01.11.2007

Deutsche Energiepolitik auf dem Weg nach nirgendwo

Essay von Edgar Gärtner

Der Berliner Energiegipfel hat die Verunsicherung über die Entwicklung der Rahmenbedingungen für Investitionen in neue Kraftwerke verstärkt.

Beim Energiegipfel im Juli 2007 ging es Bundeskanzlerin Angela Merkel um die nationale Umsetzung ihrer Klimaschutzvorgaben für die EU. Während Bundesumweltminister Sigmar Gabriel seither versucht, ein milliardenschweres Klimaschutzprogramm durchzusetzen, mehren sich in anderen EU-Ländern die Versuche, von der massiven Förderung erneuerbarer Energien abzurücken.
„Im Moment wird alles von der Umweltpolitik bestimmt – eine Energiepolitik, die diesen Namen verdient, gibt es dagegen nicht. Wie steht es um den Atomausstieg? Soll die Kohle eine Zukunft haben in Deutschland? Über diese Fragen müssen wir dringend sprechen. Stattdessen macht die Politik ständig neue unrealistische Vorgaben.“ So brachte BASF-Chef Jürgen Hambrecht vor dem dritten Berliner Energiegipfel Anfang Juli 2007 die Klagen energieintensiver Chemieunternehmen über die Misere der deutschen Energiepolitik in einem Interview mit dem Spiegel (26/07) auf den Punkt. Nach dem „Gipfel“ wurde die Lage nicht gerade klarer.

Für Bundeskanzlerin Merkel ging es in erster Linie darum, die auf deutschen Druck unter ihrer Präsidentschaft im März 2007 vom EU-Rat in Brüssel beschlossene „Renewable Energy Road Map“ (RERM) auf nationaler Ebene zu implementieren. Danach soll das Ziel, die CO2-Emissionen der 27 EU-Mitgliedsländer bis 2020 im Vergleich zu 1990 um mindestens 20 Prozent (und wenn die übrige Welt im Rahmen einer Kioto-Nachfolge-Vereinbarung mitzieht, sogar um 30 Prozent) zu senken, auf folgenden Wegen angesteuert werden:

  • Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien am Primärenergieeinsatz von derzeit 6,5 auf 20 Prozent
  • Erhöhung des Gehalts von Biosprit in Motor-Treibstoffen auf 10 Prozent
  • Senkung des Energieverbrauchs gegenüber der Referenzprognose um 20 Prozent
  • Entwicklung der Abtrennung und Speicherung von CO2 aus den Rauchgasen von Kohlekraftwerken zur Marktreife
  • Ausweitung des Emissionshandels durch eine weitere Verknappung und Verteuerung der CO2-Zertifikate (als Voraussetzung für obiges Ziel).

Auf nationaler Ebene will die Bundesregierung eine Verdoppelung der Energieproduktivität zwischen 1990 und 2020 erreichen. Da die Energieeffizienz derzeit nur um etwa 0,9 Prozent jährlich steigt, müsste der Anstieg in den nächsten Jahren auf sage und schreibe 3 Prozent jährlich gebracht werden, um diesem ehrgeizigen Ziel näherzukommen. Vertreter energieintensiver Industrien wie der zitierte BASF-Chef Hambrecht halten dieses Ziel für völlig unrealistisch, weil die meisten kostengünstigen Möglichkeiten zur Steigerung der Energieeffizienz als ausgereizt gelten.
 

 

Bleibt der „Vorreiter“ allein?

