01.03.2002

Die „herbeigefürchtete“ Rezession

Analyse von Phil Mullan

Da der Aufschwung der 90er Jahre weitgehend durch Hype auf den Finanzmäkten zustande kam, ist auch die jetzt beschworene Wirtschaftskrise weniger dramatisch als allgemein dargestellt, meint Phil Mullan.

Ende November 2001 war es amtlich: Das US-amerikanische National Bureau of Economic Research (NBER) – eine dem deutschen Rat der Wirtschaftsweisen vergleichbare Institution – erklärte, dass sich die amerikanische Wirtschaft seit März des Jahres in einer Rezession befände.

Zwei Interpretationsansätze prägen seitdem die öffentliche Diskussion über den Abschwung: Der eine betont die Außergewöhnlichkeit der aktuellen Entwicklung im Vergleich zu den Rezessionen der vergangenen 50 Jahre. Für gewöhnlich werden Rezessionen in Industrieländern durch eine sich immer schneller drehende Preisspirale angetrieben, was wiederum einen die Wirtschaftsaktivitäten lähmenden Zinsanstieg auslöst. Dieses Mal jedoch ist es anders: Die Preise fallen, und die Zentralbanken in den Vereinigten Staaten und anderswo haben die Zinsen im letzten Jahr mehrfach gesenkt.

Auslöser seien, heißt es, nicht zu große Wirtschaftskapazitäten, sondern zu kleine – eine Feststellung, die viele Beobachter bereits zu der Vermutung trieb, die aktuelle Krise bedeute eine Rückkehr der „klassischen“ Rezessionen früherer Phasen des kapitalistischen Wirtschaftssystems, die gemeinhin durch Überinvestitionen und sinkende Profitabilität ausgelöst wurden.

Die zweite Interpretation besagt, der aktuelle Abschwung werde sich zu einer schweren Rezession ausweiten. So sprechen anerkannte Wirtschaftsexperten der OECD angesichts der zeitgleich schlechten Entwicklung in den drei größten Industrienationen, den USA, Japan und Deutschland, bereits von der ersten globalen Rezession seit 20 Jahren und prognostizieren für die Jahre 2001 und 2002 die wirtschaftlich schwierigste Situation seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Düstere Vergleiche dieser Art sind heute weit verbreitet.

Beide Interpretationen der aktuellen Entwicklung sollten jedoch kritisch hinterfragt werden: In der Tat ist der heutige Wirtschaftsabschwung anders als andere zuvor, aber nicht aus den Gründen, die in der Debatte genannt werden. Und auch das Schrumpfen der US-Wirtschaft – und damit auch das der Weltwirtschaft – ist im historischen Vergleich nicht so dramatisch, wie uns einige weismachen wollen.

Im historischen Vergleich fällt das momentane Schrumpfen der Wirtschaft bei weitem nicht so dramatisch aus, wie uns manche Experten weismachen wollen.

Um die Besonderheiten des aktuellen US-Wirtschaftsabschwungs einordnen zu können, muss berücksichtigt werden, dass die amerikanische Wachstumsphase der 90er-Jahre trotz ihrer Rekordlänge weder so stark noch so weitreichend war wie allgemein angenommen. Das Bruttosozialprodukt wuchs während dieser zehn Jahre insgesamt lediglich um 3,6 Prozent und damit deutlich weniger als in den stürmischen 70er- (4,5 Prozent) und den 80er-Jahren (4,0 Prozent).

Der letzte Wirtschaftszyklus zeichnete sich durch seine ungewöhnliche Flachheit und den Mangel an Dynamik aus. Zudem ist ein Großteil des Wachstums der 90er-Jahre dem Informationstechnologiesektor zuzuschreiben. Dieser umfasst jedoch lediglich ein Zehntel des amerikanischen Bruttosozialproduktes. Mittlerweile ist anerkannt, dass die gerne herbeigeredete „Ankurbelung der Produktivität“ der späten 90er-Jahre zu einem überwiegenden Teil lediglich auf die Produktion von IT-Equipment und weniger auf dessen Einsatz in der Gesamtindustrie zurückzuführen ist. Das enorme Potenzial, das angeblich von Investitionen in IT auf die gesamte Wirtschaft ausstrahlen sollte, ist bis heute eine Illusion geblieben.

Der „Internet-Hype“ und der Glaube an die damit verbundene „Revolution“ trieb die Ausgaben der Branche sowie anderer Branchen in IT-Produkte und Dienstleistungen in die Höhe. Aber auch das allein ist noch keine Erklärung für den Hype. Der wirkliche Grund hierfür liegt im Boom der Finanzindustrie der 90er-Jahre.

