03.04.2014

Die Fallstricke sozialer Verantwortung

Essay von Alexander Horn

Corporate Social Responsibility (CSR) gehört heute zum Wirtschaftsleben dazu. Unternehmen sollen auch „sozial und ökologisch verantwortlich“ handeln. Dabei wird vergessen, dass gerade das Profitstreben der Marktakteure unseren gesellschaftlichen Wohlstand schafft.

Die Forderung des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Anan auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum 1999 nach einem weltweiten Bündnis führender Wirtschaftsunternehmen mit dem Ziel, ethische Grundsätze in ihrem unternehmerischen Handeln zu verankern, war so etwas wie die Geburtsstunde der Corporate Social Responsibility (CSR). In Zusammenarbeit mit Vertretern großer multinationaler Konzerne entstand bereits im Jahr darauf ein Katalog von zehn Prinzipien zu Menschenrechten, Arbeitsnormen, Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung [1], zu deren Einhaltung sich die Unternehmen im „Global Compact“ freiwillig selbstverpflichten sollten. Diese Initiative kam nicht von ungefähr. Um die Jahrtausendwende erreichte die Anti-Globalisierungsbewegung ihren Höhepunkt. Die Kritik der Globalisierungsgegner fokussierte sich auf multinationale Konzerne, die rein profitgetrieben agierten, ohne dabei auf Mensch und Umwelt Rücksicht zu nehmen. Internationale Gipfeltreffen wurden regelmäßig von Großdemonstrationen der Globalisierungsgegner begleitet und im September 1999 führten die Proteste gar zum Abbruch der dritten WTO-Konferenz in Seattle. Mit dem Global Compact begann ein bis heute anhaltender Versuch, dem sinkenden gesellschaftlichen Vertrauen gegenüber Marktwirtschaft und Unternehmertum durch „verantwortliches unternehmerisches Handeln“ zu begegnen und damit insbesondere die einzelnen Unternehmen moralisch aufzuwerten.

Moralisierte Unternehmen

Nach nunmehr fünfzehn Jahren ist zu erkennen, dass das übergeordnete Ziel einer moralischen Aufwertung weder für die Unternehmen noch die Marktwirtschaft als Ganzes gelungen ist. Die moralische Legitimitätskrise hat sich trotz enormer Anstrengungen vieler Unternehmen weiter verschärft. Einerseits kann der Global Compact auf inzwischen über 12.000 Teilnehmer verweisen, andererseits hat die Finanz- und Wirtschaftskrise sehr deutlich werden lassen, dass nunmehr nicht nur notorische Kapitalismuskritiker wenig Vertrauen in Unternehmen und deren Führungseliten haben.

Dies hat die Bundesregierung allerdings nicht davon abgehalten, auf dem Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 eine eigene CSR-Kampagne zu starten: Die Unternehmen hätten CSR in den allermeisten Fällen noch nicht richtig verinnerlicht. CSR sei oft weder Chefsache noch Teil der Unternehmensstrategie. Erst wenn CSR sozusagen in die Unternehmens-DNA injiziert sei, würden sich auch die Erfolge einstellen, so die Argumente der übermächtigen CSR-Lobby.

„Das moralische Dilemma, in dem sich die Unternehmen befinden, wird sich mittels CSR nicht beheben lassen. Stattdessen ist CSR geeignet die moralische Position der Unternehmen weiter zu schwächen.“

Die Hoffnungen der CSR-Befürworter sind auf Sand gebaut. Das moralische Dilemma, in dem sich die Unternehmen befinden, wird sich mittels CSR nicht beheben lassen. Stattdessen ist CSR geeignet die moralische Position der Unternehmen weiter zu schwächen, denn der gesellschaftliche Beitrag, den Unternehmen durch ihre am Gewinn orientierte Wertschöpfung und damit für Wohlstand und Fortschritt leisten, wird durch ein neues Verständnis gesellschaftlicher Verantwortung entwertet. Diese neuen gesellschaftlichen Aufgaben widersprechen ganz und gar der Funktion von Unternehmen in einer Marktwirtschaft. Mit einer in ihren Konturen äußerst diffusen Erweiterung ihrer Verantwortung machen sich die Unternehmen auf vielerlei Art angreifbar. Gerade die schärfsten Unternehmenskritiker und die Politik werden förmlich dazu eingeladen, immer mehr gesellschaftliche Probleme bei den Unternehmen abzuladen. Da hilft auch die Betonung der Freiwilligkeit der Selbstverpflichtungen wenig. Im Gegenteil: Gerade sie ebnen oft den Weg zu weiterreichenden Regulierungen, die freie unternehmerische Entscheidungen zunehmend erschweren und damit zu einem objektiven Problem für gesellschaftlichen Fortschritt werden.