Kaum war die deutsche EU-Ratspräsidentschaft turnusgemäß zu Ende gegangen, gab es bereits erste Absetzbewegungen von der von Angela Merkel stolz als „Durchbruch“ verkündeten „Renewable Energy Road Map“ (RERM). Vor allem in Großbritannien gilt ein 20-Prozent-Anteil für „Renewables“ bis 2020 als unerreichbares Ziel. Premierminister Gordon Brown ließ durchblicken, dass er sich an die Zusage seines Vorgängers Tony Blair nicht gebunden fühlt. Die osteuropäischen EU-Beitrittsländer sehen in der CO2- und Renewables-Quotenpolitik ein planwirtschaftliches Entwicklungshemmnis und haben bereits Klagen beim Europäischen Gerichtshof angestrengt.
In Deutschland wird die massive Förderung von Wind- und Solarstrom mit dem Hinweis auf die Subventionierung der Kernenergie seit 1956 begründet. Verschwiegen wird dabei, dass diese Förderung sich bald volkswirtschaftlich auszahlte. So standen den rund 29 Mrd. DM, die von 1956 bis 1993 in die Entwicklung der Kerntechnik flossen, Kosteneinsparungen in der Größenordnung von 60 Mrd. DM im Vergleich zur Steinkohleverstromung gegenüber. In der Folgezeit waren die durch den Einsatz der Kernenergie erzielten Kostenvorteile noch weitaus höher. Zurzeit erspart der Einsatz von Atomstrom nach Berechnungen von Prof. Dr. Ing. Helmut Alt (Aachen) Deutschland gegenüber dem Steinkohleeinsatz jahraus, jahrein 5 Mrd. Euro. Vergleichbares ist bei der staatlichen Förderung „Erneuerbarer“ nicht absehbar. Weder bei Windkraftanlagen noch bei Photovoltaikanlagen ist es bislang zu einer durchgreifenden Kostendegression gekommen. Die jährliche Förderung aller „Erneuerbaren“ zusammengenommen, liegt heute schon mehr als fünf Mal so hoch wie das Maximum der Kernenergieförderung im Jahr 1992 und verursacht weitere Kosten, während der Nutzen des „Klimaschutzes“ rein hypothetisch bleibt.
Da die meisten Europäer trotz der Krise im Erziehungswesen noch immer zwei und zwei zusammenzählen können, beschränkt sich die Entwicklung „Erneuerbarer“ in vielen EU-Ländern mehr oder weniger auf Symbolik. Eine gewichtige Ausnahme davon bildet (neben den skandinavischen Ländern, die aber z.T. auch auf Kernenergie setzen, nur die gut mit Sonne, Wind und Freiflächen versorgte iberische Halbinsel. Europa wird das Problem der Energiesicherheit mittelfristig wohl nur lösen können, wenn Energie- und Umweltpolitik nicht in Form ehrgeiziger „integrierter Klimaschutzprogramme“ vermengt, sondern wieder sauber getrennt werden. (eg)

 

Eberhard Meller, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW), hält dagegen immerhin eine Verdoppelung der jährlichen Effizienzgewinne „unter bestimmten Voraussetzungen“ für machbar. Er bezieht sich dabei auf die vom VDEW initiierte Studie „Energiewirtschaftliches Gesamtkonzept 2030“. Diese Studie wurde seit zwei Jahren vom Energiewirtschaftlichen Institut der Universität Köln (EWI) und der Energy Environment Forecast Analysis GmbH (EEFA) in Münster erarbeitet. Sie fußt auf zwei Rechenmodellen zur Simulation des Energiemarktes, mit deren Hilfe vier Szenarien durchgespielt wurden: zum einen die Fortschreibung der Umsetzung der EU-Ratsbeschlüsse mit den genannten Zielen für 2020, ein Szenario auf der Basis der kostenlosen Ausgabe von CO2-Zertifikaten, ein Szenario auf der Grundlage einer vollständigen Auktionierung der Zertifikate sowie ein „grünes“ Szenario unter der Annahme eines vollständigen Ausstiegs aus der Kernenergie bis 2030.

