22.04.2013

Die Abstinenzpriester

Analyse von Johannes Richardt

Vor Kurzem ist das aktuelle Jahrbuch Sucht erschienen. Welche Ziele verfolgen die Herausgeber damit eigentlich? Geht es um Aufklärung und Prävention oder wird hier unter dem Deckmantel von Medizin und Wissenschaft Politik gemacht?

Wer sich die letzten Verlautbarungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) anschaut, könnte fast den Eindruck gewinnen, dass den deutschen Landen eine neue „Branntweinpest“ droht. Ähnlich wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als die massenhafte Verbreitung hochprozentiger und sehr billiger Alkoholika zu großen sozialen Verwerfungen führte, [1] können wir auch heute von „dramatischen Zuständen“, ja sogar von einer „ungebremsten Katastrophe“ im Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum der Deutschen lesen.

Diese Zustände werden sich, so liest man im Anfang des Monats erschienenen Jahrbuch Sucht 2013 [2] der DHS sogar noch „weiter verschlechtern“: Das „Zellgift“ ist „rund um die Uhr an beinah jeder Ecke erhältlich“ [3], „Werbung für Alkohol wendet sich mit ihrer gefährlichen Propaganda sowohl an Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche“ [4]. Die meisten Menschen sind sich der dramatischen Gesundheitsrisiken des Alkoholkonsums gar nicht bewusst, denn „man muss nicht erst süchtig werden, um alkoholbedingt zu erkranken“ [5]. Schon geringe Mengen können schädlich sein. Kurzum: Deutschland „unterschätzt“ und „verharmlost“ den Alkohol, obwohl dieser „außergewöhnlich schädlich“ ist. [6] Nur durch „umfassende Alkoholprävention“ kann Abhilfe geschaffen werden.

Alkoholalarmismus

Keine Frage: Alkohol hat nicht nur angenehme Wirkungen – vom lästigen, aber eher harmlosen Kater nach einer durchzechten Nacht bis hin zum Alkoholismus mit all seinen zerstörerischen Konsequenzen für den Trinker und sein soziales Umfeld. Nichts spricht dagegen, über diese Gesundheitsrisiken aufzuklären und Alkoholkranken Hilfe anzubieten. Doch mit ihren alarmistischen Botschaften schießt die DHS weit übers Ziel hinaus.

Dabei hätte ein nüchterner Blick auf das eigene Zahlenmaterial gezeigt, dass die Situation bei Weitem nicht so „dramatisch“ ist, wie es die eigene Prosa nahelegt. Im Gegenteil: Der durchschnittliche Alkoholverbrauch je Einwohner in Deutschland sinkt seit Jahren – von 11,1 Litern reinem Alkohol im Jahr 1995 auf 9,6 im Jahr 2011. Im europäischen Vergleich rangiert Deutschland irgendwo im Mittelfeld (Platz 13 von 34). Und aller Panikmache über komasaufende Teens und Twens zum Trotz hat sich der wöchentliche Alkoholkonsum bei Jugendlichen innerhalb der letzten dreißig Jahre nahezu halbiert. [7]

Also eigentlich Grund genug, sich ganz unaufgeregt auf das Kerngeschäft zu konzentrieren – nämlich sachlich aufzuklären und den wirklich Hilfsbedürftigen zu helfen. Aber die durch Bundesmittel [8] geförderte DHS zieht es vor - mit freundlicher Unterstützung der Gesundheits- und Verbraucherschutzpolitiker der großen Parteien und Medien, die ihre Botschaften weitestgehend unhinterfragt verbreiten – die negativen Aspekte ihrer Untersuchungen einseitig hervorzuheben, um dann im Namen einer „evidenzbasierten Suchtprävention“ [9] politisches Lobbying für eine bessere und gesündere, in ihren Augen möglichst alkoholfreie Gesellschaft zu betreiben. Dabei instrumentalisieren die Suchtbekämpfer auf sehr unschöne Weise die Wissenschaft für ihre gesellschaftspolitischen Ziele.

