28.02.2014

Die Behauptung der Kunst

Kommentar von Tobias Prüwer

Auch heute ist die Freiheit der Kunst immer wiederkehrenden Angriffen ausgesetzt. Fügt man sich ihnen, führt das zu einer durch langweilige Ästhetik und sterile Mittelmäßigkeit charakterisierten freiheitsscheuen Konsenskunst.

„Das muss ich nicht begründen“ [1], das ist auch eine Antwort auf die Frage, warum eine Aufführung von Kunst verboten werden soll. Wer da so argumentativ blankzog auf einer Podiumsdiskussion im Juni 2013 in Leipzig, war eine Tierschützerin. Weil sie sich ethisch überlegen fühlte, meinte Daniela Strothmann, nicht begründen zu müssen, warum das Drei-Tages-Passionsspiel von Hermann Nitsch nicht gezeigt werden darf. Wenn wie hier Blut, Innereien und Kadaver von Tieren involviert sind, sei das eben keine Kunst – als ausgebildete Mezzosopranistin könne sie das beurteilen. Das Recht der Tiere stehe über der Kunstfreiheit. Ohnehin könne solch „sinnlose“ Kunst nur jemand machen, der nicht ganz richtig ist im Kopf. Das ist ein Beispiel – ich werde unten auf diesen Fall zurückkommen – von vielen, die den Beschuss der Kunstfreiheit dokumentieren. Jonathan Meeses Performance auf der Documenta oder „Tannhäuser“ in Düsseldorf, eine Comicausstellung an der Uni Duisburg-Essen oder Erika Lusts Gemälde-Schau in Dresden: Vermehrt wird die Kunst eingeschränkt oder soll immerhin der Forderung nach beschnitten werden, auch Akte der präventiven Selbstzensur sind schon gesichtet worden.

„Insgesamt sind es fünf Bereiche, in denen der Kunst besonders oft Zurückhaltung angedungen wird: Nacktheit, Gewaltdarstellung, Faschismus/Nationalsozialismus, Religion und Tiere“

Thema dieses Textes ist nicht die Frage, was Kunst ist, sein kann oder sein soll. Über Kunst streiten, sie zu diskutieren, rührt schon am Kern der Kunst, weil sie nichts Eineindeutiges ist. So ist Disput um Kunst zulässig, oft genug von den Kunstschaffenden selbst gewollt (auch wenn die Autorenintention beim Beurteilen von Kunst keine Rolle spielt). Vielmehr geht es um die Betrachtung von Vorfällen, in denen gerade nicht über Kunst diskutiert wird, sondern ihr Verbot deklamiert beziehungsweise ihr abgesprochen wird, Kunst zu sein. Einige Beispiele sollen das Problem der unter Druck stehenden Kunstfreiheit verdeutlichen. Auf deren mögliche Einschränkung durch Ausrichtung an kommunal vorgegebenen Auslastungszahlen kann in diesem Rahmen nur hingewiesen werden. Insgesamt, so scheint es, sind es in hiesigen Breiten fünf Bereiche, in denen der Kunst besonders oft Zurückhaltung angedungen wird und Selbstbeschränkung sichtbar ist: Nacktheit, Gewaltdarstellung, Faschismus/Nationalsozialismus, Religion und Tiere. Dabei wird es in diesem Text nicht um eine polare, im Links-Rechts-Schema unternommene Einordnung gehen, wer was aus welchen Gründen nicht zulässt oder verbieten will. Das wäre – nebenbei bemerkt – gar nicht so einfach, wie sich das mancher vorstellt. Nazidarstellungen werden nicht unbedingt gerade aus der linken Ecke bemäkelt. Konservative Kreise mögen sich über einem allzu großen Realismus bei der Darstellung der Gefährlichkeit faschistischer Ideologie mokieren. Tierschutz ist von jeher nicht nur eine grüne, sondern auch braune Sache. Gute Sitten, gegen welche Körperausscheidungen verstoßen, schreiben sich viele zu und wer religiöse Gefühle unversehrt sehen will, muss selbst nicht religiös sein. Natürlich erfolgt diese Unterscheidung aus analytischem Anlass, als eine künstliche Trennung, um einen klareren Blick auf die Animositäten der Kunst zu erhalten. Häufig gehen die Aspekte zusammen, wird zum Beispiel Nacktheit als blasphemisch empfunden. Das traurige Beispiel Alpha Comics zeigt eine solche Verquickung.