Zweifel und Selbstzweifel

Die Diskussion über die moralische Rechtfertigung des Kapitalismus ist so alt wie der Kapitalismus selbst. Die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre stellten in dieser Hinsicht einen Einschnitt dar. [2] Der tiefe Vertrauensverlust gegenüber dem Kapitalismus relativierte sich im Nachkriegsdeutschland mithilfe der „sozialen Marktwirtschaft“ und dem steigenden Wohlstand im „Wirtschaftswunder“. Auch der Kalte Krieg war bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion Ende der 1980er-Jahre eine zentrale moralische Stütze, denn es gelang, die marktwirtschaftlichen Errungenschaften im Kontrast zu den verkrusteten stalinistischen Regimes Osteuropas als überlegenes ökonomisches Modell darzustellen.

Mit Ende des Kalten Krieges war dieser Gegensatz plötzlich verschwunden. Zwar hatte der Kapitalismus einen historischen Sieg errungen, aber dennoch waren die kulturellen Zweifel eher gewachsen. Die in den 1990er-Jahren an Dynamik gewinnende Globalisierungs- und Neoliberalismuskritik speiste sich aus diesem moralischen Dilemma. Da es aber nicht gelang, das moralische Vakuum zu füllen, gewannen Konzepte und Ideen an Einfluss, die darauf abzielten, die moralische Legitimitätskrise der marktwirtschaftlichen Ordnung innerhalb des Systems durch mehr „unternehmerische Verantwortung“ zu reparieren. Statt Shareholder Value, also die unternehmerische Orientierung an den Interessen der Eigentümer eines Unternehmens, schob sich nun mit dem Stakeholder Value eine Orientierung an gesellschaftlichen „Anspruchsgruppen“ immer mehr in den Vordergrund.

Mit CSR, das auf dem Stakeholder Value-Ansatz basiert, verpflichten sich die Unternehmen ökologische und soziale Ziele ebenso in ihre Aktivitäten einzubeziehen wie wirtschaftliche. Die Grundannahme hinter diesem Konzept ist, dass Unternehmen erst, indem sie ökologische und soziale Aspekte beachten, eine gesellschaftlich nützliche Funktion erfüllen. Die Unternehmen müssen sich demnach durch solche „nützlichen Aktivitäten“ das Wohlwollen der Gesellschaft - eine „licence to operate“ (Betriebslizenz) – erkaufen, um ihrem Profitinteresse weiterhin nachgehen zu dürfen. In dieser Herangehensweise drücken sich jedoch ein falsches Verständnis sowie tiefe Zweifel über die gesellschaftliche Rolle der Unternehmen aus. Zwar liegt die Produktion in einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft in Privatverantwortung, dennoch hat sie eine zentrale gesellschaftliche Funktion: die Erzeugung des gesellschaftlichen Reichtums. Die Unternehmen waren und sind das Kraftzentrum der Entwicklung und Anwendung neuer Technologien und damit der Motor für Wachstum, Fortschritt und zunehmenden gesellschaftlichen Wohlstand.

Profit bringt gesellschaftlichen Nutzen

Mit der Kritik am Unternehmensgewinn gerät dieser gesellschaftliche Beitrag der Unternehmen aus dem Blickfeld und wird entwertet. Denn gerade indem die Unternehmen sich am Gewinn orientieren, erfüllen sie die ihnen in einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft zukommende gesellschaftliche Funktion. In einem funktionierenden Markt sind sie permanent zur Verbesserung der Arbeitsproduktivität gezwungen und sorgen so für mehr Wohlstand. Wenn Produktivitätssteigerungen im Sinne der CSR als nicht nachhaltig oder unsozial gelten, wird somit nicht nur die Legitimität der Gewinnorientierung von Unternehmen in Frage gestellt, sondern noch scherwiegender die wohlstandssteigernde Funktion der Produktion für unsere Gesellschaft.

