01.11.2003

Die Homöopathie ist ein großer Irrtum

Essay von Wolfgang Vahle

Wolfgang Vahle wagt den Versuch, umfassend zu erklären, warum die Homöopathie von der wissenschaftlichen Medizin nicht anerkannt und als „Irrlehre“ bezeichnet wird.

Die Homöopathie wurde vor etwa 200 Jahren von Samuel Hahnemann eingeführt in dem Bemühen, die Nebenwirkungen der damals verwendeten Medikamente („Drastika“) zu beseitigen. Er erfand eine neue Lehre, die er auf seine Beobachtungen stützte. Seine Lehre beinhaltet zwei wesentliche Lehrsätze. Erstens: Krankheiten werden durch Medikamente geheilt, die ähnliche Symptome hervorrufen wie die Krankheit selbst. Und zweitens: Die Wirkung der Medikamente wird durch Verdünnen (Hahnemann nannte das „Potenzieren“) verstärkt. In der Tat ist die Homöopathie nebenwirkungsfrei. Sie ist allerdings auch wirkungsfrei!

Das Prinzip der Ähnlichkeit ist bereits im Ansatz falsch. Zunächst muss man wissen, dass Ähnlichkeiten in unserem Kopf entstehen. Ähnlichkeit hat etwas mit Mustererkennung zu tun. Und Mustererkennung hat etwas mit unserem Kopf, mit unserer Fantasie, Erfahrung, Biographie etc. zu tun. Ein bekanntes Beispiel ist der „Rorschach-Test“: Ein völlig irregulärer Tintenklecks wird von jeder Versuchsperson anders interpretiert. Jede Versuchsperson sieht Ähnlichkeiten mit ihr vertrauten Bildern. Diese Ähnlichkeiten sind aber nicht objektiv vorhanden, sie werden „hineininterpretiert“.
Ähnlichkeiten sind außerdem davon abhängig, wie genau meine Beobachtung, meine Untersuchung ist. Und die Untersuchungsmethoden sind wiederum von meinen Kenntnissen abhängig. Auch hierfür ein Beispiel zur Verdeutlichung: schaue ich als Nicht-Pilot in eine Flugzeugkanzel, dann sehe ich eine Reihe von ähnlichen Instrumenten – alle rund, alle mit Zifferblatt, alle mit Zeiger. Ein Pilot sieht die Unterschiede: ein Instrument ist der Höhenmesser, das andere der Geschwindigkeitsmesser, wieder ein anderes der Kompass. Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Objekten bedeuten demnach erst einmal gar nichts. Und bei genauerer Beobachtung treten zunehmend Unterschiede auf. Sehe ich das Blut zweier Patienten nur mit meinem bloßen Auge, dann sehen beide Blutproben ähnlich aus: rot und dickflüssig. Schaue ich mit dem Mikroskop, dann stellt sich eventuell heraus, dass die erste Blutprobe von einem Gesunden, die zweite von einem Patienten mit Leukämie stammt. Die Ähnlichkeit ist plötzlich verschwunden.

„Die Homöopathie ist unfähig zu lernen, sie steht auf demselben Stand wie vor 200 Jahren. Es werden zwar neue „Arzneimittelbilder“ erstellt – aber mit alten, völlig überholten und völlig untauglichen Mitteln.“

Doch als Hahnemann lebte, gab es keine Elektronenmikroskope, keine Möglichkeit der chemischen Untersuchungen, kein EKG, kein EEG, keine Röntgenstrahlen, keine Computertomographie, Kernspintomographie, evozierte Potentiale usw. Alle Beobachtungen Hahnemanns wurden mit den bloßen Sinnesorganen gemacht. Die Homöopathie von heute macht das noch genauso. Hahnemanns Lehre wird von ihren Anhängern wie eine Bibel verehrt – nichts darf verändert werden. Die Homöopathie ist demnach unfähig zu lernen, sie steht auf demselben Stand wie vor 200 Jahren. Es werden zwar neue „Arzneimittelbilder“ erstellt – aber eben mit alten, völlig überholten und völlig untauglichen Mitteln.

