01.05.2005

Die Familie als Hochrisikozone?

Analyse von Sabine Beppler-Spahl

Sabine Beppler-Spahl wehrt sich dagegen, dass Eltern unter Generalverdacht gestellt werden.

Im März verhungerte ein 7-jähriges Mädchen in Hamburg in der Wohnung seiner Eltern. Die Umstände, die zu seinem Tod führten, schockierten die Öffentlichkeit. Die Vorstellung seiner Qualen lösten ebenso Empörung aus wie das Versagen der Sozialdienste. Als Reaktion darauf entwickelte sich eine hitzige Diskussion über verbesserte Gewaltpräventionsprogramme. Die CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus stellte den Antrag, die kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen, die für alle Kinder bis zum frühen Schulalter empfohlen werden, zur Pflicht zu machen.
Doch der „Fall Jessica“ war vor allem deshalb schockierend, weil die Kombination extremer Kindesmisshandlung und behördlichen Versagens in Deutschland äußerst selten vorkommt. Wie kann ein so außergewöhnlicher Fall dennoch zur Grundlage genommen werden, um Rückschlüsse auf den Rest der Gesellschaft zu ziehen und um gesetzliche Verschärfungen zu fordern, die alle Familien betreffen? Das fragen sich offenbar nur wenige der Kommentatoren. Weit populärer ist das Aufpeitschen der Gemüter – nicht selten getragen vom Bemühen, sich selbst sogleich als Schutzinstanz zu profilieren.
Der tragische Tod eines Mädchens, das in eine Familie hineingeboren wurde, die sich am äußersten Rand unserer Gesellschaft befand, wurde zum Anlass genommen, um alle Eltern unter Generalverdacht zu stellen. Kampagnen, die sich auf den Hamburger Vorfall berufen, verbreiten die gefährliche Botschaft, Familien seien generell riskante Orte für Kinder. Eltern müssten deshalb stärker kontrolliert werden, da man ihnen die Sorge für das Wohl ihrer Kinder nicht alleine überlassen dürfe. Gleichzeitig wird ein Klima des Misstrauens geschürt. Ärzte, Erzieher und Lehrer werden aufgefordert, bei jedem blauen Fleck Argwohn zu hegen. Der „Fall Jessica“ liefert jedoch keine plausible Begründung dafür, Gesetze und Kontrollen zu verschärfen. Er zeigt vielmehr, dass wir Gefahr laufen, jeglichen Maßstab in der Diskussion um familiäre Gewalt zu verlieren.
 

