01.05.2004

Der Terror als Kind des Westens

Essay von Brendan O’Neill

Brendan O’Neill erklärt, wie Angst vor dem Terror den Terrorismus anheizt.

Am Donnerstag, den 11. März 2004 platzierten Terroristen mehrere Bomben in spanischen Nahverkehrszügen bei Madrid. Mehr als 200 Menschen starben. Nur drei Tage später verlor die regierende konservative Volkspartei (PP) von Premierminister José María Aznar, die zuvor als sicherer Sieger gehandelt wurde, überraschend die Parlamentswahlen. Der sozialistische Wahlsieger und künftige spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero kündigte sogleich an, die spanischen Truppen aus dem Irak zurückzuziehen, wenn die dortigen Operationen nicht der UN unterstellt würden. Die Wogen schlugen hoch: Während Politiker in Washington und London schon den Zerfall der Anti-Terror-Koalition befürchteten, diskutierte man in vielen Staaten der Europäischen Union die Errichtung einer „europäischen CIA“, um Europa zu sichern.

„Können Terroristen Regierungen dazu bringen, ihr komplettes Sicherheitssystem neu zu organisieren? Die Antwort lautet: Nein, sie können es nicht – es sei denn, man gestattet es ihnen.“

Wie kommt es, dass eine Handvoll Terroristen so großen Einfluss auf die politische Entwicklung in Europa und den USA nehmen kann? Können Terroristen Regierungen dazu bringen, ihr komplettes Sicherheitssystem neu zu organisieren? Die Antwort lautet: Nein, sie können es nicht – es sei denn, man gestattet es ihnen. Sporadische Terrorakte isolierter Gruppen oder Einzeltäter können Gesellschaften nicht per se verändern. Welchen Einfluss der Terrorismus nimmt, wird durch die Art bestimmt, in der Gesellschaften und Regierungen auf ihn reagieren. Und das wiederum hängt davon ab, wie wir zu uns selbst, zu unserer eigenen Gesellschaft, unserem Lebensstil und unseren Werten stehen.

Terrorakte wie der jüngste in Madrid sind glücklicherweise selten. In den letzten Jahren konnten Anschläge dieser Art an einer Hand abgezählt werden: New York und Washington am 11. September 2001, Bali am 12. Oktober 2002 und eben nun Madrid. Doch obwohl konkrete Terrorgefahr eher selten vorliegt, gehören Terrorwarnungen und die Angst vor Anschlägen jetzt zum Lebensalltag. Sie beeinflussen den Flugverkehr und beeinträchtigen das öffentliche Leben. Noch schlimmer aber: Sie prägen unser Denken. Das amerikanische Rote Kreuz hat Schulkurse („Masters of Disaster“) entwickelt, in denen Kinder auf den Ernstfall eines massiven Terroranschlags vorbereitet werden. An Universitäten dies- und jenseits des Atlantiks wird gelehrt, wie die Terrorgefahr „zu managen“ und wie mit Angst, Trauer und Verlust umzugehen ist. Die Regale in Bibliotheken und Buchläden quellen über von neuer Terrorismus-Literatur. Kurzum: Unser Leben und Denken dreht sich um den Terrorismus und sein Bedrohungspotenzial.

Das ist eine starke Überreaktion. Die Anschläge von Madrid bestätigten zwar, dass Terroristen mit einem Schlag viele Menschen töten und noch mehr in Angst und Trauer stürzen können. Aber können sie wirklich, wie es der britische Premierminister Tony Blair ausdrückte, unsere Zivilisation herausfordern und unseren Lebensstil im Mark treffen?