Geld war in der Finanzbranche billig zu haben, und viele Unternehmen verlagerten ihr Augenmerk von der tatsächlichen Produktion auf verstärkte Aktivitäten am Finanzmarkt. Die extrem hohe Liquidität ermöglichte erst den Boom am Aktienmarkt, insbesondere im Bereich der „New Economy“. Kredite wurden schnell vergeben – daher saß auch beim Endverbraucher das Geld etwas lockerer. Während die Wirtschaft schon seit 1996 rote Zahlen schrieb, erreichte dieser Trend die privaten Haushalte erst zwei Jahre später.

Zudem setzten nordamerikanische und andere westliche Unternehmen zahlreiche Kreditinstrumente ein, um durch immer neue Initiativen die Wirtschaftsentwicklung zu stimulieren. Populär wurde das so genannte „Vendor-Financing“, mit dem Unternehmen ihren Kunden direkt Geld liehen, damit diese die eigenen Produkte kaufen konnten. Darüber hinaus investierten sie weiter in kurzfristige Finanzaktivitäten. Die 90er-Jahre erlebten Rekorde im Bereich Mergers und Akquisitionen sowie immer neue Runden von Umstrukturierungen und Kostensenkungen innerhalb von Unternehmen.

Die Finanzspirale zehrte also zum Teil an den eigenen Reserven. Die immer weiter steigenden Erwartungen trieben die Aktienkurse in historische Höhen und versorgten die Unternehmen mit lediglich auf dem Papier vorhandenen Finanzressourcen, die wiederum in weitere Unternehmungen investiert wurden.

Die Wirtschaft der späten 90er-Jahre war daher eher durch das Entstehen von „Finanzblasen“ als durch eine reale rasante Wirtschaftsentwicklung gekennzeichnet. Viele Unternehmen nutzten die hohe Liquidität und die leichte Verfügbarkeit von Finanzmitteln zur Investition in IT-Hardware und zum Aufbau umfangreicher Kommunikationssysteme und Netzwerke. Impulse setzen oder Produktionspotenziale ausschöpfen oder gar vergrößern konnte hierdurch kaum jemand. So haben beispielsweise US-amerikanische Telekommunikationsunternehmen in den letzten Jahren mehrere zweistellige Milliardenbeträge von US-Dollars in den Aufbau moderner Kabelnetze investiert. Heute werden jedoch nur etwa 2,6 Prozent dieser Netze genutzt.1

Natürlich wird – im Gegensatz zu den Horrorszenarien der Dotcom-Pleitegeier – auch in Zeiten eines Wirtschaftsabschwungs die Nutzung des Netzes durch Unternehmen und Individuen weiter ansteigen. Nur von den völlig überzogenen Vorstellungen der Hype-Jahre 1998 bis 2000, als einige davon ausgingen, die Welt werde durch das Internet grundlegend transformiert, wird wenig bleiben. Die Besessenheit, mit der in den 90er-Jahren in IT investiert wurde, sowie der relativ hohe Anteil dieser Branche am Gesamtinvestitionsvolumen ändern nichts an der Tatsache, dass die Investitionen von US-Firmen insgesamt alles andere als hoch waren. Im Gegenteil: Zieht man den ungewöhnlich hohen Anteil der IT-Ausgaben mit seinem sehr begrenzten Einfluss auf den Produktionsprozess ab, ergibt sich, dass sich Investitionen in Produktionsmittel und -strukturen auf einem historischen Tiefstand bewegten.

Das bestätigte der Ökonom Anatole Kaletsky: „Die Investitionen in allen anderen US-amerikanischen Sparten waren niedriger als jemals zuvor in den letzten vier Jahrzehnten.“2 Ironischerweise hat der aktuelle Abschwung, von dem Finanzexperten wie Andrew Smithers behaupten, er zeige Anzeichen einer für das 19. Jahrhundert typischen Überinvestitionskrise, wohl weniger mit den klassischen Krisen durch Überakkumulation gemein als irgendeine andere Flaute in den letzten 150 Jahren.

Die massiven Investitionen sowie die Überkapazitäten konzentrieren sich in den IT-Unternehmen, die die größten Profiteure des Finanz-Hypes waren und heute die Opfer des Zerplatzens dieser Seifenblase sind. So müssen zahlreiche IT-Firmen, die noch vor kurzem von jährlichen Wachstumsraten von 40 bis 50 Prozent ausgingen, sich heute an zurückhaltendere Vorhersagen von „nur noch“ moderaten Wachstumsraten gewöhnen.

