01.11.2002

Die Geschichte beginnt erst

Essay von Frank Furedi

Die Gesellschaft hat die Steinzeit-Ideologien hinter sich gelassen und lernt erst jetzt zu begreifen, wie die Welt tatsächlich funktioniert. Von Frank Furedi.

Stehen wir wirklich am Ende der Geschichte? Heute meinen viele, wir hätten ein Ende von irgend etwas erreicht. Aber was genau soll da eigentlich geendet haben?

Das Zeitalter der Moderne, so der weit verbreitete Eindruck, hat einen Schlusspunkt erreicht. Auch Denker, die sich selbst nicht als Postmodernisten bezeichnen, vertreten die These, das Zeitalter der Moderne sei beendet. So meint der amerikanische Historiker John Lukacs: „Wir stehen am Ende des Zeitalters der Moderne“ und fügt hinzu, wir erlebten derzeit kein fin de siècle, sondern ein fin d’une ère.[1]Es gibt heute kaum einen Intellektuellen, der dieser These über den Niedergang der Moderne widersprechen würde. Selbst Anhängern von Rationalismus und Aufklärung fällt es heute schwer, eine auf Vernunft und Fortschritt gegründete Weltanschauung aufrechtzuerhalten. Im besten Fall können wir, wie Morris Berman in The Twilight of American Culture schreibt, darauf hoffen, dass es „eine Renaissance gibt, eine Bewahrung und Weitergabe der Errungenschaften der Aufklärung – aber dann doch immer nur für einige wenige; und der Einfluss dieser wenigen auf den Rest der Kultur ist offensichtlich gleich Null“.[2]

Obwohl sich Berman nicht vorstellen kann, dass die Ideen der Aufklärung heute noch Breitenwirkung haben könnten, erkennt er doch zumindest den Wert dieser Tradition an. Ein großer Teil der westlichen Intelligenz hingegen verachtet das „Projekt der Aufklärung“ und weint seinem Niedergang keine Träne nach. Folgt man dieser Ansicht, waren die Ereignisse des 11. September die unausweichliche Folge der destruktiven Kräfte der Moderne.

"Für große Teile der westlichen Intelligenz waren die Ereignisse des 11. September die unausweichliche Folge der destruktiven Kräfte der Moderne.”

Es ist verblüffend, wie selten die Moderne inzwischen verteidigt wird. Es herrscht eine tief greifende kulturelle Desorientierung, die zu sehr pessimistischen Schlussfolgerungen führt. Deshalb wurden auch die furchtbaren Ereignisse des 11. September umgehend als epochales Ereignis wahrgenommen. Die Zerstörung des World Trade Centers wird weithin als Anschlag auf die Moderne verstanden, und wenn man sich vor Augen führt, wie schwächlich das intellektuelle Echo auf diesen Anschlag ausfiel, gewinnt man den Eindruck, die Terroristen hätten in der Tat offene Türen zerbombt.

Man tut alles, um eine Debatte über einen „Krieg der Kulturen“ zu vermeiden. Schon die bloße Andeutung, der Islam könne etwas mit der Zerstörung dieses Symbols der Moderne zu tun haben, wird umgehend als rassistisch disqualifiziert. Manche westliche Kommentatoren vertreten die Auffassung, der Anschlag sei eine Reaktion auf die Kommerzkultur des Westens und dessen Symbole gewesen. Andere meinen sogar, die USA hätten den Anschlag verdient, und verstehen ihn als Strafe für die arrogante Selbstüberhebung der Moderne.

Im Vergleich mit dieser pessimistischen Grundstimmung unserer Tage wirkt Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ geradezu optimistisch und zukunftsorientiert. Fukuyama erkennt nämlich zumindest an, dass die aktuelle Entwicklungsstufe der Menschheit gegenüber dem, was vorher war, ein Fortschritt ist.

Aber auch seine Vision der Zukunft ist düster. Er spricht von einer Welt, in der Menschen „kämpfen, um zu kämpfen“, aus einer „gewissen Langeweile“ heraus.[3]Dennoch stellt er ausdrücklich fest, dass die Entwicklung der menschlichen Zivilisation in der Vergangenheit große Errungenschaften hervorgebracht hat.

Die meisten kritischen Reaktionen auf Fukuyamas These vom Ende der Geschichte verstehen den Kernpunkt seiner Argumentation falsch. Fukuyama behauptet nicht, Geschichte sei in dem Sinne zu Ende, dass sich nichts Neues mehr ereignen könne. Vielmehr führt er aus, dass er „Geschichte“ im Sinne Hegels meint, als „Ideengeschichte“ beziehungsweise als Prozess der Selbstentfaltung der Ideen. Diese Version der These vom Ende der Ideologie schließt Wandel nicht aus. Aber sie verneint die Möglichkeit, dass das menschliche Bewusstsein sich noch weiter entwickeln und neue, überlegene soziale Visionen hervorbringen wird.