„Die Bundesregierung nimmt mit ihrer Energiepolitik in Kauf, Strom und andere Energieträger (und gleichzeitig auch Nahrungsmittel) für die Endverbraucher in schmerzhafter Weise zu verteuern.“

Die Bundesregierung will Anreize für die Steigerung der Energieeffizienz geben, indem sie durch die Novellierung des Kartellgesetzes sowie die Anreizregulierungs- und Kraftwerksanschlussverordnung stärker den Wettbewerb in der Stromwirtschaft fördert. Sie möchte damit auch den erwarteten kräftigen Anstieg der Strompreise für die Endverbraucher in Grenzen halten. Damit gibt die Regierung übrigens kaum verhohlen zu, dass ihre Energiepolitik in Kauf nimmt, Strom und andere Energieträger (und gleichzeitig auch Nahrungsmittel) für die Endverbraucher in schmerzhafter Weise zu verteuern.

Das zeigt sich schon bei einer detaillierten Analyse der auf EU-Ebene beschlossenen Ziele. So bedeutet die anvisierte Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien am gesamten Primärenergieeinsatz, dass der Beitrag der Elektrizitätserzeugung aus erneuerbaren Quellen von derzeit 15 auf 34 Prozent gesteigert werden müsste. Auch bei Heizung und Kühlung müsste sich der Beitrag der Erneuerbaren mehr als verdoppeln, und zwar von 9 auf 20 Prozent. Und bei Motorkraftstoffen müsste sich der Erneuerbaren-Anteil durch die seit Jahresbeginn subventionierte Zwangsbeimischung von Biosprit (Äthanol, Rapsöl oder Bio-Diesel) zu Motor-Treibstoffen sogar mehr als verdreifachen, und zwar von 4 auf 14 (in Deutschland sogar auf 17) Prozent.

Das wäre kaum möglich ohne eine massive Zunahme der Importe von Bio-Kraftstoffen in die EU. Dadurch würde sich der jetzt schon sichtbare Konflikt zwischen der Nahrungsmittel- und der Kraftstoffproduktion weltweit verschärfen. In Deutschland bräuchte man für einen nur 10-prozentigen Anteil von „Agrofuel“ schon ein Drittel der gesamten landwirtschaftlichen Anbaufläche. Darauf wies auch Hambrecht im erwähnten Interview hin. Verfechter der „Erneuerbaren“ halten diesen Konflikt allerdings lediglich für eine Kinderkrankheit der „Energiewende“, die durch Anpassungsprozesse der internationalen Märkte und durch den Übergang zur „zweiten Generation“ von Bio-Treibstoffen (durch die viel effizientere Verwertung ganzer Pflanzen einschließlich von Ernteresten und diversen organischen Abfällen) in absehbarer Zeit überwunden sein werden, was allerdings sehr hypothetisch erscheint.

Den Diskussionen auf dem „Energiegipfel“ lagen drei Szenarien zugrunde, die die Bundesregierung von der Prognos AG und vom Energiewissenschaftlichen Institut an der Universität Köln erstellen ließ:

  • „Szenario KV“ auf der Basis des geltenden Koalitionsvertrags (KV), der die Verdoppelung der Energieproduktivität gegenüber 1990, eine Vergrößerung des Beitrags erneuerbarer Energien und eine Ausweitung des europäischen Emissionshandels vorsieht
  • „Szenario EE“, das die Folgen einer verstärkten Förderung erneuerbarer Energien (EE) durchspielt
  • „Zukunftsprojektion KKW“ auf der Grundlage der Verlängerung der Laufzeiten der in Deutschland betriebenen 17 Kernkraftwerke (KKW) um 20 Jahre.

Im zuletzt genannten Szenario wird der größte Rückgang energiebedingter Treibhausgasemissionen erreicht, und zwar um gut 45 Prozent gegenüber 39 bzw. 41 Prozent im KV- und im EE-Szenario. Obendrein wäre die CO2-Reduktion nach dem KKW-Szenario um 5,3 Mrd. Euro günstiger zu haben als im EE-Szenario. Die Strompreise für Endverbraucher lägen hier um sechs Prozent unter den mit dem KV-Szenario erreichbaren Preisen, während sie im EE-Szenario um fünf Prozent darüber lägen. Zu diesen Vorteilen der Kernenergie kommen ihre Grundlastfähigkeit und ihr Beitrag zur Versorgungssicherheit. Darauf wiesen in Berlin vor allem Vertreter der Energiewirtschaft und energieintensiver Industrien hin.