Ein weiteres Argument gegen das Ähnlichkeitsprinzip ist die Tatsache, dass der Reaktionsfähigkeit unseres Körpers auf Störungen von außen offenbar Grenzen gesetzt sind. Einer Nase ist es beispielsweise völlig egal, ob sie von einem Virus, einem Allergen, einem Bakterium, einem Operateur oder einem Witzbold mit einer Feder geärgert wird: sie reagiert immer mit Naselaufen, Schleimhautschwellung, Rötung, Niesen usw. Wenn ich nur auf die Reaktion schaue, dann kann ich sowohl mit Pfeffer oder Salz als auch mit Paprika und Curry ein Arzneimittelbild erstellen, das in diesem Punkt einer Erkältung gleicht. Wie ist es bei einer Allergie? Birkenpollen führen bei einem Birkenpollenallergiker zum Niesen, Katzenhaare bei einem Katzenhaarallergiker. Das Niesen ist immer gleich. Daraus kann man aber keineswegs schließen, dass Birkenpollen und Katzenhaare irgendetwas miteinander zu tun haben. Andersherum: Wäre der homöopathische Arzneimittelprüfer ein Birkenallergiker gewesen, dann hätte er „herausgefunden“, dass Birken gegen Schnupfen helfen (weil Birken ja bei ihm Schnupfen „machen“); wäre er Katzenallergiker gewesen, hätte er „herausgefunden“, dass Katzen gegen Schnupfen helfen. Dem Zufall ist also Tür und Tor geöffnet. Kein Wunder, dass Hahnemanns Ur-Experiment (das mit der Chinarinde) nicht ein einziges Mal reproduziert werden konnte. Hahnemanns gesamtes Theoriegebäude hat sein Fundament in einem „fundamentalen“ Irrtum. Interessiert das irgendeinen Homöopathen? Nein.
Ähnlichkeiten zwischen Arzneimittelbildern (Vergiftungserscheinungen, die von den „Arzneimitteln“ hervorgerufen werden) und Krankheitserscheinungen sind also von vielen Dingen abhängig: von der Genauigkeit der Beobachtung, vom Reaktionsspektrum der Organe und von der Interpretationskunst des Homöopathen, der das Arzneimittelbild beschreibt. Dabei wird dieser sicher auch von seinem Wunschdenken beeinflusst sein. Sucht er zum Beispiel ein Arzneimittel gegen Heuschnupfen, dann wird er andere Symptome für wichtig (oder unwichtig) halten, als wenn er auf der Suche nach einem Mittel gegen Darminfekte ist. Im Übrigen ist es wegen der enormen Vielzahl an Substanzen und der nicht minder großen Vielzahl an Krankheitssymptomen statistisch hoch wahrscheinlich (eigentlich sogar sicher), dass sich Korrelationen zwischen beiden Gruppen finden lassen. Und hier „hilft“ uns Menschen wieder unser psychologischer Mechanismus, selbst im völligen Chaos noch Muster „erkennen“ zu können. Aber was ist diese „Erkenntnis“ denn eigentlich wert? 1

„Das Prinzip der Wirkungsverstärkung durch Verdünnen ist grober Unfug! Wirkstofffreie Lösungen können keine spezifischen Wirkungen haben.“

Aus der Ähnlichkeit (die aus naturwissenschaftlicher Sicht also beliebig ist) auf eine ursächliche Wirkung gegen eine Erkrankung zu schließen, ist in hohem Maße naiv. Die Homöopathen erinnern an Ureinwohner einer Südseeinsel: „... während des Krieges haben sie gesehen, wie Flugzeuge mit jeder Menge guter Sachen landeten; nun möchten sie natürlich, dass das gleiche wieder passiert. Also haben sie so etwas Ähnliches wie Landebahnen angelegt und neben ihnen Signalfeuer angezündet; eine Hütte aus Holz haben sie auch gebaut, und in der sitzt ein Mann, der auf dem Kopf zwei so Dinger aus Holz hat, die wie ein Kopfhörer aussehen und von denen zwei Bambusstöcke wie Antennen abstehen – das ist der Flugkontrolleur. Und jetzt warten sie darauf, dass ein Flugzeug landet. Sie machen alles richtig. Der Form nach einwandfrei. Alles sieht genauso aus wie damals. Aber es haut nicht hin. Nicht ein Flugzeug landet.“ 2 Der Autor dieser Zeilen, Richard P. Feynman, nennt solches Verhalten „Cargo-Kult-Wissenschaft“.

