01.01.2006

Die andere Medizin

Kommentar von Thilo Spahl

Die Stiftung Warentest hat alternative und homöopathische Heilmittel untersucht. Thilo Spahl über eine Studie, die für Geisterheiler eher ernüchternd ist.

Es gibt in Deutschland jenseits dessen, was die wissenschaftliche Medizin zu bieten hat, einen großen Markt für Therapieangebote unterschiedlicher Provenienz, die gemeinhin unter dem Oberbegriff „Alternative Medizin“ subsumiert werden. Das Spektrum reicht von Akupressur bis Zelltherapien. Die generelle Wertschätzung dieser Methoden ist hierzulande ungebrochen, die Bereitschaft, Geld für entsprechende Behandlungen zu bezahlen, erheblich. Gut zwei Drittel der Deutschen setzen mittlerweile auf derartige Therapien.
Die Krankenkassen erstatten jährlich rund 600 Millionen Euro für alternative Medikamente und 1,4 Milliarden Euro für alternative Heilverfahren. Die Anbieter jubeln. Franz Stempfle, Geschäftsführer des deutschen Homöopathikaherstellers DHU, spricht von einer „regelrechten Volksbewegung seit fünf Jahren“. Vor allem die Eigenbehandlung habe „fulminant zugenommen“. Doch auch die Ärzte sind eifrig dabei. Allgemeinmediziner, Kinderärzte oder Psychiater erwerben zunehmend die Zusatzbezeichnung Homöopath. 1993 waren es in Deutschland 2500, heute sind es schon 4600. Im Juni 2005 führte die erste gesetzliche Krankenkasse die BKK die generelle Erstattung von homöopathischer Behandlung ein.
Zielgruppe der Alternativmediziner sind zum Ersten die breite Bevölkerung, die vor allem präventiv und zur Behandlung von Allerweltsbeschwerden wie Schnupfen, Halsweh, usw. zum Mittel mit dem sanften Image greift, zum Zweiten chronisch Kranke, etwa Asthmatiker, für die die Schulmedizin keine Heilung bietet und die daher viel Zeit haben, anderes auszuprobieren, und zum Dritten Schwerkranke, etwa Krebspatienten, die nichts unversucht lassen wollen.


Alternativ oder komplementär?
Die Grenzen zwischen so genannter konventioneller oder Schulmedizin und alternativer oder komplementärer Medizin, oft auch als Naturheilkunde bezeichnet, sind in der Praxis nicht leicht zu ziehen. Generell kann man sagen, dass die konventionelle Medizin zumindest den Anspruch hat, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen zu basieren, während sich die alternative Medizin dagegen entweder auf praktische Erfahrung, Tradition oder bestimmte Postulate stützt. Vom Wortsinn dominiert heute die Sichtweise der Komplementarität. Wer krank ist, setzt meist die alternativen Verfahren ergänzend und nicht anstelle der wissenschaftlichen Medizin ein. Insofern herrscht natürlich zum Glück noch ein deutliches Ungleichgewicht zwischen konventioneller und komplementärer Medizin. In Anlehnung an die ebenfalls umsatzstarken Nahrungsergänzungsmittel könnten wir wohl auch von Medizinergänzungsmitteln sprechen. Beide bieten ein sinnvolles Betätigungsfeld für Verbraucherschützer, denn es werden hier vielfältige (Heil)-Versprechen gemacht, bei denen kritisch zu prüfen ist, ob sie auch eingehalten werden. So ist es zu begrüßen, dass sich die Stiftung Warentest des Themas angenommen hat.
 

„Medizin muss keine Glaubensfrage mehr sein. Die Wirksamkeit von Therapien ist überprüfbar.“