In der Regel können sich Künstler nichts Besseres vorstellen, als von Indizierung betroffen zu sein. Kostenlose Reklame durch Papa Staat hat schon viele erst bekannt gemacht. Allerdings verlief eine solche unfreiwillige PR-Masche für den Alpha Comics Verlag weniger glimpflich. Mit Titeln wie U-Comix und Schwermetall zählte er zu den Sturmgeschützen der deutschen Underground-Comic-Kultur. Die Staatsanwaltschaft Meiningen trieb ihn in den Ruin, als sie 1995 eine Beschlagnahmungswelle initiierte. Rund 150 Titel wie Ralf Königs Kondom des Grauens – alle hatten das Plazet der Bundesprüfstelle – wurden eingesackt und Ermittlungen wegen Verbreitung pornografischen, gewalt- und NS-verherrlichenden Inhalts aufgenommen. Von der bundesweiten Durchsuchungswelle waren auch andere Verlage betroffen. In drei Prozessrunden schrumpfte der Tatbestand auf eine einzige beanstandete Comic-Seite zusammen. Gegen ein Bußgeld wurde das Verfahren 2001 eingestellt – die Verlagstätigkeit auch. Alpha Comics fehlten Kraft und Mittel zum Weitermachen.

Freiheit zum Skandal

„Als Künstler beharrt Jonathan Meese auf seinem Recht, geschmacklos zu sein. Gut, dass man das vor Gericht auch so sieht“. [2] Als Meese auf der Documenta in Kassel den Hitlergruß zeigte, gab es einige Aufregung. Mindestens missverständlich sei die Geste gewesen, die er im Rahmen einer Performance zur „Diktatur der Kunst“ hielt. Missverständlich? Man muss sich wundern, war Meeses Auftritt doch kontextuell als Kunstaktion geframet und erkennbar. Das muss man nicht spannend finden, aber den Rechtsapparat deswegen zu bemühen, ist überzogen. Genauso, wie den Untergang des Abendlandes anlässlich solcher Aktionen herbei zu fantasieren, wie etwa Georg-Büchner-Preisträgerin 2013 Sibylle Lewitscharoff: „Eine neue Bundesregierung sollte gegen die extrem primitiven Tendenzen in der Kultur, gegen eine gesellschaftliche Verrohung, wie sie im Fernsehen und in etlichen Theatern betrieben wird, Flagge zeigen. Einen derart lächerlichen Unsinn, wie zum Beispiel Jonathan Meese in Bayreuth inszenieren zu lassen, den muss man gewiss mit keinem Euro unterstützen.“ [3]

Meese wurde freigesprochen, die Freiheit der Kunst – und ja: auch die Freiheit zum Skandal –, ist bis auf weiteres garantiert. „Bloße Provokation“, wie umstrittene Kunst gern gescholten wird, muss auch existieren dürfen, wobei die Frage erlaubt sei, ob nicht die Herabwürdigung „bloße“ bereits viel über den Beurteiler aussagt. Denn wenn sich jemand aufregt, hat die Kunst doch schon etwas ausgelöst. Und das ist Teil ihres Tuns, Kunst ist schließlich mehr als Unterhaltung durchs Schöne. Sie ist ohne Debatte undenkbar, da muss man gar nicht das Mantra „Kunst darf alles“ wiederholen. Aber Kunst darf so ziemlich alles und dann soll im Einzelfall gestritten werden, dafür ist Kunst auch da. Vorrauseilende Selbstbeschränkungen oder Verbote verhindern aber gerade eine solche Auseinandersetzung.

„Kunst ist schließlich mehr als Unterhaltung durchs Schöne. Sie ist ohne Debatte undenkbar.“

Noch ein Unbehagen soll angesprochen werden. Die Autorin Nicole Zepter meint, dass viele Menschen sich angesichts der Kunstwortschleudern von Kuratoren und Feuilletonfedern davor scheuten, Kunst auch zu kritisieren oder mal zu sagen: „Verstehe ich nicht“. Die Angst, als dumm und ungebildet zu gelten, scheint realistisch. Recht hat Zepter in jedem Fall mit dieser Beobachtung: „Also ich würde fast wirklich zuspitzen und sagen, dass wir jetzt nur noch Kunst konsumieren, dass wir das Gefühl zur Kunst gänzlich verloren haben, weil wir uns gar nicht mehr trauen, uns mit ihr auseinanderzusetzen.“ [4]