Was ist mit dem Prinzip der Wirkungsverstärkung durch Verdünnen? Mit Verlaub: das ist grober Unfug! Eine Substanz, die aus einer Lösung entfernt worden ist, kann nicht mehr wirken. Bei Verdünnungen von C200 bedeutet das „C“, dass jede Verdünnung im Verhältnis 1:100 durchgeführt und das ganze noch 200-mal wiederholt wird. Das Ergebnis ist eine Verdünnung im Verhältnis 1:10400 (also eine 1 mit 400 Nullen). Im ganzen Universum gibt es aber „nur“ 1080 Atome (eine 1 mit 80 Nullen). 3 Das bedeutet, dass man diese Verdünnung nicht einmal im gesamten Universum bewerkstelligen kann. Man benötigte dazu sage und schreibe 10320 Universen, und man könnte sich am Ende glücklich schätzen, wenn die Wirkung zumindest in unserem Universum geblieben ist. Nach Ansicht der Homöopathen soll das funktionieren. Sie glauben nämlich, dass sie es schaffen können, die „Information“ aus dem Molekül von diesem zu trennen und dem Lösungsmittel zuzuführen. Gerne werden hierfür Vergleiche herangezogen: Wenn man eine unbespielte und eine bespielte Videokassette wiegt, erhält man das gleiche Ergebnis, aber dennoch ist auf der einen eine Information (ein Film) und auf der anderen nicht, sagen sie. Es ist zwar richtig, dass „Information“ etwas Körperloses ist, aber sie ist, wenn man sie „zugänglich“ machen will, „speichern“, „verarbeiten“ und wieder „lesen“ will, an etwas Körperliches gebunden. Wenn die Arzneiinformation das Arzneimolekül braucht, dann braucht der Film die Magnetschicht der Videokassette. Entferne ich das Molekül aus der Lösung, dann ist das so, als kratze ich die Magnetschicht vom Trägermaterial.

Nun glauben die Homöopathen aber, die Information sei zuvor auf das Lösungsmittel übergegangen und deshalb immer noch vorhanden. Wenn aber die Information nach dem „Potenzieren“ im Wasser ist, ist sie dann nicht mehr im Arzneimolekül? Kann dann das Arzneimolekül ohne seine spezifische Information überhaupt noch weiter existieren? Oder ist die Information dabei vervielfältigt (kopiert) worden? Und wie geht das – kopieren? Wie das im Computer funktioniert, wissen einige. Da gibt es mehrere Speicher, Datenbusse, Controller und einen zentralen Prozessor, der alles koordiniert. Die Information muss an festen „Adressen“ abgelegt werden, um sie später wiederfinden zu können. Der Kopiervorgang benötigt Energie, wie auch das „Auslesen“. All das soll beim „Potenzieren“ quasi ganz von allein geschehen? Als Energiequelle soll es ausreichen, wenn man die homöopathische Lösung schüttelt und fest aufstößt. Warum nimmt man kein elektrisches Rührgerät? Das würde ebenfalls die Moleküle verteilen und Energie liefern. Der Grund scheint einfach: Zu Zeiten Hahnemanns gab es noch keine Rührgeräte.

