08.04.2013

Die Crux mit dem Sonntagsbraten

Analyse von Sebastian Dewaldt

In immer mehr deutschen Kantinen darf an einem Tag in der Woche unter dem Motto „Donnerstag ist Veggie-Tag“ kein Fleisch mehr gegessen werden. Die Kampagne basiert auf sehr fragwürdigen Argumenten und zeugt von einem intoleranten und paternalistischen Anspruch.

BSE, Gammelfleisch, Antibiotika, Dioxin und zuletzt Pferdefleisch: Verunsicherung ist die Folge der „Fleischskandale“ der Vergangenheit. Wenn ich mich nicht täusche, hat die Zahl der Studenten an der Essensausgabe für vegetarische Menüs seit Beginn meines Studiums massiv zugenommen. Eine Cafeteria ist inzwischen sogar gänzlich auf vegetarische Kost umgestiegen. Quasireligiös suchen einige Kommilitonen ihr Heil in der Askese oder wenigstens im Verzicht auf Fleisch. Aber nicht nur dies: Es wird, die „Fleischskandale“ ausnutzend, auch fleißig missioniert. Und da Worte nicht alle Fleischesser überzeugen, wird gerne auch leichter Druck ausgeübt. Oft sind es nur einige wenige Vegetarier und Veganer in den ASten und Studierendenräten, die die radikale Abwendung vom Fleischverzehr fordern, zumindest den wöchentlichen Veggie-Tag ‑ also einen „fleischfreien“ Wochentag, mit dem nach Auffassung der Initiatoren, „jeder einen Beitrag für seine persönliche Gesundheit und die anderer sowie zum Schutz von Umwelt und Tieren“ leisten kann. Dabei meinen es die Propagandisten des Vegetarismus angeblich gut mit uns. Der verordnete Verzicht auf Fleisch sei keine Bevormundung, sondern zu unser aller Wohl – und natürlich dem der Tiere und der Umwelt. Ausgehend vom Pferdefleischskandal kam ich zuletzt mit einem Vegetarier auf das Thema Fleischessen zu sprechen. Sein Ausgangspunkt: Der Sonntagsbraten.

„In der Bundesrepublik ist der Fleischkonsum seit Jahren konstant, teils sogar rückläufig.“

Den Sonntagsbraten als kulinarischen Höhepunkt der Woche kennen die meisten von uns nur noch aus Erzählungen. Zum Glück, kann man sagen. Schließlich waren diese Zeiten auch verbunden mit Armut, Hunger und Leid. Heute, so mein Diskussionspartner vorwurfsvoll, müsse Fleisch am liebsten täglich auf dem Speiseplan stehen, egal ob von Schwein, Rind oder Huhn, vor allem aber in großer Auswahl und preiswert. Früher sei Fleisch, insbesondere der Sonntagsbraten, etwas Besonderes gewesen, das mit Wertschätzung gegessen wurde.

Seine Vorwürfe ließen mich nicht los. Als Thüringer bin ich mit Fleisch und Wurst aufgewachsen. Sollte ich ein schlechtes Gewissen haben? Ich ging der Sache nach. Tatsächlich dürfte die globale Fleischproduktion bis 2015 gegenüber 1999 um 38 Prozent ansteigen, Auslöser dafür ist jedoch nicht die Unersättlichkeit der Satten, sondern die wachsende Weltbevölkerung, insbesondere die verstärkte Nachfrage nach Fleisch in den Entwicklungs- und Schwellenländern, Brasilien, Indien und insbesondere China.

In Deutschland wurde in der Vergangenheit nicht weniger, sondern weitaus mehr Fleisch konsumiert als heute. Zwischen 80 und 100 Kilogramm pro Kopf sollen die Menschen zwischen dem 6. und 11. Jahrhundert verzehrt haben, im 14. und 15. Jahrhundert sogar mehr als 200 Kilogramm.[1] Gewiss, in Zeiten von Krisen, Kriegen und während des Pauperismus wurde weitaus weniger Fleisch gegessen. [2] In der Bundesrepublik ist der Fleischkonsum aber seit Jahren konstant, teils sogar rückläufig. Derzeit liegt er pro Kopf bei ca. 60 Kilogramm. [3]

Der Kritik am Massenkonsum folgt automatisch die Kritik an den heutigen Methoden der Aufzucht. Es gehe nur darum, Tiere möglichst schnell schlachtreif zu mästen, erklärte besagter Vegetarier. Getreu dem Motto „Früher war alles besser“ verwies er auf den „guten alten Bauernhof“. Dort seien die Tiere noch mit Liebe und Achtung gehegt und gepflegt worden. Heutige Mäster interessiere es nicht, ob das Tier glücklich war und entsprechend seiner Natur leben konnte. Ob er jemals einen Betrieb besichtig hat? Ich glaube nicht.