„Mit seinem Gewinnstreben fördert der Unternehmer, indem er das Volkseinkommen steigert, auch das Allgemeinwohl, selbst wenn dies subjektiv gar nicht in seiner Absicht liegt.“

Bereits Adam Smith erkannte, dass die Unternehmer in einer marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft mit ihrem Interesse an größtmöglichem Gewinn eine objektiv im Interesse der gesamten Gesellschaft liegende Aufgabe wahrnehmen. Wenn „jeder einzelne soviel wie nur möglich danach trachtet, sein Kapital zur Unterstützung der einheimischen Erwerbstätigkeit einzusetzen und diese dabei so lenkt, dass ihr Ertrag den höchsten Wertzuwachs erwarten lässt, dann bemüht sich auch jeder einzelne ganz zwangsläufig, dass das Volkseinkommen im Jahr so groß wie möglich werden wird.“ [3] Mit seinem Gewinnstreben fördert der Unternehmer, indem er das Volkseinkommen steigert, auch das Allgemeinwohl, selbst wenn dies subjektiv gar nicht in seiner Absicht liegt. Er tut es, weil er die Unternehmerfunktion bestmöglich ausführt: „Und er wird in diesem, wie in anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat.“ [4] In den 1960er-Jahren des letzten Jahrhunderts betonte auch der spätere Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman in Anbetracht aufkommender Ideen von einer „sozialen Verantwortung der Unternehmen“ diesen Zusammenhang. In seinem Buch Kapitalismus und Freiheit warnte er, in einem freien Wirtschaftssystem gebe es nur „eine einzige Verantwortung“ für die Unternehmer: „Sie besagt, dass die verfügbaren Mittel möglichst Gewinn bringend eingesetzt werden und Unternehmungen unter dem Gesichtspunkt der größtmöglichen Profitabilität geführt werden müssen, solange dies unter Berücksichtigung der festgelegten Regeln des Spiels geschieht …“. [5]

Auch Peter Drucker, der Pionier der modernen Managementlehre, hatte die den Wohlstand der Gesellschaft vermehrende Funktion der Unternehmen in den 1970er Jahren noch klar im Fokus. Aus dieser zentralen gesellschaftlichen Verantwortung der Unternehmen in der industriellen Gesellschaft leitete er sogar die besondere Aufgabe des Managements ab. Aufgrund seiner exponierten Stellung, sah er das Management als Agenten für Fortschritt und Wohlstand: „Das Unternehmen ist das wohlstandschaffende und wohlstandserzeugende Organ unserer Gesellschaft. Das Management muss seine wohlstandsschaffenden Produktionsmittel intakt erhalten durch die Erzielung angemessener Gewinne zum Ausgleich der in der wirtschaftlichen Tätigkeit erhaltenen Risiken. Und außerdem muss es die wohlstandschaffende und -erzeugende Kapazität dieser Produktionsmittel vergrößern und damit gleichzeitig zur Vergrößerung des Wohlstands der Allgemeinheit beitragen.“ [6]

Werte statt Wachstum

Die Orientierung am Gewinn – eine in der Marktwirtschaft unabdingbare Notwendigkeit für das Unternehmen, um wirtschaftlich zu überleben – treibt also die Unternehmen dazu, die Wertschöpfung möglichst gut zu organisieren, und stellt sie damit funktional in den Dienst der Gesellschaft. Dieser elementare Zusammenhang ist offenbar weitgehend in den Hintergrund getreten. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat sehr deutlich gemacht, dass die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen weniger denn je in einer wohlstandssteigernden Funktion gesehen wird. Wirtschaftswachstum wird skeptisch gesehen und sogar die Bundeskanzlerin hat die Wachstumsfixierung bereits als eine Krisenursache ausgemacht. [7] Obwohl ganz Europa seit mehr als fünf Jahren massiv unter fehlendem Wirtschaftswachstum leidet, wird diese Tatsache, wenn auch klagend, passiv hingenommen. Es gibt keine ernsthafte Diskussion über Wachstum, ganz zu schweigen von einer Strategie. [8] Stattdessen erleben wir immer wieder selbstgeißelnde Debatten darüber, dass maßloses menschliches Fehlverhalten – sei es nun individuelles oder kollektives – für die Krise verantwortlich zu machen sei. So brandmarkte der damalige Bundespräsident Köhler bereits 2008 die „hemmungslose Gier“ als Auslöser der Krise. Köhler konzentrierte sich noch vor allem auf verantwortungslose Banker und die Finanzwirtschaft, später wurden weitere Teile der Gesellschaft mit in die Kritik eingeschlossen. So gerieten selbst die kleinen Hauskäufer in die Kritik, weil diese vom Immobilienboom profitieren wollten und Bankenkredite nutzten, die sie später nicht finanzieren konnten. Überall hätten die Menschen auf Pump, also über ihre Verhältnisse, gelebt, ihren Lebensstandard mit billigen Krediten finanziert und so die Krise mit verursacht.