Es stellt sich überdies die Frage, wie das Lösungsmittel die Information speichern soll. Beim Speichern von Information muss sich ja irgendetwas verändern. Das Lösungsmittel kann sich aber nicht ändern, denn alle Moleküle bleiben gleich. Leider muss man feststellen, dass Wasser oder Alkohol die Information gar nicht speichern können, denn die Moleküle des Lösungsmittels sind „ununterscheidbar“, das heißt, man kann keine unterschiedliche Anordnung von Wassermolekülen erkennen, man kann keine zusammengehörende Gruppe von Wassermolekülen im Umgebungswasser ausmachen. Alles ist gleich wahrscheinlich, und damit ist die Information gleich Null.
So genannte „cluster“, die angeblich aus Wassermolekülen bestehen und die Arzneiinformation speichern sollen, gibt es also nicht und kann es gar nicht geben. Wie will man denn das Molekül aus der Lösung „schütteln“ und die Information ungestört in der Lösung belassen? Genauso unmöglich wäre es, einen Magneten aus einer Dose mit Eisenspänen zu schütteln und dabei das ursprüngliche Arrangement der Eisenspäne ungestört zu lassen.

Häufig werden angeblich unwiderlegbare Argumente zur Erklärung der homöopathischen Wirkung herangezogen, wie zum Beispiel der „Welle-Teilchen-Dualismus“ oder die „Heisenberg’sche Unschärferelation“. Oft muss die Quantenphysik herhalten, denn sie ist ohnehin schwer zu verstehen. In dem physikalischen Begriff „Unschärferelation“ kommt ja wohl für jeden klar erkennbar zum Ausdruck, dass es noch etwas „Unscharfes“, etwas „Nicht-Erklärbares“ gibt, auf das sich die Homöopathie berufen kann, könnte man meinen. Die Quantenphysik hat unsere Welt allerdings vorhersehbarer und verständlicher gemacht. Sie hat uns zum Beispiel die Atomuhr beschert. Und der Welle-Teilchen-Dualismus sowie die Heisenberg’sche Unschärferelation erklären in keinster Weise, wie man Information in einer homogenen Lösung aus nicht voneinander zu unterscheidenden Molekülen speichern kann, so gerne uns Homöopathen das weismachen möchten.
Der 2. Hauptsatz der Thermodynamik erklärt vielmehr, warum ein solcher Vorgang unmöglich ist. Bei jeder Temperatur über dem absoluten Nullpunkt wirbeln die einzelnen Moleküle chaotisch und nicht verfolgbar durcheinander. Die Unordnung (die Entropie) nimmt zu – und der Informationsgehalt ab. Wie lange würde sich die Information im Lösungsmittel halten (wenn es denn jemals gelingen würde, sie dort hineinzubekommen)? Millisekunden, Mikrosekunden, Picosekunden?

Das alles kümmert Homöopathen wenig. „Ein großer Teil experimenteller Wissenschaft besteht darin, Tests zu konstruieren, die sicherstellen, dass das Ergebnis eines Experiments nicht das Ergebnis eines menschlichen oder eines Interpretationsfehlers ist. Die ‚unendliche Verdünnung‘ ist ein solcher Test. Wenn der beobachtete Effekt nicht verschwindet, nachdem die Verdünnung Null erreicht hat, ist das ein klarer Beweis dafür, dass der Effekt nicht durch die getestete Substanz erzielt worden ist.“4 – Wenn also zum Beispiel mein Auto weiterfährt, obwohl ich die ganze Seifenlösung aus dem Scheibenwaschtank herausverdünnt habe, ist das eben gerade kein Beweis dafür, dass Seifenlösung der stärkste Treibstoff der Welt ist, weil das Auto sogar noch ohne sie fährt. Das ist vielmehr ein Beweis dafür, dass die Seifenlösung nichts mit dem Treibstoff zu tun hat. Die Homöopathie erblickt aber gerade in solchen Gedankenspielen einen „Beweis“ für die hohe Wirksamkeit der Arzneimittel, wenn diese, ohne anwesend zu sein, noch wirksam sind.