Kaum jemand denkt allerdings zurzeit daran, in Deutschland neue KKW zu bauen. Denn anders als die noch arbeitenden 17 Atommeiler, die längst abgeschrieben sind, gelten neue KKW infolge zahlreicher neuer Sicherheitsvorschriften, wegen langwieriger Genehmigungsverfahren und nicht zuletzt wegen ihrer fehlenden Akzeptanz in der deutschen Bevölkerung nach einer Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young mit dem Titel „Energiemix 2020 – Szenarien für den deutschen Stromerzeugungsmarkt bis zum Jahr 2020“ (Autor: Dr. Helmut Edelmann, Düsseldorf) auch unter Kostengesichtspunkten nicht mehr als besonders attraktiv. Zwar sind deren variable Kosten (überwiegend Brennstoffkosten) mit rund 7 Euro je Megawattstunde geringer als bei der Braunkohle (10,1 EUR/MWh) oder der Steinkohle (14,3 EUR/MWh). Dafür fallen aber ihre Fixkosten mit 41 EUR/MWh etwa doppelt so stark ins Gewicht wie bei Kohlekraftwerken. Mit deutlichem Abstand höher werden mit 48 EUR/MWh auch die Markteintrittskosten der Kernenergie angenommen. Dabei ist die theoretisch umstrittene Frage der „externen Kosten“ noch gar nicht berücksichtigt. Immerhin werden im Ernst-&-Young-Szenario „Freies Spiel der globalen Märkte“, das davon ausgeht, dass die Rahmenbedingungen der deutschen Stromwirtschaft zunehmend von Brüssel bestimmt werden und die Deutschen ihre Marotte einer Laufzeitbegrenzung der Kernkraftwerke aufgeben, im Jahr 2020 mit zwölf Prozent die zweithöchsten CO2-Einsparungen erreicht, obwohl darin der Strombedarf weiterhin um ein halbes Prozent jährlich steigt. Vom Bau neuer KKW ist dabei aber nicht die Rede.

Die meisten deutschen Fachleute sehen die Verlängerung der Laufzeiten älterer KKW in Deutschland lediglich als Übergangslösung. Inzwischen ist aber nicht einmal mehr sicher, ob der zwischen der rot-grünen Regierungskoalition unter Gerhard Schröder und der Elektrizitätswirtschaft ausgehandelte Atomausstiegskompromiss wie geplant umgesetzt wird. Denn neuerdings reichen selbst verhältnismäßig kleine Vorkommnisse der Kategorie „Null“ wie die jüngste „Störfallserie“ in den norddeutschen Vattenfall-KKW Krümmel und Brunsbüttel als Vorwand, um den politischen Druck in Richtung auf eine Beschleunigung des Atomausstiegs zu verstärken.

Nach dem deutschen Ausstiegskompromiss wäre im Jahre 2020 nur noch das KKW Neckarwestheim 2 mit 1365 MW Leistung am Netz – gegenüber der derzeit noch installierten Leistung von insgesamt rund 22.000 MW. Würden keine neuen Kraftwerke gebaut, halbierte sich die derzeitige in Deutschland betriebene Kraftwerkskapazität wegen der Alterung des bestehenden Kraftwerksparks bis 2020 von insgesamt rund 120.000 MW auf rund 60.000 MW. Zwar könnte die sich für 2020 abzeichnende Kapazitätslücke auch durch den Bau preisgünstiger und hocheffizienter Gas- und Dampf-Kraftwerke geschlossen werden, denn die Fixkosten betragen bei Erdgas mit 11,7 EUR/MWh nur ein Drittel der Kernenergie. Dafür liegen jedoch die variablen Kosten mit angenommenen 23,7 EUR/MWh mehr als doppelt so hoch wie bei der Braunkohle und um etwa zwei Drittel höher als bei der Steinkohle. Zu den bei Gas absehbaren weiteren Preissteigerungen kommen wachsende Unsicherheiten wegen der bedenklichen politischen Entwicklung des Hauptlieferanten Russland.

