21.03.2014

Die Gott ist tot!

Analyse von Monika Bittl

Wie der Facettenreichtum der Sprache unter Eingriffen des Gender Mainstreaming und der feministischen Linguistik leidet. Die Sprachkontrolle zeugt von Rückschrittlichkeit und Respektlosigkeit gegenüber den Menschen

Unsere Sprache ist wie das wunderbar bunte Leben: Irgendwann geboren, gewachsen, verändert sich unregelmäßig regelmäßig die Grammatik, Handwerkszeug für Einkaufszettelschreiber, Schöpfungsbedingung für Schriftsteller, Kopfzerbrecher für Philosophen, Untersuchungsgegenstand von Linguisten, Sinnlosigkeitssündenbock aller Lateinschüler, Weltenwanderung für Dolmetscher und noch viel mehr. Sie zeichnet uns Menschen gegenüber den anderen eher primitiven Kommunikationsmethoden der Tiere aus, sie prägt unseren Alltag und die verschiedenen Kulturen. Sprache bestimmt unser Bewusstsein weitgehend, da wir nur in Worten denken und teilweise auch fühlen können. Wo ich nur eine dumpfe Niedergeschlagenheit empfinde, kann ein Gedicht von Ingeborg Bachmann Bilder entstehen lassen, die mir mein Leid an der Welt „erklären“ und mich so trösten. Wo ein Kind Fragen stellt, wird es eine Erklärung und damit Wissen bekommen, es wird erfahren, dass nachts die Sonne woanders scheint. Kurzum: Sprache ist wie ein lebendiger Organismus mit Innereien, äußerlichen Narben, liebenswürdigen und schwierigen Charakterzügen, manchmal unzureichend, bisweilen phantastisch – die Sprache ist das wertvollste Gut der Menschen.

Nun nimmt aber eine kleine Minderheit Operationen bei lebendigem Leib an dem gemeinsamen Organismus vor. Diese Eingriffe müssten sein, heißt es, um die Hälfte der Menschheit aus der Zwangsjacke ewiger Unterdrückung zu befreien. Dabei hat nicht die Sprache als Patient über etwas geklagt – wie schlechte Ärzte stellt eine kleine Gruppe ein Defizit fest, um Geschäfte mit unnötigen Operationen zu machen: Die feministische Linguistik im Rahmen des Gender Mainstreams.

Sprache und die angebliche geschlechtliche Unmündigkeit

Begonnen hatte es Mitte des letzten Jahrhunderts, als Simone de Beauvoir sagte: „Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht“. Mit den feministischen Strömungen ab den siebziger Jahren, mit Alice Schwarzers „PorNo“, mit der neu entstandenen feministischen Linguistik schrieben Luise Pusch (Alle Menschen werden Schwestern) und Senta Trömel-Plötz (Vatersprache – Mutterland) der Sprache und dem Patriarchat eine Macht zu, die bis dato in Teilen noch bestand. Erst in den siebziger Jahren wurde beispielsweise ein Gesetz abgeschafft, dass nominell immer noch ein Einverständnis des Ehemannes voraussetzte, wenn seine Frau arbeiten wollte. Männliche Homosexualität stand unter Strafe und einer vergewaltigten Frau wurde in breiten Kreisen der Bevölkerung noch unterstellt, sie sei „irgendwie selbst schuld“, wenn sie sich so aufreizend benehme. Bis dato waren Frauen tatsächlich noch Opfer gesellschaftspolitischer Machtstrukturen und die Feministinnen kamen auf die Idee, mit einem neuen Mittel alte Verkrustungen aufzubrechen. Nicht im Straßenkampf, mit Hungerstreiks oder mit Bomben wie bei den Suffragetten sollte die Welt verändert werden, sondern über die Sprache.

„Nicht im Straßenkampf, bei Hungerstreiks oder mit Bomben wie bei den Suffragetten sollte die Welt verändert werden, sondern über die Sprache.“

Dass Eingriffe in die Sprache immer auch das Merkmal von Diktaturen sind, kümmerte die Lila-Latzhosendamen wenig. Frau war kein Mann und manche leitete daraus damals wie heute ab, ein besserer Mensch zu sein, friedfertiger, kompromissbereiter, naturnäher und aus dieser Prämisse des „Besser“ folgend auch: Opfer. Frauen waren Opfer einer bösen Männerwelt, die im Kapitalismus verwurzelt das Weibliche auch degeneriere. Was dabei geflissentlich übersehen wurde: Wenn es ursprüngliche, bessere weibliche Eigenschaften gibt, wie können wir uns sicher sein, dass sie nicht auch ein Konstrukt des Systems sind? Ist die Friedfertigkeit nun angeboren oder „gemacht“? Dieser ungelöste Widerspruch wurde nun mit einer neuen Stufe weggefegt – und nicht wirklich aufgelöst. „Gender“ heißt das Stichwort, mit dem nun ganz generell postuliert wird, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien allesamt gesellschaftlich konstruiert und entbehrten jeglichen biologischen Grundlagen.