Der französische Homöopath Benveniste behauptet entdeckt zu haben, dass die Information im Wasser in Form von elektromagnetischen Wellen gespeichert wird, die man mit Hilfe einer Spule um das Wasser herum sichtbar machen könne. Gemäß Benveniste könnte man die Informationen in einem Computer abspeichern und ins Internet stellen, so dass sie überall auf der Welt Wasser aktivieren können. Aber wie soll man elektromagnetische Wellen abspeichern? Sie „fliegen“ mit Lichtgeschwindigkeit davon und nehmen dabei auch noch Energie mit. Kühlt sich das Arzneimittel „von allein“ ab? Man sollte meinen, jeder ernsthaft mit der Materie Befasste würde merken, wie hanebüchen solche Modelle sind. Homöopathen finden daran dennoch großen Gefallen. 4 Aber einen Beweis für ihre abstrusen Behauptungen haben sie noch nicht erbracht. Es ist noch nicht einmal ein Denkansatz erkennbar, wie ein solcher Beweis aussehen könnte. Die Beweislast ist natürlich von sehr grundsätzlicher Natur, denn wie wollten Homöopathen zum Beispiel nachweisen, dass ein Medikament „echt“ und nicht etwa von einem „ungläubigen“ Apotheker „gefälscht“ worden ist (indem er einfach das Arzneifläschchen am Wasserhahn auffüllte)? Ebenso schwer dürfte einem Naturwissenschaftler der Nachweis fallen, dass Weihwasser geweiht ist.

Man fragt sich, was dieser ganze „Umweg“ über die Informationsbeladung des Lösungsmittels mit Informationen aus dem Arzneimittel soll. Warum wird statt des eigentlichen Arzneimittels Wasser verabreicht, das genau die gleiche Information enthalten soll wie das Arzneimittel selbst? Um Nebenwirkungen zu verhindern? Das kann nicht sein, denn die vermeintliche Information, die übertragen wird, ist ja identisch. So müssten folglich auch die Nebenwirkungen in der homöopathischen Lösung verpackt sein - es sei denn, sie sind bei der Informationsübertragung gelöscht worden. Wenn man fest daran glaubt, könnte das Schütteln und Stoßen hierzu führen: alles, was der Homöopath gut findet, kopiert sich beim Schütteln und Stoßen ins Wasser, und alles, was er schlecht findet, bleibt freiwillig draußen.

Physikalisch und chemisch gesehen ist übrigens völlig klar, dass wirkstofffreie Lösungen keine spezifischen Wirkungen haben können. Eine Wechselwirkung zwischen einer Arznei und dem Organismus des Patienten ist immer körperlicher Art. Wenn das Arzneimolekül entfernt ist, fällt jegliche Wechselwirkung zwischen Arzneimolekül und dem Körper des Patienten aus. Lediglich seelische Wirkungen können noch übrig bleiben – man spricht in diesem Zusammenhang vom Placeboeffekt. Der ist nicht an die Anwesenheit des Arzneimittels gebunden. Homöopathen mögen es aber nicht, dass die ihren Arzneimitteln zugeschriebenen Wirkungen als Placebo bezeichnet werden.

„Die Krankheitslehre der Homöopathie entfernt sich mit jedem neuen Tag ein Stückchen weiter von der naturwissenschaftlich fundierten Medizin. Sie hantiert mit Begriffen wie „Psora“, „Miasma“ und „Lebenskraft“, die niemand so genau erklären kann.“

Die Homöopathie hat stattdessen eine eigene Fachsprache geschaffen – mit Begriffen, die in der naturwissenschaftlichen Welt nicht vorkommen oder dort völlig anders verstanden werden. Fragen Sie beispielsweise einen Mathematiker, was er unter „Potenzieren“ versteht. Die Krankheitslehre der Homöopathie entfernt sich mit jedem neuen Tag ein Stückchen weiter von der naturwissenschaftlich fundierten Medizin. Sie hantiert mit Begriffen wie „Psora“, „Miasma“ und „Lebenskraft“, die niemand so genau erklären kann. Besonders populär ist der Begriff „Ganzheitlichkeit“. Er gibt vor, den Patienten als „Ganzes“ anzusehen, statt sich nur auf dieses oder jenes Organ zu konzentrieren. Die „ganzheitliche Sichtweise“ ist jedoch problematisch. Wenn jeder Mensch anders ist und der Arzt jeden individuell behandeln möchte, dann gäbe es eigentlich keinerlei Erfahrungen, aus denen Ärzte schöpfen könnten. Aber so streng sehen das Homöopathen nicht. Vor allem geht es ihnen darum, dass, wenn ein Patient ganzheitlich gesehen wird, er nicht mehrere Krankheiten gleichzeitig haben kann. „Seine“ Krankheit ist als Einheit zu sehen, die mehrere Symptome auf sich vereint. Deshalb gibt es in der (klassischen) Homöopathie auch keine Medikamentenkombination, sondern nur ein Medikament, das exakt ausgewählt sein muss.

