurden. Dabei sollte es durchaus einen Unterschied machen, sowohl in der öffentlichen Debatte als auch vor Gericht, ob Gefangene mit Menstruationsblut in Kontakt kamen oder mit Farbe! Doch ungeachtet fehlender Beweise gilt vielen die Huren-Geschichte als Beleg für die Brutalität und Menschenverachtung Amerikas, oder, wie sich der Anwalt Stephen Hooper ausdrückt, für „den Aufstieg des amerikanischen Faschismus“.

Solcherlei Aussagen deuten auf ein grundsätzliches Problem in der politischen Debatte hin. Anstatt sich politisch mit dem Krieg gegen den Terror und der Rolle, die Guantanamo Bay darin spielt, zu befassen, wird das Ganze zu einer durch moralische Empörung geprägten Emotionsschau, in die nahezu jeder ungeachtet seiner politischen Ausrichtung und Herkunft einstimmen kann. Die Amerikaner angesichts von Verfehlungen in Guantanamo als moralisch verkommen und niederträchtig zu verdammen, ist alles andere als ein kritischer politischer Standpunkt. Er ist vielmehr Ausdruck des Strebens, sich selbst seiner eigenen weißen Weste zu vergewissern, indem man auf Amerika einprügelt, das sogar „menstruierende Prostituierte einsetzt, um Gefangene zu foltern“. Wenn die Ablehnung von Lagern wie dem in Guantanamo lediglich auf derlei moralischen Standpunkten beruht und nicht politisch begründet wird, werden in Zukunft weitere frei erfundene Horrorgeschichten die öffentliche Meinung beeinflussen, solange sie nur die eigene Selbstgerechtigkeit stützen.

In der Vergangenheit spielten die Medien häufig eine staatstragende Rolle und verkamen zu Propagandamaschinen der Regierung. Die Feststellung, das erste Kriegsopfer sei die Wahrheit, fasst diese Einsicht prägnant zusammen. Heute scheint jedoch zuweilen das Gegenteil einzutreten. Man bekommt den Eindruck, als ob immer mehr Medien heute ihre Aufgabe darin sehen, alles zu veröffentlichen, was Institutionen und Regierungen, insbesondere die amerikanische, in den Dreck zieht. Offenbar wird davon ausgegangen, dass offizielle Verlautbarungen von Autoritäten grundsätzlich falsch und erlogen sind und dass ihren Kritikern grundsätzlich Glauben geschenkt werden müsse. Es stellt sich die Frage, ob diese zynische Art des Journalismus wirklich besser ist als die traditionellen Formen der Kriegsberichterstattung.

Welche Verhörmethoden in Guantanamo tatsächlich angewandt wurden, wird sich mit der Zeit schon herausstellen. Hat jemand Interesse, die „Wartezeit“ zu nutzen, um sich ernsthaft über den Krieg gegen den Terror und seine Konsequenzen zu unterhalten?