Nacktheit und Scham

„Eine Schande für die kulturelle Entwicklung in diesem Land!“, rief eine erregte Zuschauerin, als Calixto Bieito 2004 Mozarts „Entführung aus dem Serail“ an Berlins Komischer Oper ins Bordell verlegte. Zugegeben, des Berserkers Bieito immer wieder auftretende nackte Gewaltorgien sind nichts für jeden und mögen auf Dauer auch langweilen. Aber über seine verfolgte Zielstellung, was er damit auslösen will und ob ihm das gelingt, darüber muss man diskutieren. „Schickt den Regisseur nach Hause!“-Rufe jedenfalls erfüllen nicht das, was man unter Freunden der Hochkultur unter Diskursfähigkeit verstehen möchte. [5]

Nacktheit und Sexualität sind eigentlich der Klassiker der Kunstaufregung. Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ (1889) verstörte das Publikum mit seiner damals ungewohnt naturalistischen Darstellungsweise. Aus Protest warf zum Beispiel ein Arzt eine Geburtszange auf die Bühne. Warum unverhüllte Körperlichkeit und das Spiel nackter Leiber auch heutzutage noch ein Aufreger ist? Man könnte hier Bände davon erzählen. Ein Beispiel soll allerdings genügen. Im Dresdner Deutsch-Russischen Kulturinstitut wurde 2011 eine lang geplante Ausstellung von Erika Lust abgeblasen. Die für ihre deftigen Zeichnungen bekannte Künstlerin wollte Illustrationen traditioneller, russischer Spottgedichte präsentieren. Dass es dabei auch frivol und freizügig zugehen kann, hätten sich die Ausstellungsmacher, die auch auf der Einladung zur Vernissage mit Lusts Darstellungen warben, denken können. [6]

Gewalt

Ein Klassiker der Kulturkritik des 20. Jahrhunderts ist die zu realistische Gewaltdarstellung. Sie würde schockieren – vielleicht soll sie das ja? – und die Gewalt verherrlichen beziehungsweise zu dieser anleiten und verführen. Theatergängern wie Computerspielern sollte man in aller Regel genug Medienkompetenz unterstellen können, so dass sie sich von „Macbeth“ oder „Dragon Age“ nicht zum Killer umerziehen lassen.

„Theatergängern wie Computerspielern sollte man in aller Regel genug Medienkompetenz unterstellen können, so dass sie sich von ‚Macbeth‘ oder ‚Dragon Age‘ nicht zum Killer umerziehen lassen.“

Eine Schulbehörde verfügte leider nicht über so viel Medienkompetenz. Ein Lehramtsreferendar wurde 2010 in Baden-Württemberg aus seiner Stelle gedrängt, weil er in einer Death-Metal-Band auftrat. Als Sänger „Blutgott“ – sein Alter ego – der Gruppe Debauchery gibt er sich auf der Bühne und in Musik-Clips martialisch mit Kunstblut verschmiert. Genretypisch handeln die Texte von extremer Gewalt und sind, sofern man sie aufgrund des Press-Gesangs überhaupt versteht, nichts für Zartbesaitete. Wegen der vermuteten Gewaltverherrlichung sollte der Musiker nicht in den Lehrerberuf übernommen werden. Er solle erst glaubhaft machen, dass er sich von solcher Metal-Musik distanziere und drei Jahre Abstinenz beweisen, dann könne er den Beruf wieder aufnehmen, hieß es aus der Schulbehörde. [7]

Religion

Schweine am Kreuz? Geht gar nicht, befand die Kunst-Station Sankt Peter Köln und lud einen eingeladenen Künstler im Mai 2012 wieder aus. Die für ihren Ort des Dialogs zwischen Kunst und Religion oft gelobte katholische Institution ist dann doch nicht so offen, wenn es ans Eingemachte geht. Noch vor ihrer Eröffnung wurde die Ausstellung eines Bildzyklus von Siegfried Anzinger abgesagt. Zwei Bildtafeln zeigten Schweine, die auf Balken und Kreuzen herumkraxelten, woran sich der Pfarrer selbst nicht störte. Allerdings meinte der Kunst-Beirat das „unheiligste Tier“ dürfe nicht zusammen mit dem „heiligsten Symbol“ Darstellung finden. [8] Natürlich hat die Kirche alles Recht, in ihre Räumlichkeiten zu hängen, was sie will. Aber dann soll sie nicht einen Dialog mit der Kunst anstreben, wenn sie selbst darüber verfügt, was das sein darf.

