01.03.2003

Die aufgeklebten Motten

Kommentar von Michael Breu

Wer Falter an Bäumen anbringt, passt die Wirklichkeit der Theorie an.

Es gibt wahrscheinlich kein Bio- oder Ökologielehrbuch, das den Birkenspanner (Biston betularia) nicht erwähnt. Die Motte gilt als lebendiges Beweisstück für Darwins Evolutionstheorie. Noch mehr: Der unscheinbare Birkenspanner wird immer dann angeführt, wenn Ökologen über die Erfolge des Umweltschutzes referieren. Weshalb ist das so? Der Birkenspanner ist eine weißgraue, nachtaktive Motte, die sich tagsüber gut getarnt auf Birken ausruht. Wie es die Biologie will, gibt es eine mutante Art, ein schwarzes Exemplar des Tieres.

Doch weil der schwarze im Gegensatz zum hellen Birkenspanner sofort auffällt, wird er von Goldammern, Rotkehlchen oder Singdrosseln schnell entdeckt und gefressen; im Vergleich zur hellen Art gibt es in der Natur nur etwa ein Prozent des schwarzen Mutanten. Als um die Mitte des 19. Jahrhunderts die riesigen Industrieschlote und damit auch die Luftverschmutzung mit Rußpartikeln zunahm, beobachteten Biologen, wie sich das Gleichgewicht zwischen den beiden Arten verschob; nicht mehr der helle Birkenspanner dominierte, sondern der schwarze Mutant.

Als Erster formulierte der englische Arzt und Hobby-Schmetterlingsforscher Bernard D. Kettlewell einen wissenschaftlichen Zusammenhang: Weil sich die Rinde der Birken und die auf ihnen wachsenden Flechten verdunkelten, habe die helle Motte ihre Tarnung verloren. Sie werde deshalb von den Vögeln leichter entdeckt, während der schwarze Birkenspanner eher überlebe. Er sei im Selektionsvorteil und deshalb lebendiges Beispiel für die Richtigkeit von Darwins Evolutionstheorie. In den Lehrbüchern wird es denn auch als Beweis angeführt; der berühmte Zoologe Julian Huxley fand, der Birkenspanner sei „Evolution vor unserem Auge“.

Die Geschichte geht noch weiter: In den 70er-Jahren zeigten sich die ersten Erfolge des Umweltschutzes. Während die Luft sauberer und die Birken wieder weiss wurden, nahm auch die Population der hellen Birkenspanner zu. Deshalb wird die Motte in den Lehrbüchern nicht nur als Beweisstück für die Evolution angeführt, sondern auch für die negativen Auswirkungen von Umweltbelastungen auf die Artenvielfalt. Im Standardwerk Environmental Science von Daniel B. Botkin und Edward A. Keller wird es unter dem Stichwort „Industrial Melanism and Natural Selection“ zitiert.

Das Vorzeigebeispiel für Darwins Evolutionstheorie und Beweisstück für die Erfolge des Umweltschutzes gerät ins Wanken.

Die Theorie ist bestechend – aber in vielen Teilen falsch. Einen ersten Hinweis dazu gab das 1998 erschienene Buch Evolution in Action von Michael E. Majerus. Der Insektenforscher der britischen University of Cambridge fand heraus, dass Bernard D. Kettlewell die Motten künstlich an den (hellen) Stämmen aussetzte, teilweise sogar anklebte. Ein solches Vorgehen lasse keinen wissenschaftlichen Schluss zu, kritisierte er, hielt die Theorie aber trotzdem für korrekt. Nun deckt die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Judith Hooper in ihrem aktuellen Buch Of Moths and Men weitere Ungereimtheiten auf. Der schüchterne Kettlewell habe seinem exzentrischen Chef E. B. Ford mit fingierten Zahlen Eindruck machen wollen, schreibt sie im Buch und meint gegenüber der Süddeutschen Zeitung: „Ich will nicht so weit gehen zu sagen, dass seine Experimente Fälschungen sind. Aber es ist zumindest irritierend, dass sich viele seiner Ergebnisse nicht reproduzieren lassen.“

Das Vorzeigebeispiel für Darwins Evolutionstheorie und Beweisstück für die Erfolge des Umweltschutzes gerät ins Wanken. Dennoch ist es in den Lehrbüchern noch immer aufgeführt. Und das wird sich kaum ändern. Denn nur wenige Wissenschaftler diskutieren die Vorwürfe. Eher das Gegenteil ist der Fall: Die Autorin Judith Hooper gilt als Nestbeschmutzerin. Majerus will es nun genauer wissen: In diesem Sommer plant der Forscher ein groß angelegtes Experiment mit dem Birkenspanner. Er will Bernard D. Kettlewells Theorie mit neuen Zahlen untermauern.