Steuerung des Trinkverhaltens

Bei vielen der von der DHS vorgeschlagenen Maßnahmen zur Suchtprävention, die auf die Veränderung der angeblich suchtfördernden gesellschaftlichen Bedingungen abzielen (sog, „Verhältnisprävention“), wie etwa Steuererhöhungen, zeitliche Begrenzung des Verkaufs (z. B. über Verbote des Alkoholverkaufs in der Nacht an Tankstellen), Werbeverbote oder grundsätzlichen Verkaufsverbote bei Jugendlichen, handelt es sich letztlich um administrativ-technische Regulierungen mit lenkender Zielsetzung für die Trinkgewohnheiten der gesamten Bevölkerung.

Es geht hier eben nicht nur um die kleine Gruppe besonders gefährdeter Individuen, sondern auch um die überwältigend große Mehrheit, die einen völlig unproblematischen Umgang mit Alkohol pflegen und deshalb von solcherlei staatlicher „Fürsorge“ verschont bleiben sollten. Jeder – nicht nur der Alkoholiker – hätte höhere Alkoholpreise zu bezahlen. Überhaupt kein Jugendlicher dürfte mehr Alkohol trinken – nicht nur die besonders Gefährdeten.

Ob solcherlei Maßnahmen überhaupt eine Wirkung auf das Suchverhaltens der Betroffenen haben, sei einmal dahingestellt – es gibt sehr unterschiedliche wissenschaftliche Auffassungen dazu. Fakt ist aber, dass es sich dabei nicht nur um medizinische Probleme handelt. Hier werden Fragen von allgemeinen Interessen aufgeworfen, die in der demokratischen Arena, d. h. öffentlich, in der Sprache von Politik und Moral verhandelt werden müssen.

Politisierte Medizin

Es geht darum, wie wir als Gesellschaft zu einer gewachsenen Trinkkultur stehen, wie wir mit den Gesundheitsrisiken und den positiven sowie negativen Folgen des Alkoholkonsums umgehen wollen und vor allem darum, welche Rolle wir dem Staat bei der Regulierung unserer Trinkgewohnheiten und unseres geselligen Miteinanders zugestehen wollen. Denn letztlich würden staatliche Exekutivorgane die von der DHS geforderten Regeln umsetzen und deren Einhaltung überwachen.

Natürlich sollten in der gesellschaftlichen Debatte auch wissenschaftliche Erkenntnisse – sei es aus der Medizin oder Suchtforschung – mit einfließen. Aber solcherlei Debatten kann man nicht mit dem Verweis auf eine „evidenzbasierte Wissenschaft“ bereits als erledigt betrachten. Gesundheitslobbyisten, wie die DHS, verschleiern mit ihrem Verweis auf die angebliche empirischen Grundlage ihrer Forderungen – die zudem noch sehr selektiv interpretiert wird – ihre politischen Interessen und stehlen sich aus der Verantwortung, mit allgemein verständlichen Argumenten für ihre Antialkoholpolitik gegenüber der Öffentlichkeit zu werben.

Da wusste man zu Zeiten der „Branntweinpest“ in gewisser Hinsicht noch eher, woran man war. Für die damals entstehenden bürgerlichen Mäßigkeitsvereine oder religiösen Abstinenzlerbewegungen war übermäßiger Alkoholkonsum ein Zeichen für moralischen Verfall oder Sünde. Im Namen einer Idee – Mäßigung, Enthaltsamkeit, Abstinenz, etc. – wurde an die „sittliche Einsicht“ derjenigen appelliert, die dem Alkohol verfallen waren, und eine Entscheidung gegen den Suff eingefordert. Dieser Anspruch setzte immerhin voraus, dass man davon ausging, Menschen mit guten Argumenten vom Sinn einer Verhaltensänderung überzeugen zu können und dass es einen gewissen moralischen Grundkonsens über Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens gab.

Den modernen Alkoholgegnern scheinen solche Überzeugungen völlig fremd zu sein. Sie wollen nicht überzeugen, sondern rufen lieber gleich nach dem Staat – und zwar mit medizinischen, nicht mit moralischen Begründungen. Anstatt einen offenen Ideenstreit über das gute und richtige Leben zu führen, verschanzen sie sich hinter ihrer Expertenautorität und fordern – den Priesterkasten vormoderner Zeit nicht ganz unähnlich – Gehorsam gegenüber ihrer „Evidenz“. Mit einer aufgeklärten und demokratischen Debatte über unseren Umgang mit Alkohol hat das wenig zu tun.