Fukuyamas Buch ist also eine Grabrede – nicht auf die Geschichte, sondern auf das historische Denken. Historisches Denken ist eine Form des Bewusstseins, die darauf abzielt, das menschliche Dasein zu verändern. Ihm gelten alle sozialen Zustände als plastisch und dadurch, dass Geschichte gemacht wird, veränderbar. In den letzten drei Jahrhunderten hat das historische Denken die Entwicklung politischer Alternativen zu den jeweils bestehenden Verhältnissen angeregt. Im Kern besagt die These vom Ende der Geschichte, dass solche Alternativen nicht mehr denkbar sind.

Das historische Denken ist eine der größten Errungenschaften der Aufklärung. Es erkennt und betont die Fähigkeit des Menschen, durch bewusstes Handeln gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Anfang des 18. Jahrhunderts war der Philosoph Giambattista Vico einer der ersten, der begriff, dass es in der Macht der Menschen liegt, ihre eigene Geschichte zu machen: „Doch in dieser Nacht voller Schatten, die das entfernteste Altertum für unsere Augen verhüllt, erscheint das ewige Licht, das niemals untergeht, jener Wahrheit, die man in keiner Weise in Zweifel ziehen kann: dass die Welt der zivilen Gesellschaft ganz gewiss von den Menschen gemacht worden ist und dass ihre Prinzipien daher in den Modifikationen unseres menschlichen Geistes zu finden sind."[4]

Mit der Entstehung des historischen Denkens wurde aktiver, bewusster Wandel erstmals zum Gegenstand theoretischer Überlegungen. Der soziale Wandel wurde zur größten geistigen Frage der Zeit. Zu diesem Interesse am Wandel gehörte die Erkenntnis, dass auch die menschliche Subjektivität ein Teil der Geschichte und somit wandelbar ist. Dieses neue Bewusstsein für die Vergänglichkeit der Ideen und Verhältnisse erkannte dem menschlichen Bewusstsein eine entscheidende, Geschichte machende Rolle zu.

Diese Weltanschauung steht in schroffem Gegensatz zum Geist unserer Zeit. Heute betrachtet man Vicos Ideen über die Geschichte als naiv, arrogant oder gar gefährlich. Der Vernunft wird heute bestenfalls eine Statistenrolle zugebilligt. Dass man versucht, entsprechend konkreter Ideensysteme zielgerichtet zu handeln, wird als ideologisch, verbohrt, blauäugig oder totalitär abgetan. Die Kritiker des historischen Denkens sind sich einig: Menschen haben über ihre Handlungen nur wenig Kontrolle, und die Resultate ihres Handelns können sie erst recht nicht steuern.

Schon früher haben Kritiker des Vernunftprinzips gerne die Unfähigkeit des Menschen betont, bewusst zu handeln. Für den Philosophen Friedrich Hayek waren Menschen stets Objekte, nie Subjekte der Geschichte. „Der Mensch ist nicht Herr seines Schicksals, und er wird es auch nie sein: Seine Vernunft entwickelt sich, indem sie ihn auf unbekanntes, unerwartetes Gebiet führt, auf dem er dann Neues lernt.“[5]Hayek ist aber, trotz seines Pessimismus im Hinblick auf die Möglichkeiten bewussten Handelns, optimistisch, was den Fortschritt der Menschheit betrifft. Er meint, Menschen lernen, wenn auch auf unabsehbare Weise. Die Vernunft- und Fortschrittskritiker unserer Tage gehen viel weiter. Für sie ist bereits der Versuch, die Grenzen des Wissens und der menschlichen Potenziale zu erweitern, eine Anmaßung.

Die Anhänger des Konzepts der Risikogesellschaft argumentieren, in unserer komplexen industrialisierten Welt sei es überhaupt nicht mehr möglich, die Folgen wissenschaftlicher und technischer Innovationen abzusehen. Gelegentlich wird dazu ausgeführt, die Auswirkungen technischer Neuerungen träten so rasch ein, dass schlicht und einfach die Zeit fehle, ihre Folgen zu verstehen oder abzuschätzen.Hayek ist aber, trotz seines Pessimismus im Hinblick auf die Möglichkeiten bewussten Handelns, optimistisch, was den Fortschritt der Menschheit betrifft. Er meint, Menschen lernen, wenn auch auf unabsehbare Weise. Die Vernunft- und Fortschrittskritiker unserer Tage gehen viel weiter. Für sie ist bereits der Versuch, die Grenzen des Wissens und der menschlichen Potenziale zu erweitern, eine Anmaßung.