„Familienidylle gleich Kinderhölle?“



Dunkelfeld
Die Forderung nach obligatorischen Arztbesuchen stammt von Peter Trapp, Abgeordneter der Berliner CDU und Polizeibeamter i.R. Er begründete seinen Vorstoß mit dem Hinweis, der „Fall Jessica“ sei nur die Spitze eines Eisbergs. Mit dieser Einschätzung steht er nicht alleine: „Auf die Familie ist in vielen Fällen kein Verlass, das zeigt der Fall Jessica“, schrieb der Berliner Tagespiegel. Mit solchen Kommentaren wurde die Familie kurzerhand von einem Ort der Geborgenheit zu einer potenziellen Hölle für Kinder degradiert. Die Ausweitung der Problematik von einer sehr kleinen Minderheit (in den vergangenen fünf Jahren sind acht Kinder in Deutschland an den Folgen von Vernachlässigung gestorben) zur großen Mehrheit der Familien wird meist mit Verweisen auf das so genannte „Dunkelfeld“ bewerkstelligt. Es umfasst Straftaten, die der Polizei nicht angezeigt werden. Bei Gewalt gegen Kinder wird von einer besonders hohen Dunkelziffer ausgegangen. Diese Annahme erscheint plausibel, denn misshandelte Kinder sehen in der Regel keine Möglichkeiten, das ihnen zugefügte Unrecht bekannt zu machen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für Deutschland weist für das Jahr 2002 rund 1100 Fälle von Verstößen gegen den § 171 StGB (Verletzung der elterlichen Fürsorge- und Erziehungspflicht) aus. Doch die Einsicht, dass die Aussagekraft der Kriminalstatistik beschränkt ist, rechtfertigt nicht die groben Spekulationen darüber, wie groß das Dunkelfeld tatsächlich sein könnte. Dennoch schießen die vermuteten Zahlen ins Kraut: Der Deutsche Kinderschutzbund präsentierte im Jahr 2002 eine „Hochrechnung des Dunkelfeldes bei Kindesmisshandlung“. Demnach werden 1,4 Millionen Kinder (11 Prozent) misshandelt. Anders formuliert: In einer Reihenhausparzelle mit zehn Wohneinheiten sollen hinter mindestens einer Wohnungstür schwere Vergehen an Kindern begangen werden. Mit diesen Zahlen wollte der Kinderschutzbund die Öffentlichkeit aufrütteln. Und genau darin liegt das erste Problem mit Hochrechnungen dieser Art: sie sind nicht objektiv, da sie durch die subjektiven Motive der Organisatoren beeinflusst werden. Hinzu kommt, dass überall dort, wo keine Anzeige durch die Opfer erfolgt, die Macht der Suggestion ins Spiel kommt. Die vermeintlichen Opfer werden quasi aufgefordert, sich als solche zu definieren bzw. zu erkennen zu geben. Dabei werden die Befragten oft ungewollt in eine gewisse Richtung gedrängt (durch Mehrfachbefragung, Nachhaken oder durch die Wahl einer speziellen Formulierung). Wie gefährlich dies sein kann, zeigte sich, als in den 90er-Jahren zahlreiche Personen unrechtmässig des sexuellen Missbrauchs von Kindern verdächtigt und verurteilt wurden.
Grundlage der Hochrechnung des Kinderschutzbundes war eine Umfrage (anhand eines Fragebogens) unter Kindern und Jugendlichen. Eine positive Antwort auf die Frage „Familien- oder Haushaltsmitglieder haben bei Streit oder Auseinandersetzung mit der Faust geschlagen, getreten oder gebissen“, machte den Befragten zu einem „Opfer schwerer physischer Gewalt“. Eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Formen von „Gewalt“ wurde (offenbar als Mittel zum Zweck des Wachrüttelns) nicht getroffen. Ein Kind, das angab, von einem Familienmitglied getreten oder mit der Faust gehauen worden zu sein, wurde ebenso zu einem Opfer schwerer physischer Gewalt wie ein Kind, das die Frage „Familien- oder Haushaltsmitglieder haben … eine Waffe, z.B. ein Messer oder eine Schußwaffe gegen mich eingesetzt“ bejahte. In jedem Haushalt, in dem mehrere Kinder gemeinsam aufwachsen, kommt es gelegentlich zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Geschwisterstreit wird nun einmal nicht immer mit Samthandschuhen ausgetragen. Kräftemessen ist ebenso Bestandteil des Heranwachsens wie das Erlernen von Selbstkontrolle und korrekter Selbsteinschätzung. Doch offenbar ging es dem Kinderschutzbund nicht um solche Differenzierungen.
Die Jugendämter haben eine wichtige Aufgabe in einer Gesellschaft, in der einzelne, wenige Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder wirklich überfordert sind und Hilfe brauchen. Diese Aufgabe können sie jedoch nur wahrnehmen, wenn Klarheit darüber herrscht, wann Kinder wirklicher Gewalt ausgesetzt und welches die tatsächlichen Notfälle sind. Vermutet man jedoch hinter jeder zehnten Familientür und bei jedem handgreiflichen Geschwisterstreit sogleich einen Fall von Kindesmisshandlung, dann wird die Prävention der tatsächlichen Problemfälle erheblich erschwert, wenn nicht gar verhindert.
 