Nüchterne Betrachtung
Die Stiftung Warentest hat fleißig gearbeitet und zusammengetragen, was es in puncto Wirksamkeit über subjektive Bejahung oder Ablehnung hinaus gibt. In dem Buch Die Andere Medizin – Alternative Heilmethoden für Sie bewertet werden 52 häufig verwendete Verfahren beschrieben. Es wird dargelegt, wo die jeweilige Methode herkommt, was sie erreichen will, welche wissenschaftlichen Studien es zur Wirksamkeit gibt und wie das Verfahren bewertet wird.
Medizin muss keine Glaubensfrage mehr sein. Die Wirksamkeit von Therapien ist überprüfbar. Daher betonen die Autorinnen des Führers durch den Dschungel der Heilversprechen, dass sie den Aussagen der Befürworter der Verfahren nicht Äußerungen von „Gegnern“ gegenüber stellen, sondern „die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung, wie sie in allgemein zugänglichen Fachveröffentlichungen nachzulesen ist“. Die Autorinnen gehen zwar auch auf das aus Sicht des Wissenschaftlers bedeutende Kriterium der Plausibilität ein, fragen also nach, ob die Gründe, die die jeweiligen Vertreter für die postulierte Wirksamkeit angeben, in Einklang mit dem stehen, was wir über die Welt wissen, oder aber etwa von Kräften, Energieströmen und ähnlichem die Rede ist, die mit den Naturgesetzen nicht vereinbar sind. Ihr entscheidendes Bewertungskriterium ist jedoch schlicht die beobachtbare Wirksamkeit. Es gilt grundsätzlich die Devise: „Wer heilt, hat Recht“.
Das Maß aller Dinge bei der Bewertung von neuen Medikamenten oder Heilverfahren – egal welcher Herkunft – ist die Doppelblindstudie. Dabei werden alle teilnehmenden Patienten in zwei Gruppen geteilt. Die eine Gruppe bekommt das zu testende Medikament, die andere ein Scheinmedikament (Placebo). Doch weder behandelnde Ärzte noch Patienten wissen, welcher Patient zu welcher der beiden Gruppen gehört. Erst am Ende der Behandlung, wenn man den Erfolg bei jedem Einzelnen festgestellt hat, wird aufgedeckt, wer wie behandelt wurde. Jede Therapie muss den Anspruch haben, in solchen Studien besser abzuschneiden als die Scheinbehandlung. Wie das konkret abläuft, erläutert Prof. Edzard Ernst, der an der University of Exeter den weltweit einzigen Lehrstuhl für die Erforschung der Komplementärmedizin innehat: „Wir haben asthmakranke Kinder von klassischen Homöopathen untersuchen lassen. Die von ihnen nach den Regeln der klassischen Homöopathie erteilten Rezepte gingen an eine unabhängige Stelle. Von dort erhielt die Hälfte der Kinder ihre verschriebenen Globuli, die andere Hälfte reine Zuckerperlen. Das ist eine randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudie der individualisierten Homöopathie. (…) Die Kinder schluckten vier Wochen lang die Kügelchen mit dem Resultat, dass in beiden Gruppen die Beschwerden insgesamt leicht zurückgingen. Kein Beleg für eine Wirksamkeit der Homöopathie, aber ein Hinweis auf die Kraft des Placeboeffekts.“
Unter anderem, weil viele Vertreter alternativer Heilverfahren es ablehnen, die Herausforderung des Tests gegen eine Scheinbehandlung anzunehmen, gibt es jedoch längst nicht für alle Verfahren sauber durchgeführte, aussagekräftige Doppelblindstudien. Dennoch kann man sich ein recht gutes Bild von der Wirksamkeit machen, indem man alle Studien zusammenträgt, in denen die Wirksamkeit unterschiedlicher Methoden dokumentiert und verglichen wird. Hierzu dienen Metaanalysen, bei denen mehrere Studien, die zur gleichen Fragestellung durchgeführt wurden, zusammengefasst und neu ausgewertet wurden, und systematische Reviews, in denen alle verfügbaren Studien zu einer Frage verglichen und kritisch überprüft werden. Solche Auswertungen wurden in den letzten Jahren zu vielen der wirtschaftlich bedeutenden Verfahren der alternativen Medizin gemacht. Sie bilden die Basis für die Bewertung durch die Stiftung Warentest.
Ausgewählt wurden für die Studie Verfahren, für die es in der ärztlichen Berufsordnung eine Zusatzbezeichnung gibt oder die in den Lehrinhalten für den Erwerb der Zusatzbezeichnung „Arzt für Naturheilverfahren“ aufgelistet sind, die in den Lehrplänen der Schulen für Heilpraktiker aufgeführt sind, und solche, die zu den klassischen Naturheilverfahren gehören.
Diese Bewertung muss für alle, die auf sanfte Hilfe durch alternative Medizin vertrauen, recht ernüchternd sein. Nur wenige der untersuchten Verfahren sind wenigstens bei einzelnen Beschwerden bedingt geeignet. Für die meisten konnte bisher überhaupt keine Wirksamkeit gezeigt werden. Ein großer Teil der Kapitel endet mit den Worten „ist nicht geeignet zur Behandlung von Krankheiten oder Störungen“.