Die im jährlichen Bericht des amerikanischen Außenministeriums „Patterns of Global Terrorism“ zusammengetragenen Fakten belegen, dass die Terrorgefahr nicht allgegenwärtig ist. Dieser Studie zufolge war der internationale Terrorismus während der 90er-Jahre ein statisches Randphänomen, dem jährlich etwa 300 Menschen – hauptsächlich in ohnehin gefährlichen Regionen der Dritten Welt – zum Opfer fielen. Die Anzahl terroristischer Angriffe ist sogar deutlich rückläufig. So registrierte das US-Außenministerium 1996 weltweit 296 Terrorakte – die niedrigste Zahl seit Anfang der 70er-Jahre. Im Jahr 2002 waren es 199 Anschläge und somit sogar so wenige wie seit 40 Jahren nicht mehr. In seinem Aufsatz „The great superterrorism scare“ argumentierte der Politologe und führende israelische Extremismus-Experte Ehud Sprinzak von der Hebräischen Universität Jerusalem: „Die Bedeutung, die dem Kampf gegen den Superterrorismus in der öffentlichen Debatte wie auch finanziell beigemessen wird, könnte ihm und seinen Zielen in die Hände spielen. Einerseits werden staatliche Ressourcen gebunden und ausgeschöpft, andererseits wird ein Klima der Angst und Panik erzeugt, in dem terroristische Akte eine weitaus größere Wirkung entfalten.“[1]

Angst und Verunsicherung fördern den Einfluss des Terrorismus. Ist es aber möglich, dass die Angstbesessenheit des Westens ihn sogar selbst erst hervorruft? In jedem Fall besteht ein Zusammenhang zwischen der westlichen Kultur der Angst und dem Aufstieg neuer Formen des Terrorismus, zwischen politischer und moralischer Unsicherheit in Amerika und Europa auf der einen und dem Ausbruch des neuen nihilistischen Terrors auf der anderen Seite. Das in westlichen Gesellschaften stark ausgeprägte Gefühl der Verletzbarkeit verleiht dem Terrorismus große psychologische Macht und verleitet zugleich Nachahmer dazu, weitere Anschläge zu verüben.

Alter und neuer Terrorismus

Der heutige Terrorismus hat mit den früheren Formen politischer Gewalt nur wenig gemein. In den letzten 150 Jahren haben die unterschiedlichsten politischen Strömungen auf Gewalt zurückgegriffen, um ihre Ziele durchzusetzen: revolutionäre, reaktionäre, nationalistische, religiöse, „weiße“, „rote“ oder in jüngster Zeit auch „grüne“ Gruppen verübten Anschläge, um ihre Gegner zu demoralisieren, sie von Territorien zu vertreiben oder ihnen inhaltliche Zugeständnisse abzutrotzen. IRA, RAF, PLO und ETA galten als Terrororganisationen dieses „alten“ Typs. Ihre Anschläge fanden innerhalb konkreter politischer Konstellationen statt und richteten sich zumeist gegen politische, militärische oder wirtschaftliche Ziele. Diese Gruppen bekannten sich zu ihren Anschlägen und nutzten die öffentliche Aufmerksamkeit, um ihre Ziele zu kommunizieren. Entsprechend konzentrierten sich die Terrorismus-Debatten zumeist auf die Frage, ob Gewaltanwendung als Mittel zur Durchsetzung politischer und sozialer Forderungen angemessen sei oder nicht.

Der heutige Terrorismus ist ganz anderer Art. Die Anschläge von New York, Washington, Bali und Madrid machen deutlich: Dieser Terror ist nicht Mittel zum Zweck, sondern selbst der Zweck. Die Tatsache, dass sich Terrorgruppen nicht mehr zu ihren Anschlägen bekennen, zeigt, dass es sich hier nicht um politische Akte im bislang gewohnten Sinn handelt. Selbst Verweise auf diffuse und unsichtbare Strukturen wie das Terrornetzwerk Al Qaida sind nicht mit terroristischen Bekennerschreiben der Vergangenheit zu vergleichen, schüren sie doch nur weitere Angst ohne jede inhaltliche Aussage.