Demgegenüber liegen die Verhältnisse bei der Kohle, die bei der Elektrizitätsversorgung im Grundlastbereich mit der Atomkraft konkurriert, ganz anders. Kohle wird höchstwahrscheinlich noch lange die wichtigste Grundlage der Stromerzeugung bleiben, zumal gerade aufstrebende asiatische Volkswirtschaften auf die bei ihnen in großen Mengen verfügbare Ressource setzen. Da Kohle auch in politisch sicheren Teilen der Welt reichlich vorhanden und (umgerechnet in Wärmeeinheiten) um zwei Drittel bis zu zehn Mal billiger ist als Rohöl, wird verflüssigte Kohle (Synfuel) in den USA inzwischen sogar ernsthaft für den Verkehrssektor als Alternative für importiertes Öl in Erwägung gezogen – so in einer im letzten Frühjahr unter dem Titel „The Future of Coal: Options for a Carbon-Constrained World“ veröffentlichten interdisziplinären Studie des Bostoner MIT, an der der bekannte Chemieprofessor John Deutch in leitender Funktion mitgearbeitet hat. Die Autoren dieser Studie gehen aber davon aus, dass die Kohle in Amerika und in Europa nur dann eine Zukunft hat, wenn es gelingt, das bei der Verbrennung von Kohle unweigerlich entstehende CO2 auf wirtschaftlich einigermaßen verkraftbare Weise aus den irdischen Stoffkreisläufen auszuschleusen.

Zurzeit stammen etwa 40 Prozent der global erzeugten Elektrizität aus Kohlekraftwerken. Gleichzeitig tragen diese Kraftwerke aber auch mit etwa 40 Prozent zum anthropogenen Kohlenstoffdioxideintrag in die Atmosphäre bei. Ein 1000-Megawatt-Kohlekraftwerk stößt täglich etwa 20.000 Tonnen CO2 aus. Ob die (von Menschen gemachte) Zunahme des CO2-Gehalts der Atmosphäre den seit einigen Jahrzehnten beobachteten Klimawandel maßgeblich beeinflusst hat, ist zwar nach wie vor umstritten, da empirische Belege dafür ausstehen. Deutch und seine Mitarbeiter gehen aber pragmatisch davon aus, dass die meisten Menschen daran glauben und dass auch in den USA der politische Druck in Richtung drastischer CO2-Vermeidungsmaßnahmen bzw. einer Verteuerung der CO2-Zertifikate größer wird.

Die Autoren der MIT-Studie wiesen darauf hin, dass die physikalisch-chemische Abscheidung von CO2 aus fossilen Brennstoffen bzw. deren Verbrennungsabgasen und seine Endlagerung in geologisch als sicher erachteten tiefen Gesteinsschichten oder Salzwasserleitern (CCS, Carbon Capture and Storage) auch unter den der Studie zugrunde liegenden relativ optimistischen Annahmen über technische Realisierungsmöglichkeiten eine insgesamt sehr teure Angelegenheit ist. Die MIT-Wissenschaftler rechnen vor, dass die derzeit am günstigsten erscheinenden Kraftwerke mit CCS im Vergleich zu herkömmlichen Kraftwerken 20 Prozent weniger Strom zu 40 Prozent höheren Kosten erzeugen werden. Das gilt für alle drei zur Debatte stehenden Wege der CO2-Abscheidung: die Abscheidung nach der Verbrennung und deren chemische Absorption mithilfe von Aminen und deren anschließende Regeneration in riesigen Desorbern, die Kohlendioxid-Abscheidung vor der Verbrennung mithilfe von Vergasern und Membranen (IGCC- bzw. Kombi-Prozess) sowie schließlich das Oxyfuel-Verfahren, d.h. die Verbrennung der Kohle mithilfe von reinem Sauerstoff, die das entstehende CO2 in einer zirkulierenden Wirbelschicht nutzt (Details in Chemische Rundschau, 1/06).