Der Beitrag der Unternehmen für wirtschaftliches Wachstum spielt seitdem kaum eine Rolle. Stattdessen sind die Wertorientierung der Führungseliten und der Beitrag der Unternehmen für eine solidarische und nachhaltig orientierte Gesellschaft gefragt. Die moralische Stärkung der Unternehmen durch verantwortliches gesellschaftliches Handelns ist Programm. CSR hat daher einen immensen Schub erhalten und kaum ein Großunternehmen oder Wirtschaftsverband kann sich diesem Thema entziehen. In ihrer 2009 gestarteten CSR-Kampagne kommt die Bundesregierung geradezu im Gestus des erhobenen Zeigefingers daher. CSR sei unternehmerische Pflicht, denn, so ist auf ihrer Website zu lesen: „CSR ist kein „Sahnehäubchen“, das sich Firmen leisten, weil es modern ist, sondern ein Grundpfeiler der sozialen Marktwirtschaft. Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen stärkt die Volkswirtschaft und die Gesellschaft. CSR lohnt sich.“ [9] In Anbetracht der gerne als pathologisch bezeichneten Gier und Verantwortungslosigkeit in den Führungsetagen der Finanzwirtschaft empfiehlt auch die Bundesregierung einen ganzen Schuss mehr Moral: „Verlässliche ‚UnternehmensWerte‘ steigern die nationale und internationale Wettbewerbsfähigkeit kleiner und großer Unternehmen. ‚UnternehmensWerte‘ fördern die Solidarität in unserer Gesellschaft. … Unternehmen, die Beiträge zu einer starken, solidarischen und vitalen Gesellschaft leisten, fördern ein Umfeld, in dem sie erfolgreich wirtschaften können. CSR stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.“ [10]

„Da sie sich den Anschein geben konnten, außerhalb profitgetriebener Marktrealitäten zu agieren, verfügen NGOs über die notwendige moralische Autorität zu entscheiden, was in unserer Gesellschaft als ökologisch und sozial zu gelten hat.“

NGOs – das soziale Gewissen

Beim Versuch, das Vertrauen in Unternehmen und Marktwirtschaft wiederherzustellen, kommt der CSR offenbar eine immer wichtigere Aufgabe zu. Da mit CSR aber das Einverständnis einhergeht, dass Unternehmen auch Verantwortung für die Umwelt sowie soziale Verantwortung übernehmen, nährt dies Ansprüche von allen Seiten. Dabei ist allerdings nicht klar umrissen, was dies konkret bedeutet. Weder im „Global Compact“ noch von anderen Institutionen wird exakt definiert, wie sich diese soziale und ökologische Verantwortung ausdrückt – ohne Zweifel lässt sich nur sagen, dass der schillernde Begriff der Nachhaltigkeit hier von ganz zentraler Bedeutung ist. Bereits die berühmte im Brundtland-Bericht von 1987 gewählte Definition, wonach eine Entwicklung dann nachhaltig ist, wenn sie „den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden“ [11] lässt großen Interpretationsspielraum. Heute definieren vor allem Nichtregierungsorganisationen (NGOs) diesen Begriff. Da sie sich den Anschein geben, außerhalb profitgetriebener Marktrealitäten zu agieren, verfügen sie über die notwendige moralische Autorität, Aussagen darüber zu treffen, was in unserer Gesellschaft als ökologisch und sozial zu gelten hat. Indem die Unternehmen diese Vorstellungen „freiwillig“ in ihr Selbstverständnis integrieren und so signalisieren, Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen zu wollen, hoffen sie auf ein positiveres Image in der Öffentlichkeit. So lassen sie sich in ein Spiel hineinziehen, dessen Regeln ausgerechnet von ihren schärfsten Kritikern aus der NGO-Branche bestimmt werden. Dass vielen NGO-Mitarbeitern das Profitmotiv ganz grundsätzlich als verwerflich gilt, macht es für die Unternehmen auch nicht einfacher. Die Unternehmen können den immer weiter reichenden Anforderungen der sich als moralisch überlegen gerierenden NGOs unmöglich gerecht werden, weil jedes Entgegenkommen sofort neue Forderungen nach sich zieht – so sind die Unternehmen permanent in der Defensive.