„Natürlich hat die Kirche alles Recht, in ihre Räumlichkeiten zu hängen, was sie will. Aber dann soll sie nicht einen Dialog mit der Kunst anstreben, wenn sie selbst darüber verfügt, was das sein darf.“

Die Deutsche Oper Berlin nahm im Herbst 2006 wegen Sicherheitsbedenken Mozarts „Idomeneo“ (Regie: Hans Neuenfels) vorläufig vom Spielplan. In der Schlussszene waren die abgeschlagenen Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed zu sehen. Als Grund gab die Oper Angst vor einem Terroranschlag an. Der Staatsschutz des Landeskriminalamtes verneinte, von Hinweisen auf konkrete Gefahren zu wissen, sprach in seinen Prognosen lediglich von möglichen „Demonstrationen oder Sachbeschädigungen“ und wunderte sich über die Opernentscheidung. Von „Selbstzensur“ sprach Kulturstaatsminister Bernd Neumann und sah die Meinungs- und Kunstfreiheit in Gefahr. Andere zeigten Verständnis, im Klima des Karikaturenstreits können Vorsicht und Rücksichtnahme nicht schaden. [9]

Die Kombination von Sex-Szenen und dem Wort „Allah“ auf einem collageartigen Plakat für eine Comicausstellung veranlasste eine muslimische Studentin an der Uni Duisburg-Essen 2013 zur Beschwerde. Zudem zerstörte sie ein Plakat. Die Hochschulleitung beendete die Ausstellung früher als geplant: „Als Schutz für die Angestellten der Bibliothek, es war zwischenzeitlich eine sehr erhitzte Stimmung“. [10]

Eine auf die Seite gelegte Buddha-Skulptur sorgte in München für Unbehagen bei Gläubigen. Man solle, so der verantwortliche Han Chong, das auf der Unterseite eingravierte „Made in Dresden“ deutlich lesen können, um hier exemplarisch den globalen Markt zu erfahren, der eben auch spirituelle Figuren aus dem geistigen Kontext löse. Um diesen zu wahren, demonstrierten buddhistische Mönche, andere betteten den Buddha auf Blumen und errichteten um hin herum Altäre. Eine Meisterin vom Chiemsee warnte vor den negativen Energien der umgekippten Statue.

Allein um solche Zeilen zu lesen, möchte ich sagen, hat sich das Werk gelohnt. Hier dient die Kunst gar noch der Aufklärung. „In München kann man sich dagegen fragen, ob man nicht vielleicht besser im Vorfeld Kontakt zu buddhistischen Gemeinden gesucht hätte, um deren Gefühle sich der 1979 in Malaysia geborene Künstler Han Chong offensichtlich nicht scherte.“ [11] Diese weitreichende Argumentation mit den religiösen Gefühlen. Was ist denn mit areligiösen Gefühlen, was denn, wenn ich mich in meiner Kunst-Religion gestört fühlte? Das geht scheinbar nur bei Wagner und anderer Klassik.

NS/Faschismus

Weil er sich in jungen Jahren ein (inzwischen überdecktes) Hakenkreuz tätowieren ließ, wurde 2012 ein Sänger aus der Bayreuther „Fliegenden Holländer“-Inszenierung geworfen. [12] Wohlgemerkt, diese Jugendsünde war nie auf der Bühne zu sehen. Bei Wagner und NS muss man offenbar sensibel sein, gerade auf dem Grünen Hügel mit seiner unseligen Geschichte. Denn nachdem der Schlussstrich einmal gezogen worden ist, soll man von Wagners politischen Ansichten eben für immer schweigen, um seiner vermeintlich reinen Kunstreligion frönen zu können – als wenn es Pures, mit der Welt Unverbundenes gebe. In Düsseldorf wurde pünktlich zum Wagner-Jubiläum eine „Tannhäuser“-Inszenierung abgesetzt, weil eine Frau Venus zwischen Gaskammern die Gesundheit der Besucher beeinträchtigen würde. Das Theater erklärte: „Mit allergrößter Betroffenheit reagieren wir darauf, dass einige Szenen ... für zahlreiche Besucher sowohl psychisch als auch physisch zu einer offenbar so starken Belastung geführt haben“.