Aus dem US-Blickwinkel erscheint der IGCC-Prozess am interessantesten, weil er 90 Prozent des CO2 abscheiden kann und neben der Stromerzeugung auch der Wasserstoffproduktion dient, die in der aktuellen US-Energiestrategie eine große Rolle spielt. Nach den Berechnungen des MIT verteuert er aber die Stromproduktion um 50 Prozent, was sich in einer 25-prozentigen Steigerung des Strompreises für die Endverbraucher niederschlüge. In Deutschland verfolgt zurzeit nur RWE das IGCC-Konzept. Die Entscheidung über den Bau einer ersten IGCC-Kohlevergasungsanlage soll noch in diesem Sommer fallen. Deutch und seine Kollegen halten das IGCC-Konzept für Europa für weniger interessant, weil es nach den Erfahrungen mit den vier in verschiedenen Teilen der Welt bereits arbeitenden IGCC-Anlagen den Einsatz hochwertiger Kohle voraussetzt. Außerdem kommt das Verfahren ohnehin nicht für die Nachrüstung älterer Kraftwerke infrage, denn es handelt sich hier um ganz anders geartete Anlagen.

„Wie sinnvoll sind die mit erheblichen Investitionen verbundenen Entwicklungsarbeiten der Kraftwerksbauer, wenn am Ende ein Mehrfaches der so erzielbaren Effizienzsteigerung geopfert werden muss, nur um den politischen Verdachtsstoff CO2 loszuwerden?“

Für die in Deutschland bislang überwiegend eingesetzte Braunkohle eignet sich das Oxyfuel-Verfahren viel besser. Vattenfall hat im April 2007, wie angekündigt, eine kleine Oxyfuel-Versuchsanlage auf dem Gelände des ostdeutschen Braunkohlekraftwerks Jänschwalde in Betrieb genommen. Für die Nachrüstung bestehender Kraftwerke eignet sich nur die Rauchgaswäsche mithilfe von Aminen, die zurzeit im dänischen Steinkohlekraftwerk Esbjerg eingesetzt wird. Das Verfahren ist effizient, was die CO2-Abscheidung betrifft. Diese muss aber wie bei den beiden anderen Verfahren mit Einbußen am Gesamtwirkungsgrad in der Größenordnung von 15 Prozent erkauft werden.
Das wiegt insofern schwer, als die Kraftwerksbauer sich in den letzten Jahren erheblich angestrengt haben, um den Wirkungsgrad ihrer Anlagen durch die Erhöhung der Betriebstemperatur und des Kesseldrucks, die dafür notwendige Entwicklung teurer hochdruck- und hitzebeständiger Spezialstähle sowie den Einbau riesiger Wärmetauscher um einige Prozentpunkte zu steigern. Wie sinnvoll erscheinen diese mit erheblichen Investitionen verbundenen Entwicklungsarbeiten, wenn am Ende ein Mehrfaches der so erzielbaren Effizienzsteigerung geopfert werden muss, nur um den politischen Verdachtsstoff CO2 loszuwerden?