Welche perversen Folgen sich aus diesem moralischen Überbietungswettbewerb ergeben, zeigt sich an der Auseinandersetzung über die Spekulation mit Derivaten auf Nahrungsmittelrohstoffe [12]. Seit Jahren organisieren NGOs eine massive Kampagne in der sie behaupten, Finanzspekulationen würden die Nahrungsmittelpreise nach oben treiben. Obwohl es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt und im Gegenteil eindeutig klar ist, dass die Spekulanten eine im Markt wichtige Funktion zur Preisabsicherung von Produzenten und industriellen Verbrauchern dieser Rohstoffe übernehmen [13], gelang es NGOs wie foodwatch oder Oxfam, die meisten deutschen Banken zur Aufgabe dieses Geschäfts zu bewegen. Mit dem Verweis auf das Vorsorgeprinzip erklärten sie, dass in Anbetracht ihrer Vermutung einer preistreibenden Auswirkung, die Banken am Welthunger mitverantwortlich seien. Trotz besserer Sachargumente wuchs der öffentlichen Druck auf die Banken durch die moralisch stärkeren NGOs so sehr, dass diese entweder einen bleibenden Imageschaden in Betracht ziehen oder aus dem Geschäft aussteigen mussten. Dieses Beispiel zeigt aber auch, wie einzelne Unternehmen durch ein an die Forderungen der NGOs angepasstes Verhalten zumindest temporär profitieren können. So konnte sich die bereits frühzeitig aus dem Derivathandel ausgestiegene Commerzbank in TV-Spots gegenüber ihren Konkurrenten als geläuterte, gesellschaftlich verantwortliche Bank präsentieren – ein großer Imagemehrwert in einer seit Ausbruch der Finanzkrise unter enormen Vertrauensproblemen leidenden Branche [14]. Der Schaden für die Gesamtbranche bleibt hingegen bestehen und das nächste Thema, um die ohnehin am Pranger stehende Finanzwirtschaft herauszufordern, wird sich schon finden.

Politik findet ein offenes Scheunentor

Wenn bereits das gesellschaftliche Vertrauen in die Unternehmen nicht besonders groß ist, so zeigen Umfragen immer wieder, dass es um die Glaubwürdigkeit von Politik und Parteien eher noch schlechter bestellt ist. Dies treibt die Parteien dazu, sich neue Politikfelder zu suchen, in denen Glaubwürdigkeit und Vertrauen gewonnen werden kann. Die Regulierung der Unternehmen im Sinne von Verbraucherschutz und sozialer Gerechtigkeit ist in dieser Hinsicht bereits seit langem ein wichtiges politisches Spielfeld. Gesetzliche Vorgaben, wie z. B. das Antidiskriminierungsgesetz von 2006 machen den Unternehmen sogar Vorschriften über geeignetes Personal und führen dabei zu tiefen Eingriffen in deren Autonomie.

Da die Unternehmen mit CSR aber ihrerseits eine gesellschaftliche Verantwortung akzeptieren und selbständig erfüllen wollen, verschiebt sich auch der Aktionsradius der Politik. Die Wahrnehmung bestimmter gesellschaftlicher Aufgaben, die eigentlich der Politik zukäme, verschiebt sich nun in die Unternehmen hinein, wodurch die politische Regulierung der Unternehmen zusätzlich legitimiert wird. Das Einverständnis der Unternehmen zu gesellschaftlicher Verantwortung wird von der Politik instrumentalisiert um je nach politischer Opportunität tief in die Autonomie der Unternehmen einzugreifen. Auch wenn die Kampagne Unternehmen und Marktwirtschaft stärken möchte, führt sie im Ergebnis zum Gegenteil: Sie schwächt die ohnehin nicht starke Position der Unternehmen noch weiter.

Dieser Konflikt wurde im Zusammenhang mit der Neubesetzung des Chefpostens der Corporate Governance-Kommission, einer hauptsächlich mit Vertretern der Wirtschaft besetzten Regierungskommission deutlich. Deren Aufgabe ist es, durch Vorschläge zur Selbstverantwortung den selbst entwickelten Kodex für mehr Transparenz bei der Unternehmensleitung und -überwachung weiterzuentwickeln und so „das Vertrauen in die Unternehmensführung deutscher Gesellschaften zu stärken“. [15] Da sich lange kein Nachfolger für den bisherigen Vorsitzenden, den Aufsichtsratsvorsitzenden der Commerzbank Klaus-Peter Müller fand, entwickelte sich eine Diskussion darüber, ob die Kommission überhaupt noch sinnvoll ist, denn gemessen am Anspruch, die Politik vor gesetzlichen Regelungen abzuhalten, ist die Kommission in den Augen einiger Kritiker gescheitert. So argumentiert der BASF-Chef Kurt Bock: „Im Zweifel wurde die Politik trotzdem aktiv, nutzte die Entwürfe der Kommission sogar als Steilvorlage.“ [16]