Freilich kann ein Homöopath nicht alle Symptome berücksichtigen. Niemand kann alle Informationen aus dem Körper eines Patienten kennen. Deshalb wird in wichtige und unwichtige Symptome unterschieden. Vollkommen willkürlich erscheint hierbei, dass die wichtigen Symptome allesamt mit den fünf Sinnen erfasst werden können. Der Grund hierfür erscheint wieder einfach: Zu Zeiten Hahnemanns war das Standard. In dieser „Methode“ ist jedoch eine „Erfolgsgarantie“ eingebaut. Wird der Patient nämlich nach der Therapie gesund (das passiert hin und wieder, zum Beispiel aufgrund einer Placebowirkung), dann erklärt das der Homöopath damit, exakt alle wichtigen Informationen gesammelt zu haben. Wird der Patient jedoch nicht gesund, dann interpretiert er, ihm seien wichtige Informationen vorenthalten worden. Im Falle eines Misserfolgs ist die Homöopathie damit immer aus dem Schneider. Ein Misserfolg ist höchstens der alleinige Beweis dafür, dass die Homöopathie falsch angewendet wurde.

„Freilich hat jeder Mensch in einer freien Gesellschaft das Recht, sich seinen Arzt selbst auszusuchen. Aber Informationen über die Praxis der Homöopathie scheinen dennoch dringend von Nöten, denn nur wenige Menschen kennen die Hintergründe und ihre abstrusen „Theorien“.“

Das System der Zusatzeinschränkungen passt ebenfalls gut hierzu. Dem Patienten werden alle möglichen sinnvollen und unsinnigen Einschränkungen auferlegt – nach dem Motte: je mehr, desto besser. Gegen irgendeine wird der Patient aber sicher einmal verstoßen, besonders bei einer langen Heilungsdauer, die in der Homöopathie als normal gilt. Wird der Patient gesund, trotz des Verstoßes gegen eine Einschränkung, ist das gut für die Homöopathie. Wird er nicht gesund, dann ist der Patient selbst schuld.

Und was passiert mit dem Patienten, wenn er ein homöopathisches Arzneimittel genommen hat? Es kann ihm besser gehen, dann wird die homöopathische Therapie als Erfolg gewertet. Die Erkrankung kann aber auch erst einmal eine Weile unverändert bleiben. Das wird immer noch als Erfolg der Homöopathie interpretiert, weil homöopathische Heilungen eigentlich sehr langsam ablaufen sollen, damit sie „nachhaltig“ sind. Verzögerte Heilungen sind in der Homöopathie durchaus erwünscht und ein vermeintliches Zeichen ihrer Wirksamkeit. Die Krankheit kann sich aber auch verschlimmern. Dann ist in aller Regel von einer „Erstverschlimmerung“ die Rede – freilich ebenfalls ein „sicheres“ Zeichen, dass die Homöopathie wirkt und das richtige Arzneimittel ausgesucht wurde. Schließlich sollen das „Arzneimittelbild“ und das Krankheitsbild ähnlich sein. Wenn beide sich überlagern, kann es also auch einmal schlimmer werden. Es ist also ziemlich egal, ob eine Krankheit nach einer homöopathischen Therapie besser wird, so bleibt oder sich verschlechtert. Der homöopathische Erfolg ist garantiert.