Diese Frage drängt sich umso mehr auf, als teuer erkaufte CO2-Einsparungen in Europa und Amerika durch den rasanten Bau zahlreicher neuer Kohlekraftwerke in China und anderen asiatischen Boom-Regionen um ein Vielfaches wettgemacht werden. Hambrecht wies im zitierten Spiegel-Interview darauf hin, dass die Volksrepublik China in einem einzigen Jahr mehr zusätzliches CO2 ausstößt, als Deutschland bis zum Jahre 2020 insgesamt einsparen könnte. Auch John Deutch vom MIT und sein Kollege Ernest Moniz räumten Zweifel am Sinn des von ihnen geforderten Milliardenprogramms zur Förderung von CCS ein, indem sie in einem Beitrag im Wall Street Journal (15.3.07) darauf hinwiesen, dass China allein im vergangenen Jahr neue Kohlekraftwerkskapazitäten in der Größenordnung von 80 Gigawatt in Betrieb genommen hat. Statistisch ging dort jeden zweiten Tag ein neues Kohlekraftwerk von 500 Megawatt ans Netz.
Dass die Chinesen sich durch gutes Zureden bewegen lassen werden, ihrerseits teure CO2-Abscheidevorrichtungen zu bauen, glaubt kaum jemand. Denn chinesische Wissenschaftler wissen, dass es, wenn überhaupt, nur eine sehr schwache Korrelation zwischen der messbaren Zunahme des CO2-Gehalts der Atmosphäre und des (errechneten) Anstiegs der Durchschnittstemperatur über den Landmassen der Erde gibt. Darauf haben sie anlässlich des G-8-Gipfels Anfang Juni 2007 im Ostseebad Heiligendamm noch einmal mit einer Deutlichkeit hingewiesen, die nichts zu wünschen übrig ließ.

Was hinter dem seit den 70er-Jahren beobachtbaren Klimawandel steht, ist noch weitgehend unbekannt. Aufgrund der vorhandenen Datenlage kann aber ausgeschlossen werden, dass CO2 dessen Hauptursache ist. Denn seit einem Jahrzehnt stagniert die errechnete Durchschnittstemperatur über den Landoberflächen, während der CO2-Ausstoß stärker zunahm als jemals zuvor. Wichtiger für das Verständnis des Klimawandels scheint der beobachtbare deutliche Anstieg des mittleren Luftdrucks in unseren Breiten zu sein. Doch dieser fand bislang weder in den aufwendigen „Klimamodellen“ noch in den vier voluminösen Berichten des UN-Klimarates IPCC überhaupt Beachtung.
In Deutschland hat die Fixierung auf Kohlendioxid inzwischen sonderbare Züge angenommen. Zweifler werden angegriffen und denunziert. Deshalb wächst neuerdings bei den Deutschen auch der Widerstand gegen die Modernisierung älterer und den Bau neuer Kohlekraftwerke. Die Energiewirtschaft sieht schon seit Jahren einen wachsenden Nachholbedarf bei Investitionen in die Erweiterung und den Neubau von Kohlekraftwerken und hatte die Aufstockung der Kraftwerkskapazität um 30.000 Megawatt bis zum Jahr 2012 in Aussicht gestellt. Doch die Grünen und ihre Anhänger möchten den Bau neuer Kohlekraftwerke erst dann wieder zulassen, wenn CCS-Verfahren anwendungsreif sind. Das wird sicher nicht vor 2020/25 der Fall sein. Deutch und Moniz weisen allerdings darauf hin, dass zurzeit nicht einmal absehbar ist, welcher der drei möglichen Wege der CO2-Abscheidung der aussichtsreichste ist. Man sei noch weit entfernt von der Aufstellung von Normen und anderen Genehmigungsvoraussetzungen. Dafür fehlten den damit befassten Ingenieuren einfach noch zu viele Kenntnisse und Erfahrungen.