„Heute ein Klaps auf den Hintern, und morgen halbtot prügeln.“



Kreislauf der Gewalt
In unserer Gesellschaft mangele es an Sensibilität für die Notwendigkeit, Kinder zu schützen, hieß es im Zuge der Debatten über den Tod des Hamburger Mädchens. Dem ist beileibe nicht so – im Gegenteil: es gibt neben dem Jugendamt eine Vielzahl von Kinderschutzorganisationen, Familienberatungsstellen, Polizeieinheiten und zahlreiche Lehrer, Ärzte, Erzieher und viele mehr, die darauf geschult sind, die ersten Anzeichen einer Kindesmisshandlung zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Doch die Fixierung auf „erste Anzeichen“ möglicher Misshandlungen trägt wesentlich zu dem heute tief verankerten negativen Elternbild und zu der großen Verwirrung über die wirklichen Ursachen und Ausmaße von Gewalt gegen Kinder bei.
Eine verbreitete Vorstellung, die eng mit der Forderung nach mehr Sensibilität in Sachen Kinderschutz zusammenhängt, ist die der „kleinen Anfänge“. Nach dieser verqueren Logik laufen Eltern, die für einen kurzen Moment die Beherrschung verlieren und ihr Kind anschreien oder ihm gar einen Klaps verpassen, Gefahr, einen „Kreislauf der Gewalt“ auszulösen und es bei der nächsten Gelegenheit halbtot zu prügeln. Mit solchen Argumenten wurde das im Jahr 2000 eingeführte Gesetz gegen die Ächtung der Gewalt in der Erziehung legitimiert. Der Klaps wurde zu einer Art „Gewalt-Einstiegsdroge“ stilisiert.
Doch die These vom Kreislauf der Gewalt entbehrt jeder Grundlage. Auch wenn man den Klaps als Erziehungsmittel ablehnt, sollte man der These vom Kreislauf der Gewalt eine Absage erteilen. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, Eltern könne nicht zugetraut werden, selbst zu wissen, wo sie Grenzen ziehen. Ein Klaps – und schon wird man zum Kinderprügler; ein Bier – und man entwickelt sich zum Alkoholiker. So rücken Eltern im Übereifer der Präventionsbemühungen schnell in die Nähe prügelnder Monster. Hat man die Idee vom Kreislauf der Gewalt verinnerlicht, entdeckt man zwangsläufig überall Gefahren. „Sie werden geschlagen, geschüttelt, verbrüht, auf den Boden geworfen: Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Horrorgeschichten über misshandelte Berliner Kinder bekannt werden.192 Fälle registrierte die Berliner Polizei allein im ersten Halbjahr 2004“, schrieb Die Welt. Das seien 20,75 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Es fällt jedoch schwer zu glauben, dass immer mehr Eltern ihre Kinder verbrühen oder auf den Bodern werfen. Wahrscheinlicher ist, dass ein Klima der Panik geschürt worden ist, in dem jeder Vater und jede Mutter unter latentem Verdacht stehen. Die aktuellen Forderungen der Berliner CDU und Teilen der Polizei sind nur die logische Folge und führen zu einem Kreislauf ganz anderer Art: dem Kreislauf von Misstrauen, Kontrolle und Zerstörung der Privatsphäre.
 

„Es könnte demnächst unangenehm für Sie werden, wenn Ihr Kind der Lehrerin seine Schürfwunde zeigt.“



Schutz der Familie
Zwischen einer stärkeren Überwachung auf der einen und dem Schutz der Privatsphäre von Familien auf der anderen Seite kann es keinen Kompromiss geben. Wer sich überwacht fühlt, tendiert automatisch dazu, sich stärker mit den Augen anderer zu betrachten. Eltern, die Angst haben müssen, bei jeder Verletzung ihres Nachwuchses als Gewalttäter verdächtigt zu werden, zögern vielleicht in Zukunft, ein Kind mit einer Schürfwunde zur Untersuchung zu bringen. Die innere Dynamik des Familienlebens wird automatisch beeinträchtigt. Und was passiert, wenn trotz staatlich verordneter Vorsorgeuntersuchungen demnächst wieder ein „Fall Jessica“ auftritt? Dann werden neben den Jugendämtern auch noch die Ärzte an den Pranger gestellt. Und ebenso wahrscheinlich wird der Ruf nach einer weiteren Kontrollinstanz erhoben – möglicherweise nach einem Untersuchungsbeamten für jede Familie.
Dieser permanente Generalverdacht gegen Eltern droht unser Gemeinwesen an der Wurzel zu zermürben. Es handelt sich um einen Frontalangriff gegen die Familie, die als Ort der Privatsphäre und der Geborgenheit nach wie vor eine wichtige und ganz zentrale Rolle in unserem Leben spielt. Wer heute behauptet, hinter fast jeder verschlossenen Tür würden sich Gewaltexzesse und andere Dramen gegen Kinder abspielen, ist weltfremd und allem Anschein nach infiziert von einem destruktiven Zeitgeist, bei dem Menschen nur noch die Rolle des Übeltäters spielen. Solche inhumanen Phantasien tragen weitere Angst in unsere Gesellschaft, und sie befördern einen autoritativen Politikstil. Eltern und alle, die sich um das Wohl von Familien und Kindern sorgen, sollten sich vehement gegen diese Entwicklung stellen.