Die Welt nannte die Entscheidung völlig zur Recht den eigentlichen Skandal, weil das Theater die Kunst verrate: „[W]enn man eine so kontroverse Interpretation freigibt, dann muss man hinter ihr stehen. Alles andere ist feige. Kreuzförmige Gaskammern schon bei der Ouvertüre, eine Venus als Nazisse, die sich an Hinrichtungen delektiert, sowie eine nach ihrer Vergewaltigung verbrannte Elisabeth: Wer das alles zeigt, der darf damit nicht einfach spielen. Wird es nur mäßig kritisiert, lässt man es laufen, wird Hojotojo und anderes gebrüllt, setzt man es eben ab: So einfach darf Theater nicht sein!“ [13]

„Gerade wenn es um Nazis, Gewalt und Rassismus geht, stoßen Inszenierungen schnell an Grenzen.“

Gerade wenn es um Nazis, Gewalt und Rassismus geht, stoßen Inszenierungen schnell an Grenzen. Am Theater Halle wurde 2009 das Stück „Ultras“ nach der Premiere entschärft, weil ihm antisemitische Hetze vorgeworfen wurde. Nun sind die Themen Nazis und Gewalt kein Tabu. Andres Veiels Erfolgsstück „Der Kick“ (2005) wurde sogar verfilmt und „Hallo Nazi“ (2001) von Monoblock ging deutschlandweit in Erwachsenen- wie Jugendtheatern über die Bühne. Aber diese waren in eher klassischer „Wir erzählen eine Geschichte“-Manier gehalten und damit pädagogisch eindeutig. Da hatte „Kinder des Holocaust“ am Leipziger Theater der Jungen Welt schon ein anderes Kaliber, als es Berichte von Shoa-Überlebenden mit Erfahrungen heutiger Jugendlicher zusammenführte und auch Kritik einfuhr. Natürlich darf Faschismus auch dann immer Thema sein, nimmt man es nicht zu ernst. Treten Nazis als lächerliche Gestalten auf, ist die Inszenierung und auch das Publikum abgesichert: Von denen geht keine Gefahr mehr aus.

Im Oktober 2012 wurde Milo Raus „Breiviks Erklärung“ kurzfristig aus dem Theater Weimar verbannt. Eine „Perversion des Theaters“ nannte ein Kritiker die inszenierte Verteidigungsrede des Massenmörders Anders B. Breivik. Der Kollege von Nachtkritik lobte sie als „hervorragendes Diskussionsangebot“: Es „verstört vor allem durch das den bloßen Text ins Zentrum rückende Spiel mit dem Minimalismus.“ [14] Anfang 2013 dann wurde an der Leipziger Jugendbühne Spinnwerk das so genannte „Nazistück“ nach der Premiere vom Spielplan genommen, weil es nach Ansicht der Theaterleitung zu wenig Distanz zum Gegenstand habe. „Wir stellen das ganze Stück über rechtes Gedankengut konzentriert und in sehr realistischer Form ohne großen Brechungen dar“, erklärt Regisseur Gregor Zocher. Das Mittel habe er gewählt, weil das Stück eben zeigen soll, wie und dass Nazitum Alltag ist. Wenn man also zu ambivalent ist, nicht nur das Schlägerklischee bedient, scheint es für einige zu kritisch zu werden. [15]

Tiere

Als letztes Beispiel soll die oben angerissene Tierschutzaktion gegen eine Performance von Hermann Nitsch illustrieren, auf welche Art erregte Nicht-Diskussionen über Kunst ablaufen können. Man kann von den Blut-und-Sudel-Werken des Wiener Aktionskünstlers halten, was man will, aber den Bürgerschreck scheint er immer noch ganz gut abgeben zu können. Nitsch sollte im Juni am Leipziger Schauspiel die Spielzeit mit einem Drei-Tages-Spiel beenden. Den Mittelteil sollte eine mehrstündige Blut-und-Tränen-Performance bilden, in der auch Blut und Innereien von Tieren als Materialien dienten. „Wir wünschen uns ein lebensbejahendes, überschäumendes fest“, hieß es in der Beschreibung der geplanten Aktion: „gemeinsam mit der Stadt, welches sich bis zur Ekstase steigern könnte. Naturreiner Wein aus Prinzendorf wird ausgeschenkt.“ Nitsch geht es um existenzielle Erfahrungen, in Kopie – oder im Wiedererwecken? – von archaischen Ritualen ist das Blut sein Medium, um die Teilnehmer zu Grenzerfahrungen zu bringen.