Männer und Frauen sollten alle aus ihrer selbst verschuldeten geschlechtlichen Unmündigkeit befreit werden – so der Tenor des Feminismus, dem sich die feministische Linguistik anschloss, eine Speerspitze aus einer Hand voll Wissenschaftlerinnen, die es aber sehr geschickt verstanden, ihre Hypothese in alle Ritzen der Gesellschaft zu tragen. Eine Hypothese wohlgemerkt, die aber als wissenschaftliche Wahrheit verkauft wird, obwohl sogar aus den eigenen Reihen Kopfschütteln über die Methoden kommt. Die Vorwürfe lauten, dass Gender und Sexus vermischt, Ergebnisse a priori gesetzt statt gesucht und haarsträubende Formulierungsvorschläge gemacht werden, wie etwa „das Gott“ zu verwenden. Der Gott suggeriere der Theorie zufolge einen männlichen Schöpfer und degradiere damit die Frauen zu bloßen Produkten einer männlichen Welt. Der Mond hingegen mit dem gleichen grammatikalischen Geschlecht darf ruhig männlich bleiben, ebenso wie der Kindergarten oder der Tisch. Auch die weibliche Form unserer Sonne, nämlich die Sonne, steht nicht zur Disposition, wenn man doch unken könne, die unsere Erde erst bedingende Sonne schließe als Schöpferin die Männer aus. Genau andersherum müssten in dieser „Logik“ die Italienerinnen argumentieren, heißt es doch dort il sole und la luna.

Wittgenstein und warum männliche oder weibliche Artikel kein Weltbild generieren

Abgesehen von diesen Blüten, die die vermeintliche Wissenschaft treibt, widerspricht ihr Ansatz auch der Erfahrung mit sprachhandwerklicher Kunst und philosophischen Geistern, die schon längst weiter dachten. Sprachphilosophen wie Ludwig Wittgenstein untersuchten Anfang des vergangenen Jahrhunderts, welche Beziehungen zwischen der Sprache und der Wirklichkeit bestehen und Wittgenstein verwarf die bis dahin gültigen Ansichten. „Hat man eine vollständige Beschreibung seiner Gebrauchsmöglichkeiten (des Wortes; Anm. M. B.) gegeben, so hat man auch seine Bedeutung erklärt – darüber hinaus gibt es sozusagen nichts mehr. Damit werden zwei traditionelle Bedeutungstheorien verworfen: die eine, die besagt, bestimmte Wörter stünden für bestimmte Dinge und hätten daher feststehende Bedeutungen, sowie die andere, derzufolge sich Bedeutungen von den Absichten der Sprecher herleiten, sodass man wissen muss, was jemand im Sinn hat, wenn man seine Äußerungen verstehen will.“ [1] Wittgenstein kam zu dem Schluss: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ [2]

Das heißt vereinfacht gesagt: Es gibt weder die Bedeutung der Sonne an sich, noch eine rein gesellschaftliche Übereinkunft zur Definition von Sonne. Jeder hat sein eigenes Bild von der Sonne, aber alle haben auch ein gemeinsames Bild von der Sonne, denn es gibt weder eine Privatsprache, noch eine genaue Festlegung vom Wort „Sonne“.

Wer nun glaubt, ein Artikel oder eine männliche oder weibliche Zuschreibung darüber generiere ein Weltbild, muss erst recht irren. Sprache ist sowohl abstrakt als auch kontextabhängig, je nachdem, wer wann wo was sagt.

„Wer glaubt, ein Artikel oder eine männliche oder weibliche Zuschreibung darüber generiere ein Weltbild, muss irren. Sprache ist sowohl abstrakt als auch kontextabhängig, je nachdem, wer wann wo was sagt.“

Dramatiker wissen das seit jeher. Ein gutes Drehbuch – ich rede hier nicht von Soaps – zeichnet sich durch Vielerlei aus, gemischte Charaktere, ein überzeugender Spannungsbogen, meist ein Wissensvorsprung der Zuschauer gegenüber den Figuren, überraschende Wendepunkte, Tag- und Nachtwechsel der Szenen, genaue Taktung der Szenenlänge und vor allem auch: gute Dialoge. Anfänger und Möchtegerns machen dabei meist alle den gleichen Fehler. Sie lassen die Figuren tatsächlich aussprechen, was sie denken oder vorhaben.
 

Also so etwa, Szene I:


Sie: Ich gehe jetzt einkaufen.


Er: Ich schau noch Fußball, werd nicht sauer deshalb!


Sie: Aber ich gönn dir doch das Spiel, wenn du nachher noch die Spülmaschine einräumst.


Er: Prima, Schatz, ich liebe dich!


Sie: Ich dich auch, ciao!


Dramatische Profis hingegen wissen, dass Menschen und damit auch die Figuren im Alltag fast nie sagen, was sie meinen (nur unter Druck wird die menschliche Wahrheit zu Tage gefördert).
 

Das geht dann etwa so, Szene II:


Sie (demonstrativ): Ich geh jetzt einkaufen.