Am besten schneiden Methoden mit geringem Hokuspokusanteil ab, etwa Massage, autogenes Training oder Yoga, oder solche, bei denen der Anspruch ziemlich niedrig hängt. Wenn etwa die Aromatherapie nur behauptet, zur Steigerung des Wohlbefindens beizutragen, fällt eine entsprechende Studie schon einmal positiv aus.

Die Anwendung der alternativen Verfahren ist weitgehend ungeregelt. Bei einigen Methoden, etwa der Magnetfeldtherapie, entnehmen die Behandler ihr Anwendungswissen direkt aus der Gebrauchsanweisung der Gerätehersteller, die darin mitunter die Meinung vertreten, ihre Geräte seien zur Behandlung von Dutzenden von Krankheiten und Beschwerden, von Depressionen über Leberschäden bis zur Osteoporose, geeignet. Bei anderen Methoden werden zum Teil umfangreiche Ausbildungen angeboten, um die späteren Anwender in ein System einzuführen, das oft recht elaboriert, aber eben nicht wissenschaftlich ist. Beispiel sind die Homöopathie, die anthroposophische Medizin oder die traditionelle chinesische Medizin. Auch diese sehr verbreiteten und umsatzstarken Angebote schneiden durchweg schlecht ab, was umso schwerer wiegt, als hier bereits eine Vielzahl von Studien vorliegt.
 

„Alternativmediziner oder Heilpraktiker und die entsprechenden Pharmaunternehmen sollten zu ihrem Ansatz stehen und ihn als „nicht wissenschaftlich fundierte Medizin“ bezeichnen.“



Friede, Freude, Koexistenz?
Die Verbraucherschützer haben ihren Job getan und den Markt der Gesundheitsprodukte einmal hell ausgeleuchtet. Sie sind dabei nicht nur ein paar Heilpraktikern auf die Füße getreten, sondern haben sich mit einer umsatzstarken Industrie angelegt, wie die scharfe Reaktion des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI) auf die Veröffentlichung zeigt. Doch natürlich hat in einer freien Gesellschaft jeder das Recht, seine Produkte an den Mann zu bringen, solange sie als sicher eingestuft sind. Restriktionen sind hier fehl am Platz.
Nicht schaden könnte jedoch etwas mehr Transparenz. Die Alternativmediziner oder Heilpraktiker und die entsprechenden Pharmaunternehmen sollten zu ihrer Sicht stehen und sich selbst als „nicht wissenschaftlich fundierte Medizin“ bezeichnen. Eine freiwillige Kennzeichnung könnte dem Verbraucher wertvolle Hinweise geben. Etwa „Produkt enthält keinen Wirkstoff“, „Wirkung basiert auf geistartigen Kräften“, „Wirkung nicht im Einklang mit bekannten Naturgesetzen“ oder „Therapie nicht wissenschaftlich überprüfbar“. Ich fürchte jedoch, hier fehlt es an ausreichendem Selbstbewusstsein.
Von der Ärzteschaft darf man sich etwas weniger Pragmatismus wünschen. Hier scheint die Neigung weit verbreitet, den Patienten zu verschreiben, was diese wollen, zumal wenn es sich um Beschwerden handelt, die ohnehin von selbst wieder vergehen. Ein Arzt jedoch, der bereitwillig Verfahren einsetzt, für die keine Wirkung nachgewiesen werden konnte, trägt dazu bei, die noch junge Errungenschaft der Verbindung von Naturwissenschaft und Heilkunde zu moderner Medizin zu unterminieren. Ärzte sollten nicht auf Sortimentsausweitung auf Kosten des eigentlichen Berufs setzen. Wer medizinischen Fortschritt statt Brauchtumspflege möchte, sollte zurückkehren zur klaren Gegenüberstellung von wissenschaftlicher und nichtwissenschaftlicher Medizin. Hier ist noch viel Aufklärung im Sinne des vorliegenden Buches nötig.