Manche Terrorismus-Experten bezweifeln, dass eine Gruppe wie Al Qaida über eine organisatorische oder eindeutige inhaltliche Ausrichtung verfügt, ja sogar, dass das so genannte Terrornetzwerk überhaupt existiert. Adam Dolnik vom Institute of Defence and Strategic Studies in Singapur gibt zu bedenken, dass der Begriff Al Qaida erstmals von amerikanischen Geheimdiensten 1998 nach dem Angriff auf US-Botschaften in Afrika als „Bezeichnung für eine Gruppe, die keinen formalen Namen hat“, verwandt wurde. Dolnik argumentiert, Amerikas Besessenheit von dem, was „Al Qaida“ genannt wurde, habe dazu beigetragen, bin Laden und seine Leute von einem kaum bekannten Gotteskrieger-Grüppchen zu einem Markenzeichen und Symbol für heroischen Widerstand zu stilisieren.[2]

Markant ist auch, dass der heutige Terrorismus keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt. Da er nicht mehr vorgibt, im Namen einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe oder eines konkreten Ziels zu agieren, gelten für seine Aktionen auch keine Skrupel. Das Undenkbare wird denkbar und auch umgesetzt. Der Terror-Experte Jonathan Tucker beschreibt den modernen Terroristen, der durch keinerlei politische Ideologie motiviert ist, als „apokalyptischen Extremisten“.[3]

Daher ist es verständlich, dass dieser Terrorismus fremdartigen Welten zugeschrieben wird, die sich gegen jede Art menschlicher Zivilisation richten. Die Wahrheit ist aber komplexer. Der moderne Terrorismus ist ein Folgeprodukt vieler globaler Trends, die durchaus auch von westlichen Einflüssen geprägt sind. Deutlich wird dies, führt man sich vor Augen, dass einige der schockierendsten Terroranschläge der letzten zehn Jahre ihre Wurzeln im Westen hatten. So war Timothy McVeigh, dessen Lkw-Bombe 1995 im amerikanischen Oklahoma 168 Menschen tötete, ehemaliger US-Soldat und Teilnehmer am ersten Golfkrieg 1991. Das gleiche gilt für John Allen Muhammad, den älteren der beiden Heckenschützen, die im Oktober 2002 zehn Menschen in Washington erschossen. Im Dezember 2001 war es der Brite Richard Reid, der mit einer in seinem Schuh versteckten Bombe ein Flugzeug in die Luft sprengen wollte. Die Drahtzieher des 11. September 2001 waren wohlhabende Saudis, die zumeist im Westen gelebt und auch dort studiert hatten. Der neue unpolitische Terrorismus ist kein Import verrückter Araber aus einer fremden Welt, in der barbarische Sitten herrschen oder eine machtvolle Gruppe namens Al Qaida die Fäden zieht. Seine Ursachen liegen weniger in politischen Konflikten innerhalb der Dritten Welt als vielmehr in den westlichen Gesellschaften selbst.

„Im Unterschied zu früheren Widerstandsbewegungen sind die modernen Terroristen nicht in der Lage, die politische Autorität des Westens anzufechten.“