Für eindrückliche Beispiele gab er mir das Buch Tiere essen von Jonathan Safran Foer zum Lesen, eine Art Bibel der Vegetarier. Mit Beispielen über Misshandlungen von Tieren in großen Betrieben will Foer zeigen, dass Tiere aus industrieller Tierzucht elendig dahinvegetieren. [4] Was er zeigt sind jedoch Extrembeispiele und letztlich Einzelfälle. Dabei stellt die Massentierhaltung – Intensivtierhaltung ist eigentlich der treffendere Begriff [5] – als solche kein Problem dar. Der „gute alte Bauernhof“ war im Hinblick auf Hygiene und Tiergesundheit heutigen Intensivbetrieben keinesfalls überlegen. Er war jedoch eines: Weitaus weniger effizient. Und die „gute alte Zeit“ war für Tiere keinesfalls besser. So betrachtete etwa René Descartes Tiere als seelenlose, gefühlsunfähige Automaten. [6] Auch für Thomas von Aquin war es nicht wichtig, wie der Mensch mit den Tieren umgeht, da „Gott dem Menschen Pflanzen und Tiere zum Gebrauch gegeben“ habe. [7] Das Tierschutzgesetz und das Staatsziel Tierschutz sind Entwicklungen des 20. Jahrhunderts.

„Forderungen nach fleischfreien, sogenannten Veggie-Tagen zeugen von einem intoleranten, paternalistischen Absolutheitsanspruch.“

Schließlich haben wir darüber philosophiert, ob wir Tiere auch essen würden, wenn wir sie eigenhändig schlachten müssten. Ein Totschlagargument? Natürlich möchte ich ein Tier nicht unbedingt selbst schlachten. Aber ist es nicht ohnehin richtig, dieses Handwerk dem Metzger zu überlassen? Schließlich ist er dafür ausgebildet, er führt die Schlachtung lege artis durch und betäubt das Tier ordnungsgemäß. Mehr konnte ich nicht erwidern, und meinen Vegetarierfreund hat dies nicht zufriedengestellt. Jetzt kritisierte er die qualvollen Tiertransporte, die Betäubung vor dem Schlachten mittels Bolzenschuss, das Aufhängen, Ausbluten und Entweiden.

Mir blieb nichts anderes übrig, als mich auch mit der Schlachtung von Tieren auseinanderzusetzen. Der Philosoph Stuart Rachels ist der Ansicht, dass die Qualen und Leiden, die wir Schlachttieren zufügen, schlimmer seien als alles, was in der freien Wildbahn vorstellbar ist: „We treat animals much more than they treat each other.“[8] Ähnlich argumentiert auch sein Kollege Bart Gruzalski.[9] Dieter Birnbacher schreibt indes, dass der Tod in einem Schlachthof für das Tier leichter sein dürfte als der Tod in freier Wildbahn. [10] Letztlich unterliegen diese Ansichten einer Wertungsentscheidung. Wir können schwerlich sagen, ob die Schlachtung etwa für ein Haushuhn leichter und weniger qualvoll ist, als von einem Marder oder Fuchs gejagt, in Stücke gerissen und anschließend verspeist zu werden.

Als mündige Verbraucher können wir unseren Fleischkonsum jederzeit reduzieren und auf andere Nahrungsmittel zurückgreifen. Wir müssen es aber nicht. Dies liegt allein in unserer ureigenen Handlungsverantwortung. Niemand kann von uns verlangen, so zu handeln wie Evelyn Pluhar, die das Schwein Lancelot – ihr ‚Adoptivkind‘ auf einem No-Kill-Bauernhof – „genauso wenig wie auch ihre Oma am Spieß rösten könnte“.[11] Ein radikaler, paternalistischer Vegetarismus führt zu weit. Die Forderungen nach fleischfreien, sogenannten Veggie-Tagen verfehlen ihren Zweck und zeugen von einem intoleranten, paternalistischen Absolutheitsanspruch.