So sehen zurzeit in Deutschland weder die Stromkonzerne noch die Kraftwerksbauer sichere rechtliche und politische Voraussetzungen für Großinvestitionen. Deshalb steuert die deutsche Energiewirtschaft auf eine bedenkliche Kapazitätslücke zu. Von den zugesagten 30.000 Megawatt sind bislang erst 7000 in Angriff genommen worden. Bis zum Jahre 2020 könnte sich auf diese Weise eine Kapazitätslücke von 35.000 bis 45.000 Megawatt auftun.
Doch das ist beileibe nicht die einzige Gefahrenzone, auf die die deutsche Energiepolitik zusteuert. Große Probleme zeichnen sich auch beim Ausbau der Windkraftkapazitäten ab. Schon heute gibt es ein großes Ungleichgewicht, da der größte Teil der mittlerweile fast 20.000 Windräder im industriearmen Norden steht. Deren sehr unregelmäßig erzeugter Strom muss über weite Strecken zu den überwiegend im Süden des Landes gelegenen Verbrauchsorten geleitet werden. Dafür fehlen Hochspannungstrassen. Es kommt beim plötzlichen Aufkommen oder Abflauen von Wind immer öfters zu Leitungsengpässen. Es ist kein Geheimnis, dass der Blackout im UCTE-Netz am 4.11.06, von dem infolge einer Kettenreaktion von Sicherheitsabschaltungen große Teile Westeuropas und sogar Teile Nordafrikas betroffen waren, mit diesem Ungleichgewicht zusammenhängt, auch wenn das in den offiziellen Berichten über den Ablauf des Ereignisses so nicht steht.

„Die deutsche Energiewirtschaft steuert auf eine bedenkliche Kapazitätslücke zu, da zurzeit weder die Stromkonzerne noch die Kraftwerksbauer sichere rechtliche und politische Voraussetzungen für Großinvestitionen sehen.“

Da Bundesumweltminister Sigmar Gabriel plant, die zurzeit selbst in der Solarbranche als zu üppig und deshalb innovationshemmend geltende Förderung der Fotovoltaik zu drosseln und stattdessen ab 2009 Strom aus Windkraftanlagen auf hoher See stärker zu vergüten, werden die bislang auf Eis liegenden großen Windpark-Projekte in Nord- und Ostsee nun wohl bald in Angriff genommen werden. Dadurch werden sich die Stromtransportprobleme noch erheblich verschärfen. Doch nicht der Staat, der mit den von ihm großzügig eingeräumten Windstrom-Einspeisungs-Vergütungen erst die Voraussetzungen für das Entstehen der Ungleichgewichte zwischen Stromproduktion und -verbrauch schafft, sondern die private Elektrizitätswirtschaft wurde gesetzlich verpflichtet, durch den Bau zusätzlicher Hochspannungsleitungen Abhilfe zu schaffen und dafür auch die Kosten zu übernehmen. Doch der Bau neuer Trassen durch wirtschaftlich benachteiligte ländliche Gebiete, deren wichtigstes Kapital ihre Erholungslandschaften darstellen, stößt immer häufiger auf den erbitterten Widerstand der betroffenen Landbewohner. Einen Ausweg böte da nur die Verlegung unterirdischer Stromleitungen, die allerdings um ein Vielfaches teurer kämen als herkömmliche Überlandleitungen.

Diese Beispiele verfestigen den Eindruck, dass es die deutsche politische Klasse darauf abgesehen hat, Energie auf jede erdenkbare Art zu verteuern, um den Staatseinfluss (und die Staatseinnahmen) zu vergrößern und sich in der Welt als Vorreiter eines „Energiewende“-Prozesses zu profilieren, von dem niemand weiß, wo er hinführt. Es sei an der Politik, diesen Verdacht zu zerstreuen, meint Jürgen Hambrecht: „Realistisch ist das, was machbar ist, ohne der Volkswirtschaft zu schaden. Sonst lösen wir vorgebliche Probleme, indem wir Deutschland deindustrialisieren. Die Bundesrepublik ist eine der wenigen westlichen Volkswirtschaften, die noch über eine große, gut funktionierende Industrieproduktion verfügen. Wenn die Politik die energieintensiven Unternehmen nicht mehr im Land haben will, soll sie es ehrlich sagen.“