Die Anhänger des Konzepts der Risikogesellschaft argumentieren, in unserer komplexen industrialisierten Welt sei es überhaupt nicht mehr möglich, die Folgen wissenschaftlicher und technischer Innovationen abzusehen. Gelegentlich wird dazu ausgeführt, die Auswirkungen technischer Neuerungen träten so rasch ein, dass schlicht und einfach die Zeit fehle, ihre Folgen zu verstehen oder abzuschätzen.[6]Der Soziologe Niklas Luhmann ging davon aus, dass der Mangel an Zeit, die erforderlich wäre, um alle nötigen Informationen zu erhalten, die Möglichkeiten rationalen Handelns untergräbt.[7]

"Da sich der Westen heute von der Aufklärung im Allgemeinen und vom historischen Denken im Besonderen abgewandt hat, scheint Fukuyamas These vom Ende der Geschichte gerechtfertigt.”

Vertreter der These der Risikogesellschaft halten die Menschheit für unfähig, vergangene Fehler zu korrigieren und die Zukunft zu gestalten. Letztendlich wird hier schon der Versuch, etwas zu begreifen, zur möglichen Ursache denkbarer Katastrophen. Das historische Denken selbst erscheint hier als Risikofaktor.

Da sich der Westen heute von der Aufklärung im Allgemeinen und vom historischen Denken im Besonderen abgewandt hat, scheint Fukuyamas These vom Ende der Geschichte gerechtfertigt. Er hat präzise die marginale Rolle formuliert, die historisches Denken heute noch spielt. Anders als früher scheint es keine denkbaren Alternativen zum Kapitalismus und zur liberalen Demokratie zu geben. Ja, es gibt überhaupt keine großen Ideen mehr. Die aktuellen kritischen Strömungen – ob Globalisierungsgegner oder Umweltschützer – haben weder eine Vision für die Zukunft, noch überzeugende Argumente dafür, wie der Status quo sich grundsätzlich ändern ließe.

Kritiker der etablierten Politik misstrauen den Möglichkeiten bewussten menschlichen Handelns heute sogar noch mehr als die Eliten. Besonders auffällig ist das bei den Bewegungen, die sich für kulturelle Rechte einsetzen. Hier spielen Bewusstsein und Subjektivität überhaupt keine Rolle mehr; sie werden durch Identitätspolitik ersetzt. Die Berufung auf starre, in der Vergangenheit verwurzelte Identitäten ist eine absolute Negation des historischen Denkens.

Müssen wir also daraus schließen, dass die Geschichte am Ende ist? Dass historisches Denken nicht mehr existiert, lässt sich nicht logisch aus der empirisch erfahrenen Realität ableiten. Diese These ist keine Theorie, sondern eine einfache Verallgemeinerung der Tatsache, dass derzeit keine ideologische Alternative zum liberalen Kapitalismus existiert. Historisch gesehen ist die Gegenwart aber nur ein Augenblick. Ein Rückblick auf die letzten dreihundert Jahre legt viel eher den Schluss nahe, dass die Geschichte gerade erst begonnen hat.

Es ist unwahrscheinlich, dass die ideologischen Gefechte der letzten drei Jahrhunderte die Vorstellungskraft der Menschheit erschöpft haben. Dagegen sprechen vor allem zwei Gründe. Zum einen haben die großen Ideen, die man generell mit der Vision des liberalen Kapitalismus verbindet, in der politischen Kultur nie eine bedeutende Rolle gespielt. Das beste Argument für den Kapitalismus war stets die schlichte Behauptung, er funktioniere und brächte ein gewisses Maß an Wohlstand. Traten Wirtschaftskrisen ein, gaben sich intellektuelle Parteigänger des Systems immer sehr defensiv und pragmatisch. Sie waren immer wieder schnell bereit, sich mit dem Sozialstaat, der Verstaatlichung von Industrien, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Konjunkturprogrammen zu arrangieren.

"Aufgrund ihres theoretisch unterentwickelten Charakters ist die kapitalistische Ideologie wenig geeignet, kulturellen Einfluss auszustrahlen – was der Kulturpessimismus dieser Tage belegt.”