Es gibt aber auch verantwortungsbewusste Homöopathen. Sie überweisen ihre Patienten bei ernsten Krankheitsbildern an wissenschaftlich agierende Mediziner (die so genannte „Schulmedizin“ – ich bestehe inzwischen auf „Hochschulmedizin“, denn so viel Zeit zur Ausbildung sollte sein). Das ist äußerst lobenswert. Aber wo erscheinen die überwiesenen Patienten in den Erfolgsstatistiken der Homöopathen? Nirgends. Sie verschwinden aus der Statistik. Begründet wird das mit dem Hinwies, es habe sich herausgestellt, dass die Homöopathie für sie nicht „zuständig“ war. Auf diese Weise werden die ohnehin zweifelhaften Statistiken von Homöopathen beschönigt, man könnte dieses Vorgehen auch verfälschen nennen.

Der Standard bei statistischen Untersuchungen innerhalb der Hochschulmedizin ist die „Intention-to-treat-Analyse“. Würde die auch bei der Homöopathie angewendet, müssten auch die überwiesenen Patienten in der Statistik bleiben und als Misserfolg gewertet
werden.5 Doch davon will die Homöopathie nichts wissen. Sie hat sich die Garanten für ihren vermeintlichen Erfolg sorgfältig geschmiedet. Vernachlässigt man die Selbstheilung und geht man bei einem Viertel aller Fälle von einer Heilung durch den Placeboeffekt aus, streicht man anschließend noch die Misserfolge wegen „Falschanwendung der Homöopathie“ oder nachträglich bemerkter „Nicht-Zuständigkeit“ der Homöopathie aus der Statistik, kommt man locker auf eine Erfolgsrate von 100 Prozent. 6

Leider würde diese Erfolgsrate weit verfehlt, wenn man nach naturwissenschaftlichen Qualitätskriterien „prospektive, randomisierte Doppelblind-Intention-to-treat-Studien“ durchführen würde. Es wundert deshalb nicht, dass Homöopathen davon die Finger lassen. Sie sagen, sie würden dem „Wesen der Homöopathie“ nicht gerecht und pochen darauf, ihre Erfolgskriterien selbst festzulegen und nachzuweisen. Die Erfolge der Homöopathie seien nicht nur unbestreitbar, sondern auch unbeweisbar, behaupten sie allen Ernstes.

Daneben kolportieren sie gerne Berichte über angeblich Tausende und Zehntausende von Opfern der naturwissenschaftlich basierten Medizin. Doch diese Zahlen sind in aller Regel wertlos, weil sie absolut sind und die näheren Umstände nicht beleuchtet werden. Wo genau sind diese Opfer der Schulmedizin zu finden? Und in welchem Zeitraum wurden sie dokumentiert? Wie viele Patienten sind im gleichen Zeitraum überhaupt behandelt worden – was ist also die prozentuale Misserfolgsquote? Solche Informationen werden gerne vorenthalten. Zu bedenken ist hierbei auch, dass bei unheilbaren Krankheiten eine Heilung auch durch die wissenschaftliche Hochschulmedizin nicht möglich ist. Wenn ein sterbenskranker Schmerzpatient nach der Gabe eines Schmerzmittels gestorben ist, ist er noch lange nicht wegen des Schmerzmittels gestorben. Ebenso wenig kann man behaupten, Betten seien Todesfallen, nur weil 95 Prozent aller Menschen in der Horizontale das Zeitliche segnen. 7 Manche Kritiker meinen, man solle sich in Toleranz üben und die Homöopathie einfach in Ruhe lassen. Freilich bleibt jedem Menschen in einer freien Gesellschaft das Recht, sich seinen Arzt selbst auszusuchen. Aber Informationen über die Praxis der Homöopathie scheinen dennoch dringend von Nöten, denn nur wenige Menschen kennen die Hintergründe und ihre abstrusen „Theorien“. Außerdem pfuschen Homöopathen an der Gesundheit ihrer Patienten herum und kassieren auch noch Geld dafür. Die Homöopathie kostet die Gesellschaft schon heute sehr viel Geld, beispielsweise in Form von Kosten für ausufernde Arbeitsunfähigkeitszeiten, weil man sich für die „Therapie“ harmloser Krankheiten Wochen und Monate Zeit nimmt, um eine „nachhaltige“ Heilung zu erreichen. Am schlimmsten ist aber, dass Homöopathen zuweilen eine notwendige und wirksame medizinische Therapie verhindern.