Nun besteht die Schwierigkeit darin, eine Abschwungdynamik zu stoppen, die zur Hälfte aus Emotionen gespeist wird.

Selbstverständlich hat der Wirtschaftsabschwung ernsthafte Konsequenzen für alle, die durch den Absturz dieser Unternehmen in Mitleidenschaft gezogen wurden oder gar ihre Jobs verloren. Doch der Abschwung ist kein Vorbote einer massiven und flächendeckenden Zerstörung von „realem“ Kapital und tatsächlich vorhandenen Ressourcen, wie es in klassischen Rezessionsphasen üblich ist. Da der Wirtschaftsboom nie so groß und umfassend war, wie geglaubt wurde, wird auch das Ende des Hypes nur begrenzte Auswirkungen auf die „real economy“ haben. Dies erklärt auch einige ungewöhnliche Aspekte der aktuellen Rezession, die auch vom NBER festgestellt wurden, wie etwa das fortgesetzte Ansteigen der Einkommen wie auch der bislang wesentlich geringere Rückgang der Beschäftigtenzahlen.

Dennoch ergeben sich ernste Probleme: Wie etwa bekämpft man einen herbeigeredeten Abschwung? Was als Zusammenbruch der Finanzmärkte begann, setzte sich als Niedergang der allgemeinen Wirtschaftserwartungen fort. Als die „Internet-Blase“ platzte, schienen plötzlich alle wirtschaftlichen Ängste und Befürchtungen real zu werden, die durch den Boom kleingehalten und beruhigt werden konnten. Diese Unsicherheiten verbreiteten sich in der ganzen Wirtschaft und zeigen heute reale Konsequenzen in Form von zurückgehender ökonomischer Aktivität und dem Abbau von Arbeitsplätzen.

Schon zu Beginn des Jahres 2000 herrschte eine Stimmung, derzufolge sich ein baldiges Ende des langanhaltenden Booms in den USA abzeichnete. Die Ereignisse des 11. September und die sich hieraus ergebenden pessimistischeren Wirtschaftserwartungen gaben den endgültigen Ausschlag für die jetzige Rezession. Ben Bernanke, Mitglied des NBER und Professor für Wirtschaftswissenschaften an der New Yorker Princeton University, hatte wahrscheinlich recht, als er sagte, die US-Wirtschaft hätte ohne die Ereignisse des 11. September die Rezession verhindern können.3 Nun besteht die Schwierigkeit darin, eine Abschwungdynamik zu stoppen, die nur zur Hälfte aus rationalen und ökonomischen Notwendigkeiten, zur anderen Hälfte aber aus Emotionen gespeist wird.

Um diesem Abwärtstrend entgegenzuwirken, sollte betont werden, dass der 11. September auch zu einer Wiederbelebung der amerikanischen Wirtschaftspolitik geführt hat, was wiederum positive Effekte auf die Wirtschaftsentwicklung haben könnte. Manche argumentieren, der 11. September hätte der Politik des „Schlanken und zurückhaltenden Staates“ ihre Grenzen aufgezeigt. Sowohl im US-Kongress als auch im Weißen Haus wird heute wieder expansionistische Finanzpolitik betrieben, auch wenn noch Uneinigkeit über die genaue Ausrichtung und Handhabung der Ausgabenpolitik besteht. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass wir eine Wiederkehr der keynesianistischen Nachfragepolitik der Nachkriegszeit erleben; sicher ist jedoch, dass das Anwachsen staatlicher Interventionen und Ausgaben, wie etwa in den Bereichen Rüstung, Verteidigung, Wirtschaftshilfe etc. der amerikanischen Wirtschaft neuen Auftrieb geben wird.

Andererseits gilt es festzuhalten, dass es der US-Wirtschaft auch schon vor dem 11. September nicht besonders gut ging. Eine Vielzahl wirtschaftlicher Möglichkeiten und Potenziale, etwa die neuer Technologien, wurden und werden bis heute nicht genutzt. Da der aktuelle Abschwung weniger dramatisch ist als vorherige Rezessionen, wird die Wirtschaft auch nicht in dem Maße von einem weit reichenden Erneuerungsimpuls der Nach-Rezessions-Phase profitieren können, wie es in der Vergangenheit der Fall war.

Noch ist es zu früh vorauszusagen, wo das nächste „Finanz-Luftschloss“ einstürzen wird. Doch angesichts des vorherrschenden Klimas der Angst und der Unsicherheit kann man sich sicher sein, dass auch hiervon kaum positive Impulse für eine Weiterentwicklung der Wirtschaftsproduktion ausgehen werden.