Er (blickt nur kurz zur ihr, dann wieder in den Fernseher): Ja. ... Freistoß!!


Sie (spitz): Brauchst du noch ein Bier?


Er (kurz irritiert): Nein, warum?


Sie (spitz): Damit der Tag rundum gelungen für dich ist!


Er (blickt nun zu ihr): Ist irgendwas, Schatz?


Sie: Nein, was soll schon sein?!


Er blickt etwas hilflos zu ihr und wendet sich dann wieder dem Spiel zu. Sie packt zornig ihre Tasche und dampft ab.


Wir empfinden die zweite Szene nicht nur spannender (ui, da kommt noch etwas, denken wir uns), sondern auch als lebensechter. So ähnliche Situationen hat jeder von uns schon erlebt. Intuitiv wissen wir: Sie ist eifersüchtig auf das Fußballspiel und sauer, weil sie einkauft, während er sich vergnügt. Er spürte, dass etwas nicht stimmt mit ihr, aber glaubt lieber der Aussage: „Nein, was soll schon sein?“, um in Ruhe weiter gucken zu können und um sich um eine Auseinandersetzung zu drücken.

Unsere Worte sagen fast nie eins zu eins, was wir denken. Je nachdem, wer wo zu wem und in welcher Situation spricht, drücken Begriffe etwas ganz Verschiedenes aus. Wenn ich zu Ihnen – einem Wildfremden – auf der Straße plötzlich sage: „Spinnst du?“, werden Sie sich zu Recht angegriffen fühlen. Sage ich zu meinem Mann, der mich mit einem Brillantring überrascht, „Spinnst du?“, drückt das meine Überraschung und Dankbarkeit aus. Sage ich aber zu meinem Mann „Spinnst du?“, wenn er mit Großpackungen Wein vom Einkaufen heimkommt, drücke ich meine Verachtung für seine Vorratshaltung aus.

Wider den Methodenzwang des Feminismus

Sprache und unsere Sprechakte haben so viele Facetten, sie sind so groß und reich und bunt wie das Leben. Eine Minderheit von Feministinnen tut diesem Organismus aber Gewalt an und brockte uns das Binnen-I beziehungsweise mittlerweile den Unterstrich ein (Lehrer_innen). Er lässt uns von „Wählern und Wählerinnen“ sprechen, pardon „Wählerinnen und Wählern“, denn auch die Art der Positionierung zeigt der Theorie zufolge das Machtgefälle.

Wie so vieles derzeit zeugt diese Entwicklung nicht von einem Fortschritt, sondern von einem Rückschritt. Wissenschaftlichkeit, Aufklärung und Vernunft werden allzu gerne – egal in welchen Bereichen – auf den neuen Altären des Glaubens geopfert. Wir glauben, die Sprache könne Machtstrukturen ändern, wir glauben, sie bestünden noch immer. Dieser Glaube fiel nicht vom Himmel, sondern er wird uns tagtäglich gepredigt, von den gut bezahlten „Wissenschaftlerinnen“, die mit „Weltveränderungsabsichten“ ihre Posten behalten. Denn sollten eines Tages Männer und Frauen tatsächlich gleichberechtigt sein (oder ketzerisch gefragt: Sind wir es vielleicht schon?) wären die feministische Linguistik und das Gender Mainstreaming plötzlich arbeitslos.

„Der Glaube, die Sprache könne Machtstrukturen ändern, fiel nicht vom Himmel, sondern er wird uns tagtäglich gepredigt, von den gut bezahlten ‚Wissenschaftlerinnen‘, die mit ‚Weltveränderungsabsichten‘ ihre Posten behalten.“

Unsere Sprache verändert sich stets, sie bekommt einerseits immer Zuwachs und verschlankt sich zugleich. Wer sagt heute noch „Trottoir“, ein Wort, das wir einst aus dem Französischen übernommen hatten? Und umgekehrt verwenden wir heute Begriffe, die meine Oma noch nicht kannte, wie „Laptop“ oder „fremdschämen“. Es geht nicht darum, Sprache konservieren oder vor neuen Einflüssen bewahren zu wollen; jeder Organismus verändert sich laufend und muss es sogar tun – das ist das Leben. Aber unnötige Operationen, von einer kleinen Kaste verordnete Eingriffe, zeugen von Respektlosigkeit gegenüber den Menschen, die man umerziehen will, weil man ihnen im Kleinen und Großen nicht vertraut, den Errungenschaften der Aufklärung Arme und Beine amputieren und uns in die Unmündigkeit zurückschicken will.

Möchten die falschen Propheten doch etwas katholischer werden und an ein Wunder glauben, das Wunder des Lebens, der Sonne, des Mondes und der Sprache. Vielleicht hätten sie in ihrem Glauben dann trotzdem etwas mehr Respekt vor unserem gemeinsamen Organismus. Noch besser wäre, keiner würde mehr den ganzen Unsinn nachbeten und jemand eine neue Aufklärung fordern und rufen „Die Gott ist tot!“