Hier haben sich in den letzten 10 bis 15 Jahren traditionelle Wertvorstellungen mehr oder minder aufgelöst. Das westliche politische Leben ist im „post-ideologischen Zeitalter“ von einer um sich greifenden Orientierungslosigkeit geprägt. Protest nimmt daher ebenfalls neue Formen an. Ohne politischen Rahmen und grundlegenden Konsens über Verhaltensnormen wird er zu einer Karikatur seiner selbst: Er richtet sich aus der Opferperspektive isolierter Individuen oder versprengter Grüppchen gegen „die Moderne“, „den Kapitalismus“ oder „die Mächtigen“, ohne ein klares Ziel erkennbar werden zu lassen. Der moderne „Anti-Kapitalismus“, die populärste der heutigen Protestkulturen, entlädt sich zum Teil gewaltsam gegen Cafébesitzer oder Fast Food-Restaurants; Abtreibungsgegner schießen auf Ärzte und Tierschützer verschicken Drohbriefe oder installieren Bomben unter Autos. Die extremsten Vertreter dieser immer neue Blüten treibenden Protestkulturen bringen Flugzeuge zur Explosion oder jagen Hochhäuser in die Luft. Auch der islamisch motivierte Terrorismus ist ein Produkt dieses globalen Orientierungsverlusts. Entwurzelte und global agierende Terroristen profitierten von den Entwicklungen der letzten 15 Jahre, in denen die Souveränität von Nationalstaaten und staatlicher Autorität in der Dritten Welt systematisch untergraben wurde.[4] Während sich Protest in einer von politischen Ideologien geprägten Ära „politisch“ äußert, fördert das aktuelle Klima moralischer Verunsicherung den wahl- und ziellosen Einsatz von Gewalt.

Eine Schlussfolgerung wäre, dass gerade die nihilistische Natur des modernen Terrorismus ihn für uns so gefährlich macht, da er sich nicht mehr an zivilisierte „Spielregeln“ hält. Dagegen lässt sich argumentieren, dass er für die Gesellschaft als ganze eher weniger gefährlich ist. Terroristen im Al Qaida-Stil schrecken zwar nicht davor zurück, Bomben in U-Bahnen zu platzieren, doch im Vergleich dazu war zum Beispiel die irische IRA mit ihrer mehr als 25 Jahre währenden Gewaltkampagne eine unmittelbare Gefahr für die politische Legitimität Großbritanniens und Nordirlands. Die Flugzeugentführer des 11. September töteten zwar mehr als 3.600 Menschen, doch der Vietkong – ebenfalls mit dem Label des Terrorismus belegt – fügte im Vietnamkrieg den Vereinigten Staaten eine militärische Niederlage zu, die zu einer lang anhaltenden Vertrauenskrise der amerikanischen Weltpolitik beitrug. Moderne Terroristen verüben grausame Attentate; im Unterschied zu früheren Widerstandsbewegungen sind sie aber nicht in der Lage, die politische Autorität des Westens anzufechten.

„Die Reaktionen westlicher Gesellschaften auf den Terror bieten Terroristen Ausblick auf maximalen Einfluss mit minimalem Aufwand.“

Die weltweite Reaktion auf terroristische Anschläge wird seit dem 11. September 2001 von der sich immer weiter ausbreitenden Kultur der Angst geprägt. Vielfach wird behauptet, „9/11“ hätte dieses Klima der Verunsicherung erst geschaffen. Die Ereignisse von New York und Washington mögen Katalysatoren dieser Entwicklung gewesen sein – begonnen hat sie jedoch viel früher. Sie war seit 10 bis 15 Jahren auf dem Vormarsch. Während das westliche politische Leben früher von heftigen politischen Auseinandersetzungen geprägt war, dreht es sich heute fast ausschließlich um Fragen der Sicherheit und potenzielle Risiken – für die Gesundheit, die Umwelt oder unseren Lebensstil. Der Niedergang politischer Traditionen hat zu einer grundlegenden Verunsicherung geführt. Das Vertrauen in das, was man einst „westliche Werte und Traditionen“ nannte – von politischer Demokratie über Wissenschaft bis hin zu den Kirchen –, schwindet seit Jahren. Die Reaktionen auf den neuen Terrorismus zeigen, dass Politik und Gesellschaft aufgrund dieses Mangels an Vertrauen und Orientierung Schwierigkeiten damit haben, angemessen auf Herausforderungen zu reagieren. Daher erscheinen die Terroristen mächtiger und einflussreicher, als sie in Wirklichkeit sind. Die Flugzeugentführer des 11. September waren zwar in der Lage, zwei Hochhaustürme zum Einsturz zu bringen. Dass ihre Tat aber jahrelang die Weltpolitik dominiert, verdanken sie der Unfähigkeit westlicher Gesellschaften und ihrer Eliten, mit Risiken und unvorhersehbaren Ereignissen sachlich und besonnen umzugehen. Diese Unfähigkeit verstärkt die Wirkung der Terroranschläge. Die Bomben von Madrid hallen länger nach, als unbedingt sein müsste: Die Attentäter töteten nicht nur 200 Menschen, sondern beeinflussten den Ausgang einer Parlamentswahl und lösten hektische Sicherheitsdebatten in Europa sowie wachsende Sorge in Washington und London über den Zusammenhalt der Kriegskoalition im Irak aus. Dass wenige Bomben so große Wirkung zeigen, muss auf Terroristen motivierend wirken. Die Reaktionen westlicher Gesellschaften auf den Terror bieten Terroristen Ausblick auf maximalen Einfluss mit minimalem Aufwand.