Es war ein dreiviertel Jahr bekannt, dass Nitsch kommt, aber erst ein paar Wochen vor der Veranstaltung brach der Sturm der Entrüstung los, dann allerdings gewaltig. Zunächst startete eine Österreicherin eine Online-Petition [16], die dann auch in Leipzig digitale Kreise zog. Aber nicht nur dort, binnen weniger Tage hatten 10.000 Menschen weltweit ihre Unterschrift gegen das Theaterhappening gesetzt. Auszug aus der Petition: „We do not accept the murder of animals for the sake of ‚art‘!“, heißt es dort. „By signing this petition, you can help saving these animals lives [sic] and make clear, [sic] that this absurd act of cruelty should not be considered as art!“

Als Theaterredakteur des Leipziger Stadtmagazins habe ich in einem Kommentar diese Petition als politisch naiv und den dort enthaltenen Kunstbegriff als reaktionär bezeichnet. [17] Daraufhin wurde ich genauso wie Nitsch, die Intendanz des Schauspiel Leipzig und alle anderen, die sich für die Freiheit der Kunst oder wenigstens eine differenzierte Diskussion aussprachen, zur Zielscheibe von harmlos formuliert: Schmähungen. Ich finde Nitschs Arbeiten nach jahrzehntelanger Wiederholung langweilig. Wenn aber, nachdem früher überwiegend die Behörden und christlich-konservative Gruppen gegen sein Schaffen ins Feld zogen, die Reaktion digital und ins progressiv-politische Gewand der Animal Rights gehüllt daher kommt, muss ich diesen Angriff auf die Kunst ablehnen. Was für ein reaktionäres Kunstverständnis dort zutage kam, ist unfassbar. Man will also abstimmen, was als Kunst gilt. Was bei diesem Scherbengericht durchfällt, ist „krank“, „pervers“, „inhuman“, wie in einigen Kommentaren zur Petition zu erfahren war. Das war noch harmlos gegenüber dem, was dann an entmenschlichendem Shitstorm insbesondere via Facebook erfolgte. Nitschs Familie sollte vor seinen Augen auf der Bühne ausgeweidet werden, schrieb jemand. Immer wieder wurde jeder, der nicht fürs Nitsch-Verbot war, als gestört beschimpft, man sei wie Nitsch eine „Bestie“ und „Monster“ – ja, solche Begriffe gehen Anthropozentrismus-Kritikern leicht über die Tastatur. Irgendwann kamen noch Pädophilie und Satanismus als Anwürfe hinzu.

Dass auf der Bühne gar keine Tiere zu Tode kamen, wie die Petition und andere immer wieder behaupteten, sondern es sich um ohnehin – also nicht extra – getötetes Schlachtvieh handelte, war den Nitsch-Gegnern egal, wie jede Art der Differenzierung. Da Nitsch sich an die Paragraphen des Tierschutzes hielt – eine angestrengte Klage gegen ihn wurde abgewiesen –, konnten die Gegner nur behaupten, das sei gar keine Kunst. Argumentiert wurde nicht. Zur Demonstration gegen die Vorstellung kamen dann nicht einmal hundert Protestler. Und obwohl selbst das Stadtoberhaupt vor dem öffentlichen Druck einknickte – vom Mobiltelefon des Oberbürgermeisters aus soll eine SMS die Theaterleitung mit der Bitte oder Aufforderung erreicht haben, das Nitsch-Spektakel abzusagen –, fand es letztlich statt.