Indem die Wirtschaft im Rahmen ihrer Selbstregulierung Aufgaben wahrnimmt, die eigentlich Aufgabe der Politik sind, versucht sie sich die Regulierung möglichst vom Hals zu halten. Gegen beliebige weitere Gesetzesverschärfungen lassen sich – aufgrund der prinzipiellen Akzeptanz der Unternehmensverantwortung – aber kaum mehr Einwände erheben. Durch das grundsätzliche Einverständnis sozialer Verantwortung öffnen sich die Unternehmen in einer Weise gesetzlicher Regulierung, die einem offenen Scheunentor gleichkommt.

„Unternehmen sollten sich wieder um die Dinge kümmern, die sie am besten können anstatt sich vor fremde Karren spannen zu lassen.“

Die in den letzten Jahren geführte Auseinandersetzung über Managergehälter und Frauenquoten offenbaren die gesamte Problematik beispielhaft. In beiden Fällen gefallen sich die politischen Parteien fast ausnahmslos darin, von den Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung einzufordern. Der Wirtschaft gelingt es nicht, die Diskussion abzublocken. Im Gegenteil: Mit dem Ansatz der Selbstregulierung, die sich aus dem gesellschaftlich verantwortlichen Selbstverständnis der Wirtschaft ergibt, wie auch aus dem Versuch, eine gesetzliche Regulierung zu verhindern, wirkt die nun praktisch beschlossene Frauenquote wie ein Fanal. Die Wirtschaft, so das nun entstandene Bild, heuchelt gesellschaftliche Verantwortung, und nur die harte Hand des edlen Ritters – also natürlich des Staates - bringt den Frauen Fortschritte. Noch dazu erscheinen die Unternehmen – wohl mehr als zuvor – als Hort, wenn nicht sogar hauptsächliche Ursache hartnäckiger gesellschaftlicher Diskriminierung der Frau. Während also die Unternehmen vor einem moralischen Debakel stehen, müssen sie sich nun obendrein drastische Einschnitte in ihre unternehmerischen Freiheiten gefallen lassen.

Unternehmen schaffen Werte

Diese Problematik wurde von Milton Friedman bereits 1970 in einem Beitrag für das New York Times Magazine angesprochen. Dort bezeichnete er die Aussagen von Unternehmern über soziale Verantwortung als kurzsichtig: „Dies mag ihnen kurzfristig Ansehen verschaffen. Aber es hilft die ohnehin vorherrschende Ansicht, dass das Streben nach Profit böse und unmoralisch ist und von externen Kräften begrenzt und kontrolliert werden muss, zu stärken. Wenn diese Ansicht erst einmal die Oberhand gewonnen hat, werden die externen Kräfte, die den Markt begrenzen nicht die sozialen Gewissen sein, wie auch immer hochentwickelt sie bei den hochtrabend redenden Managern sind; dies wird die eiserne Hand der Regierungsbürokratie übernehmen …“ [17]

In der Suche nach einer neuen gesellschaftlich nützlichen Rolle der Unternehmen zeigt sich eine enorme Desorientierung in Politik und Wirtschaft. Die Trennung von politischer Verantwortung und unternehmerischer Verantwortung löst sich im CSR-Paradigma zunehmend auf. Dies untergräbt das Ansehen von Unternehmen und deren Führungseliten und unterwirft sie zweifelhaften Moralvorstellungen, die ihren eigenen Interessen und den Interessen der Gesellschaft zuwiderlaufen. Unternehmen sollten sich wieder um die Dinge kümmern, die sie am besten können, anstatt sich vor fremde Karren spannen zu lassen. So nutzen sie der Gesellschaft am meisten. Wenn sie sich voll darauf fokussieren würden, noch mehr Gewinne zu machen, würden sie wahrscheinlich auch wieder mehr investieren und nicht – wie aktuell der Fall – hunderte Milliarden horten, hohe Dividenden an ihre Aktionäre auszahlen oder ihr Geld in Aktienrückkaufprogramme stecken. Es ist an der Zeit, die Unternehmens-DNA in diese Richtung wieder aufzufrischen, dann können wir hoffentlich bald alle von massiven Forschungs- und Entwicklungsleistungen und hohen Investitionen der Unternehmen profitieren.