Zum anderen war über weite Strecken des 20. Jahrhunderts das Negativbeispiel der Sowjetunion das beste Argument für den Kapitalismus. Entsprechend wenig theoretisch entwickelt ist die Ideologie des Kapitalismus; Alternativen mit Zugkraft entwarf sie sehr selten. Die wenigen Visionen der gedanklich kohärenteren Anhänger der liberalen Markwirtschaft blieben in der politischen Diskussion fast immer wirkungslos. Die westliche Intelligenz hat sich meist vom Prinzip der freien Marktwirtschaft distanziert und immer wieder eine Kulturkritik des Kapitalismus entwickelt.

Aufgrund ihres theoretisch unterentwickelten Charakters ist die kapitalistische Ideologie wenig geeignet, kulturellen Einfluss auszustrahlen. Das belegt der Kulturpessimismus dieser Tage, der sich nach dem 11. September noch deutlich verstärkt hat. Er ist ein Hinweis darauf, dass der kapitalistischen Ideologie die Kraft fehlt, in ihrer aktuellen Form zu überleben.

"Der Theoriearmut des Kapitalismus steht die Theorielastigkeit seiner Alternativen gegenüber.”

Obwohl dem Kapitalismus keine einzige Alternative entgegensteht, scheint seine geistige Substanz einfach zu implodieren. Ein sich zunehmend zur völligen Beliebigkeit steigernder Relativismus belegt, dass es dem klassischen Liberalismus an allem fehlt, das nötig wäre, um mit der heutigen Lebenswirklichkeit in ein fruchtbares Verhältnis zu treten.

Der Theoriearmut des Kapitalismus steht die Theorielastigkeit seiner Alternativen gegenüber. Sie sind so überfrachtet mit alten Theoremen, dass sie sich der Wirklichkeit verschließen. Für die verbliebene Linke endete die Geschichte schon lange vor Fukuyamas Grabrede. Sie hat die wertvollen Erkenntnisse der radikalen Denker des 19. Jahrhunderts in Dogmen verwandelt, in denen immer schon alles geschrieben stand, was es über die Welt und die Menschen zu sagen gab und gibt. Heute sind die Reste dieser Kritik nichts weiter als eine Karikatur ihrer selbst, die den Staat als Korrektiv des Markts und der Menschen lobpreiste. Dass solche schalen Konzepte überhaupt noch Einfluss in der Gesellschaft hatten, lag allein an der Defensivität und geistigen Schwäche der marktliberalen Alternative. Der Niedergang der frühen Ideologien des Liberalismus und Sozialismus bedeutet aber nicht das Ende des historischen Denkens. Sie stammen aus einer Zeit, in der der Umsetzung bewussten menschlichen Handelns noch erhebliche Hürden im Weg standen. Erst heute lernt die Gesellschaft zu begreifen, wie die Welt tatsächlich funktioniert.

Obwohl die Verzagtheit über das, was Menschen erreichen können, im Westen noch nie so groß war wie heute, verfügt der Einzelne über früher unvorstellbare Möglichkeiten, das eigene Leben zu beeinflussen und zu steuern. Erst heute ist das Versprechen, selbst entscheiden zu können, wie wir leben möchten, für einen großen Teil der Bevölkerung eine greifbare Möglichkeit geworden. Autonomie und Selbstbestimmung sind zwar immer noch eher Ideale, die uns inspirieren können, als Realität. Aber wir haben die Steinzeit der Ideologien hinter uns gelassen und leben in einer Welt, in der die Handlungsfähigkeit der Menschen große Kraft gewonnen hat.

Zudem haben wir gelernt, dass die Geschichte keine Lebensversicherung ist. Zielgerichteter Wandel ist in der Tat ein Unternehmen mit vielen Risiken. Aber, ob es uns gefällt oder nicht: Risiken einzugehen, um die Art, in der wir leben – und uns selbst – zu verändern, ist die menschlichste aller Tätigkeiten. Geschichte zu machen ist eines dieser Experimente der Verwandlung, das uns hilft, Mensch zu werden und unsere Menschlichkeit unter Beweis zu stellen.

Es liegt in der Natur von Experimenten, dass wir nicht im Voraus wissen können, wie sie ausgehen. Aufgrund vergangener Erfahrungen ist uns diese Ungewissheit heute unheimlich, so dass wir dazu neigen, lieber das Ende der Geschichte herbeizuwünschen. Es ist nicht einfach, aus der bequemen Höhle des Jetzt aufzubrechen. Und die Vorstellung, die Geschichte beginne erst jetzt, mag noch einige Zeit eher Angst als Begeisterung wecken. Ereignisse wie die vom 11. September zeigen uns aber, dass wir nicht ewig zögern dürfen. Alles in allem ist bewusstes Handeln und Experimentieren der einzige mögliche Weg in die Zukunft. Solche Risiken einzugehen ist eine Verpflichtung, die uns aus unserer Natur als Menschen erwächst.