„Stiftet Kunst nicht mehr Bedeutung als die Nahrungsmittelindustrie und die ganze Tierverwertung zusammen?“

Abgesehen von der Lektion, dass digitale Proteste offenkundig nicht unbedingt so ernst zu nehmen sind, wie die Masse der Contra-Clicker zunächst vermuten lässt, offenbart sich hier paradigmatisch eine Kunstauffassung, die häufig hinter jenen Forderungen steckt, dieses oder jenes Kunstwerk zu verbieten oder abzuhängen. Wenn hier etwa proklamiert wird, dass kein Tier sinnlos leiden soll, ist das eine richtige Maxime. Aber auf ein Kunstwerk bezogen, lässt das aufmerken: Denn was ist denn nun „sinnvoll“? Stiftet Kunst nicht mehr Bedeutung als die Nahrungsmittelindustrie und die ganze Tierverwertung zusammen? „This is so unnecessary“, schrieb jemand unter die Petition. Jawoll, Kunst ist unnütz, gar Zeit- und Ressourcenverschwendung. Darum geht es sogar. Was Kunst ist, darum wird immer wieder und anhaltend gestritten. Auch das ist ein wesentlicher Teil von ihr. Diktatorisch – und sei es durch Abstimmung des Mittelmaßes – entscheiden lässt sich das eben nicht. Kunst atmet den Geist der Freiheit, das ist ihr Witz.

Die Freiheit der Kunst

„Kontroverse Kunst“, schrieb eine Kritikerin angesichts des umgekippten Buddhas, „bedarf der differenzierten und umsichtigen Moderation, gerade wo sie in die Öffentlichkeit geht. Das übersehen genau jene gerne, die den gezielten Tabubruch erst provozieren.“ [18] Nichts ist falscher als das. Eine von vorneherein unternommene Moderation nimmt der Kunst ja jede mögliche kritische Stoßrichtung, alles Unbequeme und Reizvolle – mag die Wirkung beim Rezipienten nun positiv oder negativ ausfallen. Was für eine sterile Welt soll das denn sein, wo sogar Kunst Konsens ist? Eine Welt, wo das Gute, Wahre und Schöne in Gestalt eines Wackeldackels bräsig auf der Hutablage schunkelt während der Kreuzfahrt ins Glück?

Natürlich muss Kunst nicht kritisch, anstößig, provokant sein. Kunst spannt einen Möglichkeitsraum auf, ihr überhaupt eine klare Pflichtfunktion anzutragen, ist unlauter, weil es in ihr Feld greift. Wie bei aller Kultur herrscht auch im Archipel Kunst souveräne Zeitverschwendung, weil Nützlichkeitskategorien hier keinen Platz haben. Was wir in oder mit Kunst erfahren können, sind wir selbst und unsere Fähigkeit zur Überschreitung der Grenzen des Gegebenen. Kunst ist Freiheit im Denken und Erfahren.

„Kunst muss auch Zumutung sein dürfen, gerade weil sie das Publikum nicht mit dem Willen zur Eindeutigkeit bevormunden sollte.“

Der Philosoph Jacques Rancière lässt die gängige Auffassung von Kunst und Politik hinter sich, wenn er eine Auffassung künstlerischer Widerständigkeit (als Potenzial) vertritt, die sich gerade aus der Spannung speist, dass Kunst einen eigenen Erfahrungsraum erschafft, der zugleich universell sein soll. „In seiner ursprünglichen Bedeutung heißt ‚kritisch‘ das, was die Trennung, die Unterscheidung betrifft. Kritik ist die Kunst, die die Trennlinien verschiebt, die in das konsensuelle Gewebe des Realen eine Trennung einführt, und die gerade dadurch die Trennlinien, die das konsensuelle Feld des Gegebenen gestalten, durcheinander bringen: zum Beispiel die Trennlinie zwischen Dokumentation und Fiktion, einer Genreunterscheidung, die gerne zwei Typen von Menschen trennt: jene, die leiden, von denen, die handeln, jene, die Objekt sind, von denen, die Subjekt sind.“ [19] Die Wirkung von Kunst – lässt man ihr freien Lauf – kann in der neuen Gestaltung dessen liegen, was sichtbar, sagbar und denkbar ist, einem wie opak auch immer schillernden Sichtbarmachen unmöglicher Situationen. „Eine kritische Kunst ist eine Kunst, die weiß, dass ihre politische Wirkung sich durch die ästhetische Distanz vollzieht. Sie weiß, dass diese Wirkung nicht garantiert werden kann, dass sie immer einen Teil Unentscheidbares mit sich führt.“ [20] Kunst muss auch Zumutung sein dürfen, gerade weil sie das Publikum nicht mit dem Willen zur Eindeutigkeit bevormunden sollte. Dass beim freien Spiel der Kunst auch Murks, langweilige Albernheiten etc. herauskommen, ist geschenkt. Das ist eben der Preis der Kunstfreiheit. Zu hoch ist er nicht.