Angstkultur als Bühne für Terroristen

Die Entwicklungen der letzten Jahre lassen vermuten, dass sich Terroristen dieser westlichen Schwäche bewusst sind und ihr Handeln zunehmend auf sie ausrichten. Ein gutes Beispiel dafür lieferte die Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater Nordost im Oktober 2002, als 20 tschetschenische Rebellen 700 Theaterbesucher festhielten, um den Rückzug russischer Truppen aus ihrem Heimatland zu erpressen. Bezeichnenderweise fand dieser Terrorakt, der ganz und gar nicht den üblichen tschetschenischen Attacken gegen russische Militärs oder Zivilisten entsprach, auf einer Theaterbühne statt. Es schien, als sei die ganze Aktion ausschließlich für die verängstigte internationale Öffentlichkeit inszeniert worden. Zwei Wochen nach den Bombenanschlägen von Bali nutzten die Tschetschenen die globale Terrorangst, um ihr Anliegen der alarmierten Weltöffentlichkeit näher zu bringen. Hierbei kommunizierten sie aus dem Theater heraus mit der Außenwelt und entschieden, welche Fernsehbilder gesendet wurden, um den stärksten Eindruck zu hinterlassen. Vor den westlichen Kamerateams übernahmen verschleierte Selbstmordattentäterinnen das Kommando, wohl wissend, dass genau dies die anti-westliche Verbitterung symbolisiert, von der sich das irritierte westliche Publikum so stark erschüttern lässt.

Sehr ähnlich verlief das Heckenschützendrama in Washington Ende 2002. Diese Attentatserie versetzte eine ganze Region in Panik. Verstärkt wurde dieser Effekt durch die Reaktionen staatlicher Behörden: Während Schutzwälle um Parkplätze und Tankstellen errichtet wurden, um Passanten zu schützen, weigerten sich Beamte aus Angst vor den Heckenschützen, bestimmte Teile der Stadt zu betreten. Diese Panikstimmung motivierte die Heckenschützen zusätzlich: Nachdem der Chef der Polizei von Montgomery County mit der Aussage, Washingtons Schulen seien sicher, die Öffentlichkeit zu beruhigen versucht hatte, schlugen sie gezielt und psychologisch äußerst effektiv zu und erschossen einen 13-jährigen Schüler vor seiner Schule. Später bekannten sie, diese Tat ausgeführt zu haben, um die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken zu versetzen.

„Terroristen brauchen keine Bomben, wenn Tonbänder ausreichen, um den Westen in Atem zu halten.“

Inzwischen sind es aber nicht nur Bomben, die Angst und Schrecken verbreiten. Zu den wirksamsten Waffen, die islamische Terroristen in den letzten Monaten eingesetzt haben, zählen Audiokassetten. Seit mehr als anderthalb Jahren wenden sich regelmäßig vorgebliche Vertreter von Al Qaida mit auf Kassetten aufgenommenen Statements von Osama bin Laden oder seines Vertreters Ayman al-Zawahri an die internationale Öffentlichkeit. Die Absicht ist klar: Da Gerüchte ausreichen, um einen britischen oder amerikanischen Flughafen stillzulegen, haben Audiokassetten eine fast ebenso durchschlagende Wirkung wie Bomben. Die Frage, ob Al Qaida tatsächlich noch die Fähigkeit hat, Ziele in Amerika oder Europa direkt anzugreifen, wird damit sogar zweitrangig. Terroristen brauchen keine Bomben, wenn Tonbänder ausreichen, um den Westen in Atem zu halten.

Mehr als alles andere ist es die westliche Terrorangst, die heute die internationalen Beziehungen destabilisiert und einen Terrorismus begünstigt, der genau diese Schwachstelle gnadenlos ausnutzt. Die verunsicherten, chaotischen „Risiko-Verhinderungs-Aktionen“ des Westens, die unter dem Namen „Anti-Terror-Krieg“ firmieren, repräsentieren genau genommen nur die Internationalisierung der westlichen Kultur der Angst. Früher gingen westliche Regierungen mit Terrorismusproblemen anders um: Sie bemühten sich, diskret und zielgerichtet Terrorzellen zu zerschlagen, verkündeten aber öffentlich, das Leben müsse weitergehen. Der sogenannte „Krieg gegen den Terror“ dagegen macht aus dem Kampf gegen Terroristen eine globale Kampagne, die das gesamte öffentliche Leben in ihren Bann zieht. Das hat weniger damit zu tun, dass Terroristen heute schlagkräftiger sind als früher, sondern damit, dass verunsicherte westliche Eliten versuchen, aus dem „Kampf gegen das Böse“ neues Selbstvertrauen und sozialen Zusammenhalt zu schöpfen.

„Unsere Gesellschaft braucht keinen „Krieg gegen den Terror“, sondern konstruktive Debatten darüber, wofür wir stehen.“

Dass das kein erfolgsträchtiges Rezept sein kann, liegt auf der Hand. Wer – außer den Terroristen selbst – ist nicht gegen blutige Terroranschläge? Der konservative spanische Premierminister Aznar bekam am eigenen Leib zu spüren, wie wenig Anti-Terrorismus als Regierungs- und Wahlprogramm taugt. Unmittelbar nach den Anschlägen von Madrid versuchte er, seine Landsleute mit dem Slogan „Für die Opfer! Für die Verfassung! Kampf dem Terrorismus!“ für sich und seine Regierung zu mobilisieren – ohne Erfolg.

Vor allem George Bush und Tony Blair haben versucht, interne soziale und politische Widersprüche durch Konzentration auf eine externe Bedrohung zu dämpfen und auf Grundlage des Anti-Terrorismus einen neuen gesellschaftlichen Konsens zu stiften. Doch das kann der Krieg gegen den Terror, so nachhaltig er auch verfolgt werden mag, nicht leisten. Im Gegenteil: Da er die Angst vor unaussprechlicher Gewalt in den Mittelpunkt der öffentlichen Politik stellt, verstärkt er lediglich die Verunsicherung der Bevölkerung. Gleichzeitig lässt er westliche Staaten und Regierungen als bedrohter und hilfloser erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind – was den Terroristen wiederum Auftrieb gibt.

Diese Kettenreaktion verdankt sich nicht den Terroristen selbst, sondern der Orientierungsarmut des Westens. Unsere Gesellschaft braucht keinen „Krieg gegen den Terror“, sondern konstruktive Debatten darüber, wofür wir stehen, welche Werte wir hochhalten und an künftige Generationen weitergeben wollen, wie unsere Vision einer guten Gesellschaft aussieht und wie wir sie realisieren wollen. Debatten dieser Art können vielleicht dazu beitragen, die Demoralisierung, die den nihilistischen Terror anheizt und uns selbst schwächt, zu überwinden.